Posts Tagged ‘Rezension’

Mario Osterwald bespricht József Attilas „Liste freier Ideen“

6. Februar 2018

Ostermann, Osterwald, Osterland, Osterberg, Osterfeuer… Hauptsache József Attila lesen!

 

roughblog

„Gedankenprotokoll oder Langgedicht, Autobiografie oder Fiktion? József Attilas Liste freier Ideen ist nichts für Gattungsfetischisten; für zartbesaitete Leser erst recht nicht. Der ungarische Dichter, der zu den bedeutendsten seines Landes gehört, ist im deutschsprachigen Raum, wenn überhaupt, vor allem für seine Lyrik bekannt. Nur wenige dürften darüber hinaus das Schicksal des aus der Kommunistischen Partei Ungarns ausgeschlossenen Freudomarxisten und suizidalen Schizophrenen kennen. Nun, woher auch? könnte man fragen. Die biografischen Informationen im Internet sind spärlich, eine Biografie auf Deutsch gibt es nicht. Und das, obwohl Jószef für zahlreiche Kritiker und Literaturhistoriker in eine Reihe mit Größen wie Kavafis, T.S. Eliot oder Pessoa gehört.

    Umso schöner ist es da, dass bei roughbooks nun ein Text Józsefs erscheint, der es bisher in keine Werkausgabe geschafft hat, bis 1990 sogar mehr oder minder geheim gehalten wurde. Die Liste freier Ideen ist im Wortsinne ein aufschlussreiches Dokument, da es als Schlüsseltext zum Verständnis Józsefs…

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Nochmal Handke

31. Januar 2018

Ich lese mich immer noch durch den „Handke-Kosmos“. Nicht kontinuierlich, nicht Buch für Buch. Aber seit Dezember 2016 stetig und nach Ausflügen in andere Bücher, zu anderen Autor*innen, immer wieder zu Handke zurückkehrend. Hier nun die vorerst letzte Rezension zu all dem. Eine Art Kompass durch das Werk.

Das weitverzweigte Werk

Peter Handke Kosmos heißt die neue Website, die der Suhrkamp Verlag anlässlich des 75. Geburtstages seines Hausautors eingerichtet hat. Darauf kann man sich assoziativ durch Schlag- und Stichworte aus Handkes Gesamtwerk klicken, bekommt kurze Erklärungen, Textauszüge, Audio- oder Videoausschnitte zu „Niemandsbucht“, „Beschreibungsimpotenz“ oder „Pilze“ angezeigt. Ein Kosmos, der dem treuen Lesekreis bekannt sein dürfte; ein Kontinent, der dazu einlädt – ganz im Sinne des Autors – immer wieder lohnend neu entdeckt zu werden. Und das nicht zuletzt deswegen, weil der „Kosmos“, um in dieser Gesamtwerksmetapher zu bleiben, von Handke stetig fortgeschrieben wird.

Diese Fortschreibung ist, neben dem halbrunden Geburtstag im vergangenen Dezember, sicher einer der Gründe dafür gewesen, die Peter-Handke-Ausstellung zu Leben und Werk in seinem Heimatort Griffen in Kärnten nach fünf Jahren (und insgesamt zehn Jahren ihres Bestehens) nicht nur ein weiteres Mal zu erneuern, sondern gleich völlig neu zu konzipieren. Die dafür verantwortliche Kuratorin, die Wiener Literaturwissenschaftlerin Katharina Pektor, hat dafür eine beeindruckend umfangreiche Arbeit geleistet. Davon zeugt über die Ausstellung hinaus der von ihr herausgegebene Begleitkatalog, der in Handkes Salzburger „Zweitverlag“ Jung und Jung erscheint.

Mit zahlreichen Fotografien, Faksimiles von Manuskripten und Briefen, Zeittafeln sowie Essays zu einzelnen Aspekten des Gesamtwerkes geht der Katalog weit über seine Funktion als Begleitbuch zur Ausstellung hinaus. Pektor hat hier vielmehr ein Buch zusammengestellt, das ohne Übertreibung als eine Art Handke-Enzyklopädie gelten kann. Kein wissenschaftliches Handbuch, aber doch ein detailliertes und dennoch übersichtlich aufgemachtes Nachschlagewerk zu Biografie, Werkphasen und Arbeitsweisen des Österreichers.

