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Architekturen der Apokalypse (Teil X)

16. April 2013

5.3 Biblische und säkulare Motive der Apokalypse

Paul Auster entwirft in seinem Roman ganz unmissverständlich eine apokalyptische Situation. Im Text ist sogar direkt die Rede davon, dass die Stadt, die den Schauplatz für diese Untergangsvision bildet, gleichbedeutend mit dem Ende der Welt ist (vgl. 41). Im Folgenden soll daher untersucht werden, wie Auster jenseits des Stadt- bzw. Hausmotivs seine Vorstellung vom Weltuntergang darstellt. Dabei wird darauf zu achten sein, inwieweit sich diese Darstellungen mit denen Alfred Kubins vergleichen lassen. Zudem soll die Rolle biblischer Motive im Allgemeinen und Motive der jüdischchristlichen Apokalyptik im Speziellen thematisiert werden.

In Austers Text weist vieles auf eine bevorstehende oder zurückliegende Apokalypse hin, wie sie nach modernem Verständnis definiert wurde. Im Roman gibt es zahlreiche Anspielungen auf Seuchen (vgl. 18), Kriege (vgl. 86), Naturkatastrophen bzw. unberechenbare Wettererscheinungen (vgl. 3, 25, 90). Stürme, Starkregen und ein besonders harter Winter machen den Menschen schwer zu schaffen. Nicht selten erinnern diese Anspielungen und Beschreibungen an die bei Johannes und Kubin vorhandenen Bilder. So berichtet Anna, wie schon Kubins Protagonist, von unerklärlichen Explosionen, die in weiter Ferne hörbar sind (vgl. 22), von den Stadtbewohnern jedoch nicht hinterfragt werden. Die Detonationen scheinen schlicht den begleitenden Soundtrack der Endzeit darzustellen, gleich dem Donnergrollen in der Offenbarung. Auch der Regen bekommt bei Auster eine ähnlich dramatische Funktion wie in der Bibel zugesprochen (vgl. 24). Wo intakte Kleidung und Schuhe Mangelware sind, bekommt er eine besonders zerstörerische Kraft und kann zum Vorboten des eigenen Untergangs werden.

Neben der Nähe zur Offenbarung verweist Katrin Krämer auch auf Anleihen aus den alttestamentarischen Büchern Daniel und Jesaja, in denen apokalyptische Prophezeiungen zentralen Anteil haben.134 Da Auster selbst Sohn jüdischer Einwanderer ist, ist sein Interesse auf diesem Gebiet zweifellos autobiographisch zu begründen. Die Vorstellungen jüdischer Apokalyptik werden dementsprechend direkt in den Text bzw. den apokalyptischen Prozess, der die Figuren in Austers Roman umgibt, eingebunden. Besonders deutlich wird dies im Gespräch Annas mit dem Rabbi. „Every Jew, he said, believes that he belongs to the last generation of Jews. We are always at the end, always standing on the brink of the last moment, and why should we expect things to be any different now?“ (112) Auf geschickte Weise verknüpft der Autor hier den jüdischen Endzeitglauben mit der Omnipräsenz des Apokalyptischen, welche in der beschriebenen Großstadt deutlich auszumachen ist.

Auster bedient sich in seinem Roman jedoch nicht nur des apokalyptischen Repertoires der Bibel. Das Motiv der Barmherzigkeit und Nächstenliebe in Zeiten größter Not wurde bereits anhand des Woburn House herausgestellt. Es lässt sich jedoch schon in einer früheren Episode des Romans mittels der Figuren Isabel und Anna nachweisen. Nachdem Anna sie vor einer Meute so genannter „Runners“135 bewahrt hatte, nimmt Isabel sie bei sich zu Hause auf. Die Rettung durch Anna bezeichnet Isabel als Wunder Gottes. Dementsprechend bezeichnet sie Anna als einen Schutzengel, der zu ihr gesandt wurde (vgl. 48, 59). Im weiteren Verlauf der Handlung kommen der Protagonistin noch zwei weitere Rollen zu, die sich stark an biblischen Vorbildern orientieren. So drängt sich eine religiöse Deutung der Schwangerschaft Annas geradezu auf.

Wie bereits erwähnt wurde, gibt es in Austers apokalyptischer Welt keine Neugeborenen mehr. Als Anna dennoch schwanger wird, sind sie und Samuel, der Vater, entschlossen das Kind zur Welt zu bringen und damit einen Neuanfang zu markieren. „The child meant that we had been spared, he said. We had overturned the odds, and from now on everything would be different. By creating a child together, we had made it possible for a new world to begin.“ (117) In dieser Szene wird Anna eindeutig zur Heiligen Maria stilisiert, welche das „Jesuskind“ in sich trägt, das neue Hoffnung auf eine bessere Welt verspricht. Wie schon gesagt wurde, verliert die Protagonistin das Kind als sie sich durch einen Sprung aus einem Fenster retten muss. Die Genesung von den starken Verletzungen, welche Anna durch diese waghalsige Aktion erlitten hat, und schließlich ihr geradezu wundersames Überleben werden jedoch als regelrechte Wiederauferstehung gewertet (vgl. 126). Auch hier greift die angesprochene Jesusmetapher, wenn auch in modifizierter Form. Anna hat das „Jesuskind“ zwar verloren, ist aber gleichsam selbst zu einer Art Jesusfigur geworden. Durch ihre „Auferstehung von den Toten“ (vgl. 133), die ebenfalls als ein Wunder angesehen wird, wird sie schnell zu einer Symbolfigur der Hoffnung im Woburn House. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fügt sich Anna schließlich als Mitarbeiterin in die Struktur des Hauses ein und wird ein fester Bestandteil der helfenden Gemeinschaft.

