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Till Lindemann dichtet Rohlinge

28. Juli 2015

 

„Ich bin ein riesiger Rammstein-Fan. Aber die Leute in den Konzerten wissen teilweise nicht mal wie man eine Banane öffnet.“ (Olli Schulz)

Auch der Erfolg von Jan Wagners Regentonnenvariationen kann nichts daran ändern, dass der derzeit meistverkaufte (und wahrscheinlich auch meistgelesene), lebende deutschsprachige Dichter Till Lindemann ist. Dabei kann man natürlich einwenden, dass es sich bei der neu editierten Doppelausgabe Die Gedichte, bestehend aus den bisherigen Lindemann-Gedichtbänden Messer (2002) und In stillen Nächten (2013), wohl in erster Linie um einen Rammstein-Fanartikel handelt. Lindemann selbst will seine Lyrik jedoch unabhängig von seinen Songtexten für Rammstein verstanden wissen. Ein Wunsch, der gleich in mehrfacher Hinsicht nur schwer zu erfüllen ist. Zu dominant und einprägsam ist Lindemanns Umgang mit der deutschen Sprache, die er als Sänger und Texter einer ikonisch gewordenen Industrial-Metal-Band im Ausland so populär machte wie kaum jemand vor ihm. Zu nah sind obendrein der sprachliche Duktus und vor allem die thematische Ausrichtung seiner Gedichte an den Inhalten der Rammstein-Songs.

Einwenden könnte man zudem, dass Till Lindemann ja gar kein richtiger Dichter sei und der Vergleich mit dem Erfolg Jan Wagners auch deshalb von vorn herein hinkt. Dass die Gefahr besteht, die Regentonnenvariationen könnten zu einer Art lyrischem Fanartikel des Bildungsbürgertums verkommen, lasse ich dabei außen vor. Doch wo Wagner, gerade auch wegen seines Erfolges, zu Recht breit rezipiert wird, wird der noch erfolgreichere Lindemann weitgehend ignoriert. Ernstzunehmende Besprechungen seiner Gedichte sucht man in den großen Feuilletons meist vergebens. Über seinen Status als Lyriker machten sich eigentlich nur Moritz von Uslar und (ausgerechnet) Georg Diez ein paar Gedanken. Für jemanden, dessen Lieder sogar in Nord- und Südamerika gesungen, in Skandinavien und Russland gar im Deutschunterricht behandelt werden, scheint das ziemlich wenig. Vielleicht ist das auch ein Indiz dafür, dass Lindemann nicht ohne Rammstein betrachtet werden kann. Da man über diese Band alles zu wissen scheint und sie auch niemanden mehr wirklich schockt, braucht man über die Lyrik ihres Frontmanns scheinbar kein Wort mehr zu verlieren.

Scheinbar. Hier gibt es die ganze Besprechung.

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