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75

6. Dezember 2017

Peter Handke wird heute 75. Ich wünsche ihm von Herzen noch viele Jahre. Meine Besprechung seines „Letzten Epos“ Die Obstdiebin kann man jetzt auf fixpoetry.com lesen.

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Auf Seite 166 dieser „einfachen Fahrt ins Landesinnere“ sagt der Ich-Erzähler, der seinem Autor Peter Handke zum Verwechseln ähnlich ist, ähnlich sein muss: „Es ist jetzt die Zeit, zu erzählen, was es mit der »Obstdiebin« auf sich hat; Zeit, zu erzählen, wie aus ihr »Die Obstdiebin« geworden ist.“ Erst nach über einem Viertel also, wenn man den Text quantifizieren möchte, setzt die „eigentliche“ Erzählung von der Obstdiebin und ihrer Wanderung in die und in der Picardie ein. Von einer Handlung, gar einem Plot will ich nicht sprechen, auch wenn man etwas in dieser Richtung nacherzählen könnte. Aber wozu? 166 Seiten, genau genommen 158 Seiten, des Anschubs, des Hinführens zur Erzählung braucht es also, dass der Leser ausreichend vorbereitet, ausgestattet, gewappnet scheint, um der Obstdiebin durchs ländliche Frankreich zu folgen. Und die Seiten davor? Sie sind der Auszug des besagten Ich-Erzählers selbst, aus dem Pariser Vorort Chaville nach Lavilleterte im Vexin. Eine kleine Reise, die noch einmal – ein letztes Mal? – Große Erzählung im Wortsinne „auf den Weg“ bringt, einer Figur nachspürt, die ganz klar vor einem steht und sich dennoch nicht fassen lässt. Die, sich selbst überlassen, vielmehr von sich preisgibt, als wenn ein Ich-Erzähler ihr nachstellt. Weswegen er sich zurückziehen muss, um der Erzählung von der Obstdiebin ihren Lauf zu lassen.

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Der Wiedergänger

13. November 2017

Einem Farmerjungen wird die Enge der winterlichen Einöde zu bedrückend. Bei Nacht beschließt er, sein zu Hause zu verlassen, auch wenn er den Vater in Zorn, die Mutter in Kummer zurücklässt. Nach sieben Tagen des Reitens stirbt das Pferd des Jungens. Zu Fuß erreicht er eine nahe gelegene Stadt, doch Fremde sind hier nicht willkommen. Es fällt nur ein einziger Schuss, aber der ist folgenreich. Der Junge schleppt sich an ein Flussufer und beklagt sich bei seinem Schöpfer. Herr, soll das mein Schicksal sein? Zu sterben, weil ich die Welt sehen wollte, die du geschaffen hast?

Reinhard Kleists Graphic Novel Nick Cave – Mercy on me beginnt dramatisch und mit rasantem Tempo. Doch das ist nur bedingt die Schuld des Autors. Kleist, der mit seinen biografischen Büchern über Johnny Cash, H.P. Lovecraft oder Fidel Castro längst zur ersten Liga internationaler Comiczeichner gehört, orientiert sich in seinem neuesten Werk stark an den Songs seines Protagonisten. Sie sind es, die dem Comic ihre erzählerische Struktur geben, womit sich Kleist ein Stück weit Cave ausliefert, so wie der Farmerjunge in The Hammer Song seinem Schöpfer ausgeliefert ist.

Nick Cave der Musiker, Schriftsteller, Filmemacher ist nicht einfach zu begreifen. Dabei lässt sich sein Leben relativ einfach nacherzählen. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Australien, gründete er als Teenager seine erste Band The Boys Next Door, die sich später in The Birthday Party umbenannten. Er verlebte eine intensive Sturm-und-Drang-Zeit in London und West-Berlin, die nicht nur von legendären Punkkonzerten, sondern auch von Heroin und zunehmender künstlerischer Orientierungslosigkeit geprägt war.

[Die ganze Besprechung auf fixpoetry.com]

Die Überbetonung des Politischen

10. November 2017

Es ist schon fast zehn Jahre her, da eröffnete im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel Kassandra. Visionen des Unheils 1914 – 1945. Die Schau zeigte vor allem Werke deutscher Künstler, die aus der historischen Distanz betrachtet als Vorahnungen, wenn nicht sogar Warnungen vor den bevorstehenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelesen werden können. Nur schien seinerzeit niemand die Zeichen lesen zu können oder zu wollen. Ganz wie in der griechischen Mythologie, in der Kassandra zwar die Zukunft vorhersehen kann, sie jedoch dazu verdammt ist, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt.

