Posts Tagged ‘schreiben’

Vom Abbrechen der Feder

27. Februar 2014

Kurze Gedichtentwürfe schreibe ich mit der Hand. Längere Prosaentwürfe schreibe ich hingegen vor allem mit einer mechanischen Schreibmaschine (Olympia SM2). Und obwohl ich den Sound der Mechanik so liebe, hat das nicht in erster Linie nostalgische Gründe, sondern eher praktische. Eine Schreibmaschine hat keinen Internetanschluss und sorgt dafür, dass ich mich beim Schreiben tatsächlich auf den Text konzentrieren kann. Am Computer, der mich dazu verführt in jedem stockenden Moment Dinge nachzuschlagen, zu recherchieren oder bloß E-Mails zu checken, plottet es nicht; zumindest nicht so, wie auf der Schreibmaschine.

Ich beneide Schriftsteller, die mir in Disziplin und Konzentration überlegen sind. So auch Elfriede Jelinek, die sich in einem Interview mit Ingo Niermann ausführlich zur Digitalisierung des Schreibens und des fertigen Textes äußert. „Ich bin nicht leicht ablenkbar.“, antwort die Nobelpreisträgerin auf die Frage, ob das Internet sie vom Lesen und Schreiben abhält. So gelingt es ihr, das Tippen als organische Tätigkeit auszuführen, die dem Denken selbst gleichkommt. „Der erste Schritt des Schreibens ist schreiben, nicht denken.“, sagt William Forrester (gespielt von Sean Connery) in Finding Forrester. Vielleicht ist das die einzig mögliche Herangehensweise, die ich versuche mit der Schreibmaschine umzusetzen. Die Schreibmaschine, deren Name allein wie ein Versprechen klingt. Meine antiquierte Schrulle ist also eher die Suche nach einer Methode.

Und wenn der Text dann steht, steht er; wenn auch manchmal auf wackeligen Füßen. Als Typoskript (Rohfassung, die ihrem Namen meist gerecht wird), als überarbeitetes Manuskript, schließlich als lektorierter Text. Drei Schritte, drei Medien: von der handschriftlichen Notiz, über den mechanischen Entwurf, zum digitalen Text. Und Schluss?

Elfriede Jelinek veröffentlicht ihre Texte nur noch digital auf ihrer Homepage – und nutzt die Möglichkeit sie immer wieder verändern bzw. anpassen zu können. Ältere Fassungen werden vernichtet, der Schreibprozess verwischt. Bei Jelinek gibt es nur noch Endfassungen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart. Die Schokoladenration wird nicht um 5 Gramm gekürzt, sondern auf 25 Gramm erhört. Das Privileg des Autors, der seine Texte nicht mehr in die Hände von Verlegern gibt, ist es, total über seinen Text zu verfügen, so wie der Text vielleicht über den Autor verfügte (Esoterikfalle), als er ihn mechanisch oder digital abtippte.

Siehe auch: Schreiben als Kulturtechnik

Advertisements

Schreiben als Kulturtechnik

15. September 2013

Sind es die Dinge, die man als gegeben ansieht, oder eben nicht mehr ansieht, weil man sie als gegeben hinnimmt, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigen sollte? Ja, unbedingt! Damit ist allerdings nicht der Strom auf Knopfdruck oder fließendes Wasser aus Leitungen gemeint, obwohl diese zweifelsohne zu den bedeutendsten kulturellen Errungenschaften gehören, die heute als selbstverständlich erachtet werden. Gemeint sind vielmehr kognitive Entwicklungen, wie das Denken, die Sprache und schließlich die Schrift. Diese rückte gemeinsam mit dem Prozess ihrer Entstehung, dem Schreiben, in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Fokus interdisziplinärer Forschung. Gemeint ist damit durchaus die Gesamtpalette von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Da erscheint es nur folgerichtig, dass mit Sandro Zanetti ein Komparatist die Herausgeberschaft einer Sammlung von Grundlagentexten auf sich genommen hat, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven heraus mit dem Phänomen Schreiben als Kulturtechnik beschäftigen.