Doch es sind nicht nur biblische Motive, welche bei Auster aufgegriffen werden. Oftmals erinnern seine Beschreibungen stark an zeitgeschichtliche Ereignisse, welche heute als apokalyptisch bezeichnet werden können. Die durchaus moderne Motivik des Untergangs, die daraus resultiert, wird vom Autor gleichbedeutend mit biblischen Motiven im Text verwoben. Die zerstörte, abgeschottete Stadt (vgl. 89), in der viele Menschen hungern und Leichen auf den Straßen liegen (vgl. 16), erinnert nicht nur an Apk 11, 8-9 und Szenen aus dem untergehenden Perle. Die Situation lässt an die Bilder aus dem Warschauer Ghetto zur Zeit des Zweiten Weltkrieges denken. Es lassen sich zudem einige Parallelen zum Holocaust ziehen, wenn etwa die Rede von der massenhaften Verbrennung eben jener Leichen in so genannten „Transformationszentren“ ist (vgl. 17). Gleichbedeutend mit Müll und Exkrementen werden diese, so lässt sich zumindest leicht vermuten, als Energielieferanten verheizt. Daher ist es den Hinterbliebenen auch strengstens verboten ihre Verstorbenen zu beerdigen (vgl. 172). Erst nach dem Tod bekommt der Mensch auf zynische Weise wieder eine Bedeutung, nämlich als Rohstoff für das Fortleben der anderen.

Darüber hinaus werden Euthanasiekliniken (vgl. 14), Arbeitslager (vgl. 31f., 172) oder der Verlust des akademischen Status’ der jüdischen Intellektuellen erwähnt (vgl. 112f.). Als Anna in der Bibliothek das erste Mal auf den Rabbi trifft, sagt sie: „I thought all the Jews were dead.“ (95) Warum sie zu dieser Annahme kommt, wird im Roman nicht endgültig geklärt. Sie lässt jedoch vermuten, dass Juden in der Stadt eine verfolgte Gruppe sind. Auch die Berichte aus dem zerstörten Berlin nach 1945 scheinen eine wichtige Vorlage für Auster gewesen zu sein. Vor allem Beschreibungen des schwarzmarktähnlichen Handels mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen jeglicher Art weisen starke Ähnlichkeiten zu diesen Berichten auf. Springer verweist zudem auf historische Quellen zur Belagerung Leningrads in den Jahren 1942–1944, welche dem Autor zur Verfügung gestanden haben sollen.136

Im Motiv des prozesshaften Verfalls sämtlicher Gegenstände und Gebäude besteht eine weitere auffallende Parallele zum Untergang von Kubins Traumstadt. In beiden Romanen lässt sich ein Phänomen beobachten, dass bei Kubin als „Zerbröckelung“ bezeichnet wurde. Allmählich hören die Dinge auf zu sein und werden zu etwas, dass der Mensch nicht mehr verstehen kann. „At a certain point, things disintegrate into muck, or dust, or scraps, and what you have is something new, some particle or agglomeration of matter that cannot be identified. It is a clump, a mote, a fragment of the world that has no place: a cipher of it-ness.” (35f.) Die Bedeutung der bzw. die Abhängigkeit von den noch verbliebenen Gebrauchsgegenständen wird durch das ständige Verschwinden besonders groß. Verschiedene Gruppen von Objektsammlern und Schrotthändlern bestimmen das Leben auf den Straßen (vgl. 31f.). Auch Anna wird eine solche Objektsammlerin, die versucht Brauchbares aus den Trümmern zu bergen und zu verkaufen. Nur dadurch gelingt es ihr, zu Beginn ihres Aufenthaltes in der Stadt am Leben zu bleiben.

Bernd Herzogenrath verweist in diesem Zusammenhang auf die starke Objektbeziehung, welche Anna zu ihrem Einkaufswagen aufbaut, den sie zwingend zum Sammeln wieder verwertbarer Objekte benötigt.137 Um einem Diebstahl des wertvollen Wagens vorzubeugen, hat die Protagonistin ihn mit einer Kette am Körper fixiert. Sie selbst bezeichnet diese Verbindung als „Nabelschnur“, was die elementare Verbindung zwischen Subjekt und Objekt eindrucksvoll verdeutlicht. Der Einkaufwagen und die damit verbundene Möglichkeit des Überlebens durch Tauschhandel werden zu sinnstiftenden Elementen in Annas Leben.

