Posts Tagged ‘Schreibmaschine’

Verstärkung ist da!

21. Mai 2016

„Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. …

2016-18-5--11-07-18

… Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.“

aus: Rolf Dieter Brinkmann – Vorbemerkung (Westwärts 1 & 2)

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Vom Abbrechen der Feder

27. Februar 2014

Kurze Gedichtentwürfe schreibe ich mit der Hand. Längere Prosaentwürfe schreibe ich hingegen vor allem mit einer mechanischen Schreibmaschine (Olympia SM2). Und obwohl ich den Sound der Mechanik so liebe, hat das nicht in erster Linie nostalgische Gründe, sondern eher praktische. Eine Schreibmaschine hat keinen Internetanschluss und sorgt dafür, dass ich mich beim Schreiben tatsächlich auf den Text konzentrieren kann. Am Computer, der mich dazu verführt in jedem stockenden Moment Dinge nachzuschlagen, zu recherchieren oder bloß E-Mails zu checken, plottet es nicht; zumindest nicht so, wie auf der Schreibmaschine.

Ich beneide Schriftsteller, die mir in Disziplin und Konzentration überlegen sind. So auch Elfriede Jelinek, die sich in einem Interview mit Ingo Niermann ausführlich zur Digitalisierung des Schreibens und des fertigen Textes äußert. „Ich bin nicht leicht ablenkbar.“, antwort die Nobelpreisträgerin auf die Frage, ob das Internet sie vom Lesen und Schreiben abhält. So gelingt es ihr, das Tippen als organische Tätigkeit auszuführen, die dem Denken selbst gleichkommt. „Der erste Schritt des Schreibens ist schreiben, nicht denken.“, sagt William Forrester (gespielt von Sean Connery) in Finding Forrester. Vielleicht ist das die einzig mögliche Herangehensweise, die ich versuche mit der Schreibmaschine umzusetzen. Die Schreibmaschine, deren Name allein wie ein Versprechen klingt. Meine antiquierte Schrulle ist also eher die Suche nach einer Methode.

Und wenn der Text dann steht, steht er; wenn auch manchmal auf wackeligen Füßen. Als Typoskript (Rohfassung, die ihrem Namen meist gerecht wird), als überarbeitetes Manuskript, schließlich als lektorierter Text. Drei Schritte, drei Medien: von der handschriftlichen Notiz, über den mechanischen Entwurf, zum digitalen Text. Und Schluss?

Elfriede Jelinek veröffentlicht ihre Texte nur noch digital auf ihrer Homepage – und nutzt die Möglichkeit sie immer wieder verändern bzw. anpassen zu können. Ältere Fassungen werden vernichtet, der Schreibprozess verwischt. Bei Jelinek gibt es nur noch Endfassungen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart. Die Schokoladenration wird nicht um 5 Gramm gekürzt, sondern auf 25 Gramm erhört. Das Privileg des Autors, der seine Texte nicht mehr in die Hände von Verlegern gibt, ist es, total über seinen Text zu verfügen, so wie der Text vielleicht über den Autor verfügte (Esoterikfalle), als er ihn mechanisch oder digital abtippte.

Siehe auch: Schreiben als Kulturtechnik

Er hat’s verstanden

18. Juli 2010

„Die Vorstellung, dass ich auf einer Schreibmaschine ein Blatt Papier einspanne, alles gediegen Schritt für Schritt, das ist sozusagen wie Bergsteigen. Am Computer kann ich alles vorläufig hinzaubern, schnell tippen ohne Rücksicht auf Verluste und einfach mal speichern. So unterfliege ich den Radarschirm der Selbstkontrolle und damit die dauernde Frage: Ist das gut? Ich bin da mehr wie eine Pistensau beim Skifahren, ohne links und rechts zu schauen. Erst später suche ich mir in Ruhe zusammen, was ich brauchen kann. Und irgendetwas ist dann doch dabei, was ich auch im nüchternen Zustand gelten lasse, obwohl ich es mich im nüchternen Zustand nicht zu schreiben getraut hätte. Mit nüchtern meine ich nicht ohne Alkohol, sondern ohne Übermut, ohne Maßlosigkeit.“

(Wolf Haas; Quelle: hier.)


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