Posts Tagged ‘Surrealismus’

In meinem Kopf sind die Gedanken eingeschlossen wie in einem Bienenkorb

20. November 2015

„Ich kann das nicht und will das nicht. Ich habe kein Gerippe, nach dem ich male.“ Meret Oppenheims Absage an das Serielle und somit leicht Wiedererkennbare mag nur ein Zugang zum Verständnis ihres Werkes sein. Auf formaler Ebene ist er mit Sicherheit der wichtigste. Als junge Künstlerin wurde ihr oft vorgeworfen, dass sie „keine Linie“ habe, sich ihre Bilder und Objekte viel zu sehr von einander unterscheiden würden. Damit ist sie ganz bei Marcel Duchamp, der spätestens ab 1912 die Ansicht vertrat, dass ein Künstler vielseitig bleiben, einen „Look“ unbedingt vermeiden müsse.

Doch Oppenheim, die in den 1930er Jahren zur Pariser Avantgardeszene um Duchamp und André Breton gehörte, folgte damit keinem Diktum. Sie als Schülerin oder gar „das Mädchen“ der Surrealisten zu sehen, würde ihr in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht. Auch deshalb nicht, weil ihr unbedingter Anspruch auf Freiheit und Unabhängigkeit bisweilen sogar stärker zu sein schien als ihr eigener Wille. Zumindest scheiterten ihre Versuche, bestimmten Bildern gleichartige Werke folgen zu lassen. „Ich habe mir Mühe gegeben, das nächste war total verschieden.“

Ohnehin ist Meret Oppenheim auch heute noch vor allem für ihre Objekte, fast muss man sagen: ihr Objekt bekannt. Das Frühstück im Pelz, oder Le déjeuner en fourrure, ließ sie 1936 in die erste Liga der Avantgardekünstler aufrücken. Doch diese Ikone des Surrealismus verstellte jahre-, wenn nicht jahrzehntelang den Blick auf ihr vielfältiges Œuvre. Dazu zählen neben zahlreichen Objekten die bereits angesprochenen Gemälde, Collagen, unzählige Zeichnungen, Fotografien, Entwürfe für Schmuck und Mode sowie der Berner Oppenheim-Brunnen. Und als ob all diese Werke nicht schon Beweis genug für den neugierigen Freigeist Oppenheims wären, gibt es von ihr auch einen Korpus literarischer Werke. Dieser besteht vor allem aus Gedichten, die um einige Prosatexte ergänzt und neu editiert in der Edition Suhrkamp erscheinen.

Weiter geht’s auf den Seiten der Signaturen.

Werbeanzeigen

Der reale Surrealismus

9. April 2015

///

und zum Sonnenbrand gesellte

sich das Tier ohne Haut

das mich auf Schulterhöhe verfolgte

zum Meer

///

Zugegeben, das poetische Potential dieser Verse ist nicht allzu hoch, aber das will nichts heißen. Im August vergangenen Jahres spielte ich den vierten Teil der Assassin’s Creed-Reihe Black Flag, in dem mir genau das passierte. Um seine Kasse aufzubessern und seine Ausrüstung zu erweitern, ist es in diesem Spiel, ähnlich dem Rockstar-Knaller Red Dead Redemption, möglich bzw. notwendig Wildtiere zu erlegen und zu häuten. Als ich das mit einem Leguan in Küstennähe tat, verfolgte mich der gehäutete Körper des Tieres auf Schritt und Tritt. Er hing neben meinem Spieler auf Schulterhöhe waagerecht in der Luft und ließ sich erst abschütteln mit einem Sprung ins Wasser. Kein spektakulärer, aber doch ein etwas merkwürdiger Glitch.

