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Architekturen der Apokalypse (Teil XI)

18. April 2013

6. Zusammenfassung

Die hier geführten Betrachtungen haben gezeigt, dass die Vorstellungen von der Apokalypse im Laufe der Zeit eine fundamentale Umdeutung erfahren haben. In frühjüdischer und frühchristlicher Zeit wurden die Visionen vom Untergang der Welt noch eindeutig mit einem göttlichen Strafgericht in Verbindung gebracht. Die fehlgeleitete Welt der Ungläubigen wird hier zu einem Ende geführt, damit ein neues Zeitalter des Glaubens anbrechen kann. In der Moderne wurde der Glaube, einer göttlichen Gerichtsbarkeit zu unterstehen, weitestgehend fallen gelassen. An seine Stelle trat die Überzeugung, der Mensch allein sei für seinen möglicherweise bevorstehenden Untergang verantwortlich.

Trotz der unterschiedlichen ideellen Konzepte der Apokalypse wirkt die Offenbarung bis in die Gegenwart fort. Anhand der Untersuchungen von Alfred Kubins Die andere Seite und Paul Austers In the Country of Last Things ist deutlich geworden, dass das biblische Bildrepertoire des Untergangs bis heute gültig ist und sogar noch erweitert wurde. In beiden Romanen kommt es daher folgerichtig zu einer Verbindung religiöser und säkularer Themen und Motive.

So führte Kubin eindringlich das Zusammenwirken von Gegensätzen als zeitübergreifendes Lebensprinzip vor, welches zerstörerischen Kräften eine ebenso notwendige Existenzberechtigung einräumt wie den Mächten des Guten. Folglich endet Kubins Untergangsvision nicht mit einer Erneuerung der Welt zum Besseren, sondern mit dem Fortbestand des vermeintlich Bösen, dem Kapitalismus. Auch Paul Austers Vision vom Untergang kann als Kapitalismuskritik verstanden werden, doch zeichnet er ein noch weitaus pessimistischeres Bild als Kubin. Der Ausgang seines Romans bleibt ebenso offen wie die Frage, ob es neben der vorgeführten Welt des Verfalls überhaupt eine bessere Alternative geben kann.

Generell ist das erstaunlich hohe Potential kapitalismuskritischer Interpretationen, das die Untersuchungen beider Roman zutage gefördert haben, zu beachten. Es wurde gezeigt, dass dieser Aspekt sich durchaus schlüssig mit dem apokalyptischen Stoff beider Werke in Einklang bringen lässt. Sowohl bei Kubin als auch bei Auster stellt der westliche Kapitalismus, wenn auch in chiffrierter Form, den Auslöser oder zumindest ein beschleunigendes Element des Untergangs dar. Ausgehend von dieser Erkenntnis fällt es nicht schwer eine weitere Verbindungslinie zur Offenbarung zu ziehen. Bereits in der biblischen Apokalypse wurde vor der Scheinwelt des überbordenden Luxus gewarnt. Sie verspricht dem Menschen nur kurzzeitiges Glück, trägt aber nicht zu seinem Seelenheil bei, da sie nicht von Dauer sein kann.

Doch ganz gleich, welches ideengeschichtliche Konzept hinter den jeweiligen Untergangsvisionen steckt und welche Aussichten diese bieten mögen, es wurde gezeigt, dass Städte und Gebäude stets eine zentrale Rolle in der Darstellung der Apokalypse einnehmen. Dabei kann ihnen durchaus eine Doppelfunktion als Zufluchtsort und Ort des unmittelbaren Verfalls zukommen. Es wurde gezeigt, dass beide Momente wirkungsmächtige Bilder heraufbeschwören, welche die elementare Bedeutung der Architekturen für die Menschen veranschaulichen. Denn nicht zuletzt sind Gebäude kulturelle Zeugnisse, die, wenn auch nur als Ruinen, fortbestehen, wenn ihrer Erbauer längst nicht mehr sind.

Architekturen der Apokalypse (Teil V)

9. April 2013

3.4 Die Stadtsymbolik bei Johannes

3.4.1 Die große Hure Babylon

Die äußeren Umstände brachten es mit sich, dass eine öffentliche Kritik der Messiasgläubigen am römischen Machtapparat undenkbar wurde. In Schriften wie der Johannes-Offenbarung, die sich gegen die römische Gewaltherrschaft richteten, wurden daher die Chiffren Babylon und die große Hure gebräuchlich. Hinweise auf diese Art der Verschlüsselung lassen sich im biblischen Text leicht nachweisen. Johannes bezeichnet Babylons Namen in Apk 17, 5 als ein Geheimnis, das ihr auf die Stirn geschrieben steht. Wengst deutet diese Aussage als Anspielung auf eine römische Sitte, welche es den Dirnen vorschrieb ein Stirnband zu tragen, das mit einem Namensschildchen versehen war.73 In Apk 17, 9 heißt es zudem, dass die sieben Köpfe des Tieres, auf denen die Hure Babylon sitzt, sieben Berge sind. Die Entsprechung zur Stadt Rom, die bekanntlich auf sieben Hügeln erbaut wurde, ist hier überdeutlich.

Die Chiffre Babylon findet aufgrund der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. Verwendung. Juden und Christen sehen hier eine Analogie zur Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels im Jahre 587 v. Chr. durch die Babylonier unter Nebukadnezar II.74 Im Zusammenhang mit dem Neuen Testament sind daher die Bezeichnungen Babylon oder die große Hure zur Kennzeichnung der Feinde des Christentums gebräuchlich geworden.75

Als historischer Ausgangspunkt der Offenbarung kann also das Imperium Romanum angesehen werden, dessen urbanes Zentrum Rom sinnbildlich für die Keimzelle des Bösen steht. Eine genauere Betrachtung der Vision von der Hure Babylon verdeutlicht, für welche Lebenswelt das römische Reich steht und warum diese von den Christen auf das Schärfste verurteilt wird.

