Posts Tagged ‘Paris’

Hotel der kleinen Leute

24. März 2015

Denkt man heute an Paris in den 1920er Jahren, fallen wohl zuerst große Namen aus Kunst und Literatur ein. Picasso, Hemingway, Dalí, Gertrude Stein. Vor allem außerhalb Frankreichs ist das Bild dieser Dekade geprägt vom Leben der Bohème in Montmartre und Montparnasse. Jährlich pilgern unzählige Touristen zu den Kultstätten dieser Zeit, wie etwa dem Bateau-Lavoir oder dem Café du Dôme. Ein heute eher von Einheimischen frequentierter Schauplatz dieser Zeit befindet sich hingegen am Canal Saint Martin und beherbergte seinerzeit diejenigen, denen ein Künstlerleben ganz und gar fremd war.

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Das Hôtel du Nord am Quai de Jemmapes war ein so genanntes Wohnhotel, in dem vor allem Arbeiter mit geringem Lohn abstiegen, die sich keine Wohnung mit eigener Möblierung leisten konnten. 1923 pachteten es die Eltern des Schriftstellers Eugène Dabit, die selbst dem Arbeitermilieu entstammten. Der damals 25-jährige Dabit, dessen Versuche Maler zu werden wenig Erfolg versprachen, half regelmäßig im Hotel der Eltern aus. So wurde er zwangsläufig zu einem präzisen Beobachter der Gäste, die nicht selten vom einen Tag auf den anderen auszogen und für immer verschwanden. Auch wenn ihre Geschichten oft nicht von einem großen Schicksal geprägt waren, entschloss sich Dabit diesen Menschen eine Stimme zu geben, ein Andenken an sie zu schaffen.

Hier geht’s weiter.

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„In Paris“ jetzt auch als eBook

12. März 2015

Liebe Menschen! Meinen kleinen Debütband „In Paris“ gibt es jetzt auch als eBook auf minimore. *fanfare*

Die Druckausgabe ist weiterhin hier erhältlich!

Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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The Nova Sessions

22. Januar 2015

Wir verbrachten damals viel Zeit im Proberaum, weil er einen Kohleofen hatte, der gut durchzog, was ich von meiner Bude nicht sagen konnte. Ihr kennt die Klischees… kaltes Dachgeschoss, morsche Dielen, ein Arschloch, das einem sein Arschloch vermiete um darin zu wohnen, ohne vorher wenigstens einmal durchzuwischen. Also hingen wir im Proberaum herum, aber sicher nicht, weil wir glaubten, dass wir einmal Rockstars werden könnten, wenn wir es nur wirklich wollten und hart arbeiteten für unseren Traum. Scheiße nein, daran dachte wirklich niemand von uns und so isses dann auch nicht gekommen. Sicher hätten wir uns auch in der Kneipe unseres Vertrauens treffen können, aber der Besitzer war ziemlich engärschig wenn es darum ging eigene Mucke zu spielen und überhaupt war das nicht so ein Laden in dem du dich bis zum Morgen aufhalten konntest mit nur zwei Bier und nem Schnaps auf dem Deckel. Wo lebt ihr? Montmartre? Chelsea Hotel? Ach, bitte. Wenn du in Paris ein Bier trinken willst, musst du nen Kredit aufnehmen und im Chelsea blätterten schon zu Cohens Zeiten die Tapeten ab. Wie man es schaffte dort anschreiben zu lassen, kann einem heute keiner mehr sagen. Wir waren keine Romantiker, hingen nicht bis zum Morgen in Bars, weil uns schlicht das Geld fehlte. Wir zogen nicht um die Häuser, lebten nicht in Paris, New York, nicht mal in Berlin in irgendsoeiner verfickten Hundescheißestraße in der du das Kotzen kriegst, weil alles nach Scheiße stinkt und du dir nicht immer sicher sein kannst, dass das nur an den Kötern liegt, von denen mindestens drei auf einen Berliner kommen mussten. Was für ein Drecksloch. Nachdem ich das erste Mal in Berlin war, konnte ich ewig keine Berliner mehr essen, weil ich immer dachte, dass Hundescheiße herausspritzen würde, wenn ich fest hineinbiss.