glitch

(engl. für „Panne/Störung“) Bezeichnet in Computerspielen kleine Fehler. Diese Fehler reichen von falsch dargestellter Grafik,[2] bis hin zu Effekten, die dem Spieler einen Vorteil verschaffen, die allerdings vom Entwickler so nicht angedacht waren.[3] Beispiele sind Gegenstände, die sich zwar im Quelltext des Programms befinden, aber in der veröffentlichten Version nicht in den Spielverlauf integriert wurden, jedoch von der Spielfigur benutzt werden können oder „glitches“, die es dem Spieler ermöglichen Häuser zu betreten, die im Spiel lediglich als Zierde dienen sollten. Die Herkunft des englischen Begriffes liegt im deutschen glitschig[4] über jiddisch „glitshen“ (etwa: ab- oder wegrutschen).
glitching wird das Ausnutzen von Fehlern im Spiel genannt, wie etwa unter oder durch Objekte hindurch zu schießen, obwohl dies nicht vorgesehen ist, insbesondere bei Karten, die von Spielern und nicht von der Entwicklungsfirma erstellt wurden. Wiederholtes glitching führt, je nach Betreiber des Servers auf dem gespielt wird oft zu einem Kick bzw. Bann des Spielers. Quelle: wikipedia.de

Ebenfalls im vergangenen August klopfte Clemens J. Setz im Logbuch Suhrkamp das Phänomen der Glitches auf ihr poetisches Potential ab. Setz hatte mich sofort davon überzeugt, dass die Glitches wahrscheinlich die große surrealistische Kunstform der Gegenwart sind. Nicht allein, weil Glitches entsprechende Bildwelten verursachen, sondern vor allem, weil diese zufällig aus einer Art elektronisch-digitalem Unterbewusstsein herauszutreten scheinen. Ja, das mag recht esoterisch klingen, ist aber im Zusammenhang mit dem Surrealismus legitim, oder? Aus der écriture automatique wird hier ein programme automatique, dessen Ursprung zwar noch in einer menschlichen Handlung, dem Programmieren des Quelltextes für eine Spiel, liegt. Dessen ungewolltes Ergebnis, der Glitch, dann aber ausgerechnet auf einem von mathematischer Logik geprägtem Gebiet auftritt und eben diese „Herrschaft der Logik“ (André Breton im Ersten Manifest des Surrealismus, 1924) zugunsten einer neuen Bildwelt durchbricht.

Der Glitch ist jedoch ein Phänomen, dass nicht (mehr) allein auf Games beschränkt ist. Seit der Digitalisierung unserer Welt durch Geräte, deren genau Funktionsweise (im Vergleich zu mechanischen Geräten) nur noch die wenigsten von uns wirklich verstehen, haben wir uns nicht nur eine Art back-up der Wirklichkeit geschaffen. Also kein System, dass nur in eine Richtung funktioniert, sondern gelegentlich auch zurückschlägt. Damit sind natürlich auch Tweets und Posts gemeint, die uns im realen Leben verfolgen. Was mich jedoch viel mehr interessiert ist eine Art ästhetischer Rückkopplungen, die sich aus dem alltäglichen Gebrauch digitaler Medien auf das ergeben, was wir gemeinhin „Realität“ nennen. Die Glitches beweisen, dass es eine Form digitaler Parallelwelten gibt, die sich der Kontrolle des Programmierers, erst recht des Spielers, entziehen. Dass sich dieser Kontrollverlust im Digitalzeitalter auch auf das eigene Bild niederschlagen kann, war mir bis vor ein paar Tagen so nicht bewusst. Überrascht jedoch nicht, wenn man es genau bedenkt.

Langer Post, kurzer Sinn. Welche albtraumhafte Parallelwelt macht die Panorama-Funktion der Digitalfotografie sichtbar, wenn sie nicht so funktioniert, wie sie soll? Hier gibt’s die Antwort. Das Erstaunliche an diesen Foto-Glitches ist, dass sie sich ästhetisch oft kaum von den Game-Glitches unterscheiden. Was mich sehr darüber nachdenken lässt, ob das Digitale nicht längst dabei ist auf unsere analoge Wirklichkeit zurückzustrahlen und sie auch auf physischer Ebene zu verformt?

EDIT: Ich sehe gerade… diese Gedanken führen natürlich den Titel des letzten Posts ad absurdum.

Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

100_4848

Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik

16. Juli 2014

Das Bloggen über die Manifeste für eine Literatur der Zukunft hat natürlich einen Grund, auch wenn das nicht immer gleich ersichtlich wird. Es geht mir dabei um einen Abgleich von poetologischen Positionen anderer Autoren mit meinen eigenen. Bzw. geht es mir überhaupt um eine poetologische Bewusstwerdung. (Die auch über den Diskurs vorangetrieben werden kann, weswegen ich einen Teil des Weges öffentlich gehe.)

