Posts Tagged ‘Signaturen Magazin’

Zeitzünder: German Gothic

26. März 2017

Mein Text German Gothic erscheint in der Rubrik Zeitzünder: Politik & Poesie auf den Seiten der Signaturen. Hier klicken.

… dass sich mal wieder einer an den Faust wagt.

11. Januar 2017

Man muss Raoul Schrott schon allein dafür einigen Respekt zollen, überhaupt ein solches Projekt wie Erste Erde Epos anzugehen. Von latent größenwahnsinnigen Vorhaben träumen vielleicht einige Dichter, sie tatsächlich umzusetzen, gelingt hingegen nur sehr wenigen. Wobei die Kategorien „gelungen“ oder „nicht gelungen“, auf das fertige Buch bezogen, fast schon obszön scheinen. Denn was Schrott mit seinem 850-seitigen Epos versucht, ist nichts weniger als das aktuelle Wissen über die Welt poetisch aufzuarbeiten. Ja, das gesamte Wissen, könnte man tatsächlich sagen, denn Schrotts Erkenntnisinteresse ist unmissverständlich: „ich will verstehen wo ich bin und was“, heißt es im Kapitel Erstes Licht II.
Und ich bin beeindruckt, dass sich mal wieder einer an den Faust wagt. Natürlich im übertragenen Sinne. Aber Schrotts Ansatz, auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Gesamtbildes von Weltall – Erde – Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Verknüpfungen zu denken und zu schaffen, nicht zuletzt, um sich selbst in diesem Gefüge zu verorten, kann man getrost als faustisch bezeichnen. Daran erinnert auch die Szene, in der der ca. sechsjährige Raoul Schrott mittels eines Chemiebaukastens seinen persönlichen Urknall erzeugte:

Erste Erde
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Written to be read aloud

27. Juli 2016

Bereits im Juni hatte ich Kate Tempests Gedichtband „Hold your own“ besprochen. Und vergessen hier auf den Artikel hinzuweisen. Das hole ich hiermit nach:

Wer schon viel über Kate Tempest gehört hat, aber nicht so recht weiß, was all der Hype um sie zu bedeuten hat, sollte sie vielleicht zuerst selbst hören. Ihr Album Everybody Down (2014) oder einen der zahlreichen Livemitschnitte im Internet anschauen. Ihren Auftritt beim Glastonbury Festival im letzten Jahr etwa, den sie mit einem eindringlichen Vortrag ihres Gedichts Hold your own beendete. Ein Text, in dem sie an das Selbstbewusstsein ihrer Generation appelliert und das System aus Konsum, Angst, Unzufriedenheit und vorgezeichneten Lebenswegen grundsätzlich in Frage stellt. Und sich selbst in der Art und Weise ihres Auftretens in die Nachfolge von Allen Ginsberg, Janis Joplin und Jim Morrison.


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Kate Tempest, Jahrgang 1985, Rapperin aus South East London, Dichterin, Roman- und Theaterautorin, ist „die Schriftstellerin der Stunde“, wie es in so manchen Feuilletons heißt. Wer dem Hype verständlicherweise misstraut, ist gut beraten, sich ein eigenes Bild zu machen. Ob der nun bei Suhrkamp erschienene Gedichtband Hold Your Own dafür geeignet ist, darüber lässt sich allerdings streiten. Dass ihre „Glastonbury Adress“ Hold your own im gleichnamigen Band gar nicht auftaucht, ist verwunderlich. Stattdessen ist das Buch in erster Linie eine lyrische Aufarbeitung der antiken Figur Teiresias. Als deutlich erkennbarer roter Faden zieht sie sich durch den Band, angefangen beim einleitenden Langgedicht Teiresias bis hin zum letzten Text Prophet.

Teiresias, das ist jener junge Mann, der durch die Tötung einer Schlange zur Frau wird, später wieder zum Mann und schließlich, zwischen die Fronten eines Streits von Hera und Zeus geraten, zum blinden Propheten, der unter anderem Ödipus nichts Gutes vorauszusagen hat.

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Ein Wald voller Fotos

18. Mai 2016

Thorsten Krämers neuer Gedichtband The Democratic Forest ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Vor allem dann nicht, wenn einen das Verhältnis von Bild und Text, Kunst und Literatur interessiert. Und auch dann nicht, wenn man eine Schwäche für Americana hat.