Der Verlust von solch wichtigen Gegenständen kann vermeintliche Stabilitäten jedoch von einem Tag auf den anderen zerbrechen lassen. Der Autor schildert dies eindrucksvoll in der Episode, in der Anna während ihrer Schwangerschaft stark erkrankt. Auslöser dafür sind ihre kaputten Schuhe, welche sie nicht mehr ausreichend vor Nässe und Kälte schützten (vgl. 118). Um ein neues Paar Schuhe zu bekommen, geht sie ein großes Wagnis ein, das sie in Lebensgefahr bringt. Mit der Aussicht auf die begehrten Schuhe wird Anna an einen dubiosen Ort gelockt, der sich bald als Schlachthaus für Menschen herausstellt (vgl. 125); eine Andeutung von Kannibalismus aus Nahrungsmangel, die schon bei Kubin zu finden war. An diesem Punkt der Erzählung verdichtet Auster den Plot zu einem dramatischen Höhepunkt, der beeindruckender nicht aufzeigen könnte, was es heißt, in dieser Stadt zu leben. Aufgrund der starken Abhängigkeit von Gegenständen geht die Protagonistin nicht nur ein Risiko auf Leben und Tod ein. Der Tod zeigt sich zudem in seiner inhumansten Form, nämlich in kaltblütigem Kannibalismus, der das Überlebensprinzip des Tierreichs, „fressen und gefressen werden“, im Wortsinne vorführt. Die vollkommene Entmenschlichung, das Ende des Menschseins scheint hier erreicht zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich ein weiteres Mal, wenn der Leser erfährt, dass Anna aufgrund des rettenden Sprungs aus dem Fenster ihr ungeborenes Kind verloren hat (vgl. 128). Die Hoffnung auf ein neues Leben, den Gesetzen der Stadt zum Trotz, stirbt hier endgültig.

Doch es wird nicht nur auf das materielle Verschwinden der Dinge hingewiesen, sondern auch auf den Verlust der Erinnerungen daran. So zum Beispiel, als Anna sich bei einem Arbeiter nach möglichen Flugzeugen aus der Stadt erkundigen will. Der Arbeit versteht nicht, wovon sie redet und warnt sie davor Geschichten zu erfinden, da es sie in Schwierigkeiten mit der Regierung bringen könnte (vgl. 87). Das schleichende Vergessen der Vergangenheit scheint dadurch ein gewollter Prozess einer unerklärlich funktionierenden Obrigkeit zu sein.

Neben dem materiellen Verfall wird auch das Vergessen als „a slow but ineluctable process of erasure“ bezeichnet. (89) Anna betont, dass das Kernproblem dabei die unterschiedlichen Stadien des Vergessens sind. Während sie sich beispielsweise noch an Flugzeuge erinnern kann, kann sich der Arbeiter nicht daran erinnern, dass so etwas je existiert hat. „Words tend to last a bit longer than things, but eventually they fade too, along with the pictures they once evoked. Entire categories of objects disappear – flowerpots, for example, or cigarette filters, or rubber bands – and for a time you will be able to recognize those words, even if you cannot recall what they mean.” (89) Die aus diesem Umstand resultierenden Kommunikationsprobleme treiben die Entfremdung zwischen den Stadtbewohnern unaufhaltsam voran (vgl. 88f.). Auster zeigt, wie der ideelle Zerfall vom Materiellen bestimmt ist; dass die Apokalypse sich auf zwei miteinander verknüpften Ebenen vollzieht.138

Der sprachliche Verfall, der dem Vergessen zugrunde liegt, vollzieht sich auch am Ende von Kubins Untergangsschilderungen. Ähnlich wie die Traummenschen verfallen die Bewohner der namenlosen Metropole allmählich in ein unverständliches Stammeln. „But then, little by little, the words become only sounds, a random collection of glottals and fricatives, a storm of whirling phonemes, and finally the whole thing just collapses into gibberish. The word ‘flowerpot’ will make no more sense to you than the word ‘splandingo’.” (89)

Annas Wille zum Überleben schlägt sich auch in ihrem Kampf gegen das Vergessen nieder. Denn all ihre Erlebnisse hält sie als Brief in einem Notizbuch fest. Als Autorin des Briefes nimmt Anna damit nicht nur die gleiche Position wie Kubins Zeichner ein, sondern in gewisser Weise auch die Rolle des Johannes. Alle drei eint die Tatsache, dass sie Zeugen einer Untergangssituation oder apokalyptischen Vision werden und darüber einen Bericht ablegen. Im Unterschied zur Offenbarung handelt es sich bei den Schriften Annas und des Zeichners nicht um Auftragsarbeiten. Die Protagonisten beider Romane verfassen ihre Texte einerseits zur Verarbeitung des Erlebten, andererseits als Dokumente wider das Vergessen der beiden Städte.

Bemerkenswert ist im Hinblick auf Anna der Umstand, dass ihr Brief sozusagen als dritter Anlauf zu einer apokalyptischen Schrift angesehen werden kann. Denn ursprünglich war ihr Bruder William damit betraut worden als Korrespondent aus der Metropole Berichte über das dortige Leben zu verfassen. Nach seinem Verschwinden übernahm Samuel diese Aufgabe, indem er versuchte eine umfassende Chronik der Stadt mit zahlreichen Zeugnissen, wie Interviews und dergleichen, zu erstellen. Als die Bibliothek, in der er wohnt und arbeitet, jedoch niederbrennt, fällt auch seine Chronik den Flammen zum Opfer. Erst Annas Brief kann als gelungenes Dokument bezeichnet werden, da er einen umfassenden und anschaulichen Einblick in das Leben der apokalyptischen Metropole gibt. Wichtiger als dieser Umstand ist jedoch die Tatsache, dass ihr Brief erhalten geblieben ist. Anna bittet den Adressaten direkt im Text, den Brief nicht zu vernichten oder wegzuwerfen, sondern ihn weiterzugeben. Die Einführung einer solchen metafiktionalen Ebene, auf der eine literarische Figur sozusagen die Publikation des vom Leser in den Händen gehaltenen Werks fordert, ist typisch für Austers Schreiben.

