Posts Tagged ‘Suhrkamp’

Die Mitschrift des Wirklichen

23. Juli 2017

Journalromane, Journalgeschichten, Journalsätze hat Jürgen Becker einige geschrieben und publiziert. Nun also ein Journalgedicht mit dem Titel Graugänse über Toronto, das irgendein Scherzkeks im Wikipedia-Artikel des Autors mit dem Gattungszusatz [Kurzprosa] versehen hat. Da kann man schon mal schmunzeln. Die Gattungsfrage, bei der nicht mehr nur Autoren und Kritiker, sondern mittlerweile sogar Literaturwissenschaftler müde abwinken, sie wird hier und da doch noch gestellt, ist scheinbar nicht ganz und gar überwunden. Und wenn mich auch zuerst die Bezeichnung Journalgedicht auf Beckers neues Buch aufmerksam werden ließ, so merkt man doch gleich auf Seite eins, das in Gattungen zu denken hier vollkommen irrelevant ist.

… Neue Formate,
ich komme auch nicht mehr mit.


Es geht um die Mitschrift
des Wirklichen, und wie es die Schrift verändert –

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Den ganzen Artikel hier lesen.

Letzte Beiträge

30. Juni 2017

Ich habe seit April, nach längerer Rezensionspause, wieder ein paar Bücher für fixpoetry.com und das Signaturen Magazin besprochen und versäumt sie über dieses Blog weiterzugeben. Das hole ich jetzt nach:

Für Fixpoetry besprochen:

Szilárd Borbély – Kafkas Sohn (Prosa)

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten (Roman)

Für Signaturen:

Kate Tempest – Brand New Ancients/ Brandneue Klassiker (Lyrik)

Bericht von den 20. Thüringer Literatur- und Autorentagen auf Burg Ranis

Nach wie vor verwaist dieses Blog ein wenig, sorry. Dafür bin ich WordPress hier treu.

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Bis bald und schönen Sommer!

Written to be read aloud

27. Juli 2016

Bereits im Juni hatte ich Kate Tempests Gedichtband „Hold your own“ besprochen. Und vergessen hier auf den Artikel hinzuweisen. Das hole ich hiermit nach:

Wer schon viel über Kate Tempest gehört hat, aber nicht so recht weiß, was all der Hype um sie zu bedeuten hat, sollte sie vielleicht zuerst selbst hören. Ihr Album Everybody Down (2014) oder einen der zahlreichen Livemitschnitte im Internet anschauen. Ihren Auftritt beim Glastonbury Festival im letzten Jahr etwa, den sie mit einem eindringlichen Vortrag ihres Gedichts Hold your own beendete. Ein Text, in dem sie an das Selbstbewusstsein ihrer Generation appelliert und das System aus Konsum, Angst, Unzufriedenheit und vorgezeichneten Lebenswegen grundsätzlich in Frage stellt. Und sich selbst in der Art und Weise ihres Auftretens in die Nachfolge von Allen Ginsberg, Janis Joplin und Jim Morrison.


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Kate Tempest, Jahrgang 1985, Rapperin aus South East London, Dichterin, Roman- und Theaterautorin, ist „die Schriftstellerin der Stunde“, wie es in so manchen Feuilletons heißt. Wer dem Hype verständlicherweise misstraut, ist gut beraten, sich ein eigenes Bild zu machen. Ob der nun bei Suhrkamp erschienene Gedichtband Hold Your Own dafür geeignet ist, darüber lässt sich allerdings streiten. Dass ihre „Glastonbury Adress“ Hold your own im gleichnamigen Band gar nicht auftaucht, ist verwunderlich. Stattdessen ist das Buch in erster Linie eine lyrische Aufarbeitung der antiken Figur Teiresias. Als deutlich erkennbarer roter Faden zieht sie sich durch den Band, angefangen beim einleitenden Langgedicht Teiresias bis hin zum letzten Text Prophet.

Teiresias, das ist jener junge Mann, der durch die Tötung einer Schlange zur Frau wird, später wieder zum Mann und schließlich, zwischen die Fronten eines Streits von Hera und Zeus geraten, zum blinden Propheten, der unter anderem Ödipus nichts Gutes vorauszusagen hat.

Weiter bei den Signaturen.

In meinem Kopf sind die Gedanken eingeschlossen wie in einem Bienenkorb

20. November 2015

„Ich kann das nicht und will das nicht. Ich habe kein Gerippe, nach dem ich male.“ Meret Oppenheims Absage an das Serielle und somit leicht Wiedererkennbare mag nur ein Zugang zum Verständnis ihres Werkes sein. Auf formaler Ebene ist er mit Sicherheit der wichtigste. Als junge Künstlerin wurde ihr oft vorgeworfen, dass sie „keine Linie“ habe, sich ihre Bilder und Objekte viel zu sehr von einander unterscheiden würden. Damit ist sie ganz bei Marcel Duchamp, der spätestens ab 1912 die Ansicht vertrat, dass ein Künstler vielseitig bleiben, einen „Look“ unbedingt vermeiden müsse.

