Posts Tagged ‘Peter Handke’

75

6. Dezember 2017

Peter Handke wird heute 75. Ich wünsche ihm von Herzen noch viele Jahre. Meine Besprechung seines „Letzten Epos“ Die Obstdiebin kann man jetzt auf fixpoetry.com lesen.

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Auf Seite 166 dieser „einfachen Fahrt ins Landesinnere“ sagt der Ich-Erzähler, der seinem Autor Peter Handke zum Verwechseln ähnlich ist, ähnlich sein muss: „Es ist jetzt die Zeit, zu erzählen, was es mit der »Obstdiebin« auf sich hat; Zeit, zu erzählen, wie aus ihr »Die Obstdiebin« geworden ist.“ Erst nach über einem Viertel also, wenn man den Text quantifizieren möchte, setzt die „eigentliche“ Erzählung von der Obstdiebin und ihrer Wanderung in die und in der Picardie ein. Von einer Handlung, gar einem Plot will ich nicht sprechen, auch wenn man etwas in dieser Richtung nacherzählen könnte. Aber wozu? 166 Seiten, genau genommen 158 Seiten, des Anschubs, des Hinführens zur Erzählung braucht es also, dass der Leser ausreichend vorbereitet, ausgestattet, gewappnet scheint, um der Obstdiebin durchs ländliche Frankreich zu folgen. Und die Seiten davor? Sie sind der Auszug des besagten Ich-Erzählers selbst, aus dem Pariser Vorort Chaville nach Lavilleterte im Vexin. Eine kleine Reise, die noch einmal – ein letztes Mal? – Große Erzählung im Wortsinne „auf den Weg“ bringt, einer Figur nachspürt, die ganz klar vor einem steht und sich dennoch nicht fassen lässt. Die, sich selbst überlassen, vielmehr von sich preisgibt, als wenn ein Ich-Erzähler ihr nachstellt. Weswegen er sich zurückziehen muss, um der Erzählung von der Obstdiebin ihren Lauf zu lassen.

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Literaturgeschichte

9. November 2017

scheint mir oft die Geschichte falsch verstandener Briefe zu sein. Dennoch oder gerade deshalb – sehr interessant.

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Psst!

28. Februar 2017

#donotdisturb #davidbowie #peterhandke #reading

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Cave/Handke/Wenders

25. Januar 2017

Gestern erst hatte ich mit Freunden ein Gespräch u.a. darüber geführt, wie popkulturelle Mechanismen funktionieren und wie spannend es ist Verweise und Verlinkungen aufgezeigt zu bekommen und natürlich selbst zu entdecken oder herzustellen. So hatte ich z.B. mal über die Verbindung NIN-Nirvana qua David Bowie nachgedacht.

Heute die Entdeckung, dass ein unwahrscheinliches Film-Trio mit einer gemeinsamen Arbeit zurück ins Kino kommt. Genau 30 Jahre nachdem Regisseur Wim Wenders, nach einem Drehbuch von Peter Handke, Nick Cave in Der Himmel über Berlin auftreten lies…

… kommt mit Die schönen Tage von Aranjuez ein von Wim Wenders adaptiertes Handke-Stück in die Kinos. U.a. mit Nick Cave als Darsteller. Kollaborationen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Oder man rechnet zumindest nicht damit. Umso erstaunter bin ich.

Fehlt eigentlich nur noch Bruno Ganz.

Nach Salzburg// Handke-Blues

18. Dezember 2016

Ich war in Salzburg. Als Blogger bei der 3. Babelsprech-Konferenz. Für mich insgesamt fünf intensive Tage unter lauter Dichterkollegen und -freunden. Viel Offizielles und Privates hat sich auf und unterhalb des Mönchsbergs abgespielt. Dort wo das Stefan-Zweig-Centre beheimatet ist (Zweig selbst hat auf dem gegenüber liegenden Kapuzinerberg gelebt), wo u.a. Peter Handke und Bertolt Brecht gelebt haben, wo sich das Museum der Moderne befindet, in dem ich mir die Ausstelleung Raymond Pettibon – Homo Americanus angesehen habe, die ich bei meinem vorletzten Hamburg-Aufenthalt verpasst hatte und mich komplett umgehauen hat.