Als die Ausstellung im November 2008 eröffnete, kam jedoch kaum jemand auf die Idee, ihre Inhalte auf die gegenwärtige Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar war die NPD damals in gleich zwei Landtagen vertreten, blamierte sich im parlamentarischen Alltag Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns jedoch bis auf die Knochen und demontierte sich folgerichtig selbst. Und die AfD war „noch nicht mal ein feuchtes Glimmen in den Augen von Bernd Lucke“, wie sich Christian Lindner, freilich in einem ganz anderen Zusammenhang, ausdrückte. Folglich war auch der feuilletonistische Ruf danach, dass Künstler und Schriftsteller viel politischer malen, schreiben, agieren sollen, längst nicht so in Mode wie heute.

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Natürlich blickt man 2017 von einem etwas anderen Standpunkt auf die Bedingungen der Kulturschaffenden der Zwischenkriegszeit zurück. Seit die von der Großen Koalition eingeschläferte Demokratie der Bundesrepublik mit nicht zu unterschätzenden Herausforderungen konfrontiert wird, gehört der panische Rückblick auf und die bisweilen schiefen Vergleiche mit dem Geistes- und Gesellschaftsleben der Weimarer Republik zum Standardrepertoire intellektueller Zeitanalysen, -diagnosen, -prognosen. Nicht, dass derlei Geschichtsbewusstsein, derlei Verweise und Erinnerungen nicht angebracht wären, doch sind es nach wie vor die mit kühlem Kopf und historischem Sachverstand geschriebenen Texte, die am ehesten dazu beitragen, die aktuelle politische Entwicklung gerade auch in ihren historischen Dimensionen richtig einzuordnen.

[Den ganzen Artikel gibt es auf fixpoetry.com]

Eine Privataudienz

19. Oktober 2017

Es liegt ein gewisser Reiz im Spiel mit Anachronismen und so kann man schon einmal hellhörig werden, wenn ein bekannter, etablierter Dichter wie Uwe Kolbe im Jahr 2017 einen Buch mit Psalmen veröffentlicht. Nach dem Lesen bleibt jedoch die Frage nach dem Warum? offen. Soviel scheint aber festzustehen: Ein Spiel mit Gott wagt Kolbe nicht.

Er habe in früheren Gedichten hin und wieder eine göttliche Instanz angesprochen, sagt Kolbe, diese sei aber unbestimmt gewesen und stets mit ironischer Rede verbunden. Mit anderen Worten, eine echte Annäherung fand im Gedicht nicht statt, denn Ironie und Glaube lassen sich nicht in Einklang bringen. Jetzt, mit 60 Jahren, traut sich Kolbe konkreter von Gott zu sprechen, ihn anzusprechen. Er tut das in Form von Psalmen, deren Adressat konsequenterweise ein alttestamentarischer Gott sein muss, der sich jedoch nicht mit Kolbes Erfahrung deckt. Vielmehr findet er das Göttliche im Naturerlebnis, wie er sagt. Ein Widerspruch, vielmehr eine Kluft, die hier entsteht und auch mit Rückgriff auf die Tradition der Psalmen nicht überbrückt werden kann.

Weiterlesen auf fixpoetry.com

Die Mitschrift des Wirklichen

23. Juli 2017

Journalromane, Journalgeschichten, Journalsätze hat Jürgen Becker einige geschrieben und publiziert. Nun also ein Journalgedicht mit dem Titel Graugänse über Toronto, das irgendein Scherzkeks im Wikipedia-Artikel des Autors mit dem Gattungszusatz [Kurzprosa] versehen hat. Da kann man schon mal schmunzeln. Die Gattungsfrage, bei der nicht mehr nur Autoren und Kritiker, sondern mittlerweile sogar Literaturwissenschaftler müde abwinken, sie wird hier und da doch noch gestellt, ist scheinbar nicht ganz und gar überwunden. Und wenn mich auch zuerst die Bezeichnung Journalgedicht auf Beckers neues Buch aufmerksam werden ließ, so merkt man doch gleich auf Seite eins, das in Gattungen zu denken hier vollkommen irrelevant ist.

… Neue Formate,
ich komme auch nicht mehr mit.


Es geht um die Mitschrift
des Wirklichen, und wie es die Schrift verändert –

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Den ganzen Artikel hier lesen.