Zanetti, der sich selbst schwerpunktmäßig mit der Genealogie des Schreibens befasst, spricht in seiner Einleitung vom Schreiben als einer kulturell vorgeprägten Technik, die sich jedoch nicht in der Reproduktion kulturspezifischer Vorgaben erschöpft. „Schreiben ist eine Technik, durch die Kultur ihrerseits geprägt wird: Ein kulturelles Gedächtnis, ja Kultur überhaupt kann sich ohne Praktiken der Aufzeichnung nicht längerfristig etablieren.“ In diesem Sinne weist das Schreiben auch über den bloßen Akt der Aufzeichnung hinaus und schließt Akte des Erinnerns, Erfahrens und des Wissens mit ein, die organisiert, artikuliert und produziert werden müssen. Die Realisierung all dieser Prozesse wird in den versammelten Texten eingehend untersucht und dargestellt. Dabei leistet der Band nicht nur einen ethno- und historiographischen Überblick über die Entwicklung der Schrift von den Urvölkern bis ins Internetzeitalter, sondern gibt grundlegende Einblicke in die methodische Erforschung des Schreibens als Akt bzw. Prozess.

Interessant ist hier vor allem der Aufsatz von Almuth Grésillon Über die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben (1995). Ausgangspunkt der Arbeit Grésillons ist die Kritik an der schreibdidaktischen Annahme, ein Schreibprojekt stelle für den Schreiber ein zu lösendes Problem dar. Dieses der Psychologie entlehnte „Problemlösemodell“ versteht den komplexen Akt des Schreibens als in Teilprozesse zerlegbar, die „ihrerseits durch kognitive Prozesse gesteuert werden“. Grésillon lehnt eine solche Analyse des Schreibprozesses nicht grundsätzlich ab, macht aber auf die terminologische wie methodische Verwässerung des Modells aufmerksam, wenn dieses Tagebuchnotizen und wissenschaftliche Abhandlungen gleich behandle. Daher sollte stets der Versuch unternommen werden, Schreibprozesse „anhand experimentell kontrollierter oder materiell abgesicherter Spuren und Indizien“ wissenschaftlich erfassbar zu machen. Nicht zuletzt die Quantenphysik hat jedoch bewiesen, dass Versuchsanordnungen immer auch in den zu untersuchenden Prozess eingreifen. Grésillon weiß um dieses Problem und gibt zudem zu bedenken: „Die derzeitige Lage scheint verzerrt durch Überbewertung didaktisch orientierter, als Problemlösefälle darstellbarer Prozesse. Dagegen werden Arbeiten zu literarischen Schreibprozessen weitgehend ignoriert oder ausgeklammert, obwohl diese über sonst selten so reich dokumentierte Schreibspuren verfügen.“ Spuren und Hinweise also, die frei von verfälschenden Versuchsanordnungen entstanden sind. Die Kritik der Unvereinbarkeit von didaktisch orientiertem und kreativem Schreiben weist Grésillon zurück. „So wie Jakobson seine Aphasieuntersuchungen anstellte, um die Regularitäten der Sprache zu entdecken, so wie Freud das Versprechen, Verlesen und Verschreiben untersuchte, um die Gesetzlichkeiten des Unbewußten auf die Spur zu kommen, ebenso läßt sich die Hypothese aufstellen, daß man gerade über extrem komplexe, ja in gewissem Sinn anormale Schreibprozesse wie die der Literatur sich am ehesten einem generellen Schreibprozeßmodell annähern könnte.“ In den Analysen verschiedener Manuskripte und Dokumente von Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Emile Zola und Franz Kafka unterscheidet Grésillon nachvollziehbar in Schreiber, die literarische Teilprozesse entweder schriftlich, gedanklich oder gar nicht planen. Demnach kann das Schreiben in mehr oder minder rationalisierbare Prozesse unterteilt werden, die sich nicht allein aus der Inspiration speisen und somit didaktisch zu vermitteln sind.