Wie in Kapitel 3.1 bereits erwähnt, findet in Apk 14, 8 eine Vorankündigung des Falls von „Babylon, der großen Stadt“ durch einen Engel statt. Von einer Vorankündigung muss deshalb ausgegangen werden, da es im Vorfeld dieser Botschaft keine Nennung der Stadt oder Schilderung ihrer Zerstörung gibt. Erst mit dem Ausgießen der siebten Zornesschale (Apk 16, 17-21) wird bewirkt, „dass hier die Metropole Babylon außer Funktion gesetzt wird.“76. In aller Deutlichkeit entwickelt Johannes hier das Motiv der zerstörten Stadt. Es ist die Rede von Hagel, Donner, Blitzen und Erdbeben, die die Stadt in drei Teile zerschlagen und einstürzen lassen. Wengst gibt die Schwäche der Schilderung zu bedenken und verweist auf die Besonderheit, dass erst in ihrem Anschluss eine umfassende Vision von der großen Hure und deren Untergang geschildert wird.77

In Apk 17, 1-4 wird Babylon auf einem scharlachroten Tier sitzend beschrieben. Da das Tier sieben Häupter und zehn Hörner hat und zudem lästerliche Namen trägt, handelt es sich zweifellos um das Tier aus dem Meer (Apk 13, 1). Die Frau selbst kommt in luxuriösen Stoffen bekleidet daher und entspricht rein äußerlich nicht dem Erscheinungsbild einer Prostituierten. Da sie mit Gold, Perlen und Edelsteinen geschmückt ist, erinnert sie vielmehr an eine Königin oder Kaiserin. Die Metapher der Stadt als Hure entlehnt Johannes den Schriften jüdischer Propheten. So wird Jerusalem beispielsweise in Jes 1, 21 oder Ez 16 als Hure bezeichnet. „Dort ist damit der Götzendienst gemeint, das ‚Fremdgehen’ mit anderen Kulten.“78 Diese Anklage lässt sich leicht auf den Kaiserkult des Römischen Reiches übertragen.

Es gibt jedoch noch eine andere Entsprechung für das Bild der Hure, die für Johannes wichtig ist. Diese kann jedoch nur im Zusammenhang mit den beiden Tieren verstanden werden, die hier bisher nur am Rande erwähnt wurden. Selbstverständlich sind auch diese in Apk 13 eingeführten Figuren Metaphern. Wengst versteht das Tier aus dem Meer mit Verweis auf Apk 13, 4 als Gleichnis für die enorme militärische Stärke Roms, die sich vor allem in der das gesamte Mittelmeer kontrollierenden Seemacht äußert.79 Das Tier aus der Erde muss in Analogie zu dieser Deutung als Bild für die politische und kulturelle Macht Roms verstanden werden. In Apk 13, 11-18 wird dem zweiten Tier eine besondere Redegewandtheit zugesprochen, welche die Menschen dazu bewegt das erste Tier anzubeten, sich also Roms militärischer Macht zu beugen. Zudem ist es das Tier aus der Erde, welches eine kultische Verehrung des ersten Tieres initiiert und organisiert. Um diesen Kult herum entsteht schließlich ein Handelssystem, das dazu führt, dass jeder, der sich dem Tier unterwirft, an dessen Reichtum Anteil haben kann. Die so gewonnenen Anhänger des Tieres werden, ähnlich der 144.000 Versiegelten, mit einem Malzeichen auf der Stirn oder der rechten Hand versehen. Dieses Zeichen ist die Zahl 666.

Die Hure Babylon steht neben der politischen und militärischen Macht, die durch die Tiere repräsentiert werden, schließlich für die wirtschaftliche Macht Roms. Diese scheint eine umfassende Wirkung auf den gesamten Mittelmeerraum zu haben. So ist in Apk 17, 1 und 17, 15 von vielen Wassern die Rede, an denen die Hure sitzt „und diese Wasser sind Völker und Scharen und Nationen und Sprachen.“80 Die Macht der Wirtschaft gründet sich vor allem auf den Faktoren Käuflichkeit und Begehrlichkeit.81 Zwei entscheidende Aspekte, auf denen auch das älteste Gewerbe der Welt beruht. Die von Begehr getriebenen Freier, die die Käuflichkeit der Hure annehmen, sind die Klientelkönige im Osten des römischen Reiches.82 In Apk 17, 2 wird auf sie hingewiesen.

„Die Könige der Erde haben sich mit Rom eingelassen; sie haben ihr Vergnügen mit der römischen Hure und bezahlen dafür mit der Aussaugung ihrer Länder. Die Eliten der Unterworfenen und Abhängigen sind in Komplizenschaft mit der Metropole verbunden. Dass das auch in 18, 3 noch einmal genannte Huren der Könige so zu verstehen ist, macht 18, 9 eindeutig klar: Dort steht parallel zum Huren der Könige ihr luxuriöses Leben. Die hier in 17, 2 gebrauchte Formulierung klingt an Jes 23, 17 an, diejenige Stelle also, die den von der Stadt Tyrus ausgehenden Handel als Hurerei bezeichnete. An diese Tradition knüpft Johannes an.“83

Im gleichen Vers wird auch das in biblischer Tradition typische Bild des Weines bzw. des Bechers, der alle trunken macht, heraufbeschworen. Es sei verwiesen auf Jer 51, 7, wo es heißt: „Ein goldener Kelch, der alle Welt trunken gemacht hat, war Babel in der Hand des Herrn. Alle Völker haben von seinem Wein getrunken; darum sind die Völker so toll geworden.“84 Laut Wengst ist dieses Bild wie folgt zu deuten:

„Die Könige haben mit Babylon gehurt, d. h. die Großen der Völker machen mit Rom ihre Geschäfte. Alle Menschen sind vom Wein der Hurerei Babylons betrunken geworden, d. h. das weltweite Handelssystem schlägt alle in seinen Bann. Das vom Handel erzeugte Klima allgemeiner Käuflichkeit und der davon und dabei angefachte Drang nach Geld und Waren machen alle süchtig. Jede und jeder will Geschäfte machen; alle wollen sie Anteil haben an ein bisschen Reichtum.“85

Wengst gebraucht in diesem Zusammenhang auch die bekannte Wendung „vom Tellerwäscher zum Millionär“.86 Es fällt an dieser Stelle nicht schwer einen Vergleich zum Kapitalismus des 20. und 21. Jahrhunderts zu ziehen. Auch hier sorgen Angebot und Nachfrage für die nötige Dynamik, die das System am laufen halten. Doch ein System, das mitunter Nachfrage durch Angebot entstehen lässt, also künstliche Begehrlichkeiten erzeugt, muss letztendlich scheitern. Hier werden Götzen auf der Grundlage der Lüge erschaffen, dass die Menschen sie brauchen. Eine Teilhabe am Götzendienst findet jedoch nur statt, wenn man bereit ist dafür zu zahlen.87 Der Reichtum des römischen Reiches basiert also einerseits darauf, dass es den Götzen Mammon in die östlichen Provinzen gebracht hat. Die Klientelkönige und Händler fungieren als Götzendiener, welche sich und ihre Länder für die Teilhabe am Handelssystem, dem Kult, ausbeuten lassen.