Dabei suche ich vor allem nach Möglichkeiten dem „allgemeinen Realismus“ eine experimentelle Literatur gegenüber zu stellen, die an verschüttete Traditionen v.a. der Klassischen Moderne anknüpft und sie unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts fortführt.

Natürlich bin ich damit noch lange nicht am Ende.

Einen gehörigen Schritt weiter ist der Berliner Autor Alexander Graeff, der jüngst ein Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik auf Fixpoetry.com veröffentlichte, das meinen Vorstellungen von einer Literatur der Zukunft recht nahe kommt.

„Das Offene und Experimentelle als poetologische Prinzipien des Schreibens zu begreifen, ist einem grundlegenden Motiv der klassischen Moderne geschuldet, das etwa im Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus seinen Ausdruck fand.5 So gesehen umfasst das Experiment als Figur des Denkens neben dem Impulsiven und Offenen immer auch den Mut zu Alternativen, den Mut zum Spekulieren gegenüber dem Gegenwärtigen, insbesondere gegenüber dem, was gemeinhin als das (literarische, gesellschaftliche, politische) Reale bezeichnet wird. Eine experimentelle Art des Schreibens soll hier also als ein Schreiben verstanden werden, das sich nicht nur gegen den literarischen Status Quo erhebt, sondern sich auch auf inhaltlich-thematischer Ebene als ein engagiertes Vorgehen gegen bestehende Normen und festgefahrene Mentalitätsmuster versteht; dies freilich immer zurückgebunden an das Schreiben selbst, d. h. im Modus des Poetischen, nicht als Dokumentation des Politischen.“

Wie eine solche Literatur heutzutage gelingen kann, versucht Graeff in 4 Thesen zu erörtern. Ein sehr lesenswerter Beitrag, der verglichen mit den Feuilletondebatten über den Zustand der Gegenwartsliteratur, endlich konkrete Gegenvorschläge anbringt.

Der Schlüssel zur Maschine

7. Juli 2013

Wo fängt man am besten an, wenn es um Raymond Roussel geht? Vielleicht ausnahmsweise einmal nicht bei seinem mysteriösen Tod im Juli 1933 in Palermo. Vielleicht doch lieber beim Surrealismus, für den das Werk Roussels in so mancher Hinsicht eine Initialzündung bedeutete. Dabei wurde Roussel nie direkt mit der Gruppe um André Breton assoziiert; wurde schon gar nicht ihr Säulenheiliger, wie etwa Giorgio de Chirico, der von Max Ernst in seinem Gemälde Das Rendezvous der Freunde von 1922 entsprechend dargestellt wurde. Raymond Roussel hat unter Künstlern aller Disziplinen des 20. Jahrhunderts eine enorme Fanschar. Kaum ein Avantgardist, der sich nach 1920 nicht auch auf Roussel bezieht: Georges Perec, Salvador Dalí, Julio Cortázar, John Ashberry, um nur einige zu nennen. Dennoch ist und bleibt Raymond Roussel einer der großen Unbekannten der Moderne. Ein Phantom fast, das sich nur hin und wieder einer kleinen Gruppe Eingeweihter offenbart.

„To begin at the beginning“, rät der walisische Lyriker Dylan Thomas. Ich willige ein und erinnere mich an die Einleitung eines Referats, das ich vor Jahren in einem Kunstgeschichtsseminar an der Uni hielt: „Am Anfang war die Kaffeemühle“ verkündete ich damals kühn. Und wahrlich, ich sage euch, am Anfang war die Idee eine mechanische Bewegung im Bild sichtbar zu machen. Darum malte Marcel Duchamp 1911 auf der Ölskizze einer Kaffeemühle einen Pfeil über die Kurbel, die er dazu in verschiedenen Bewegungsstadien simultan abbildete. Keine große Sache, mag man heute denken, aber im Zeitalter der ersten Bewegtbilder eine neue künstlerische Herausforderung. Im Januar 1912 dann sein legendärer Akt, eine Treppe herabsteigend No.2, in dem nicht ein Körper in Bewegung, sondern die Bewegungen des Körpers simultan dargestellt werden. Eine Revolution, die Duchamp in erster Linie heftige Kritik einbrachte. Zu entseelt, zu maschinell sei das Ganze. Duchamp hingegen war auf dem richtigen Weg und er ging ihn weiter. Er führte ihn im Mai 1912 ins Theater. Ein Besuch, der entscheidende Folgen für die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts haben sollte.