Mittendrin in der Erforschung literarischer Schreibprozesse ist auch Davide Giuriato, auch wenn sein Fokus mehr auf medienhistorischen Entwicklungen liegt. In seinem Aufsatz Maschinen-Schreiben (2005) folgt er dem von Rüdiger Campe vorgeschlagenen Begriff der „Schreibszene“, welcher die Instrumentalität, die Geste und die Thematisierung bzw. Inszenierung des Schreibens zueinander in Beziehung setzt. Besonderes Augenmerk legt Giuriato auf die Besessenheit mancher Schriftsteller von ihren Schreibgeräten. So feierte Alfred Polgar die Schreibmaschine 1922 mit folgenden Worten: „Geist, Phantasie, Einfall: alles recht gut. Aber wichtiger ist die Schreibmaschine. Mit ihrer Hilfe geht alles Dichten zwanzigmal so schön. Bleistift und Feder sind totes Material. Es genügt leider nicht, sie in die Hand zu nehmen und übers Papier laufen zu lassen, damit sie schreiben. Man muss sie zu Lettern und Worten zwingen.“ Infolgedessen ist die Schreibmaschine für Polgar eine regelrechte Dichtermaschine, die den Schriftsteller in letzter Konsequenz nur noch als in Gang setzendes Medium braucht. Diese Ansicht gleicht nicht nur dem alten Mythos der Bildhauerei, demnach der Künstler die Skulptur nur aus dem Stein befreien müsse, sie ebnet auch einer Technik den Weg, die spätestens mit den französischen Surrealisten als „écriture automatique“ bekannt werden sollte. Zudem ist sie aber auch die Einsicht in einen, durch technischen Fortschritt bedingten, kulturellen Paradigmenwechsel. Das Zeitalter der standardisierten Serienproduktion, das um 1900  beginnt, stellt das Prinzip „Autorschaft“ radikal in Frage. Bevor jedoch die endgültige Emanzipation des Textes von seinem Schreiber (etwa durch Roland Barthes) gefeiert werden kann, führt die Einführung der Schreibmaschine zu einem Diskurs, der sich unter anderem um die Begriffe Individualität, Authentizität, Defekt und Aura dreht. Was Walter Benjamin für die bildende Kunst durch seine Abhandlung Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit (1935) verdeutlichte, schaffte Sigfried Kracauer (im Dialog mit Benjamin) für die Literatur. Sein Text „Das Schreibmaschinchen“ von 1927 erzählt von der obsessiven Beziehung eines Schreibers zu seiner Schreibmaschine. Diese wird durch den Defekt einer Taste, der durch einen dritten behoben werden muss, empfindlich, letztendlich komplett gestört. Der Defekt, der das Serielle zu einem Individuum macht, lässt nur den Kurzschluss zu, dass es sich bei dem individuellen Schreiber um einen Maschinendefekt handelt. Was beweist das aber? Für Benjamin, der wie Kafka und viele andere Zeitgenossen auch, die Schreibmaschine ablehnte, von seinem Füllfederhalter jedoch ebenso besessen war, gilt: „Über den durch das Zeitalter der Maschinenschrift hervorgetretenen Verlust an Authentizität und Individualität artikuliert die Handschrift ganz im Zeichen dieses Selbstverlustes ihr eigenes Werden als je individuelle Tätigkeit.“ (Giuriato) Vom Begriff der „Aura“ ist dies nicht allzu weit entfernt und Benjamin ist sich sicher: „Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht.“

