Posts Tagged ‘Verlagshaus J. Frank’

Expedition Lyrik

12. Mai 2015

Gedichte taugen nicht. Sie taugen nicht zum Expeditionstagebuch. Nicht als Erlebnisgebericht. Aber Gedichte taugen zur Expedition selbst, können Expeditionen sein. Sind Begleiter, Kompass, Steigeisen. Anker, wenn es sein muss.

Bereits im letzten Jahr erschien im Verlagshaus Berlin (vormals Verlaghaus J. Frank) ein Gedichtband, auf den ich lange gewartet habe, ohne es zu wissen. Seither lese ich immer wieder in Stephan Reichs Everest, in dem ein kitschbefreiter, selbstbewusst-melancholischer Ton herrscht, vor dem ich meinen Hut ziehe. Dieser Band ist ein Begleiter, der beweist, dass man sich die Welt durchaus erschließen kann, indem man sie zuerst durch das Internet betritt. Dass eine Kopplung des Digitalen mit dem Analogen möglich ist. Ich habe alle Orte aus Reichs gleichnamigen Kapitel im Internet besucht. War auf dem Everest, in Tunguska, Nowgorod und Survival Town. Den Gedichten hat das nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sich in eine andere Welt ziehen lassen… das erwarten wir doch seit jeher von der Literatur. Warum sollte es in den Erzählungen des Internets anders sein? Sich die alte Welt neu erschließen, sie resetten, Anlauf nehmen, sich die neue Welt mit alten Mitteln erschließen. All das macht Stephan Reich in Everest. All das macht Everest zu einer echten Expedition.

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Im Licht der Visionen

21. Januar 2015

Es sind Fragen der Entspannung, Fragen der Versenkung und der Dunkelheit. Es sind Fragen der Anspannung, Fragen der Bewegung und des Lichts, die zustellen sind, wenn es um das Verhältnis von Lyrik und Film geht. In der Edition Poeticon des Verlagshauses J. Frank widmet sich Jan Völker Röhnert dieser komplexen, aber doch naheliegenden, weil historisch folgerichtigen Beziehung von sprachlichem und bewegtem Bild. Röhnert ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet, hat unter anderem mit einer Arbeit über Lyrik im Zeitalter der Kinematographie promoviert und eine vielbeachtete Anthologie mit Film- und Kinogedichten mitherausgegeben.

Warum Röhnert so viel am Thema liegt, erfährt man gleich zu Beginn seines Essays. Schuld, wenn man so will, sind seine Großväter. Der eine lernte als Schiffsmaschinist im Zweiten Weltkrieg für damalige Verhältnisse weit entfernte Teile der Erde kennen, war in Tanger, Marrakesch und Singapur. Die Fotos, die er dort aufnahm, erinnerten den Enkel an Standfotos aus der Wochenschau. Dass der Großvater in britischer Kriegsgefangenschaft zeitweise als Filmvorführer arbeitete, passt auch ins Bild. Der andere Großvater widmete sich nach dem Krieg dem Hobbyfilmen und führte die anfälligen Zelluloidstreifen der Familie vor. Dabei scheint es vor allem die fragile Technik dem Enkel angetan zu haben. „Keine Vorführung, bei der der schmale Streifen nicht einmal an der glutheißen Projektorbirne schmolz und sogleich geduldig am Schneidetisch mit einer hauchdünnen Feile präpariert und speziellem Leim geklebt werden musste.“

Die komplette Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Vermeintliche Sieger

2. Dezember 2014

Es ist vielleicht das verdienstvollste Lyrikprojekt dieses Herbstes. Mit der „Edition ReVers“ gibt das Berliner Verlagshaus J. Frank Bücher (fast) vergessener Dichter erstmals auf Deutsch heraus. Neben Übersetzungen von Konstantínos Kaváfis und Wladimir Majakowski gibt es einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges auch den Englischen War Poet Wilfred Owen zu entdecken.

In Großbritannien gilt Owen heute als einer der wichtigsten Autoren des Ersten Weltkrieges und das, obwohl Dichtergrößen wie William Butler Yeats seine Werke bis in die 1930er Jahre hinein scharf kritisierten. Hierzulande ist der 1893 geborene Owen weitgehend unbekannt. In seinem Nachwort vermutet Verleger und Übersetzer Johannes CS Frank: „Dies mag daran liegen, dass es in Deutschland schwerfällt, sich mit dem Leid vermeintlicher Sieger auseinanderzusetzen.“ Für Yeats war die Darstellung passiven Leidens schlichtweg „kein Gegenstand der Dichtung. In allen großen Tragödien [sei] die Tragödie eine Freude für denjenigen, der stirbt; in Griechenland tanzte der Chor in der Tragödie.“ Ein mehr als zynisches Urteil, angesichts der Millionen von verletzten und getöteten Soldaten und Zivilisten, die der so genannte „Great War“ forderte. Doch genau von ihnen will und muss Owen, Lieutenant der British Army, berichten. Und zwar auf seine Weise, wie er bereits im Vorwort seiner War Poems klarstellt:

Dieses Buch handelt nicht von Helden. Die englische Dichtung ist noch nicht soweit, von ihnen zu sprechen. Weder handelt es von Taten, von Ländern, noch irgendetwas wie Ehre, Ruhm, Majestäten, Herrschaft, Macht oder Kraft, nur von Krieg. Vor allem befasse ich mich nicht mit Dichtung. Es geht mir um den Krieg und um die Erbärmlichkeit des Krieges.

Die gesamte Besprechung ist zu finden auf fixpoetry.com

Hier geht’s zum Buch auf der Verlagsseite.


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