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Ein Drecksloch war auch der Proberaum, aber der war wenigstens warm und er roch nur nach Insektenspray und Gras. Dort konnte man sich wirklich wohlfühlen, falls einem danach war sentimental zu werden. Nur in die Sofapolster sollte man nicht allzu tief abtauchen, weil dort immer jemand ein Stück Pizza oder was weiß ich was verlor und meist nur halbherzig danach suchte, um den Fraß wiederzubekommen. Das war mit dem Gras natürlich was anderes. Ich weiß noch, wie wir einmal krank vor Sorge die Polster aufschnitten, weil auf einmal 20 Gramm weg waren. 20! Könnt ihr das glauben? Wir zückten die Messer und Zack! Ratsch, ratsch, siehe da… ein paar verkrustete Chinanudeln und eine Scheibe Salami so hart wie die Make-Up-Kruste auf der Fresse der Amtstussi. Was soll’s… man lebt ja nicht vom Moos allein. Was auch immer das heißen soll. Und weil wir anständige Leute waren hingen wir eben nicht nur den ganzen Tag rum, sondern machten Musik, schrieben Texte, auch Gedichte, ja lacht nur, und einer von uns malte und zeichnete sogar. Und nicht mal schlecht. Die Bilder hättet ihr sehen sollen! Das war natürlich kein da Vinci oder so ne Hackfresse, sondern eher so’n Picasso, also doch Hackfressen irgendwie, wenn ihr versteht… Glaubt bloß nicht, ich kenn die ganzen Spinner nicht. Selbst Alex, der alte Droogie hat Ludwig van gehört. Ich hab meine Hausaufgaben gemacht – ihr könnt mir gar nichts. Und da die Fronten jetzt geklärt sind, dürfte ja wohl alles klar sein. Scheiße ja, dann waren wir eben ne Band oder sowas, aber wen hat das schon interessiert? Uns jedenfalls nicht.

Open Mic in Leipzig

22. Juli 2014

Ich lese im Rahmen des Open Mic Abend des Leipzig Writers e.V.! Prosagedichte aus „In Paris“ und andere Texte. Schaut doch mal rein. 🙂

Wann? Freitag, 25.7. – 20 Uhr

Wo? Poniatowski Polski Bar (Kreuzstraße 15) in Leipzig

Mehr Infos hier.

„In Paris“ bei Signaturen – Forum für autonome Poesie

5. Juli 2014

Paris, ein Sehnsuchtsort, ein Fest fürs Leben, gewiss, und ja: ganz Paris träumt von der Liebe… Elf Prosaminiaturen aus dieser assoziativ so hoch aufgeladenen Stadt sammelt der jüngst in der verdienstvollen parasitenpresse erschienene Band von Mario Osterland. Momentaufnahmen zwischen Ankunft und Abreise von der Gare du Nord, eine Städtereise also, unternommen von einem Pärchen (das ein Paar wird – möchte man unwillkürlich hinzufügen).

Dirk Uwe Hansen für Signaturen.

„In Paris“ auf fixpoetry.com

21. Juni 2014

„Mit diesem Band aus der verdienstvollen kleinen Kölner parasitenpresse, die von Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz betreut wird, legt Mario Osterland seine erste eigenständige literarische Arbeit vor. Er wagt sich mit seinem Debüt auf dünnes Eis, denn es handelt sich um einen Zyklus von Prosagedichten unter dem Titel In Paris.

Damit hat er natürlich die Fenster sehr weit aufgerissen, kann man doch sagen, dass Paristexte deutschsprachiger Autoren zur Grundausstattung der deutschsprachigen Moderne gehören. Rilke, Hessel, Benjamin sind nur einige, die mir zuerst in den Sinn kommen. Zentral dabei ist sicherlich Benjamins Passagenwerk.“

Jan Kuhlbrodt auf fixpoetry.com

Debut!

18. Juni 2014

Liebe Freunde und Follower,

mein erstes, kleines Buch ist da! In Paris versammelt 11 Prosagedichte, die in früheren Versionen teilweise schon hier im Blog gelesen werden konnten. Nun wurde das Ganze erweitert, überarbeitet, gedruckt und verlegt in der wunderbaren parasitenpresse in Köln.

Bestellen kann man In Paris ab sofort direkt beim Verlag.