Warum dieser Exkurs, der von Roussel immer weiter wegzuführen scheint, anstatt ihn einzukreisen. Nun, was Marcel Duchamp an diesem Abend gemeinsam mit Francis Picabia und Guillaume Apollinaire zu sehen bekommt, ist eine Bühnenfassung von Roussels Impression d’Afrique, die seine Kunstauffassung in ihren Grundfesten erschüttert und sie gleichzeitig auf eine neue Stufe hebt. Duchamp beschließt das Malen sein zu lassen und experimentiert fortan mit Glas und einer Fülle andere Materialen. Das Ergebnis des Experimentierens ist 1923 das so genannte Große Glas, dessen eigentlicher Titel Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar den Einfluss Roussels deutlich zu erkennen gibt. Duchamp macht Roussel direkt für sein Werk verantwortlich, gibt zu, durch die Afrikanischen Impressionen einen neuen assoziativen und mechanischen Ansatz für seine Kunstausübung gefunden zu haben. Duchamps Großes Glas ist eine Roussel‘sche Junggesellenmaschine, die das Phantasma der unbedingten Liebe in einen Todesmechanismus verwandelt.

Raymond Roussel wurde 1877 in Paris geboren und wuchs in überaus privilegierten Verhältnissen auf. Er studierte am Konservatorium Klavier und verfasste mit siebzehn Jahren sein erstes Werk La Doublure in Alexandrinern. Die „echte Welt“ kannte er eigentlich nur aus der Ferne und so widmete er sein Leben ausschließlich der Literatur und dem Reisen. Dafür fertigte er eigens einen Reisewagen an, der eine Art Vorläufer der heutigen Wohnmobile ist, und tourte damit um die ganze Welt. Sogar Benito Mussolini und Papst Pius XI. soll er sein Gefährt vorgeführt haben. Roussel inszenierte sich gern als Attraktion.

Seine Vorliebe für das Mechanische schlug sich auch auf in sein Schreiben nieder. So entwickelte er ein Verfahren, dass auch von seinem wohl prominentesten Interpreten Michel Foucault nur Das Verfahren genannt wird. Es besteht darin, ein wesentliches Defizit der Sprache, nämliche ihre Arbitrarität, kreativ zu nutzen. Beklagte Hugo von Hofmannsthal in seinem Chandos-Brief (1902) noch die Unzulänglichkeiten der Sprache, die jede Dichtung unmöglich mache, so nutze Roussel den Umstand, dass es weniger bezeichnende Vokabeln als zu bezeichnende Dinge gibt, zu seinem Vorteil. So benutze Roussel den Gleichklang (Homonymie) vieler Wörter, um diese assoziativ zu erweitern und mit anderen Wörtern in Verbindung zu bringen, zwischen denen es keinerlei semantische Verbindung gibt. So kann ein cercle à rayons sowohl ein geometrischer Kreis mit Radien, als auch ein Klub mit Ruhmeshallen, eine veste à brandebourgs sowohl eine Weste mit Rockschnüren, als auch die Misserfolge des Kurfürsten von Brandenburg sein. (Beispiele aus Michel Foucault – Raymond Roussel, 1989) Man ahnt, welchen Schwierigkeiten die Übersetzer Roussels ausgeliefert sind.

Dennoch liegt jetzt mit Locus Solus eines der beiden Hauptwerke Roussels nicht nur in neuer Übersetzung, sondern auch in einer ersten kritischen Ausgabe vor. Dem Schweizer Stefan Zweifel ist es dabei nicht hoch genug anzurechnen, dass er für die deutsche Neuausgabe von Locus Solus verschollene Kapitel aus der Urfassung aufspürte, übersetze und dem Text neben zahlreichen anderen Materialien anhängte. Besonders eindrucksvoll ist dabei, dass die Kapitel der Urfassung von Locus Solus bisher nicht einmal in Frankreich erschienen sind. Somit bekommt jeder deutschsprachige Leser die Chance, tiefer in dieses Werk einzutauchen als es sich Foucault je hätte träumen lassen.