Das zweite Standbein des römischen Reichtums ist die Absicherung des Systems durch die militärische Übermacht. Nicht umsonst lässt Johannes die Hure Babylon auf dem Tier aus dem Meer reiten.88 Um genau zu sein, muss man hier jedoch von einer Art Symbiose sprechen, denn so wie das Militär den Wirtschaftsraum absichert, so finanziert die Wirtschaft den Ausbau und die Erhaltung des militärischen Apparats.

Entgegen aller Beschreibungen der Übermacht Roms kündigt die Offenbarung den notwendigen Niedergang dieser Herrschaft an. Die luxuriöse Überfülle der römischen Warenwelt, die durch eine Aufzählung in Apk 18, 12-13 illustriert wird, ist nicht ewig. Sie lässt eine Scheinwelt entstehen, die die Menschen blendet und diese sind gern bereit sich blenden zu lassen.89 Der biblische Text lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass trotz allen Leids der Messiasgläubigen und trotz aller Verblendung der Ungläubigen, Gott die Geschicke der Welt lenkt. So vollzieht sich die Unterdrückung und Zerstörung der diesseitigen Welt durch das Öffnen der sieben Siegel, dem Blasen der Posaunen und dem Ausgießen der Zornesschalen sämtlich durch göttliches Personal, also dem Lamm und der Engel. Die vier apokalyptischen Reiter beziehen ihre Macht direkt von Gott. Dies wird durch die Wendung „ihm wurde gegeben“ deutlich, die in dieser oder abgewandelter Form mit der Beschreibung ihrer Erscheinung einhergeht (Apk 6, 2-8). Der Drache, der den beiden Tieren und der Hure Babylon ihre Macht verleiht, ist ursprünglich himmlischer Herkunft. Gemeint ist hier der Engel Luzifer, der vom Erzengel Michael und seinen Heerscharen aus dem Himmel gestürzt wurde (Apk 12, 7-9).

Es ist also Gott selbst, der die Welt zu ihrem Ende führt. Seine Offenbarung dient dem Erkenntnisgewinn, dass jeder irdische Reichtum, möge er auch noch so mächtig erscheinen, dem Untergang bestimmt ist. Einzig das Wort und das Reich Gottes bestehen über alle Zeiten hinweg und verschaffen dem Menschen wahren Reichtum und Glückseligkeit auch und besonders nach dem Ende des irdischen Lebens.

3.4.2 Das neue Jerusalem

Bereits im Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia wird von der Herabkunft eines neuen Jerusalems vom Himmel auf die Erde gesprochen (Apk 3, 12). Auch mit dieser Ankündigung wird deutlich, dass Gott die irdischen Geschicke leitet, so grausam sie auch sein mögen. Schon vor dem Auftreten der Tiere, der Plagen und der Hure Babylon steht fest, dass Gott am Ende als Sieger hervorgehen wird. Die Gläubigen werden von ihrem Leid befreit. Sie überwinden diese Welt und halten Einzug in die himmlische Stadt, die das gekommene Reich Gottes auf Erden repräsentiert.

Dabei stellt sich die Frage, warum ausgerechnet eine Stadt mit dem Namen Jerusalem das Zentrum des göttlichen Reiches bildet. Günter Bader beantwortet diese Frage wie folgt:

„Jerusalem ist nicht bloß ein apokalyptisches Thema unter anderen. Sondern in der traumatischen Katastrophe dieser Stadt und im vorwährenden Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten dieser Katastrophe liegt wenigstens eines der Motive, ohne das Apokalyptik nicht zu denken wäre. Das personifizierte Jerusalem, gefallen, wiederauferstehend. In äußerster Zuspitzung kann man behaupten, dass mit dem bekannten Spruch surge illuminare / stant up jherosalem inde erheyff dich inde wirt erluchtet die Apokalyptik sich sprachlich zu formieren beginnt. Jerusalem, Zion, Tempel avancieren zum künftigen Weltmodell.“90

Bader gibt zum bedenken, dass ein neues Jerusalem erbaut werden muss, damit es sich erheben bzw. herabkommen kann. Als Erbauer der Himmlischen Stadt wird in der Bibel, und zwar ausschließlich in den Psalmen, stets Gott genannt.91 Es handelt sich hier also keineswegs um ein irdisches, realhistorisches Jerusalem, das Stein für Stein von Menschen erbaut wird. Bader stellt für das neue Jerusalem daher zwei wesentliche Eigenschaften fest. 1. Wenn vom neuen oder Himmlischen Jerusalem, das von Gott erbaut wurde, die Rede ist, handelt es sich um eine Jerusalemmetapher. 2. Gott baut seine Stadt nicht aus Steinen. Daher ist auch das Bauen als Baumetapher zu verstehen.92

Analog zur Apokalypse, die wesentlich geschrieben und gelesen wird, ist das Himmlische Jerusalem also „aus Text erbaut“.93 Bader konkretisiert diese Eigenschaft des „Textgebäudes“, das er auch als „Sinnarchitektur“ bezeichnet, indem er sagt: „Das Himmlische Jerusalem ist aus nichts als aus Metaphern erbaut.“94 Der Kreis dieser Betrachtung schließt sich, wenn man daran erinnert, dass Apokalypsen immer narrative Texte sind. Damit haben sie performativen Charakter, d. h. sie lassen die in ihnen dargestellte Wirklichkeit erst durch sich selbst entstehen. Sämtliche in der Apokalypse beschriebenen Ereignisse finden also nur innerhalb der erschaffenen Wirklichkeit statt und repräsentieren diese in ihrer Abwesenheit.

Was also für den gesamten Text der Offenbarung gilt und bereits anhand der Hure Babylon illustriert wurde, trifft auch für das neue Jerusalem zu. Es ist einerseits eindeutig als Vision eines Gegenentwurfs zum Römischen Reich und seiner Metropole zu verstehen. Andererseits ist die Himmlische Stadt eine Metapher für die zusammengeführte christliche Gemeinde. So wird diese in Apk 21, 2 als geschmückte Braut bezeichnet und tritt damit in direkte Opposition zur Hure Babylon.