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Fünf intensive Tage voller Input, an deren Ende die meisten von uns mit einem seeligen Lächeln in die Züge und Flugzeuge zurück nach Hause stiegen. Solche Tage brauchen Wochen um verarbeitet zu werden. Und irgendwie lag es nicht nur an der kreativen Atmosphäre untereinander, sondern auch an der gewissen Strahlkraft der Stadt. Salzburg, geliebt und gehasst, bewohnt und verlassen von vielen Kulturschaffenden aus Österreich und darüber hinaus. Eine schöne historische Kulisse, ein Pflaster, das auch nach dem Besuch noch an den Sohlen haftet. Vielleicht liegt es an der Kompression. Der Input von fünf Tagen in einer Stadt mit gerade mal 145.000 Einwohnern (kleiner als Erfurt!) aber enormer kultur(-historischer) Dichte.

Neben Stefan Zweig wurde in diesen Tagen vor allem mein Interesse an Peter Handke wiedererweckt. Dankbar für Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, begeistert von Wunschloses Unglück, genervt von der Angst des Tormanns beim Elfmeter habe ich Handke bisher eher im Vorbeigehen wahrgenommen. Ein paar Interviews von ihm gesehen/gelesen und die Publikumsbeschimpfung in der Inszenierung von Sebastian Hartmann am Centraltheater Leipzig gefeiert.

Nach meiner Rückkehr aus Salzburg habe ich gleich drei Bücher von ihm gekauft. Bestellt bei booklooker für je 85 Cent. Das schlechte Gewissen, vor lauter Gier den ganz billigen Stoff zu nehmen. Das gute Gefühl zu wissen, dass ich davon profitiere, wenn unter Wert verkauft wird. Handkes Denken und Schreiben als großes, fortlaufendes System. Das interessiert mich sehr. Ja, er mag sehr in sich zurückgezogen sein – streibar ohnehin, zum Glück streitbar!  – aber ich bewundere Autoren, die im Grunde an einem großen Werk schreiben, als ob sie einen fortlaufenden Schal nähen, besser eine Decke, die in mehrere Richtungen wuchert und versucht unter sich zumindest Teile der Welt abzudecken, einzuwickelt, abzuschließen.

Überhaupt nähen. Kaum zurück, war ich dann auch gleich im Kinoklub – könnte ich ein zweites Wohnzimmer haben, könnte es durchaus dieses sein – wo zufällig der aktuelle Handke-Film gezeigt wurde. Aufgenommen fast ausschließlich in seinem Haus in Chauville, wo er sitzt und geduldig, aber nicht endlos geduldig, versucht einen Faden in ein Nadelöhr einzufädeln. Er schneidet den Faden, mal gerade, mal schräg. Leckt den Faden, zielt, pult, drückt, schiebt, zieht, setzt neu an. Um ihn herum Bücher und Notizen. Niemand spricht von der Metapher. Dann rutscht der Faden doch noch ins Öhr – „endlich, du Arschloch!“

In einem anderen Interview: „Es hat in diesem Jahr noch nicht einmal geschneit in Paris. Ich finde – das ist ein Skandal!“ In Salzburg habe ich die Berge gesehen, aber keinen Schnee. Kalt war es, aber das lässt sich auch genießen. Das fehlende Licht ist schlimmer. Ich komme aus einer Gegend in der Bergbau betrieben wurde. Das Kombinat Kali/VEB Kalibetrieb Südharz-Sonderhausen war der größte Arbeitgeber der Region. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist… Es ist Winter, es fällt kein Schnee. Es geht auf Weihnachten zu, man denk daran wo man herkommt. Kali. Eine Vorwintergeschichte – ich hab den post-Salzburg-Handke-Blues.


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