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Zweiter Tag der Verhandlung

2. Februar 2015

Neben mir auf der Anklagebank saßen zu meiner Rechten Michel Houellebecq, zu meiner Linken ein kleiner Junge, der sich schon vor dem Prozess solidarisch mit mir zeigte. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er der beste Freund des Ermordeten war.

Die Vollzugsbeamten händigten mir meine Aufzeichnungen vom ersten Verhandlungstag aus. Ich hatte nur noch vage Vorstellungen davon, was all das Gekrakel aus teilweise selbst erfundenen Abkürzungen zu bedeuten hatte.

Die Verhandlung musste schon begonnen haben, denn auf der anderen Seite des Saals steckten die Richterin und die Staatsanwälte die Köpfe zusammen und diskutierten, wenn auch nur halblaut, so doch einigermaßen aufgebracht.

Ich sah hinüber zu Houellebecq, der in einer deutschen Ausgabe von Jugend ohne Gott blätterte, die mit lauter pinken post-its versehen war. Dabei fiel ein ebenfalls pinker Zettel aus dem Buch heraus, der eindeutig meine Handschrift trug. Houellebecq sah mich an und lächelte so freundlich, dass ich das Gefühl bekam niemals in meinem Leben einen anderen Freund gehabt zu haben. Er beugte sich etwas zu mir herüber und flüsterte: „Heute Abend wird es reichlich Champagner geben. Ich kenne ein Café in dem man uns wie Könige behandeln wird.“

„Seit gestern besitze ich ihr neues Buch“, antwortete ich. „Meine Mutter hat es mir gebracht. Ich bin sehr gespannt. Man liest ja viel Gutes…“

„Vielen Dank“, sagte Houellebecq. Eine Rezension habe ich selbst geschrieben. Man weiß ja nie.“

Er zuckte mit den Schultern und wir mussten beide kichern, sodass wir von der Richterin ermahnt wurden, die sich unbemerkt unserem Tisch genähert hatte. „Meine Herren, ich bitte Sie…“, war alles was sie zu sagen hatte. Es klang wenig anklagend, fast schon mitleidig.

Ich sah mich im Saal um und blickte in verständnislose Gesichter. Ich schluckte und fürchtete es versaut zu haben. Mir wurde warm und vielleicht stiegen mir sogar Tränen in die Augen, aber zu sagen hatte ich wirklich nur die Wahrheit.

„Es tut mir leid, euer Ehren, aber ich kann einfach nicht mehr. Die ewigen Aufschübe, die lange Pause zwischen den Verhandlungen, die Verhöre… Es fällt mir wirklich schwer mich zu erinnern… und… Ich meine… ich sitze unschuldig im Knast!“

Der Junge neben mir klatschte jetzt leise vor sich hin, worauf die Richterin zu ihm ging, ihm die Hand auf den Rücken legte und sagte: „Du gehst besser heim.“

Der Kleine stand auf und folgte ihren Worten ohne jeden Protest, jedoch nicht, ohne mich vorher zu umarmen. Er wünschte mir Glück und tapste dann eilig zur Saaltür. Ich sah auf das blank gebohnerte Parkett und rief ihm nach, er solle langsam gehen. Daraufhin ging ein leises Raunen durch den Saal und Houellebecq legte mir den Arm um die Schultern.

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