Die erfolgreiche Zustellung und der Erhalt des Briefes könnten zudem auf eine positiv verlaufene Flucht hindeuten. Da der Brief inhaltlich zum Zeitpunkt des Fluchtantritts endet, muss er danach seinen Adressaten erreicht haben. Darüber, ob sich Annas Leben nach der Flucht jedoch besser oder schlechter gestaltet, lässt sich nur spekulieren. Auster präsentiert im Roman keinen direkten Gegenentwurf zur apokalyptischen Stadt. Es gibt lediglich Annas Erinnerungen an die Vergangenheit (vgl. 57). Sicher ist hingegen, „that the city was not everywhere, that something existed beyond it, that there were other worlds besides this one.“ (74)

Trotz aller apokalyptischen Umstände geht das Leben bei Auster weiter, wenn auch in anderen Formen als bisher üblich. Nach und nach versteht man, dass die Apokalypse hier ein sich stetig vollziehender Prozess ist, dem man sich nicht entziehen kann. Auch die Protagonistin erkennt: „It takes a long time for a world to vanish, much longer than you would think.“ (28f.) Das hat zur Folge, dass man sich manchmal noch an die früheren Verhältnisse erinnert und glaubt, damals sei alles besser gewesen (vgl. 10). Dies ist jedoch in zweifacher Hinsicht ein Trugbild. Denn zum einen hat bereits Alfred Kubin vorgeführt, dass die Flucht in eine vermeintliche bessere Vergangenheit keinen Ausweg aus der Unzufriedenheit der Gegenwart darstellt. Zum anderen lässt sich in
einem dauerhaften Verfallsprozess kein genauer Zeitpunkt bestimmen, der eine Trennung von Damals und Heute markiert.

Auster formuliert mit seinem Text also eine Absage an das klassische apokalyptische Denken und gestaltet einen dystopischen Entwurf, der den Zivilisationsprozess mit der Apokalypse gleichsetzt. Dieser Prozess scheint nie an ein Ende zu kommen, was dazu führt, dass die Menschheit bei Auster ständig am Abgrund lebt, der letzte Schritt aber nie vollzogen wird. Es gibt hier nur den ständigen Wandel, nicht aber ein Ende und schon gar keinen Neuanfang. Eine Stunde Null ist nicht terminierbar.

5.4 Apokalyptik als Zeitkritik

Es wurde bereits erwähnt, dass apokalyptische Literatur von Ereignissen der Weltgeschichte inspiriert sein kann. Im Falle von Austers Roman wurden im vorherigen Kapitel einige Anhaltspunkte für derartige Inspirationsquellen genannt. Apokalypsen können zudem, darauf wurde in Zusammenhang mit Kubin hingewiesen, kritische Reflexionen ihrer Entstehungszeit darstellen oder als solche gedeutet werden.

In der Tat gibt es einige Hinweise darauf, dass Auster bei der Gestaltung seines apokalyptischen Szenarios aus seiner direkten Lebenswirklichkeit geschöpft hat. So lässt sich die im Text namenlose Großstadt relativ eindeutig mit New York City in Verbindung bringen, das nicht selten als Moloch charakterisiert wird, in dem die Menschen eher aneinander vorbei statt miteinander leben. Zudem sind Parallelen in den Beschreibungen labyrinthischer Straßensysteme zu erkennen, welche bereits Austers New York Trilogy (1985-87) auszeichneten. Im Text gibt es außerdem Hinweise zur Lokalisierung der Stadt an der Ostküste eines großen Kontinents (vgl. 39f., 74). Schließlich gibt es mehrere Verweise auf reale Staaten, wie etwa England (vgl. 136), Frankreich oder Russland (vgl. 146). Man muss also davon ausgehen, dass Austers Stadt auf dem uns bekannten Globus zu verorten ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der typisch apokalyptische Dualismus von Gut und Böse bzw. alter und neuer Welt, der bei Auster sehr subtil gestaltet wird. Dennoch ist er für eine zeit- und gesellschaftskritische Interpretation unbedingt zu beachten. So bekommt man im Roman immer wieder Hinweise darauf, dass Anna ursprünglich aus einem anderen Land, jenseits des Ozeans, stammt. Die zehntägige Überfahrt mit dem Schiff (vgl. 18) und die Erinnerungen an ihr altes Leben (vgl. 57) lassen darauf schließen, dass sie aus Europa kommt. In Amerika will sie nach ihrem Bruder suchen, der vom Leben in der namenlosen Trümmerstadt berichten sollte. Austers Protagonistin verlässt somit die „alte Welt“, um in der „neuen Welt“ ihr Glück, in diesem Falle ihren Bruder, zu finden. Die Grundsituation ähnelt damit der in Kubins Roman. Auch hier begibt sich der Protagonist als Glückssucher auf die Reise, doch er geht dafür den umgekehrten Weg von der neuen in die (neu geschaffene) alte Welt. Doch sowohl Anna Blume als auch der Zeichner finden am Ziel ihrer Reise nicht das Glück, nach dem sie suchten, sondern jeweils eine Stadt, die dem Untergang geweiht ist. Es mag Zufall sein, doch bereits das Zitat von Nathaniel Hawthorne, das Austers Roman vorangestellt ist, drängt zu einem Vergleich beider Situationen. „Not a great while ago, passing through the gate of dreams, I visited the region of earth in which lies the famous City of Destruction.“ [Hervorhebungen – Cln.]

Die Opposition von alter und neuer Welt in In the Country of Last Things lädt zu einer zeitkritischen Interpretation ein, die auch Carsten Springer vorgeschlagen hat. Er sieht die beschriebene Stadt als eine „metaphor for postmodern life“ und begründet dies wie folgt: „The omnipresent disintegration in the ‘text’ of the city, the impossibility to read its signs, and the linguistic process of erasure (another allusion to Derrida) characterize the city as a postmodern scenario.”139 Ein wesentlich interessanterer Aspekt für die vorliegende Arbeit ist jedoch der angeschlossene Hinweis auf Selbstaussagen des Autors. „This view also tallies with a comment by the author in which he describes the setting as an apocalyptic heightening of the conditions in Manhattan around the year 1970.”140 In den späten 1960ern und frühen 1970ern befand sich New York City, vor allem aber der Bezirk Manhattan, in einer tiefen Krise. Die Stadt verwandelte sich in den Augen vieler Bewohner in einen von Graffiti überzogenen Moloch, in dem Kriminalität den Alltag bestimmte. Infolge dieser Entwicklungen kam es zu Abwanderungswellen der Mittelklasse, wodurch New York City erhebliche Steuerausfälle verkraften musste.141 Als New Yorker ging diese Entwicklung nicht an Paul Auster vorbei. Demzufolge kann man wie Springer davon ausgehen, dass es sich bei dem Roman um einen “comment or criticism of contemporary conditions” handelt.142

Ähnlich wie bereits in der Offenbarung nutzt Auster also ein allegorisches Verfahren, um mit apokalyptischen Zukunftsvisionen gegenwärtige Zustände zu reflektieren. Auffällig ist dabei nicht nur die radikalisierte Darstellung der so genannten „Ellenbogengesellschaft“; vor allem das Verschwinden von Gebrauchs- und Luxusgegenständen steht bei Auster im Fokus, was sich durchaus als eine Form von Kapitalismuskritik deuten lässt. Hier entsteht eine erstaunliche Parallele zur Offenbarung, die man aus zeitgenössischer Perspektive, wie in Kapitel 3.4.1 dargelegt, ebenfalls als Kapitalismuskritik lesen kann.

Mit dem voranschreitenden Verfall der „letzten Dinge“ geht auch der Verfall der Menschheit einher. In the Country of last Things führt auf beeindruckende Weise die Abhängigkeit der modernen Gesellschaft von Waren jeglicher Art vor. Dass ausgerechnet der Einkaufswagen im Roman ein zentrales Symbol für das Ansichbinden von Gegenständen wird, birgt eine bittere Ironie in sich und lässt die Kritik am rücksichtslosen Konsum überdeutlich werden.143 Dass eine solche Dystopie ausgerechnet von einem US-Schriftsteller entworfen wird, verwundert dabei wenig, gelten die USA doch als Mutterland des Kapitalismus, des Konsums und der postmodernen Saturiertheit. Die Angst vor dem Zusammenbruch dieser vermeintlich sorgenfreien Welt kommt in Austers Roman in bestechender Form zum Ausdruck. Konnte man sich ein solches Szenario in den 1980er Jahren womöglich nicht allzu leicht vorstellen, so sind diese Befürchtungen spätestens mit der Finanzkrise ab 2007 zumindest teilweise wahr geworden.

134 Krämer 2008, S. 155, Fußnote 25.
135 Die Zweckgemeinschaften derjenigen Stadtbewohner, die auf unterschiedlichste Arten den Tod als Ausweg suchen, werden im Roman als Religionen bezeichnet (vgl. 12). Im Zusammenhang mit einer besonders fanatischen Gruppe von „Crawlers“ wird auch der Begriff Sekte gebraucht (27).
136 Vgl. Springer 2001, S. 134.
137 Herzogenrath 2002, S. 70f.
138 Der allmähliche sprachliche Verfall bei Auster, den man leicht auch als „apokalyptisches Sprechen“ bezeichnen könnte, steht in enger Korrespondenz mit Derridas Theorie zu Dekonstruktion und apokalyptischer Rede. Im Rahmen dieser Arbeit soll der komplexe Zusammenhang beider Autoren jedoch weitestgehend vernachlässigt werden. Siehe dazu: Krämer 2008.
139 Springer 2001, S. 134.
140 Ebd.
141 Vgl. Haberman, Clyde – Surviving Fiscal Ruin (and Disco) [nytimes.com, 25. Januar 1998 – letzter Zugriff 17. 08. 2011].
142 Ebd., S. 135.
143 Erstaunlicherweise ist der Einkaufwagen auch ein zentrales Motiv in Cormac McCarthys (post-)apokalyptischem Roman The Road (2006). Vater und Sohn kämpfen hier in einem verbrannten Amerika ums Überleben. Ihre letzten Habseligkeiten transportieren sie dabei in einem Einkaufwagen, der für sie ein kostbares Gut darstellt.

