Posts Tagged ‘Verlagshaus Berlin’

Digitale Pansmusik

9. Mai 2016

Es gibt ein neues Buch von Crauss! Leider nur digital. Und mit einem Klappentext vom Verlag versehen, dem ich in so ziemlich allen Punkten widerspreche.

Weder schreibt Crauss in barocken Schnörkeln, noch kann man seine Texte als Idyllen bezeichnen, ohne auf das Misstrauen in ihnen hinzuweisen. Und schon gar nicht stimmt dieser Satz: „Es sind Gedichte, bei denen man sich am Ende weniger fragt, auf welches Foto oder Gemälde sie sich beziehen könnten, sondern auf welches Tool bei Photoshop.“ Denn das hieße in meiner Lesart: „Crauss macht eigentlich nichts Aufregendes, sondern spielt nur ein bisschen mit digitalem Schnickschnack herum.“

Und nichts ist unzutreffender.

Denn Dieser Junge. Digital Toes. gehört mit Abstand zum Sinnlichsten, das ich von Crauss je gelesen habe. Seine Gedichte sind ganz und gar frei von der eigentlich obligatorischen Peinlichkeit, die erotischer Literatur (der deutschen zumal) anhaftet.

In seinem Nachwort bezeichnet Matthias Fallenstein Crauss‘ Texte als „Pansmusik“ und weist zum Glück darauf hin: „Crausstexte werfen einen begehrlichen Blick auf Jungs. Aber sie formulieren nicht das homosexuelle Verlangen als schwule Literatur; so wenig, wie Mayröcker speziell für Frauen schreibt, so wenig wendet Crauss sich ausschließlich an Männer, die nach hübschen Burschen schauen, oder Burschen, die nach geneigten Männern suchen. Crausstexte sind, so explizit sie sein können, viel weniger eindeutig, als es auf den ersten Blick wirken mag.“

Crauss‘ Gedichte sind keine klebrigen, von verwitternder Firnis überzogenen, barocke Ölschinken, auf denen plumpe Fleischberge offen zu Tage liegen, sondern in Wort gegossene Erotik; sprachlich so ehrlich, wie das Begehren, für das die Texte stehen. Schnörkellos.

Lest alles von Crauss!

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EDIT: Das Verlagshaus Berlin, das ich im Übrigen sehr(!) schätze, hat den Klappentext mittlerweile geändert. Besser.

 

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Wir sind andere

18. April 2016

„Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht.“ So das inoffizielle Motto der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin. Man könnte auch sagen: Wovon wir reden, wenn wir über Lyrik reden. Aber das ist nicht das Gleiche und schon gar nicht dasselbe. Zumal es natürlich überaus heikel ist, von einem „wir“ zu sprechen. Gerade in Bezug auf die Lyrik. Aber eben auch generell. Niemand möchte sich vereinnahmen lassen. Und wer vereinnahmt … Sie wissen, worauf ich hinaus will. Wer „wir“ sagt, spricht auch für andere. Wer „wir“ sagt, tritt mit einem erweiterten „ich“ auf. Und erfahrungsgemäß misstraut man ja auch denjenigen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, „ich“ sagen. Wir misstrauen denjenigen, die „ich“ sagen, weswegen wir „man“ sagen, aber doch meistens „ich“ meinen. Das gilt von der Lyrikrezension bis hin zur Habilitationsschrift.

 

Was soll dieser Eiertanz? Was dieser Eiertanz soll? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Aber von Antworten hat niemand was gesagt. Und wenn man ich niemand sage … Ach, lassen wir das. Aber es interessiert mich dann schon, warum wir uns mit dem „wir“ so schwer tun. Denn wer „wir“ sagt, spricht nicht zwingend nur für andere. Wer „wir“ sagt, spricht auch über andere und schließt sich selbst mit ein. Das ist besser als Lästern. Das kann ein erster Schritt zu Analyse und produktivem Diskurs sein.