Besprochen wurde der Band bisher von Stefan Schmitzer und Meinolf Reul. Und ihre Sicht- bzw. Herangehensweisen unterscheiden sich mitunter stark. Was ich gut finde. Hier nun meine Lesart:

„Überhaupt, was ist ein ‚Demokratischer Wald‘?“, fragt Stefan Schmitzer in seiner Besprechung von Thorsten Krämers The Democratic Forest. Der demokratische Wald, möchte ich antworten, ist in jedem Fall eine Metapher. Da leg ich mich fest. Und da kommen wir sicher schnell überein. Nur dass ich diese Metapher anders als mit einem Märchenwald deute. Der demokratische Wald, so scheint mir, ist zweierlei. Zum einem steht er für den Versuch eines Ordnungssystems, bestehend aus Bäumen, die wiederum für etwas stehen. Indem sie sich an einem Punkt häufen, verdichten, wuchern, verkomplizieren sie das System und führen es schließlich ad absurdum. Das führt zum anderen dazu, dass der demokratische Wald ein Paradox ist, ein Labyrinth aus möglichen Wegen, die sämtlich nirgendwohin führen als immer nur im Kreis. Seine Bäume sind „vertikale Grenzen“. Zwischen ihnen scheint Licht hindurch, scheint es Raum zu geben. Dabei bilden sie hohe Mauern und enge Gassen.
The Democratic Forest ist außerdem der Titel einer umfangreichen Arbeit des Fotografen William Eggleston. Eggleston gilt als Wegbereiter der künstlerischen Farbfotografie. In der Tradition von Edward Hopper oder Walker Evans geben seine Aufnahmen in meist minimalistischem Stil Alltagsszenen aus den USA wieder und tragen so zum Motivkanon klassischer „Americana“ bei. In den 1980er Jahren entstanden für das Projekt The Democratic Forest ca. 12.000 Bilder, die 1988 erstmals in einer Auswahl von 150 Fotos erschienen. Sicher war diese erste Auswahl auch ein Versuch, in dem riesigen Korpus für Ordnung und Orientierung zu sorgen.

Der Kölner Autor Thorsten Krämer hat mit seinem gleichnamigen Gedichtband versucht, eine Art „Nachbau“ des 1988 erschienenen Fotobandes zu schaffen. In seinem Vorwort erklärt er: „In meinen Gedichten zu ausgewählten Fotografien aus The Democratic Forest versuche ich, in Eggleston einen reisenden Stellvertreter, oder besser: einen stellvertretenden Reisenden zu sehen. Ich mache die Orte seiner Fotografien zu Orten meiner Gedichte.“ Dabei nimmt er sich die Freiheit, Bildausschnitte zu verändern, „auf ein anderes Licht“ zu warten „oder selbst in das Geschehen“ einzugreifen. Daher seien seine Gedichte „mehr als bloße Bildbeschreibungen“, scheint sich der Autor absichern zu wollen. Ich würde sagen, sie sind überhaupt keine Bildbeschreibungen. Zumindest keine, die der Leser direkt auf Egglestons Fotos beziehen kann, denn diese sind in Krämers Gedichtband nicht mit abgedruckt. Daraus ergibt sich von vorn herein eine Offenheit, die gleichermaßen Loslösung vom Vorbild und Orientierungslosigkeit für den Leser bedeuten kann.

Wenn hier etwa mehrere Gedichte Dallas, Miami oder Pittsburgh heißen, wenn ein Großteil schlicht Untitled ist, welche Rolle spielen dann noch die konkreten Fotovorlagen? Lässt sich ein direkter Zusammenhang überhaupt noch herstellen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass hier neben einem Pool an Fotos ein zweiter Pool mit Texten gefüllt wird? So entstehen zwei Kontingente, die nicht mehr vordergründig von ihrer Bild-Text-Beziehung zusammengehalten werden, sondern vielmehr von der Frage: Lässt sich Wirklichkeit ab- bzw. nachbilden?

 

Bei den Signaturen geht’s weiter.

 

Thosten Krämers Blog „the happy end of navigation“

Gedicht der Woche #2

28. April 2016

Im Februar gab es schon einmal ein „Gedicht der Woche“ (fossile Gewässer) von mir auf den Seiten der Signaturen.

Nun hat es ein weiteres Gedicht (ihr werdet nicht sehen wir schnell wir sind) aus der gleichen Werkgruppe in die Auswahl geschafft.

Bis zum 5. Mai auf der Startseite der Signaturen lesen.

Danach im hochinteressanten Archiv.

 

 

Wir sind andere

18. April 2016

„Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht.“ So das inoffizielle Motto der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin. Man könnte auch sagen: Wovon wir reden, wenn wir über Lyrik reden. Aber das ist nicht das Gleiche und schon gar nicht dasselbe. Zumal es natürlich überaus heikel ist, von einem „wir“ zu sprechen. Gerade in Bezug auf die Lyrik. Aber eben auch generell. Niemand möchte sich vereinnahmen lassen. Und wer vereinnahmt … Sie wissen, worauf ich hinaus will. Wer „wir“ sagt, spricht auch für andere. Wer „wir“ sagt, tritt mit einem erweiterten „ich“ auf. Und erfahrungsgemäß misstraut man ja auch denjenigen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, „ich“ sagen. Wir misstrauen denjenigen, die „ich“ sagen, weswegen wir „man“ sagen, aber doch meistens „ich“ meinen. Das gilt von der Lyrikrezension bis hin zur Habilitationsschrift.

 

Was soll dieser Eiertanz? Was dieser Eiertanz soll? Fragen sind gefragt, Gedanken gesucht. Aber von Antworten hat niemand was gesagt. Und wenn man ich niemand sage … Ach, lassen wir das. Aber es interessiert mich dann schon, warum wir uns mit dem „wir“ so schwer tun. Denn wer „wir“ sagt, spricht nicht zwingend nur für andere. Wer „wir“ sagt, spricht auch über andere und schließt sich selbst mit ein. Das ist besser als Lästern. Das kann ein erster Schritt zu Analyse und produktivem Diskurs sein.

Das habe ich mir auch von Monika Rincks Essay gewünscht. In ihm werden viele Gedanken gedacht. Fragen werden hingegen kaum gefragt, weswegen die Antworten spärlich ausfallen. Wir – Phänomene im Plural ist vor allem eine Aufforderung zum Tanz um die rohen Eier der Personalpronomen, die laut Rinck „gigantische Behälter“ sind.¹ Der Essay startet mit einer Passage in der dritten Person Singular: „Und als sie wieder einmal einen ganzen Vormittag lang einen einzigen Satz schrieb, wieder löschte, verließ sie das Haus und legte sich, wie es unter Diven üblich ist, zum Heulen oberhalb des Friedhofs in den winterlich hell beschienenen Olivenhain. Wie gerne hätte sie sich aufgelöst! Sie kam sich vor wie eine Idiotin, die unter idealen Bedingungen in ihren eigenen Ängsten und Ansprüchen gefangen war.“

Der ganze Artikel auf den Seiten der Signaturen.

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Gedicht der Woche

4. Februar 2016

Das für meine Verhältnisse recht lange Gedicht „fossile Gewässer“ ist von heute an bis zum 11.2. das Gedicht der Woche auf der Startseite der Signaturen. Danach wird es weiterhin im Archiv der vorangegangenen Gedichte der Woche zu finden sein; in dem es sehr viel, sehr gute, aktuelle Lyrik zu entdecken gibt.

Dieser Berg ist schwer zu rodeln

15. Oktober 2015

T.S. Eliots lyrisches Spätwerk „Four Quartets“ in neuer Übersetzung

Es gibt auf YouTube ein Video mit dem Titel A Reader’s Guide to T.S. Eliot’s „Four Quartets“. Dabei handelt es sich um den Mitschnitt einer Vorlesung, an deren Anfang der vortragende Professor Thomas Howard seinen Studenten einen gewissen Mut dafür attestiert, sich freiwillig mit dem Dichter zu beschäftigen. „Eliots poetry is heavy sledding“, gibt er zu. Sie ist vielschichtig und anspruchsvoll, metaphysisch und symbolisch auf- und manchmal überladen, um nicht zu sagen: schwer verständlich. (Wohl wissend, auf welch dünnes Eis man sich mit so einer Aussage begibt.) Daher ist es naheliegend, sich Hilfe zu holen bzw. Hilfestellung zu leisten, die Lyrik zu vermitteln.

Im Falle Eliots muss die Übersetzung zwingend als Form der Hilfe angesehen werden. Auch wenn man von sich glaubt, über recht ordentliche Englischkenntnisse zu verfügen. So zitiert besagter Prof. Howard in seiner Vorlesung aus den Quartetten „Describe the horoscope, haruspicate…“ unterbricht sich an dieser Stelle und versichert dem Auditorium aus Muttersprachlern „I give you a Dollar, if you know what that means!“ Unter den lachenden Studenten findet sich kein einziger. Haruspication, klärt Howard auf, bezeichnet die Weissagung der Zukunft aus dem Lesen in Tiereingeweiden. In der nun erschienenen Neuübersetzung von Norbert Hummelt ist diese Stelle mit „im Kaffeesatz lesen“ wiedergegeben. Nur eine der zahlreichen Freiheiten, die der Übersetzer sich herausnimmt, was jedoch als zwingend notwendig erscheint.

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