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Architekturen der Apokalypse (Teil IX)

15. April 2013

5. Paul Auster – In the Country of Last Things (1987)129

Paul Austers Roman steht nicht in einer derart direkten Traditionslinie zur Johannes-Offenbarung wie Kubins Die Andere Seite. Die eingehende Betrachtung des Textes wird jedoch zeigen, dass es entscheidende Gemeinsamkeiten zwischen dem Werk Austers und Kubins gibt. Dabei wird vor allem auf darauf zu achten sein, wie Auster im Vergleich zu Kubin den urbanen Schauplatz darstellt und welche Funktionen einzelne Gebäude im Verlauf der Handlung einnehmen.

Zudem ist auch In the Country of Last Things nicht gänzlich frei von biblischapokalyptischen Motiven und anderen religiösen Implikationen. Diese erfahren jedoch eine säkulare Umdeutung, die dem Text einen von der Bibel emanzipierten Endzeitcharakter verleiht.

5.1 Inhalt

In the Country of Last Things ist ein Briefroman, in dem die 19jährige Jüdin Anna Blume einem alten Freund von ihrem Überlebenskampf in einer (post)apokalyptischen Stadt berichtet. Obwohl die Metropole namenlos bleibt, lässt sie sich im Verlauf des Textes relativ eindeutig als New York City identifizieren. Die Protagonistin betritt die Stadt, um nach ihrem verschollenen Bruder William, einem Journalisten, zu suchen. Schon bald wird jedoch klar, dass diese Suche nahezu aussichtslos ist, und fortan geht es Anna vor allem darum, nicht selbst abhanden zu kommen oder zu sterben. Denn die namenlose Stadt ist ein Ort des ständigen Verfalls, an dem Menschen und Dinge von einem Tag auf den anderen einfach verschwinden können. Die städtische Regierung ist instabil und lediglich damit beschäftigt Müll, Fäkalien und Leichen einzusammeln und zur Energiegewinnung zu nutzen. Fossile Brennstoffe gibt es kaum noch.

Anna versucht in dieser gigantischen Schutthalde voller Gefahren ihr Überleben zunächst als „object hunter“ zu sichern. Sie zieht mit einem Einkaufswagen durch die Straßen, um wiederverwertbare Dinge zu finden und zu verkaufen bzw. einzutauschen. Doch nicht alle Bewohner der Stadt haben noch einen Überlebenswillen. Viele schließen sich in sektenartigen Selbstmordzirkeln zusammen und versuchen auf teilweise bizarre und absurde Arten ihrem trostlosen Leben ein Ende zu setzen. Auf einem ihrer Streifzüge lernt die obdachlose Erzählerin die ältere Isabel kennen. Anna rettet ihr das Leben und wird bei ihr und ihrem Mann Ferdinand aufgenommen. Nachdem die beiden nacheinander sterben, wird Anna eines Tages von Einbrechern aus dem Haus verjagt. In der Stadt zählt das Gesetz des Stärkeren, Mitmenschlichkeit gibt es kaum noch.

Nach einer erneuten Zeit der Obdachlosigkeit flüchtet sich Anna in die Nationalbibliothek. Das große Gebäude bildet die letzte Bastion des intellektuellen Lebens der Stadt und bietet zahlreichen Gelehrten ein Zuhause. Hier lernt Anna nicht nur andere Juden kennen, sondern auch den Journalisten und Schriftsteller Samuel Farr. Samuel war ein Freund Williams, den Anna aufgrund ihrer chaotischen Lebenssituation bisher nicht ausfindig machen konnte. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der jungen Frau nimmt Samuel sie schließlich bei sich auf. Die beiden werden ein Liebespaar und Anna wird sogar schwanger, obwohl die Stadt von ihr als ein kinderfeindlicher und kinderloser Ort beschrieben wird. Aufgrund des Mangels an medizinischer Versorgung, Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs ist die Schwangerschaft ein enormes Risiko für Anna. Als ihr letztes Paar Schuhe kaputt geht, lässt sie sich auf ein Geschäft mit einem dubiosen Händler ein, der die gewünschte Ware verspricht. Anna wird bei der Übergabe in eine Falle gelockt. Sie findet sich in einem Menschenschlachthaus wieder, aus dem sie sich nur durch einen Sprung aus dem Fenster retten kann.