Die essentielle Wichtigkeit medienhistorischer Entwicklungen für das Schreiben in der Moderne wird auch von Friedrich Kittler deutlich herausgestellt. Kittler, der immer noch als eine Art Gottvater der literaturhistorischen Medientheorie gilt, legt anhand eines beeindruckenden Essays die Bedeutung der Kunsterziehungsbewegung um 1900 als Grundstein des modernen Romans in Gestalt von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) dar. Die Kunsterziehungsbewegung plädierte für eine Befreiung des klassischen Schulaufsatzes aus dem tradierten didaktischen Korsett hin zu einer freien Entfaltung der Themen und Sprache der Schüler. „Dialekt und Kindersprache, vordem abzustellende Unsitten, hießen mit einemmal Begabungen, denen gegenüber die Hochsprache deutscher Dichtung zum nie gesprochenen Sonderfall herabsinkt.“ In den Aufzeichnungen Maltes sieht Kittler nun die direkte Nutzbarmachung des freien Aufsatzschreibens, mit dessen pädagogischer Entwicklung sich Rilke nachweislich beschäftigte. Die Abschaffung des Rotstiftes ist demnach die Geburtsstunde moderner Prosa, deren Hauptmerkmal für Kittler die Nichtkorrektur ist. So weit, so gut und so richtig, mag man meinen, auch wenn hier die Gefahr besteht, den Dichter als schreibenden Naturburschen zu idealisieren. Doch Kittler wäre nicht Kittler, würde er seine Analysen nicht selbst gewaltig schmälern, indem er für sich ein Deutungsmonopol beansprucht, dessen Vehemenz in der jüngeren Literaturwissenschaft seines gleichen sucht. Denn „wer diesem Text [d. i. Malte Laurids Brigge – M.O.] noch mit Maßstäben kommt, mit der Ästhetik der Romanform oder den Krankheitsbildern der Psychoanalyse, hat nichts begriffen.“ Bei dieser Aussage weiß man nicht, was Kittler als erstes anzukreiden ist: seine Ignoranz gegenüber der vielfältigen Auslegung ein und desselben Textes, oder die Missachtung der Tatsache, dass die Psychoanalyse als wissenschaftliche Revolution nachweislich einen mindestens genauso bedeutenden Einfluss auf die zeitgenössischen Schriftsteller hatte, wie das freie Aufsatzschreiben.

Wer sich selbst ein Bild von Friedrich Kittlers Theorie der Entwicklung moderner Prosa machen möchte, sollte zum Band „Schreiben als Kulturtechnik“ greifen. Das sollte man übrigens ebenso tun, wenn man wissen will, wie es um das Schreiben im Zeitalter des Web 2.0 bestellt ist und warum Claude Lévi-Strauss im Jahre 1915 versehentlich einen Nambikwara-Häuptling entmachtete, als er ihm das Zivilisationsgut Schrift mitbrachte.

Sandro Zanetti (Hg.): Schreiben als Kulturtechnik. ISBN: 978-3-518-29637-0, 18,00€, Suhrkamp, Berlin 2012

Dieser Artikel erschien zuerst auf fixpoetry.com.

Er hat’s verstanden

18. Juli 2010

„Die Vorstellung, dass ich auf einer Schreibmaschine ein Blatt Papier einspanne, alles gediegen Schritt für Schritt, das ist sozusagen wie Bergsteigen. Am Computer kann ich alles vorläufig hinzaubern, schnell tippen ohne Rücksicht auf Verluste und einfach mal speichern. So unterfliege ich den Radarschirm der Selbstkontrolle und damit die dauernde Frage: Ist das gut? Ich bin da mehr wie eine Pistensau beim Skifahren, ohne links und rechts zu schauen. Erst später suche ich mir in Ruhe zusammen, was ich brauchen kann. Und irgendetwas ist dann doch dabei, was ich auch im nüchternen Zustand gelten lasse, obwohl ich es mich im nüchternen Zustand nicht zu schreiben getraut hätte. Mit nüchtern meine ich nicht ohne Alkohol, sondern ohne Übermut, ohne Maßlosigkeit.“

(Wolf Haas; Quelle: hier.)


%d Bloggern gefällt das: