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Über ein vorerst aufgegebenes Gedicht// Eine Art Werkstattbericht

6. November 2015

Vor Jahren stieß ich bei der Michael-Triegel-Ausstellung Verwandlung der Götter im Leipziger Museum der bildenden Künste auf das Bild Faltenwurf oder Am Grabe, dass mich bis heute sehr beeindruckt. [Da ich mir wegen des Copyrights unsicher bin, verlinke ich es hier.] Die kleine Bilddatei liegt schon lang in meinem digitalen Privatmuseum. Hin und wieder werfe ich einen Blick darauf, kann das Bild aber oft nicht richtig fassen. Ich finde es schade, dass das Bild den Titel „Am Grabe“ trägt, weil er den Betrachter viel zu eindeutig zu einer Lesart drängt. Seither versuche ich das Bild losgelöst vom Titel zu begreifen und frage mich: Was zeigt Triegel hier eigentlich?

Ich habe das Bild immer wieder in die Warteschleife geschoben.

Etwas später kam dann Gerhard Falkner mit seinen Pergamon Poems (kookbooks, 2012), die mich zwar sofort interessierten, aber auch erstmal in die Warteschleife rutschten, da ich dem prosaischen Ton angesichts des Themas nicht traute. In mehrfacher Hinsicht war das völliger Quatsch, wie ich heute weiß. Wollte man den Fries des Pergamonaltars heute mit antikem Versmaß besingen, käme doch nur eine Immitation zustande, die uns von der Antike eher entfernt, als sie uns zu vergegenwärtigen. (Wenn das überhaupt Falkners Absicht war.) Zudem sind die Pergamon Poems gar nicht so prosaisch.

Jedenfalls heißt es gleich in einem der ersten Gedichte des Bandes:

Aphrodite, auf deren Wink hin sich die Tiere paaren
mit Schenkeln wie aus bestem attischen Gestüt
und in Gewändern wie von Botticelli übergossen […]

Dieser dritte Vers erinnerte mich an etwas. Weniger wegen Botticelli, sondern wegen des Bildes, einer mit einem Gewand übergossenen Figur. Und ich dachte sofort an die Sichtbarkeit eines Unsichtbaren, wie etwa H.G. Wells Invisible Man, der seinen Kopf mit Mullbinden umwickelte, um, auch für sich selbst, wieder greifbar zu sein.

Vielleicht war Triegels Bildtitel also doch nicht so abwegig, dachte ich. Die Stoff gewordene Sehnsucht danach, das Verschwundene irgendwie zurückzuholen. Wenn auch nur als Illusion das Verlorene zu re-visualisieren. Schließlich den oft unbegreiflichen Verlust im Wortsinne greifbar zu machen. Sozusagen eine Materialisierung des Metaphysischen, die Präsenz des nicht zu Repräsentierenden. Ein faltengewordenens Paradox also.

Mit dem Zusammendenken von Triegel, Falkner und Wells fragte ich mich also, wer den Raum unter dem Laken oder Gewand ausfüllt bzw. im Auge des Betrachters ausfüllen könnte. Ein verschwundener Mensch, an dem man festhalten will, obwohl man sich schon gar nicht mehr richtig an sein Gesicht erinnert?

Ich schrieb daraufhin ein mäßiges Gedicht über eine verschwundene Liebe, das mit Falkners entlehntem Vers beginnt:

ich hatte dich übergossen
mit Gewändern von Botticelli

so wurde dein Verschwinden sichtbar
der Faltenwurf stärker von Tag zu Tag

beim Versuch die Stoffe zu glätten
bist du mir schließlich entwischt

mir bleibt nur noch Tücher zu werfen
die Ecken zu nebeln im leeren Raum

um die Chance eines Wiedersehens

Hier hatte ich zwar die Bilder, die ich im Kopf hatte eingebaut, aber letztlich wurde auch hier nichts greifbar. Ist das „Du“ nun schon weg oder noch da? Wie kann das „Ich“ das eigentlich schon verlorene „Du“ mit Gewändern (von Botticelli?) übergießen? Wenn ein Unsichtbarer unter einem Tuch verschwindet, werden die Falten dann nicht weniger? Kurzum: Nach dem Wiederlesen konnte ich mit all diesen Vagheiten, diesen Ungenauigkeiten nicht zufrieden sein. Selbst wenn der Gegenstand solche Defizite mit sich bringt.

Das Gedicht blieb liegen. Wochen und Monate. Ich widmete mich anderen Ideen, Bildern und Texten, schrieb, was ich am meisten schreibe: Notizen, Skizzen, Varianten, Vorstufen. Meine Texte haben meist eine (viel zu) lange Inkubationszeit.

Dann kam mir der Gedanke, mich dem Gedicht gewissermaßen zu entledigen, indem ich die Rollen darin vertauschte. Da ist nicht mehr viel übrig von Triegel/Falkner/Wells. Nur noch der Ideenunterbau sozusagen. Das „Ich“ will das „Du“ jetzt nicht mehr halten oder zurückholen. Es wird gewalttätig und beschleunigt das Verschwinden, stoppt es dann nochmal ab, wird sadistisch und überlässt das „Du“ schließlich sich selbst. Ziemlich böse, ich weiß. Aber so passt es auch besser in eine Gruppe von Gedichten, um die Hassliebe zweier Menschen (dazu zu gegebener Zeit mehr).

ich hatte dich übergossen
und erloschen bist du
unter barocken Laken
die Blasen warfen tagelang
und verkümmerten zu Falten

sie ergaben sich von allein

Ob das die finale Version ist, weiß ich nicht. Zur Zeit denke ich darüber nach das Thema zu variieren und mehrere Gedichte gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Oder das Ganze komplett zu verwerfen.

A door into the woods

27. Mai 2015

Herrlich.

Re:Wind

20. Januar 2014

Bereits im Oktober 2o13 durfte ich ein Gedicht von Kathrin Bach (die hier herbes aus der provence bloggt) remixen. Und weil mir das großen Spaß gemacht hat, habe ich gleich zwei Mixe angefertigt. Aber hier erstmal das Original:


ein RÜCKENWIND

kräftig wie zehn deiner hände

drückt sich in mein hohlkreuz

drückt feinglieder in mich hinein

tiere stecken nun in mir fest

sitzen zwischen vorder-

und hinterhaut stechen

von innen nach außen tropfen

dass ich zu einem raum werde

mit wänden einem flur


Mein erster Mix, der erstaunlich gut in mein Konvolut „Vom Verschwinden“ passt:


Rückenwind (northcoast-Mix)


nicht zehn deiner Hände könnten
diese Verwitterung stoppen


mein Hohlkreuz ist der Beweis
es rieselt von der Haut


was der Wind nicht fortträgt
fressen die Tiere


Der zweite Mix war zunächst nicht ganz ernst gemeint, gefällt mir aber von Mal zu Mal besser:


Rückenwind (puppy-Mix)


mein Körper ein Heim

für Tiere der Eingang ist

mein Hohlkreuz es braucht

zehn deiner Hände zu zähmen

was zwischen Vorder- und Hinterhaut tobt

was sticht und beißt

und kratzt an den Wänden

und pisst in den Flur

ständig wiederkehrender Gedanke zum Thema „Auflösen/Verschwinden“

19. Oktober 2013

der Mensch im Existenzialismus = die Summe seiner Taten

der Mensch im Digitalismus = die Summe seiner Daten


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