Doch Oppenheim, die in den 1930er Jahren zur Pariser Avantgardeszene um Duchamp und André Breton gehörte, folgte damit keinem Diktum. Sie als Schülerin oder gar „das Mädchen“ der Surrealisten zu sehen, würde ihr in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht. Auch deshalb nicht, weil ihr unbedingter Anspruch auf Freiheit und Unabhängigkeit bisweilen sogar stärker zu sein schien als ihr eigener Wille. Zumindest scheiterten ihre Versuche, bestimmten Bildern gleichartige Werke folgen zu lassen. „Ich habe mir Mühe gegeben, das nächste war total verschieden.“

Ohnehin ist Meret Oppenheim auch heute noch vor allem für ihre Objekte, fast muss man sagen: ihr Objekt bekannt. Das Frühstück im Pelz, oder Le déjeuner en fourrure, ließ sie 1936 in die erste Liga der Avantgardekünstler aufrücken. Doch diese Ikone des Surrealismus verstellte jahre-, wenn nicht jahrzehntelang den Blick auf ihr vielfältiges Œuvre. Dazu zählen neben zahlreichen Objekten die bereits angesprochenen Gemälde, Collagen, unzählige Zeichnungen, Fotografien, Entwürfe für Schmuck und Mode sowie der Berner Oppenheim-Brunnen. Und als ob all diese Werke nicht schon Beweis genug für den neugierigen Freigeist Oppenheims wären, gibt es von ihr auch einen Korpus literarischer Werke. Dieser besteht vor allem aus Gedichten, die um einige Prosatexte ergänzt und neu editiert in der Edition Suhrkamp erscheinen.

Weiter geht’s auf den Seiten der Signaturen.

Dieser Berg ist schwer zu rodeln

15. Oktober 2015

T.S. Eliots lyrisches Spätwerk „Four Quartets“ in neuer Übersetzung

Es gibt auf YouTube ein Video mit dem Titel A Reader’s Guide to T.S. Eliot’s „Four Quartets“. Dabei handelt es sich um den Mitschnitt einer Vorlesung, an deren Anfang der vortragende Professor Thomas Howard seinen Studenten einen gewissen Mut dafür attestiert, sich freiwillig mit dem Dichter zu beschäftigen. „Eliots poetry is heavy sledding“, gibt er zu. Sie ist vielschichtig und anspruchsvoll, metaphysisch und symbolisch auf- und manchmal überladen, um nicht zu sagen: schwer verständlich. (Wohl wissend, auf welch dünnes Eis man sich mit so einer Aussage begibt.) Daher ist es naheliegend, sich Hilfe zu holen bzw. Hilfestellung zu leisten, die Lyrik zu vermitteln.

Im Falle Eliots muss die Übersetzung zwingend als Form der Hilfe angesehen werden. Auch wenn man von sich glaubt, über recht ordentliche Englischkenntnisse zu verfügen. So zitiert besagter Prof. Howard in seiner Vorlesung aus den Quartetten „Describe the horoscope, haruspicate…“ unterbricht sich an dieser Stelle und versichert dem Auditorium aus Muttersprachlern „I give you a Dollar, if you know what that means!“ Unter den lachenden Studenten findet sich kein einziger. Haruspication, klärt Howard auf, bezeichnet die Weissagung der Zukunft aus dem Lesen in Tiereingeweiden. In der nun erschienenen Neuübersetzung von Norbert Hummelt ist diese Stelle mit „im Kaffeesatz lesen“ wiedergegeben. Nur eine der zahlreichen Freiheiten, die der Übersetzer sich herausnimmt, was jedoch als zwingend notwendig erscheint.

Weiterlesen auf der der Seiten von Signaturen!

Lohnt es sich zu überleben?

25. September 2015

Die Faszination für (post-)apokalyptische Szenarien scheint für deutschsprachige Autoren ungebrochen zu sein. Vor allem, wenn sie in verschneiter Winterlandschaft spielen. Heinz Helles zweiter Roman Eigentlich müssten wir tanzen tut genau das, erinnert dabei aber wesentlich mehr an Cormac McCarthy als zum Beispiel an Roman Ehrlich.

Die Ausgangslage wirkt ebenfalls vertraut. Eine Fünfergruppe junger Männer verbringt ein gemeinsames Wochenende auf einer Berghütte. Es wird gesoffen, eine Schneebar gebaut, in gemeinsamen Erinnerungen gekramt. Zu sagen haben sich die fünf aber längst nicht mehr so viel wie früher. Sich diese Entfremdung einzugestehen fällt zumindest dem Ich-Erzähler nicht leicht. Als sie sich auf den Weg zurück ins Tal begeben wollen, sehen sie das Dorf unter ihnen brennen. Schnell wird ihnen klar, dass sie zu den letzten Überlebenden einer Welt gehören, die nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was sie bis dahin kannten.