„Im Bild der Braut ist die Gemeinde im Ganzen im Blick. Das ergibt sich aus Apk 22, 17. In V. 17b werden mit der Wendung „wer hört“ die je einzelnen Mitglieder in der Gemeinde in den Blick genommen, konkret die in den Gemeinden der Verlesung der Apokalypse Zuhörenden. Sie alle sollen Einstimmen in den Ruf um das Kommen Jesu. Auf ihn läuft, wie Apk 22, 20 unterstreicht, die Verlesung der Apokalypse in der Gemeinde hinaus. Wenn in diesem Kontext in V. 17a zunächst ‚der Geist und die Braut’ Subjekt des Rufens nach dem Kommen Jesu sind, ist deutlich, dass damit die Gemeinde als ganze bezeichnet werden soll. Durch die Zusammenstellung von Geist und Braut wird die Gemeinde als geistbegabt charakterisiert. Das neue Jerusalem als Braut symbolisiert als die Gemeinde und steht Rom als der ‚Hure Babylon’ entgegen.“95

Dem Bild des neuen Jerusalems liegt der eschatologische Dualismus der Zwei-Äonen-Lehre zu Grunde. Diese besagt, der der diesseitige Äon notwendigerweise vergehen muss, damit der jenseitige Äon kommen kann.96 Die Zeit der Herrschaft Babylons ist beendet, nun bricht die Zeit der Himmlischen Stadt an. Dieser radikale Umbruch wird mit Bezug auf die von Johannes erfahrene Wirklichkeit wie folgt gedeutet:

„Er erfährt die Wirklichkeit als so bedrängend, dass ihm Kontinuität von Welt und Geschichte unvorstellbar erscheint; hier kann es nur völligen Abbruch geben. Dennoch sehnt er sich nicht von der Erde weg; er träumt nicht von einer Versetzung in den Himmel. Das Neue, das er erhofft, ist nicht unvorstellbar anders, sondern Elemente der alten Schöpfung durchziehen die neue. In ihnen manifestiert sich jedoch keine historische Kontinuität, vielmehr Widerstand dagegen. Historische Kontinuität wird von der Macht Roms gesetzt; Kontinuität über den Abbruch hinweg kann allein vom schöpferischen Handeln Gottes erwartet werden, der einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.“97

Wenn es heißt, dass die neue Schöpfung Elemente der alten aufweist, so ist dies vor allem in Bezug auf die Gestalt des neuen Jerusalems als Stadt zu verstehen. Ein bloßer Wiederaufbau aus den Trümmern Roms oder des alten Jerusalems, das durch die Römer zerstört wurde, ist hingegen nicht ausreichend. Johannes erfährt die irdische Bedrohung als so groß, „dass Rettung nur durch vollständige Beseitigung alles Chaotischen vorstellbar erscheint.“98 Dem Wunsch nach einer allumfassenden Regeneration wird durch die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde besonderer Ausdruck verliehen (Apk 21, 1). Als Bindeglied zwischen diesen neu entstandenen Sphären ist das neue Jerusalem zu verstehen. Laut Apk 21, 3 ist die Stadt „die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden ein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ Dieses Bild bedeutet zunächst, dass das kommende Reich Gottes der Himmel auf Erden sein wird.99

Neben aller Metaphorik und ideeller Qualität gibt die Offenbarung eine eindeutige Beschreibung von der äußeren Gestalt der Himmelsstadt. Doch auch diese ist nicht frei von symbolischen Bedeutungen. In Apk 21, 12-14 ist zunächst die Rede von einer hohen Mauer, die in jeder Himmelrichtung von drei Toren, also insgesamt zwölf Toren durchbrochen ist. Auf jedem dieser Tore thront ein Engel, der einen Namen der zwölf Stämme Israels trägt. Jeder Stamm Israels bekommt also ein eigenes Tor zugesprochen, um in die Himmlische Stadt einzuziehen. Dadurch findet die allegorische Wiederherstellung des „Zwölfstämmevolks Israel“ statt.100 Zudem hat die Mauer zwölf Grundsteine, einer für jeden Apostel des Lammes.

Im Weiteren (Apk 21, 15-17) ist die Rede von den genauen Ausmaßen der Mauer und der Stadt. Die Mauer ist 144 Ellen hoch und umgibt die Stadt vollständig. Die Stadt selbst hat die Größe von 12.000 Stadien in Länge, Breite und Höhe.101 Dementsprechend hat das neue Jerusalem eine kubische Erscheinungsform. Da eine Stadt jedoch nur äußerst selten einem Würfel gleicht, wird mit der gleichmäßigen Ausdehnung in alle Dimensionen die harmonische Erscheinung der Architektur gekennzeichnet.102 Die Symbolik der Zahlen, der zwölf und ihrer Quadratzahl, verdeutlicht, dass es sich hierbei nicht um reelle Maßangaben im Sinne eines Bauplans handeln kann. Auch der mit dem Urmeter vergleichbare goldene Messstab, mit dem die Ausmaße der Stadt bestimmt werden, gibt einen Hinweis darauf, dass der Modellcharakter des neuen Jerusalems entscheidend ist.

Johannes fährt fort mit einer Beschreibung der Materialien, aus denen die Himmelsstadt erbaut wurde (Apk 21, 18-21). So bestehen die zwölf Grundsteine der Mauer aus zwölf verschiedenen, erlesenen Edelsteinen. Die Stadt selbst ist „aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas“. Vor allem mit letzterer Beschreibung wird die Auswahl reinster Materialien von hohem Glanz symbolisiert. Sie harmonieren hierin mit dem Glanz Gottes, den die Stadt durch dessen Anwesenheit bekommt. Dieser Glanz hat eine so hohe Strahlkraft, dass das Licht der Sonne und des Mondes im neuen Jerusalem unnötig ist (Apk 21, 23).

Schließlich betont Johannes, dass es in der Himmelsstadt keinen Tempel gibt und die Tore ihrer Mauer immer offen stehen (Apk 21, 22. 25). Diese Beschreibung ist nicht anders zu verstehen denn als das Ende der Hierarchien nach klassischem Verständnis.