Aber worum geht es eigentlich in diesem Buch? Schwer zu sagen, aber eigentlich doch ganz einfach. Locus Solus handelt von einem schwerreichen Junggesellen namens Martial Canterel, der einen Park voller wundersamer, natürlich selbstentwickelter Maschinen besitzt und an einem Tag eine Gruppe Interessierter, zu denen auch der Erzähler gehört, durch ihn hindurchführt. Abgesehen von dieser recht simplen Rahmenhandlung sperrt sich jedoch der weitere Inhalt einer Nacherzählung. In Locus Solus begegnet man einer Fülle von bizarren Maschinen und den Geschichten, die sich hinter ihnen verbergen. Meistzitiert dürfte die „Demoiselle“ sein, eine schwebende Maschine, deren Zweck darin besteht ein Mosaik aus menschlichen Zähnen (die übrigens durch eine andere Maschine völlig schmerzfrei gezogen werden können) in den Boden des Parks zu stanzen. Die Erfindung dieser Apparatur leitet sich aus dem Wort „demoiselle“ selbst ab, da es sowohl für „junges Mädchen“,  „Handramme“ und „Libelle“ stehen kann. Die Funktionsweise der Demoiselle ist ebenso minutiös in Worten beschrieben wie beispielsweise die Mechanik eines Schweizer Uhrwerks funktioniert. Roussel nimmt es gern genau, überlässt nichts dem Zufall, außer der Auswahl seines Wortmaterials. Gewiss ein Widerspruch, der sich jedoch auflöst, sobald man den Text liest und gleichzeitig einen neuen kreiert.

Der Schlüssel zu dieser unübersichtlichen, technisch-maschinellen Fantasiewelt soll laut Roussel sein Text Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe sein. Dieses, auf eigenen Wunsch bzw. eigene Inszenierung Roussels, erst posthum veröffentlichte Werk führt zwar in die assoziative Wortfindungsmethode ein, dreht sich aber ab einem gewissen Punkt nur noch rhetorisch um sich selbst und wirft damit immer neue Fragen auf. Roussel wollte es wohl so; auch über den Tod hinaus ein Rätsel bleiben, dessen Antwort das Rätsel selbst ist. Ohnehin wird der Begriff „Schlüsselwerk“ viel zu leicht mit einem Werk gleichgesetzt, dass eine tiefere, weitreichendere Erkenntnis zu Tage fördern soll. Als ob sich Türen mit Hilfe von Schlüsseln lediglich öffnen ließen.

Und dennoch, die Bedeutung Raymond Roussels und seines Werkes liegt in seiner Funktion als Schlüssel für das Werk Marcel Duchamps, ebenso wie in seiner Funktion als Inspirationsquelle für die gesamte surrealistische Kunst und darüber hinaus. Jean Cocteau erstarrte gar vor Ehrfurcht und schrieb ihm: „Sie dominieren uns alle.“ Das war natürlich Unsinn, denn wer sich ehrfürchtig vor diesem, zugegeben nicht gerade einfach zu lesenden Werk ergibt, verpasst nicht nur die Chance die Kunst des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen. Er verpasst auch eine Fülle großer und kleiner Episoden der Weltliteratur, die in ihrem mechanischen Trickreichtum, in ihrer Ideenfülle ihres gleichen suchen. Und keine Panik vor den Ausuferungen des Textes! Die Gestalter der bibliophilen Ausgabe, Greiner & Reichel, haben den Text mit einem Rahmen versehen. Wohin soll er da bitteschön entgleiten?

Stefan Zweifel hat mit der Neuausgabe von Locus Solus etwas Großartiges geschaffen, an dem Roussel-Freunde und -Entdecker lange Spaß haben werden. Trotzdem, oder gerade deshalb, wächst nun die Ungeduld bezüglich einer deutschen Neuausgabe der Impressions d’Afrique, die seit über dreißig Jahren vergriffen sind.

Raymond Roussel – Locus Solus. ISBN: 978-3-8477-0329-7. 34,- €, Die Andere Bibliothek, Berlin 2012.

Dieser Artikel erschien zuerst auf fixpoetry.com.

Sehr gute Website zum Verständnis der Kunst Marcel Duchamps; besonders zu den „Maschinen“.


%d Bloggern gefällt das: