Posts Tagged ‘Pathos’

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 2/2

20. Juli 2014

Puh… und was kommt dann? PROJECT D: BETRIEB AUSTREIBEN, eine bekannte Schelte, die aber wiederholt werden darf, da sie treffend ist. Es geht ja immer noch darum neue Formen des Erzählen zu finden, eine Literatur der Zukunft zu schaffen. Albrecht legt den Finger in die Wunde des Literaturbetriebs und weißt noch einmal darauf hin, dass „Fräulenwunder“ und „Popliteratur“ keine literarischen Strömungen sind und nur scheinbar progressiv daher kommen. Es geht nicht um die „neue Lust am Erzählen“, sondern um ein NEUES ERZÄHLEN. Es geht darum sich zu erinnern, dass in der Literatur mit sehr wenigen Mitteln sehr viel möglich ist.

„Und wieso dann überschaubares und überschaubar psychologisches Personal, sogenannte klare Sätze, von denen jeder schon am Anfang weiß, wohin sie wollen, geradlinige Geschichten, die – selbst wenn sie zwischendurch Umwege nehmen, vorhersehbar sind – erst an ihr Ende kommen, wenn der Leser gedanklich schon längst dort angekommen ist?“

Ja, warum eigentlich?

„Man schreibt um an einer Schule angenommen zu werden. Man durchläuft die Schule. Man gewinnt einen Wettbewerb. Man bekommt einen Agenten. Man veröffentlicht und bekommt ein Stipendium. Man geht auf Lesungen, um gesehen zu werden. Man hofft auf gute Rezensionen. Man betreibt Literaturbetriebswirtschaft. Man lebt die Literatur, anstatt FÜR sie zu leben. Und für Literatur leben könnte zunächst mal heißen: schreiben, ohne den Markt zu meinen. Ich höre schon wieder die Lektoren, Schreibschulleiter und Feuilleton-Asis rufen: Denk doch an den DURCHSCHNITTLICHEN Leser!“

Das betrifft jetzt wieder die Gebiete Unterhaltung und Freiheit. Ich verlinke nur auf die entsprechende Beiträge, weil dieser hier schon viel zu lang ist. Albrechts Ausweg aus dieser als Misere empfundenen Situation ist einfach: den imaginären Leser töten (oder zumindest ignorieren) und „Literatur wieder als Form des Denkens anzusehen, anstatt mit den Augen zu Rollen und zu stöhnen: Lesen ist anstrengend genug, da will ich nicht auch noch denken müssen!“

So in Rage geschrieben für eine neue, anspruchsvolle, bisweilen experimentelle Literatur, hebt Albrecht schließlich ab, was ich gut finde, weil es mich mit seinem Pathosverbot zwangsläufig versöhnt. „Wir müssen unser Leben denken, um es in dramatischer Weise zu intensivieren. (Fußnote: Tiqqun – Anleitung zum Bürgerkrieg. Hamburg 2012, S. 106.) […] BITTE, laßt uns endlich das große Drama haben, das große Denken!“

Lieber Jörg Albrecht, ich bin einverstanden. Aber ohne etwas Pathos scheint es doch nicht zu gehen, oder? 😉

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Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 1/2

18. Juli 2014

Mit ziemlich cooler, lässiger Attitüde umkreist Jörg Albrecht in seinem Text Auch das allerkleinste Unglück in dir klammert sich an das Imperium (Neue Rundschau 1/2014) den Begriff einer zukünftigen Literatur. Dabei bezeichnet er sich selbstironisch als „Windmaschine“, die im Grunde keine Ahnung von Literatur hat und macht auch sonst einen ziemlich hippen Was-wollt-ihr-eigentlich-von-mir?-Eindruck. Dann labert er in vier Gedankenprojekten (A bis D) fröhlich und scheinbar (aber nur scheinbar) planlos drauf los; schreibt erst vom RÄUME SCHAFFEN (PROJECT A) und vom GESCHLECHTER HERSTELLEN (PROJECT B), die ich hier beide ignoriere, weil sie mir persönlich nicht sonderlich viele Ideen mit auf den Weg geben.

(Dieser Einstieg muss ziemlich abwertend klingen, ist aber nicht so gemeint. Allein Albrechts… „Ansprechhaltung“ macht mich doch etwas skeptisch.)