Ein Buch wie das Gewimmel der Großstadt

3. Oktober 2013

Es gibt wohl kaum eine Stadt auf dieser Welt, die mit so vielen Klischees behaftet ist wie Paris. In der Stadt der Liebe isst man Croissants in einem schnuckeligen Café in Montmartre, besucht den Louvre und schlendert über die Champs-Élysées. Nicht zuletzt wegen solch romantischer Vorstellungen hat die Seine-Metropole weltweit zahlreiche Verehrer und gilt als heimliche Hauptstadt Europas. Will man etwa in einem amerikanischen Film verdeutlichen, dass man sich gerade auf dem alten Kontinent befindet, lässt man im Bildhintergrund einfach den Eiffelturm erscheinen. Paris wirkt vertraut, man hat sofort ein klares Stadtbild vor Augen. Wie sehr oder wie wenig sich diese Vorstellungen jedoch mit der Wirklichkeit decken, steht freilich auf einem anderen Blatt. Besonders wenn es um „das alte Paris“ geht, scheint die verkitschte Phantasie kaum Grenzen zu kennen, was uns zum Beispiel Woody Allen in seinem Film Midnight in Paris (2011) eindrucksvoll bewies. Das darbende Künstlerleben am Existenzminimum wird angesichts des malerischen Montmartre oft zu einem paradoxen Ideal erhoben. Das Viertel selbst vermarktet sich seit Jahren in diese Richtung. Vom wahren Künstlerleben hat der Tourismus hier kaum etwas übrig gelassen. Die junge Kunstszene ist mit ihren Ateliers und Galerien längst über die ganze Stadt verteilt; wo immer die Mieten halbwegs bezahlbar sind. „Ein Fest für’s Leben“, hat Hemingway die Stadt einmal genannt. Was auch immer man davon halten mag: Paris ist und bleibt ein Traum.

Davon, wie viele Geschichten und Legenden, fernab von Kitsch und Klischee, diese traumhafte Stadt in sich trägt, kann man sich überzeugen, wenn man Jacques Yonnets Rue des Maléfices liest. Das Buch, das 1954 erstmals unter dem Titel Enchantements sur Paris in Frankreich erschien, kann man getrost als Hauptwerk des hierzulande noch weitgehend unbekannten Schriftstellers, Dichters, Journalisten, Zeichners und Historiographen bezeichnen. An dieser „geheimen Chronik einer Stadt“ arbeitete Yonnet über dreizehn Jahre, dennoch kam Rue des Maléfices nie zu einem vollständigen Abschluss. Die Lebensaufgabe, ein möglichst vollständiges und detailliertes Portrait des alten Paris mit seinen Straßen, Gassen, Legenden und Bewohnern zu schaffen, konnte nur durch den Tod des Autors im Jahre 1974 zu einem Ende kommen.

Jacques Yonnet 1935

„Das alte Paris“ meint im Falle Yonnets jedoch weniger eine zeitliche, als vielmehr eine räumliche Eingrenzung der Stadt auf eines seiner ältesten Viertel, dem Quartier Latin am linken Seineufer. Die Geschichte seiner Bebauung reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Noch zur Zeit der Besatzung durch die Deutschen in den 1940er Jahren war der mittelalterliche Charme des traditionellen Intellektuellenviertels spürbar. Die Zeit der Occupation und die ersten Jahre der wiedererrichteten Republik bilden auch den Rahmen für Yonnets Buch, das jeder Gattungsbeschreibung spottet. Das als Roman angekündigte Werk ist vielmehr ein überraschend homogenes Sammelsurium von Mythen, Legenden, Anekdoten, Kurzgeschichten und Erinnerungen. Ihre Protagonisten sind weder Künstler noch Wissenschaftlicher im engeren Sinne, dabei wohnte Picasso in dieser Zeit sozusagen um die Ecke.