Das habe ich mir auch von Monika Rincks Essay gewünscht. In ihm werden viele Gedanken gedacht. Fragen werden hingegen kaum gefragt, weswegen die Antworten spärlich ausfallen. Wir – Phänomene im Plural ist vor allem eine Aufforderung zum Tanz um die rohen Eier der Personalpronomen, die laut Rinck „gigantische Behälter“ sind.¹ Der Essay startet mit einer Passage in der dritten Person Singular: „Und als sie wieder einmal einen ganzen Vormittag lang einen einzigen Satz schrieb, wieder löschte, verließ sie das Haus und legte sich, wie es unter Diven üblich ist, zum Heulen oberhalb des Friedhofs in den winterlich hell beschienenen Olivenhain. Wie gerne hätte sie sich aufgelöst! Sie kam sich vor wie eine Idiotin, die unter idealen Bedingungen in ihren eigenen Ängsten und Ansprüchen gefangen war.“

Der ganze Artikel auf den Seiten der Signaturen.

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Ausgraben, umschichten, neudichten – Daniel Falb über das Anthropozän und Anthropozändichtung

3. März 2016

„Homo sapiens, dessen Population seit 1800 von etwa 1 Milliarde auf über 7 Milliarden angewachsen ist, modifiziert heute mehr als die Hälfte der kontinentalen Erdoberfläche durch Agrikultur und Urbanisierung, bewegt jährlich mehr physische Materialien über die Erdoberfläche als alle non-anthropogenen Prozesse auf der Erde zusammen, macht mit seinen Nutz- und Haustieren über 97% der Biomasse aller terrestrischen Wirbeltiere und Vögel aus, produziert ein Klima, wie es auf der Erde seit dem Tertiär nicht mehr geherrscht hat und ist dabei, das sechste Massenaussterben von Arten in der Erdgeschichte herbeizuführen.“

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Mag sein, dass die meisten Menschen heutzutage wissen, wie stark sich ihr Einfluss oder zumindest der Einfluss ihrer Spezies auf das ökologische Gleichgewicht des Planeten auswirkt. Doch es ist zu bezweifeln, dass die Mehrzahl der Menschen schon einmal darüber nachgedacht hat, dass sie jetzt, in dieser Zeit, in der sie lebt, dazu beiträgt, Erdgeschichte zu schreiben.

Geht es nach dem niederländischen Meteorologen und Chemienobelpreisträger Paul J. Crutzen, tun wir aber genau das. Gemeinsam mit Eugene F. Stoermer veröffentlichte er im Jahr 2000 einen Essay, der in der Wissenschaftswelt für großes Aufsehen sorgte. Aufgrund der oben genannten Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte kamen die beiden zu der Erkenntnis, dass die Erde sich nicht mehr im Holozän befindet, sondern in ein neues geologisches Zeitalter eingetreten ist: das Anthropozän.

Weiterlesen auf den Seiten der Signaturen.

Das Buch im Verlag.

Expedition Lyrik

12. Mai 2015

Gedichte taugen nicht. Sie taugen nicht zum Expeditionstagebuch. Nicht als Erlebnisgebericht. Aber Gedichte taugen zur Expedition selbst, können Expeditionen sein. Sind Begleiter, Kompass, Steigeisen. Anker, wenn es sein muss.

Bereits im letzten Jahr erschien im Verlagshaus Berlin (vormals Verlaghaus J. Frank) ein Gedichtband, auf den ich lange gewartet habe, ohne es zu wissen. Seither lese ich immer wieder in Stephan Reichs Everest, in dem ein kitschbefreiter, selbstbewusst-melancholischer Ton herrscht, vor dem ich meinen Hut ziehe. Dieser Band ist ein Begleiter, der beweist, dass man sich die Welt durchaus erschließen kann, indem man sie zuerst durch das Internet betritt. Dass eine Kopplung des Digitalen mit dem Analogen möglich ist. Ich habe alle Orte aus Reichs gleichnamigen Kapitel im Internet besucht. War auf dem Everest, in Tunguska, Nowgorod und Survival Town. Den Gedichten hat das nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sich in eine andere Welt ziehen lassen… das erwarten wir doch seit jeher von der Literatur. Warum sollte es in den Erzählungen des Internets anders sein? Sich die alte Welt neu erschließen, sie resetten, Anlauf nehmen, sich die neue Welt mit alten Mitteln erschließen. All das macht Stephan Reich in Everest. All das macht Everest zu einer echten Expedition.


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