Interessant wird es für mich mit PROJECT C: GESCHICHTEN AUSTRICKSEN. Eine vielversprechende Teilüberschrift, die mich hoffen lässt, dass hier einer mit gängigen Erzählkonventionen brechen will. Und tatsächlich ist damit die Absage an eine Vorstellung der einheinlichen, ganzheitlichen straight story gemeint. Albrechts Forderung:

„Die Fiktionen verfolgen statt ihnen zu folgen? Es gibt mehr als genug Gründe, Geschichten nicht eindeutig, 1:1 zu erzählen. Und das ist nur mein wichtigster: daß die Geschichten viel zu oft als Tatsachen inszeniert werden, und am Ende haben alle vergessen, daß es Geschichten sind, und alle glauben, daß das reale Leben so ist: unerreichbar. […] Nein, es geht nicht darum NICHT zu erzählen. Aber möglichst mit einer Ahnung davon, wie komplex alles ist und vor allem, was für ein Vorgang das ist, wenn wir etwas Komplexes in etwas Einfaches verwandeln, in etwas Einfaches UND Ganzes.“ (Ich unterschlage hier eine überflüssige Fußnote, komme auf das Thema aber gleich zurück.)

So in etwas stellt sich das Problem dar, dass ich als Leser mit der so genannten „realistischen“ Literatur habe, die niemals realistisch sein kann, weil sie uns das Leben viel zu oft als überschaubar präsentiert. Die Wirklichkeit ist aber kein Ganzes, das sich als solches verstehen lässt. Sie hat keine Betriebsanleitung. Sie franst nach allen Seiten hin aus, schafft (zufällige) Querverbindungen zu zahlreichen Menschen, Orten, Ereignissen. Zu glauben, man könne sie einfach so nacherzählen z.B. anhand des mehr als wackeligen Konstrukts „Roman“ erscheint mir geradezu absurd.

Um diese Art des komplexen Erzählens realisieren zu können, mahnt Albrecht zur Distanz! Was nah ist scheint auch leicht erreichbar zu sein. Nur mit einem gewissen Abstand, den der spätere Leser ja schließlich auch hat, zwangsläufig, lässt sich die Komplexität erahnen, die der Erzähler/Autor oft vergisst/vergessen will.

Und dann der Bruch, der das Projekt zu einem abrupten Ende führt und mich wütend macht, weil hier etwas passiert, was ich in der jungen Literatur leider viel zu oft erlebe. „Ich kann einfach nicht mehr an diese Unerreichbaren glauben, seit diesem einen Tag, an dem ein Freund von mir sich das Leben nahm.“ Krise der Wirklichkeit, die Komplexität des Lebens knallt voll rein und der Autor lässt uns teilhaben. In einem Satz. Und dann kommt der nächste. „Bitte nicht wieder pathetisch werden, ja?!“ Und ich kann nicht anders als an den Rand zu notieren: JA WARUM ZUR HÖLLE DENN NICHT? Aber egal, da kommt schon der nächste Satz: „Mach ich ja gar nicht.“ Und… *Trommelwirbel*… eine Fußnote!

Fußnote 28: „Aber wie kann ich das erzählen? Den rein technischen Vorgang, welchen Handgriff er wann und wie machte, in seinem Zimmer, bei der Vorbereitung, und dann später, wie er, als er in den Wald ging und den Baum fand, den Strick befestigte, hochkletterte, noch einmal einatmete und“

Die Angst des ironiegeschädigten Hipsters vor dem Pathos lässt den Selbstmord eines Freundes zu einer Fußnote verkommen. Das ist ein Skandal! Dabei sollte gerade das Pathos, das die Trauer über den Tod miteinschließt, doch die letzte Bastion des ehrlichen Gefühls in der Kunst sein. Wäre ich nicht selbst ein U30er, würde ich glatt schreiben: „Ich verstehe diese jungen Menschen nicht.“ Aber dann habe ich Angst mich lächerlich zu machen, weil ich mal wieder die Ironie oder den Zeitgeist nicht verstanden habe. Dennoch glaube ich, dass man nicht die Geschichte, sondern sich selbst austrickst, wenn man sich etwas verbietet, das über einen kommt. Vielleicht ist es auch gut sich selbst auszutricksen? Ich weiß nicht… Sackgasse.

Good ol‘ Aristoteles, the Godfather of Drama, sagt: keine Dichtung ohne Imagination. Ich bin mir da auch nicht sicher…


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