Posts Tagged ‘zero sharp’

Auf leuchtenden Pfaden

19. November 2015

„Beschäftigt man sich genauer mit der Geschichte der Texte, die nach Raymond Roussels Tod publiziert worden sind, so scheint es, als hätte sie denselben Gesetzen des Zufalls und Geheimnisses unterlegen, deren Logik sein Leben und Schreiben bis ins letzte bestimmt hat.“ Das war 1989, als man zufällig in neun verstaubten Kartons den Nachlass Roussels unter dem Dach eines Pariser Möbellagers entdeckte und der Bibliothèque nationale übergab. „Nur wenige Tage nachdem man dort den Nachlass Guillaume Apollinaires entgegengenommen hatte.“ Doch während die Werke Apollinaires nicht nur in seinem Heimatland schnell und umfassend aufgearbeitet wurden, ging die (Neu-)Edition seines Zeitgenossen doch eher schleppend voran.

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Zugegeben, Roussels Romane und Erzählungen fordern ein spezielles Lesepublikum. Eines, dass in hohem Maße am Sprachspielerischen, Experimentellen, mitunter Bizarren interessiert ist. Zu Lebzeiten fand er dieses Publikum kaum. Oder muss man sagen, das Publikum fand ihn nicht? Seine Bücher, die er sämtlich auf eigene Kosten und ausschließlich im Verlag Alphonse Lemerre veröffentlichte, blieben weitgehend unbeachtet. Die Inszenierungen seiner für das Theater bearbeiteten Texte erregten hingegen die Pariser Gemüter. Bei einer dieser Skandalaufführungen im Jahre 1912 saß neben Apollinaire und Francis Picabia auch Marcel Duchamp im Publikum. Dieser zeigte sich tief beeindruckt, beschloss mit dem Malen aufzuhören, und widmete sich fortan seinen heute berühmten Kunstexperimenten aus Material und Mechanik. Auch auf die Kerngruppe der Surrealisten um André Breton wirkte Roussel nachhaltig und gilt mit seinem auf assoziativen Gleichlauten basierenden Schreibverfahren als Vorläufer der écriture automatique.

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Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

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Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Grande Jeunesse – Raymond Roussels Jugendwerke erstmals in deutscher Übersetzung

8. August 2014

Tatsächlich! Zwei Jahre nachdem Die Andere Bibliothek Raymond Roussels Locus Solus wieder auflegte, wagt sich ein weiterer Verlag ein Werk des eigenwilligen französischen Avantgardisten herauszubringen. Mit Chiquenaude und andere Texte aus früher Jugend veröffentlicht der Berliner Kleinverlag zero sharp acht kürzere Prosaarbeiten Roussels, die durch einen Essay seines langjährigen Psychiaters Pierre Janet und ein informatives Nachwort von Übersetzer und Herausgeber Maximillian Gilleßen ergänzt werden. Ergänzungen, die der deutschsprachige Leser auch dringend benötigt, um die Bedeutung dieser Jugendwerke richtig einordnen zu können.

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Raymond Roussel, der 1877 in wohlhabenden Verhältnissen geboren wurde, widmete sein Leben fast ausschließlich dem Reisen und der Literatur. Mit 19 Jahren verfasste er in einem Zustand äußerster Ektase ein Versepos mit dem Titel La Doublure. Als der von ihm erwartete Erfolg ausblieb, geriet Roussel in eine schwere Krise, die zu Depressionen führte. Janets Essay Die psychologischen Merkmale der Ekstase schildert eindrucksvoll die „strahlende Glorie“, in deren Licht Roussel sein erstes größeres Werk schrieb. Er beschreibt aber auch deren Verlust durch Vollendung und Veröffentlichung des Werkes und schließlich Roussels lebenslange Versuche diese einmal empfundene Euphorie des Schreibens wiederzufinden.

Die vollständie Besprechung gibt es auf fixpoetry.com


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