Posts Tagged ‘Poetik’

Mehr Feuer, keine Angst

15. August 2016

Clemens Meyers Frankfurter Poetikvorlesungen „Der Untergang der Äkschn GmbH“

Reden wir nicht über das Feuilleton. Reden wir nicht über den Literaturbetrieb. Reden wir nicht über das Bildungsbürgertum. Reden wir nicht über Konventionen, Sensationen und Exotik. Reden wir nicht über Tätowierungen, Inszenierungen und Bier. Reden wir nicht über Leipzig, Leipzig-Ost, Süd, West, Nord. Reden wir über Literatur. Und darüber, wie Clemens Meyer darüber redet.

Mit „Der Untergang der Äkschn GmbH“ sind seine Frankfurter Poetikvorlesungen überschrieben, die jetzt in Buchform veröffentlicht wurden – zumindest vier der fünf Vorlesungen (was mit der letzten passiert ist, erfährt man nicht). Ihre Kernthemen, u.a. Retsina, Thüringer Klöße und Bratwürste, werden jedoch in einem Register erklärt bzw. bearbeitet.

Frage: Was hat das mit Literatur zu tun?
Antwort der Äkschn GmbH: Alles hat mit allem zu tun.

Die Äkschn GmbH ist Meyers persönlicher Kanon aus Schriftstellern, Regisseuren, Künstlern, die ihn beeinflussen, beeindrucken und die letztlich in seinen eigenen Büchern beinhaltet sind. Denn egal, was man bisher so von den Poetikvorlesungen gehört haben mag – so unkonventionell, wie man Meyer und sein Schreiben gern darstellt, sind die Texte dann auch wieder nicht. Wie zahlreiche andere Autoren vor ihm lotet auch Meyer sein eigenes Werk im Rahmen der Vorlesungen aus und gibt unzählige Hinweise darauf, wie vor allem sein letzter Roman „Im Stein“ zustande kam und was er alles beinhaltet.

Die ganze Besprechung auf fixpoetry.com.

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Ausgraben, umschichten, neudichten – Daniel Falb über das Anthropozän und Anthropozändichtung

3. März 2016

„Homo sapiens, dessen Population seit 1800 von etwa 1 Milliarde auf über 7 Milliarden angewachsen ist, modifiziert heute mehr als die Hälfte der kontinentalen Erdoberfläche durch Agrikultur und Urbanisierung, bewegt jährlich mehr physische Materialien über die Erdoberfläche als alle non-anthropogenen Prozesse auf der Erde zusammen, macht mit seinen Nutz- und Haustieren über 97% der Biomasse aller terrestrischen Wirbeltiere und Vögel aus, produziert ein Klima, wie es auf der Erde seit dem Tertiär nicht mehr geherrscht hat und ist dabei, das sechste Massenaussterben von Arten in der Erdgeschichte herbeizuführen.“

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Mag sein, dass die meisten Menschen heutzutage wissen, wie stark sich ihr Einfluss oder zumindest der Einfluss ihrer Spezies auf das ökologische Gleichgewicht des Planeten auswirkt. Doch es ist zu bezweifeln, dass die Mehrzahl der Menschen schon einmal darüber nachgedacht hat, dass sie jetzt, in dieser Zeit, in der sie lebt, dazu beiträgt, Erdgeschichte zu schreiben.

Geht es nach dem niederländischen Meteorologen und Chemienobelpreisträger Paul J. Crutzen, tun wir aber genau das. Gemeinsam mit Eugene F. Stoermer veröffentlichte er im Jahr 2000 einen Essay, der in der Wissenschaftswelt für großes Aufsehen sorgte. Aufgrund der oben genannten Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte kamen die beiden zu der Erkenntnis, dass die Erde sich nicht mehr im Holozän befindet, sondern in ein neues geologisches Zeitalter eingetreten ist: das Anthropozän.

Weiterlesen auf den Seiten der Signaturen.

Das Buch im Verlag.

Der reale Surrealismus

9. April 2015

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und zum Sonnenbrand gesellte

sich das Tier ohne Haut

das mich auf Schulterhöhe verfolgte

zum Meer

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Zugegeben, das poetische Potential dieser Verse ist nicht allzu hoch, aber das will nichts heißen. Im August vergangenen Jahres spielte ich den vierten Teil der Assassin’s Creed-Reihe Black Flag, in dem mir genau das passierte. Um seine Kasse aufzubessern und seine Ausrüstung zu erweitern, ist es in diesem Spiel, ähnlich dem Rockstar-Knaller Red Dead Redemption, möglich bzw. notwendig Wildtiere zu erlegen und zu häuten. Als ich das mit einem Leguan in Küstennähe tat, verfolgte mich der gehäutete Körper des Tieres auf Schritt und Tritt. Er hing neben meinem Spieler auf Schulterhöhe waagerecht in der Luft und ließ sich erst abschütteln mit einem Sprung ins Wasser. Kein spektakulärer, aber doch ein etwas merkwürdiger Glitch.