„Sie hätten das auch geschrieben“ – „Planetenwellen“ von Bob Dylan

21. Juli 2017

Das ist schon eine komische Geschichte mit Bob Dylan und dem Literaturnobelpreis. Aber ich will sie hier nicht noch einmal erzählen, nicht noch einmal plädieren, dass Lyrics Literatur sein können, nicht noch einmal nachdenken, ob Dylan der richtige ist, nicht noch einmal spotten, dass der Nobelpreis Dylan nötiger hat als umgekehrt. Und trotzdem benutze ich diese Geschichte noch einmal kurz, um diese Besprechung einzuleiten, weil es die Besprechung zu einem Buch ist, das es ohne die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an seinen Autor wohl gar nicht gegeben hätte.
Wenn man am 13. Oktober 2016 die Website des großen Internet(buch)händlers nach Titeln des frisch verkündeten Preisträgers durchsucht hätte, hätte man nicht gerade viele finden können. Und das, obwohl die ersten und energischsten Befürworter der Entscheidung darauf bestanden, dass Dylan eben nicht nur Songwriter sei, sondern auch Verfasser von „echter“ Lyrik und Prosa, die jedoch in Vergessenheit geraten ist. Ganz zu schweigen von der Autobiografie Chronicles Vol. 1. Eine moderne Version von Dichtung & Wahrheit mit deutlicher Wichtung zur Dichtung (pardon), die man an besagten 13. Oktober allenfalls als zerfleddertes second-hand-Taschenbuch für 50 Cent (3 Euro Versandkosten) hätte haben können. Am Tag danach allerdings nicht mehr. Ansonsten war ein schmales rotes Reclam-Bändchen mit von Heinrich Detering ausgesuchtesten Lyrics zu haben, eine lesenswerte Reclam-Biografie, die von ihrem Verfasser, ebenfalls Detering, fast jährlich aktualisiert wird (zuletzt Anfang 2016 – schlechtes timing, 2. pardon) und eine Handvoll Sekundärliteratur. Darunter ein Buch von Detering zum Spätwerk Dylans, das beweist, dass der Preis weder zu Unrecht noch zu spät vergeben wurde.

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Den ganzen Artikel gibt es hier.

 

Letzte Beiträge

30. Juni 2017

Ich habe seit April, nach längerer Rezensionspause, wieder ein paar Bücher für fixpoetry.com und das Signaturen Magazin besprochen und versäumt sie über dieses Blog weiterzugeben. Das hole ich jetzt nach:

Für Fixpoetry besprochen:

Szilárd Borbély – Kafkas Sohn (Prosa)

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten (Roman)

Für Signaturen:

Kate Tempest – Brand New Ancients/ Brandneue Klassiker (Lyrik)

Bericht von den 20. Thüringer Literatur- und Autorentagen auf Burg Ranis

Nach wie vor verwaist dieses Blog ein wenig, sorry. Dafür bin ich WordPress hier treu.

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Bis bald und schönen Sommer!

… dass sich mal wieder einer an den Faust wagt.

11. Januar 2017

Man muss Raoul Schrott schon allein dafür einigen Respekt zollen, überhaupt ein solches Projekt wie Erste Erde Epos anzugehen. Von latent größenwahnsinnigen Vorhaben träumen vielleicht einige Dichter, sie tatsächlich umzusetzen, gelingt hingegen nur sehr wenigen. Wobei die Kategorien „gelungen“ oder „nicht gelungen“, auf das fertige Buch bezogen, fast schon obszön scheinen. Denn was Schrott mit seinem 850-seitigen Epos versucht, ist nichts weniger als das aktuelle Wissen über die Welt poetisch aufzuarbeiten. Ja, das gesamte Wissen, könnte man tatsächlich sagen, denn Schrotts Erkenntnisinteresse ist unmissverständlich: „ich will verstehen wo ich bin und was“, heißt es im Kapitel Erstes Licht II.
Und ich bin beeindruckt, dass sich mal wieder einer an den Faust wagt. Natürlich im übertragenen Sinne. Aber Schrotts Ansatz, auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Gesamtbildes von Weltall – Erde – Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue Verknüpfungen zu denken und zu schaffen, nicht zuletzt, um sich selbst in diesem Gefüge zu verorten, kann man getrost als faustisch bezeichnen. Daran erinnert auch die Szene, in der der ca. sechsjährige Raoul Schrott mittels eines Chemiebaukastens seinen persönlichen Urknall erzeugte:

Erste Erde
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