„Was den Tempel vor allem ausmacht, Ort der besonderen Gegenwart Gottes zu sein, gilt hier für die ganze Stadt; sie ist insgesamt als Tempel verstanden. Diese Gegenwart Gottes in der gesamten Stadt macht einen besonders herausgestellten Bereich in ihr, einen Tempel, überflüssig. Gott allein herrscht überall. So gibt es keine Hierarchie und keine Herrschaft mehr von Menschen über Menschen.“103

Ein Verschließen der Tore ist ebenfalls unnötig, da die Reinheit des göttlichen Glanzes an diesem Ort nichts Unreines, also Böses zulässt. Allein die im Lebensbuch des Lammes Verzeichneten, die Messiasgläubigen, haben Einlass und bilden eine „partizipatorische Völkergemeinschaft“.104

Am Ende der Apokalypse steht also eine ideelle Stadt, die neben allen architektonischen Details wie ein Paradiesgarten voller Bäume beschrieben ist. Hier schließt sich mit dem Gegenentwurf zur Stadt Rom als Keimzelle des christlichen Leidens und der Zusammenführung der Gemeinde im Reich Gottes nicht nur ein Kreis zum Beginn der Offenbarung. Das Ende des letzten biblischen Buches stellt auch einen Bezug zum Anfang aller Dinge, der Genesis her.

73 Vgl. ebd., S. 166.
74 Vgl. ebd., S. 166.
75 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Martin Luther das ihm verhasste Papsttum ebenfalls als babylonische Hure bezeichnet. Ein kolorierter Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1534 zeigt die Hure Babylon gar mit päpstlicher Tiara. Der Schnitt diente der Illustration der Lutherbibel (Abb. 2).
76 Wengst 2010, S. 161.
77 Ebd.
78 Ebd., S. 162.
79 Ebd., S. 165.
80 Vgl. ebd., S. 163.
81 Vgl. ebd.
82 Vgl. ebd.
83 Ebd., S. 163f.
84 Vgl. ebd., S. 164; zitiert wurde hier nach der im Literaturverzeichnis angegebenen Bibelausgabe.
85 Ebd.
86 Ebd., S. 173.
87 Bekanntlich war dieser Umstand ein wesentlicher Kritikpunkt Luthers am Papsttum. Hier wurde mit dem Ablasshandel kein anderes Verfahren etabliert. Nur wer bereit war in barer Münze zu zahlen, wurde von seinen Sünden freigesprochen. Besonders kritische Stimmen sehen in der Kirchensteuer eine Fortführung dieses Ablasshandels bis in die Gegenwart.
88 Vgl. Wengst 2010, S. 165.
89 Vgl. ebd., S. 167.
90 Bader 2003, S. 5f.; Mit der „traumatischen Katastrophe dieser Stadt“ spielt Bader auf die bereits erwähnte erste Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalems im Jahre 587 v. Chr. an. Der „bekannte Spruch“ stammt aus Jes 60, 1 (Tritojesaja) in der Vulgata-Fassung und Übersetzung von Meister Eckhart. (Vgl. ebd., S. 6, Fußnote 19).
91 Vgl. ebd., S. 6ff.
92 Vgl. ebd., S. 8f.
93 Ebd., S. 9.
94 Ebd., S. 11.
95 Wengst 2010, S. 216.
96 Vgl. Bader 2003, S. 2.
97 Wengst 2010, S. 217.
98 Ebd., S. 218.
99 Vgl. ebd., S. 223.
100 Ebd., S. 224.
101 Eine Elle entspricht hier ca. 46 cm. Mit dem Wegmaß Stadion wird eine Strecke von ca. 185 m bezeichnet.
102 Vgl. Wengst 2010, S. 225.
103 Ebd., S. 229.
104 Ebd., S. 231.

Architekturen der Apokalypse (Teil IV)

8. April 2013

3. Die Offenbarung des Johannes

3.1 Inhalt

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, ist das einzige apokalyptische und durchgehend prophetische Buch des kanonischen Neuen Testaments. Darin berichtet ein Seher namens Johannes gemäß seinem göttlichen Auftrag (Apk 1, 10-11) die ihm zuteil gewordenen Visionen. Diese künden vom kommenden Weltgericht über die Feinde des Christentums, von der Zerstörung der satanischen Mächte durch die himmlischen Heerscharen und von der Errichtung bzw. Vollendung des Reiches Gottes auf Erden.

Die „Offenbarung Jesus Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll“ (Apk 1, 1) richtet sich an die sieben christlichen Gemeinden in Kleinasien. In einer Thronsaalvision, in der Johannes Jesus zwischen sieben Leuchtern wandeln sieht (Apk 1, 12-16), werden ihm sieben Sendschreiben an die Gemeinden diktiert. Darin werden die Anhänger der Gemeinden auf innere und äußere Bedrohungen hingewiesen. Die Sendschreiben dienen der Ermutigung und Ermahnung der Gemeindemitglieder und verdeutlichen, „dass der Gesamtinhalt des Buches von unmittelbarer Bedeutung für das Leben dieser Gemeinden ist und sich nicht nur auf das Ende der Zeit bezieht.“39

Mit einer weiteren Vision, in der Johannes den thronenden Gottvater umgeben von den vier Evangelisten und den 24 Ältesten erblickt, beginnt der Hauptteil der Offenbarung (Apk 4). Das Lamm Gottes bricht der Reihe nach die sieben Siegel des Buches, das den Untergang der Welt einläutet. Die Öffnung der ersten vier Siegel lässt die vier apokalyptischen Reiter erscheinen, die Elend, Angst und Schrecken über die Welt bringen (Apk 6, 1-8). Die Öffnung des fünften Siegels offenbart die Seelen der Märtyrer, die sich noch gedulden müssen, bis ihre Tode gerächt werden (Apk 6, 9-11). Die Öffnung des sechsten Siegels löst ein großes Erdbeben aus, verdunkelt die Sonne, färbt den Mond blutrot und lässt die Sterne vom Himmel fallen „wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird“ (Apk 6, 12-14). Infolge dieser Erscheinungen wird die Angst der auf der Erde lebenden Menschen vor dem Zorn Gottes vorgeführt. Reue zeigen sie indes jedoch nicht.40 Vor der Öffnung des letzten Siegels kommt es zur Versiegelung der 144.000 Auserwählten, 12.000 aus jedem der zwölf Stämme Israels, die dem göttlichen Gericht am Jüngsten Tag entgehen (Apk 7, 1-8). Nach der Öffnung des siebten Siegels tritt zunächst eine Stille im Himmel ein, die etwa eine halbe Stunde andauert. Danach erscheinen sieben Engel mit sieben Posaunen, die so genannte „Drohgerichte“ über die Erde bringen.41

Das Blasen der ersten sechs Posaunen (Apk 8, 6-9, 21) ruft eine Reihe schrecklicher Ereignisse hervor, an deren Folgen ein Drittel der Menschheit stirbt. Diese sind Hagel, Feuer- und Blutregen, Berge, die brennend ins Meer stürzen, der Stern Wermut, der brennend wie eine Fackel von Himmel stürzt und das Meer und die Flüsse vergiftet, die teilweise Verfinsterung von Sonne, Mond und Sternen und eine Heuschreckenplage, die sich explizit nur gegen die Menschen richtet. Schließlich werden vier Engel losgelassen, die ein reitendes Heer anführen, um zu töten. Die Pferde dieses Heeres werden als gewaltige Schlachtrösser beschrieben, deren löwengleiche Häupter Feuer, Rauch und Schwefel speien. „Das Blasen der siebten Posaune fällt zusammen mit der Öffnung des himmlischen Heiligtums (Apk 11, 15-19). Wahrscheinlich deutet das auf den Tod Jesu und die Bildung der christlichen Gemeinde in Palästina hin.“42 Die Öffnung des göttlichen Tempels ist wiederum verbunden mit Erdbeben und Hagel, sowie Blitz und Donner.

Nach dem Blasen der sieben Posaunen treten die Mächte des Bösen nun deutlich in Erscheinung. In der kurzen Schilderung des Kampfes zwischen Erzengel Michael und dem Satan wird dieser als Drache und Schlange bezeichnet (Apk 12, 7-9). Zudem werden zwei Tiere beschrieben, die die Macht des Teufels repräsentieren. Das erste Tier steigt aus dem Meer und wird mit sieben Häuptern und zehn Hörnen, auf denen es zehn Kronen trägt, beschrieben. Das Tier, das einem Panther gleicht, aber Bärenfüße und einen Löwenrachen hat, ist übersät von gotteslästerlichen Namen. Das zweite Tier steigt aus der Erde herauf, hat zwei Hörner und redet wie ein Drache (Apk 13, 11). Mit seiner Macht verführt es die Menschen dazu ein Bild des Tieres anzubeten und sie sich Untertan zu machen. Daher wird das zweite Tier auch als „falscher Prophet“ bezeichnet. Die Anhänger des Tieres werden als Händler beschrieben, die man an einem Zeichen an der rechten Hand oder der Stirn erkennt. Das Zeichen zeigt die numerische Entsprechung des Namens des Tieres; sie lautet 666 (Apk 13, 15-18). Gegenüber den Anmaßungen der beiden Tiere formiert sich das Lamm Gottes wie ein Feldherr auf dem Berg Zion. Um sich herum scharrt es ein Heer von Getreuen.43

In der nächsten Vision vernimmt Johannes die Botschaften von drei Engeln, die am Himmel erscheinen (Apk 14, 6-11). Alle drei verkünden zukünftige Ereignisse. Der erste Engel verkündet ein ewiges Evangelium, der zweite den Fall der großen Stadt Babylon, der dritte kündet das grausame Gericht Gottes über diejenigen an, die das Bild des Tieres anbeten. Letzteres besteht abermals aus einer Qual durch Feuer und Schwefel. Nachdem die Engel ihre Botschaften verkündet haben, erscheinen sieben weitere Engel, die die sieben Schalen des Zorns tragen. Das Ausgießen der Schalen bringt die sieben letzten Plagen über die Menschheit (Apk 16). Auch hier werden bekannte Bilder teilweise wieder aufgegriffen. So wachsen den Anhängern des Tieres Geschwüre, das Meer und die Wasserströme werden zu Blut, der Euphrat trocknet aus und die Sonne lässt Menschen verbrennen. Zudem wird das Reich des Tieres verfinstert und seine Anhänger erleiden Schmerzen, die zu Gotteslästerungen führen, nicht aber zu Reue und Bekehrungen. Daraufhin veranlasst der Drache die Formation eines Heeres des Bösen, um sich für den Endkampf gegen Gott zu rüsten. Die siebte Schale wird schließlich ausgegossen, die die Stimme Gottes erschallen lässt. Es schlagen Blitze, Stimmen und Donner auf die Erde nieder. Ein Erdbeben von nie da gewesener Stärke lässt die Welt erschüttern und die Städte der Heiden einstürzen. Auch die Berge stürzen in sich zusammen und die Inseln versinken im Meer. Schließlich geht ein weiterer Hagel über die Menschen nieder, welcher sie Gotteslästerungen aussprechen lässt.

Den sieben letzten Plagen folgt die Beschreibung der Herrlichkeit der großen Hure Babylon, die auf dem Rücken des Tieres sitzend die Menschheit zu einem lasterhaften Leben verführt. Ihr Untergang wird ebenso detailliert beschrieben wie der Einfluss, den Babylon auf umliegende Reiche ausübt (Apk 17; 18). „Die Bedeutung ihres Falles wird unterstrichen durch den großen Trauergesang, den in Apk 18 ihre Verbündeten und Handelgenossen anstimmen und dem in Apk 19, 1-8 die himmlischen Scharen den Lobpreis Gottes zufügen.“44

Das Ende des Tieres und des falschen Propheten wird besiegelt durch Jesu Christi in Gestalt eines Reiters auf einem weißen Ross. Mit dem Schwert aus seinem Munde (Apk 19, 21), also der Macht seines wahren Wortes, werden das Tier, seine Bilder und seine Zeichen in einen feurigen Pfuhl von Schwefel, die Hölle, geworfen. Satan in Gestalt des Drachen wird für tausend Jahre gefesselt. In dieser Zeit regiert das Christentum, bis Satan schließlich für eine kurze Zeit erneut entfesselt wird. Er formiert ein neues Heer um sich herum, das schließlich in einem letzten Endscheidungskampf durch die Macht Gottes besiegt wird (Apk 20, 7-10). Auch hier werden erneut die Bilder vom Feuerregen und dem Pfuhl von Feuer und Schwefel verwendet.

Nach der Entscheidungsschlacht im Diesseits wird das jenseitige Weltgericht abgehalten, welches nur denjenigen Toten Einzug in das Himmelreich gewährt, deren Namen im Buch des Lebens zu finden sind. Wessen Name nicht darin geschrieben steht, wird ebenfalls in den feurigen Pfuhl geworfen (Apk 20, 11-15).

In den letzten beiden Kapiteln berichtet Johannes von seiner Vision des neuen Jerusalems. Die ewige Gottesstadt verbindet den neuen Himmel und die neue Erde. Gott wohnt fortan bei seinen Gläubigen, welche keine Repressalien mehr zu fürchten brauchen. Im Schlussabschnitt (Apk 22, 6-21) betont Johannes die Wahrhaftigkeit seiner Visionen und erinnert an seinen göttlichen Auftrag, der ihm durch einen Engel erteilt wurde. Eine Änderung der Schrift, gleich in welcher Form, ist daher unter Androhung göttlicher Strafe untersagt.

3.2 Autorschaft und Entstehungszeit

Die Autorschaft der Offenbarung ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Der Verfasser wiederholt im Text jedoch mehrfach seinen Namen, den er mit Johannes angibt (Apk 1, 1. 4. 9; 22, 8). Vor allem unter frühchristlichen Schriftstellern war die Ansicht weit verbreitet, dass Johannesevangelium, Johannesbriefe und Johannesapokalypse von derselben Person stammen. „Diese Identifizierung ist jedoch fragwürdig, denn der Verfasser der Apk bezeichnet sich in der Briefüberschrift in 1, 4 nicht als Apostel; für ihn sind die zwölf Apostel Gründerfiguren der Vergangenheit (18, 20; 21, 14).“45 Die Annahme, es handle sich bei dem Namen Johannes um ein Pseudonym, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Dabei ist ein solcher Modus für frühjüdische Apokalypsen, in denen der Verfasser in der ersten Person spricht und somit als Zeuge von Offenbarungsvisionen auftritt, durchaus typisch.46 Aufgrund der Tatsache, dass Johannes in frühjüdischer Zeit ein sehr weit verbreiteter Name war, wird die Pseudonym-These von der Forschung jedoch weitgehend abgelehnt.47 Heute geht man in erster Linie davon aus, dass der Verfasser der Johannes-Offenbarung ein ansonsten unbekannter Judenchrist aus Palästina ist.48 Für eine Herkunft aus dem jüdischen Kulturraum spricht:

„das auffällige und für das Buch charakteristische semitisierende Griechisch; es lässt auf Aramäisch und vielleicht Hebräisch als Muttersprache des Verfassers schließen. Für seine jüdische Herkunft spricht weiterhin seine augenscheinliche Vertrautheit mit dem Jerusalemer Tempel und seinem Kult (Apk 8, 3-4; 11, 1-2. 19), die zentrale Rolle Palästinas im eschatologischen Schema des Verfassers (Apk 11, 2. 8; 16, 16; 20, 9), seine zahlreichen Anspielungen auf den hebräischen Text des Alten Testaments und seine Vertrautheit mit den auch in anderen jüdischen Apokalypsen begegnenden eschatologischen Traditionen.“49

Den Selbstaussagen im Text zufolge befand sich der Verfasser zum Zeitpunkt der Visionen bzw. der Niederschrift auf der Insel Patmos unter dem Zustand der Bedrängung (Apk 1, 9). Dieser Umstand verschaffte ihm den heute auch gebräuchlichen Namen Johannes von Patmos.

Neben der Frage der Autorschaft wurde auch die nach der Entstehungszeit der Johannesapokalypse lange Zeit kontrovers diskutiert.50 Im 19. Jahrhundert glaubte die Mehrheit der Theologen, dass der Text im Zuge der Christenverfolgungen unter Nero entstand. Demzufolge müsste die Abfassung in den Jahren zwischen 64 n. Chr. und 70 n. Chr. erfolgt sein.51

„Diese Sichtweise gründete sich hauptsächlich auf der rätselhaften Liste von sieben Königen in 17, 9-11 und auf der Annahme, der sechste König, „der lebendig ist“, sei der zur Zeit der Niederschrift der Apk herrschende Kaiser. Mit Caesar beginnend wäre Nero (54-68 n. Chr.) der sechste König; beginnt man die Reihe mit Augustus, wäre es Galba (Juni 68 bis Januar 69 n. Chr.).“52

David Aune weist bezüglich dieser These auf die Vielzahl verwirrender Zählungen und Deutungen hin, die unter anderen dazu beigetragen haben dürften die Datierung erneut zu überdenken.53 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einem deutlichen Meinungsumschwung, der die Entstehung der Johannes-Offenbarung „in die Endphase der Herrschaft von Kaiser Domitian verlegt.“54 Der Text entstand demnach ca. 95 n. Chr. „im Gefolge einer vermuteten domitianischen Verfolgung“.55 Ob unter Kaiser Domitian tatsächlich systematische Christenverfolgungen stattgefunden haben, ist jedoch nicht zweifelsfrei belegbar. Ein solcher Umstand wird von der gegenwärtigen theologischen Forschung sogar weitgehend ausgeschlossen.56 „Für eine Datierung um ca. 95 n. Chr. spricht [hingegen] der Gebrauch des symbolischen Namens Babylon als Chiffre für Rom (14, 6; 16, 19; 17, 4; 18, 2. 10. 21), die sonst nur in nach 70 n. Chr. entstandenen Texten verwendet wird (1Petr 5, 13; 4Esr 3, 1-2. 28-31; 2Bar 10, 1-3; 11, 1; 67, 7; SibOr 5, 143. 159) […].“57

Folgt man Hellholms Ansicht, dass Offenbarungsschreiben sich stets auf Ereignisse der Weltgeschichte beziehen, spielen Fragen nach der Datierung der Johannesapokalypse eine wichtige Rolle für deren Verständnis.58 Eine eindeutige Datierung oder zumindest die Eingrenzung des möglichen Entstehungszeitraums lassen eine realhistorische Kontextualisierung der Schrift zu. Nur so können die Situation, auf die sich Johannes bezieht, und die Intention seines Textes einigermaßen verlässlich analysiert und interpretiert werden.

3.3 Der historische Kontext

Für den Theologen Klaus Wengst ist eine Datierung der Johannes-Offenbarung grundsätzlich zwischen 70 und 135 n. Chr. möglich. Eine genauere Ansetzung hält er für die Interpretation des Textes nicht für nötig.59 Entscheidend ist lediglich, dass sich die von Johannes beschriebene Bedrängnissituation auf den Machtapparat des römischen Reiches bzw. dessen Einfluss auf die Provinz Asia und anderer annektierter Gebiete bezieht. Rom gilt für Johannes als Verursacher „zurückliegender und weiter zu erwartender Leiden von Messiasgläubigen“.60 Als Ursprung dieser Leiden kann die Kreuzigung Christi angesehen werden, welche nach römischem Recht und nach römischer Methode vollzogen wurde.

Ausschlaggebend für die Christenverfolgungen im Römischen Reich ist die Tatsache, dass der römische Kaiser einen Kult erhielt, der einer Verehrung als Gottheit gleichkam.61 Die Identifikation mit Iuppiter, der obersten Gottheit der römischen Mythologie, war bei Domitian besonders stark ausgeprägt. So ließ er sich etwa als erster Kaiser mit dem Blitzbündel des Iuppiter in der Hand auf Sesterzen abbilden. Zudem veranstaltete er im fünfjährigen Rhythmus Festspiele zu Ehren des Gottes, dessen Abbild er auf einem goldenen Siegeskranz auf dem Kopf trug.62 „Entsprechend pries ihn die zeitgenössische Dichtung. Statius [gemeint ist der römische Dichter Publius Papinius Statius der von ca. 40 bis ca. 96 n. Chr. lebte – Cln.] stellte ihn bei der Beschreibung seines Reiterstandbildes auf dem Forum in Analogie zu Juppiter dar und bezeichnete ihn dabei als ‚die gegenwärtige Gestalt Gottes’ bzw. als ‚Gott in seiner Abwesenheit’ (forma dei praesens).“63 Der Kaiserkult manifestierte sich jedoch nicht allein im Zentrum des Reiches. Über die Stadtgrenzen Roms hinaus, in allen Provinzen des Reiches gab es öffentliche Festakte, bei denen das Volk mit Lorbeerkränzen geschmückt einen Eid auf den Kaiser ablegte.64

Wer sich, wie die Anhänger Christi, der öffentlichen Verehrung des Kaisers entzog, galt ihm gegenüber als illoyal. Der Umstand, dass der Arbeitstag damals von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang reichte, zwang die Gläubigen ihre Treffen während der Dunkelheit abzuhalten. Dadurch nahmen Argwohn und der Verdacht der Kriminalität auch seitens der Mitbürger ihnen gegenüber rasch zu.65 Wengst schildert mit Berufung auf die Briefe Plinius d. J. an Trajan, dass Christen, die sich trotz Androhung der Todesstrafe öffentlich zu ihrem Messiasglauben bekannten, sofort hingerichtet wurden.66 Die Rolle dieser Märtyrer kommt in der Offenbarung mehrfach zur Sprache (Apk 6, 9-11; 12, 17; 20, 4), namentlich wird jedoch nur Antipas genannt (Apk 2, 13), der der Gemeinde Pergamon entstammte.

Aus den Plinius-Briefen gehen jedoch auch Freisprüche für diejenigen hervor, die einen Loyalitätstest gegenüber dem römischen Kaiser bestehen. Dieser sah religiöse Handlungen vor Götterstatuen und dem Bildnis des Kaisers, sowie Lästerungen gegen Christus vor.67 „[Plinius] war sich sicher, dass ‚wirkliche Christen’ sich dazu nicht zwingen ließen.“68 Doch auch wenn Freisprüche in den Christenprozessen möglich waren, verweist Wengst auf die „viele[n] anonyme[n] Opfer römischer Gewaltherrschaft.“69 Für ihn steht fest, „dass die Visionen des Johannes nicht die Ausgeburten einer wilden Fantasie, sondern von tatsächlicher Erfahrung gesättigt sind.“70

Der Forschung ist heute bekannt, dass nicht alle römischen Kaiser der Jahre 70 n. Chr. bis 135 n. Chr. systematische Christenverfolgungen anordneten. So durften Christen unter Hadrian (Regierungszeit 117 n. Chr. bis 138 n. Chr.) beispielsweise nur dann angeklagt werden, wenn sie im Verdacht standen ein Verbrechen begangen zu haben. Das bloße Bekenntnis zum christlichen Glauben war jedoch nicht strafbar.71 Es ist dennoch deutlich geworden, dass es in der Zeit vor Hadrians Regentschaft und besonders unter der Herrschaft Domitians und Trajans lebensgefährlich sein konnte seinen Messiasglauben öffentlich zu bekennen. Oftmals reichten Anzeigen bzw. Denunziationen Christ zu sein aus, um in einen Prozess verwickelt zu werden.72

38 Kaiser 1991, S. 18.
39 Piper 32000, S. 823.
40 Vgl. ebd.
41 Vgl. ebd.
42 Vgl. ebd.
43 Vgl. ebd., S. 824.
44 Piper 32000, S. 824.
45 Aune 2001, S. 540.
46 Vgl. ebd.
47 Vgl. ebd.
48 Vgl. ebd., S. 541; Piper 2000, S. 829.
49 Aune 2001, S. 540.
50 Für den detaillierten Nachvollzug verschiedener Datierungsthesen siehe: Aune 2001, S. 541f.; Wengst 2010, S. 59 – 70.
51 Vgl. Aune 2001, S. 541f.
52 Ebd., S. 542.
53 Vgl. Ebd.
54 Ebd.
55 Ebd.
56 Vgl. Ebd.; Wengst 2010, S. 66f.
57 Aune 2001, S. 542.
58 Siehe Anm. 13.
59 Vgl. Wengst 2010, S. 64f.; In den von Wengst beschränkten Zeitraum fallen die Regentschaften der Kaiser Vespasian (69-79), Titus (79-81), Domitian (81-96), Nerva (96-98), Trajan (98-117) und Hadrian (117-138).
60 Ebd., S. 59.
61 Vgl. ebd., S. 62.; Siehe hierzu auch: Price, Simon R.F. – Rituals and power: the Roman imperial cult in Asia Minor. Cambridge u.a.: Cambridge University Press, 1998 und Clauss, Manfred – Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich. Stuttgart/Leipzig: Teubner, 1999.
62 Wengst 2010, S. 67.
63 Ebd.
64 Vgl. ebd., S. 62f.
65 Vgl. ebd., S. 63.
66 Ebd., S. 60.
67 Vgl. ebd.
68 Ebd.
69 Ebd., S. 61.
70 Ebd.
71 Vgl. http://www.basiswissen-christentum.de/de/themen/christenverfolgung.html − letzter Zugriff: 17.08.2001.
72 Wengst 2010, S. 64.


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