glitch

(engl. für „Panne/Störung“) Bezeichnet in Computerspielen kleine Fehler. Diese Fehler reichen von falsch dargestellter Grafik,[2] bis hin zu Effekten, die dem Spieler einen Vorteil verschaffen, die allerdings vom Entwickler so nicht angedacht waren.[3] Beispiele sind Gegenstände, die sich zwar im Quelltext des Programms befinden, aber in der veröffentlichten Version nicht in den Spielverlauf integriert wurden, jedoch von der Spielfigur benutzt werden können oder „glitches“, die es dem Spieler ermöglichen Häuser zu betreten, die im Spiel lediglich als Zierde dienen sollten. Die Herkunft des englischen Begriffes liegt im deutschen glitschig[4] über jiddisch „glitshen“ (etwa: ab- oder wegrutschen).
glitching wird das Ausnutzen von Fehlern im Spiel genannt, wie etwa unter oder durch Objekte hindurch zu schießen, obwohl dies nicht vorgesehen ist, insbesondere bei Karten, die von Spielern und nicht von der Entwicklungsfirma erstellt wurden. Wiederholtes glitching führt, je nach Betreiber des Servers auf dem gespielt wird oft zu einem Kick bzw. Bann des Spielers. Quelle: wikipedia.de

Ebenfalls im vergangenen August klopfte Clemens J. Setz im Logbuch Suhrkamp das Phänomen der Glitches auf ihr poetisches Potential ab. Setz hatte mich sofort davon überzeugt, dass die Glitches wahrscheinlich die große surrealistische Kunstform der Gegenwart sind. Nicht allein, weil Glitches entsprechende Bildwelten verursachen, sondern vor allem, weil diese zufällig aus einer Art elektronisch-digitalem Unterbewusstsein herauszutreten scheinen. Ja, das mag recht esoterisch klingen, ist aber im Zusammenhang mit dem Surrealismus legitim, oder? Aus der écriture automatique wird hier ein programme automatique, dessen Ursprung zwar noch in einer menschlichen Handlung, dem Programmieren des Quelltextes für eine Spiel, liegt. Dessen ungewolltes Ergebnis, der Glitch, dann aber ausgerechnet auf einem von mathematischer Logik geprägtem Gebiet auftritt und eben diese „Herrschaft der Logik“ (André Breton im Ersten Manifest des Surrealismus, 1924) zugunsten einer neuen Bildwelt durchbricht.

Der Glitch ist jedoch ein Phänomen, dass nicht (mehr) allein auf Games beschränkt ist. Seit der Digitalisierung unserer Welt durch Geräte, deren genau Funktionsweise (im Vergleich zu mechanischen Geräten) nur noch die wenigsten von uns wirklich verstehen, haben wir uns nicht nur eine Art back-up der Wirklichkeit geschaffen. Also kein System, dass nur in eine Richtung funktioniert, sondern gelegentlich auch zurückschlägt. Damit sind natürlich auch Tweets und Posts gemeint, die uns im realen Leben verfolgen. Was mich jedoch viel mehr interessiert ist eine Art ästhetischer Rückkopplungen, die sich aus dem alltäglichen Gebrauch digitaler Medien auf das ergeben, was wir gemeinhin „Realität“ nennen. Die Glitches beweisen, dass es eine Form digitaler Parallelwelten gibt, die sich der Kontrolle des Programmierers, erst recht des Spielers, entziehen. Dass sich dieser Kontrollverlust im Digitalzeitalter auch auf das eigene Bild niederschlagen kann, war mir bis vor ein paar Tagen so nicht bewusst. Überrascht jedoch nicht, wenn man es genau bedenkt.

Langer Post, kurzer Sinn. Welche albtraumhafte Parallelwelt macht die Panorama-Funktion der Digitalfotografie sichtbar, wenn sie nicht so funktioniert, wie sie soll? Hier gibt’s die Antwort. Das Erstaunliche an diesen Foto-Glitches ist, dass sie sich ästhetisch oft kaum von den Game-Glitches unterscheiden. Was mich sehr darüber nachdenken lässt, ob das Digitale nicht längst dabei ist auf unsere analoge Wirklichkeit zurückzustrahlen und sie auch auf physischer Ebene zu verformt?

EDIT: Ich sehe gerade… diese Gedanken führen natürlich den Titel des letzten Posts ad absurdum.


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