Yonnet portraitiert stattdessen das Leben der Clochards und Huren, der Handwerker und Résistancekämpfer – in Wort und Bild. Sein Paris ist kein romantisches, wenngleich seine Schilderungen wie aus einer märchenhaften Zeit daherkommen. Vom Kriegsgeschehen erfährt der Leser relativ wenig. Im Fokus stehen magische und mythische Ereignisse, Sagen und Legenden, die sich um die Straßen und Häuser zwischen Place Maubert und der Rue Mouffetard ranken. So zum Beispiel die geisterhafte Erscheinung des „Alten nach Mitternacht“, der sich „nicht jedem Dahergelaufenen“ zeigt und nicht gerufen werden kann. Er taucht auf und verschwindet, wenn alle Anwesenden mit anderen Dingen beschäftigt sind, sodass man nie weiß, woher er kommt und wohin er geht. Ist er jedoch da, wird er vor allem von Streitenden gern als Schlichter befragt. „Und sein Wort wird als Urteil in letzter Instanz angesehen.“ Der Alte nach Mitternacht ist eine typische Figur im archaischen Kosmos Jacques Yonnets. Als Weiser, der nur zur Geisterstunde auf den Plan tritt, wirkt er nicht wie eine reale Person aus dem 20. Jahrhundert. Man meint er gehöre als Rabbi ins mittelalterliche Prag, den Golem zu bändigen.

Der Erzähler versteht sich in fast allen Episoden als berichtendes Neutrum, dessen Anliegen es ist die gegenwärtigen und vergangenen Geschichten zu sammeln. Ein Archiv seiner Stadt ist sein Ziel. Er beteuert: „Es geht hier keineswegs um erfundene Personen, noch um Geschichten, die allein der Vorstellungskraft des Erzählers entstammen – der ebenso gut irgendein anderer hätte sein können.“ Es besteht kein Zweifel daran, dass Yonnet mit diesem Erzähler ein Spielchen treibt. Der Leser kann sich nie sicher sein, welche Episode authentisch, verändert oder schlichtwegerdichtet ist. Die Erlebnisse des Erzählers in der Résistance scheinen sich in etwa mit denen Yonnets zu decken. Bemerkenswerterweise geht es um diese jedoch nur am Rande, denn schon kommt der Erzähler wieder vom Weg ab und beschreibt den Exorzismus eines Mädchens, das unter dem Voodoo-Zauber einer Puppe aus Schiffswrackholz steht. Wie genau der Exorzismus gelang, darf er jedoch nicht verraten, so rechtfertigt der Erzähler so manche Leerstelle, wann immer seine Ausführungen ins allzu Metaphysische gehen. Erinnerungen an Schillers Geisterseher werden wach.

Foto: Eugène Atget, 1913

In ihrem Nachwort weißt die Übersetzerin Karin Uttendörfer auf die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Edition und Übertragung von Yonnets Werk hin. Man glaubt es ihr sofort. Als kaleidoskopische Chronik eines verschwundenen Paris changiert der Band nicht nur zwischen Fakten und Fiktionen. Er springt durch alle Zeitalter, die die Seinemetropole gesehen hat, und streut eine kaum zu überblickende Zahl an Figuren, Personen, Schauplätzen und Erzählungen ein. So wirkt Rue des Maléfices manchmal wie der Versuch eines Bauplans für „das Paralleluniversum mittelalterliches Paris 1210-1950“. Das ist durchaus nicht als Warnung, sondern als dringende Einladung zu verstehen. Wer Rue des Maléfices liest, wird einen sprachgewaltigen Autor kennenlernen und eine Stadt, die jedermann zu kennen glaubt, mit völlig neuen Augen sehen.

Jacques Yonnet: Rue des Maléfices – Straße der Verwünschungen. ISBN: 978-3-88221-555-7, 34,90 €, Matthes & Seitz, Berlin 2012.

Zuerst erschienen auf fixpoetry.com.

Cimetière de Montmartre

22. März 2013

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der Alte auf dem Cimetière de Montmartre war früher in der Modebranche. heute füttert er die Katzen die um die Gräber schleichen. er macht ihnen Komplimente für ihr Outfit und bewundert ma belle caméra. c’est Kodak? très bien! seine Familie stammt aus Köln. auf dem Foto sind seine Haare unsichtbar. die Haut gespenstisch weiß. für das Futter gebe ich ihm etwas Geld. bald darauf hat er es verloren. zum Beweis dreht er seine Manteltasche nach außen. klein wie ein Katzenmagen. darin ein münzgroßes Loch.


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