Bei fixpoetry.com gibt es den ganzen Text.

Keine Hoffnung auf Licht

27. August 2015

Als Argentinien 2010 das Gastland der Frankfurter Buchmesse war, konnte man hierzulande eine Fülle wahnsinnig interessanter Autoren kennenlernen. Darunter befanden sich außergewöhnliche Stimmen wie Fabián Casas, Martín Kohan, Lola Arias oder Samanta Schweblin, um nur einige zu nennen. Das ganz große Publikum scheinen viele der damals hoch gehandelten Entdeckten aber nicht erreicht zu haben. 2010 ist für die meisten argentinischen Autoren auch das Jahr der letzten Übersetzung ihrer Werke ins Deutsche gewesen. Das liegt möglicherweise daran, dass die oben Genannten nicht gerade als „Wohlfühlautoren“ bezeichnet werden können. Bei ihnen geht es häufig um die Nachwirkungen der Militärdiktatur, um politische Repressionen, die Perspektivlosigkeit der Jugend in Buenos Aires und dem Rest des Landes. Oder, wie im Falle Schweblins, um existenzielle Bedrohungslagen, die sich der Rationalität entziehen und nur durch ein fantastisches, um nicht zu sagen magisches Weltverständnis annähernd greifbar werden.

Den gesamten Beitrag gibt es hier.

Ein Album surrealistischer Ideen

25. April 2015

Im Januar 2014 berichtet Clemens J. Setz auf dem Suhrkamp-Blog Logbuch von einer wiedergefundenen Mappe mit frühen Geschichten aus den Jahren 2001 bis 2003 und veröffentlichte die Liste der Titel, da sie ihn an die Gedichte John Ashberys erinnerten. Der Autor versprach: „Die ersten fünf Erzählungstitel, die in den Kommentaren zu diesem Post genannt werden, werde ich im nächsten Blogeintrag nacherzählen, mit Textproben. Auch die wirklich peinlichen. Ich werde es bereuen.“

Ein Jahr nach dem öffentlichen Experiment, alte Texte wiederzubeleben, erscheinen diese Nacherzählungen nun in Buchform unter dem Titel Glücklich wie Blei im Getreide. Setz hat es also scheinbar nicht bereut. In 45 kurzen Texten gibt er Einblick in sein frühes Schreiben, seine teilweise skurrile Ideenwelt war schon damals sehr stark ausgeprägt. So erfährt man beispielsweise auf der Texttafel vor dem neunten Gehege vom Affen Pierre, der an einem Tinnitus leidet. „Und einmal im Jahr, meist im Herbst, versuche […] sich das Leben zu nehmen, was natürlich von den Pflegern verhindert werde. Für diesen Event seien allerdings, aufgrund des großen Interesses, Voranmeldungen nötig.“

Den gesamten Artikel bei fixpoetry.com lesen

Die andere Seite der Moral

7. Januar 2015

Die schwindende Präsenz eines ernstzunehmenden Wissenschaftsfeuilletons in den großen Tageszeitungen hat vielleicht dazu beigetragen, dass ein gewisser Rechtfertigungsdruck zum Dauerbegleiter der Geistes- und Sozialwissenschaften geworden ist. Am Beispiel der Soziologie sprach die Schweizer Autorin Daniela Kuhn in der NZZ unlängst von einer „überforderten Wissenschaft“, die zu aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Fragen außerhalb der Fachwelt kaum mehr Stellung beziehen kann. Woran das im Einzelnen liegt, wird in Kuhns Artikel anhand von Aussagen des Basler Soziologieprofessors Max Bergman analysiert.

Doch gleich, zu welchen Ergebnis man bei der Ursachenforschung dieser Sinnkrise auch kommen mag, eines scheint festzustehen: es gab diese Zeit, in der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf Ereignisse und Phänomene der Gegenwart reagiert haben und versuchten, diese einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. So zum Beispiel der weltweit vielleicht bekannteste Sozialanthropologe Claude Lévi-Strauss, der zwischen 1989 und 2000 in sechzehn Artikeln für die italienische Tageszeitung La Repubblica genau das tat. Mit dem Band Wir sind alle Kannibalen erscheinen diese gesammelten Artikel nun erstmals auf Deutsch. Der darin enthaltene Text Gesellschaftliche Probleme: Weibliche Beschneidung und assistierte Reproduktion (Erstdruck 1989) zeigt dabei gleich in mehrfacher Hinsicht, dass die Ausführungen des Franzosen auch heute noch überaus aktuell sind.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com


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