Als Anna aus ihrer Ohnmacht erwacht, befindet sie sich im Woburn House. Das Woburn House ist eine Art Pflegeheim, das von Victoria Woburn betrieben wird. Sie nutzt das Vermögen ihres verstorbenen Vaters, um einigen Stadtbewohnern zumindest zeitweise ein Stück heile Welt geben zu können. Von Victoria erfährt Anna, dass sie beim Sturz aus dem Fenster ihr ungeborenes Kind verloren hat. Außerdem berichtet Victoria von einem verheerenden Brand in der Nationalbibliothek, bei dem wohl niemand der Bewohner überlebt zu haben scheint. Anna erholt sich nur langsam von diesen beiden Schicksalsschlägen. Um sie allmählich wieder an ein „normales Leben“ heranzuführen, beschließt Victoria sie als Mitarbeiterin im Woburn House aufzunehmen. Fortan führt sie Gespräche mit Bewerbern, die einen Platz im Haus ergattern möchten und trifft dabei Samuel wieder. Er hat den Bibliotheksbrand wider Erwarten überlebt. Auch Samuel wird in die Riege des Woburn-Personals aufgenommen. Als „Arzt“ ohne medizinische Kenntnisse oder Arzneimittel spendet er seinen „Patienten“ immerhin seelischen Trost. Doch als die finanziellen Mittel der Einrichtung immer weiter zur Neige gehen, wird Anna klar, dass Woburn House nicht ewig existieren kann und in absehbarer Zeit schließen muss.

Der plötzliche Tod des alten Frick, einem Woburn-Angestellten, der bis zuletzt den hauseigenen Wagen pflegte und instand hielt, läutet schließlich das Ende des Hauses ein. Obwohl es gegen das Gesetz der Stadt verstößt Leichen zu begraben, entschließt sich das Woburn-Personal für eine Bestattung nach altem Brauch. Sie tun dies vor allem Fricks Enkel Willie zuliebe. Der geistig behinderte Junge stand unter der Obhut seines Großvaters. Das illegale Begräbnis wird jedoch von einem der Woburn-Bewohner verraten. Die Polizei dringt in das Haus ein, exhumiert den Leichnam Fricks und bringt ihn in eines der städtischen „Transformation Center“, die nichts weiter sind als riesige, zu Kraftwerken umfunktionierte Krematorien.

Von den Ereignissen um den Tod seines Großvaters ist Willie stark traumatisiert. Er kapselt sich immer mehr von den anderen Woburn-Bewohnern ab und zieht sich in eine eigene innere Welt zurück. Im festen Glauben daran, dass einer der Bewohner das Begräbnis verriet, läuft er eines Nachts Amok und tötet dabei sieben Menschen, bevor er selbst von Samuel erschossen wird. Infolge dieser Tat beschließen Victoria und die anderen Woburn-Mitarbeiter das Haus zu schließen. Eine zeitlang bleiben sie noch im Woburn House, das sie jedoch Stück für Stück abreißen müssen, um Brennholz für den Winter zu haben. Schließlich wagen Anna und ihre verbliebenen Mitstreiter die Flucht aus der Stadt mittels des Oldtimers, den Frick pflegte. Ob diese Flucht jedoch gelingt, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob Annas Brief jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

5.2 An urban nightmare

Wie schon bei Alfred Kubin bildet auch in Paul Austers Roman eine Stadt das Zentrum der Handlung. Anders als Perle lässt sich die namenlose Metropole jedoch nicht mit den Metaphern der Hure Babylon oder des neuen Jerusalems verstehen. Austers Schauplatz ist kein Ort luxuriöser und obszöner Ausschweifungen und erst recht kein Ausgangspunkt für eine Utopie von transzendenter Herrlichkeit. Es lassen sich dennoch einige Parallelen zu Kubins Traumstadt aufzeigen. Schon als Anna sich auf einem Überseeschiff der Küste nähert, geht eine bedrohliche Stimmung von der Stadt aus. „The shore was entirely black, no lights anywhere, and it felt as though we were entering an invisible world, a place where only blind people lived.” (18) Das Betreten der Stadt erinnert an Kubins Darstellung der Einfahrt nach Perle. Zwar gibt es bei Auster keine metaphorisch aufgeladene Portalsituation, doch es ist deutlich von einem Übergang in eine andere Welt die Rede. Zudem unterstreicht der dunkle Charakter der Küste den Ersteindruck von der Stadt als Ort des Unbehagens. Auch der Zeichner in Kubins Roman betonte die trübe und zwielichtige Wetterlage über Perle, die den Ort unheilvoll erscheinen ließ. Anders als bei Kubin gibt es in Austers Stadt jedoch Wetterwechsel, die sich aber fast ausschließlich negativ auf das Leben der Stadtbewohner niederschlagen.

Als Anna an Land geht, merkt sie schnell, dass ihr die Adresse, unter der sie ihren Bruder zu finden hofft, nichts nützt. Die Stadt ist ein riesiges Trümmerfeld, in der jegliche Orientierung schwer fällt. „There was no building, no street, no anything at all: nothing but stones and rubbish for acres around.“ (18) Trotz dieses Trümmerzustandes scheint die Stadt noch nicht an ihr Ende gekommen zu sein. Nicht nur, dass zahlreiche Menschen in ihr leben, die Stadt selbst scheint ein „independent being“, ein unberechenbarer Organismus zu sein.130 Von einem Tag auf den anderen verändert sie sich willkürlich in Aussehen und Beschaffenheit. Nie kann man absolut sicher sein, welchen Weg man gerade geht und ob man ihn wirklich betreten sollte. Wo gestern noch ein Durchgang war, stehen heute Barrikaden und Zollstationen, an denen nach beliebigem Recht Passanten ausgebeutet werden (vgl. 6f.). All das macht die Trümmerstadt zu einem Ort, der als Inbegriff von Unsicherheit und Unbeständigkeit gelten kann.

Doch nicht nur das Stadtbild ist ständigen Veränderungen unterworfen. „For habits are deadly“, sagt die Erzählerin und weiß, dass man sich in dieser Stadt täglich neu beweisen muss (6f.). Niemand hat hier einen festen Platz, die Obdachlosenrate ist hoch und die Lebensmittelvorräte reichen nicht aus, um alle Einwohner zu versorgen. „Shortages are frequent, and a food that has given you pleasure one day will more likely be gone the next.“ (12) Doch gerade der Hunger treibt Anna an weiterzugehen. Darum versucht sie, nur so viel wie nötig zu essen (vgl. 2). Für andere hingegen wird das Essen zum Wahn, der sie unvorsichtig und wagemutig werden lässt (vgl. 3f.). Sie begehen tödliche Fehler in einer Welt, in der nur das Gesetz des Stärkeren zählt. Ein funktionierendes Staatssystem gibt es nicht mehr (vgl. 17). Die Protagonistin weiß: „Life as we know it has ended, and yet no one is able to grasp what has taken its place.“ (20) „Slowly and steadily, the city seems to be consuming itself, even as it remains. There is no way to explain it.“ (21f.) In der Tat ist in Austers Roman ein seltsamer Schwebezustand der Zivilisation erreicht, für den die Stadt einmal mehr sinnbildlich steht. Sie scheint sich ihrem Ende zu nähern, doch sie besteht weiterhin fort.131 Anna fasst diese paradoxe Situation so zusammen:

„You would think that sooner or later it would all come to an end. Things fall apart and vanish, and nothing new is made. People die, and babies refuse to be born. In all the years I have been here, I can’t remember seeing a single newborn child. And yet, there are always new people to replace the one who have vanished.“ (7)

Eine kinderfeindliche Umgebung, die nichts Neues entstehen lässt, erst recht keine neuen Menschen, wird auch bei Kubin entworfen. In Perle gibt es kaum Kinder, sie sind nicht gern gesehen und schließlich ist in Die andere Seite sogar von einer Totgeburt die Rede.132 Mit dem Verlust von Annas ungeborenem Kind illustriert auch Paul Auster die Hoffnungslosigkeit auf einen regenerativen Fortbestand der Menschheit.

Eine weitere evidente Gemeinsamkeit zwischen Perle und der namenlose Metropole ergibt sich im Verlauf des Romans. Ebenso wie dem Kubinschen Protagonisten ist Anna beim Betreten der Stadt nicht klar, dass sie diesen Ort nicht ohne weiteres wieder verlassen kann. Denn ähnlich der gigantischen Mauer, die das Traumreich begrenzt, wird vor der Küste der Trümmerstadt „an immense sea wall“ (86) errichtet, der die Funktion einer Wallanlage zukommt. Landseitig wird die Stadt ebenfalls von Wällen begrenzt und durch Tore abgeriegelt (vgl. 90 und 185). Diese weisen jedoch keine Systematik wie etwa die Mauern und Tore des neuen Jerusalems oder Perles auf. Anna erfährt von einem Arbeiter am Hafen von den Hintergründen. “[When] I asked someone the purpose of the sea wall, he told me it was to guard against the possibility of war. The threat of foreign invasion was mounting, he said, and it was our duty as citizens to protect our homeland.” (86) Bezahlt werden die Arbeiter, die am “Sea Wall Project” mitwirken, nicht, doch sie erhalten als Entschädigung „a place to live and one warm meal a day.“ (86) Beides ist in einer Stadt, in der es ums nackte Überleben geht, mehr wert als Geld. Für diese Art der Bezahlung und für die Illusion gegen einen drohenden Krieg geschützt zu sein, arbeitet ein Großteil der Bevölkerung an dem Projekt mit.133 Dass dadurch die persönliche Freiheit des Einzelnen noch weiter eingeschränkt und die letzte Möglichkeit auf ein besseres Leben an einem anderen Ort im Wortsinne verbaut wird, scheint niemanden zu interessieren. Da der drohende Krieg jedoch die gesamte Handlung über ein Gerücht bleibt, das von niemandem besonders ernst genommen wird, stellt sich die Frage, ob die Stadtverwaltung hier nicht unter einem Vorwand handelt. Durch eine Abwanderungswelle der Bewohner würde diese schließlich ihre Machtbasis verlieren.

Neben den Wällen, Deichen und Toren scheint die namenlose Stadt noch eine weitere äußere Begrenzung zu haben, die Krematorien. „All around the edges of the city are the crematoria – the so-called Transformation Centers – and day and night you can see the smoke rising up into the sky.“ (17) Die von der Stadtverwaltung betriebenen Transformationszentren verbrennen kontinuierlich Müll, Exkremente und Leichen zur Energiegewinnung. Da es keine anderen Rohstoffe mehr gibt, entsteht die paradoxe Situation, dass die Produkte von Tod und Zerfall die Stadt am Leben halten. Zudem hält die Dauerpräsenz der Krematorien die Gewissheit aufrecht, dass die abgeschottete Stadt nur über einen Weg wieder verlassen werden kann. Die Bewohner im Inneren sind lebendig begraben. Das wird Anna bewusst, als sie von einem Dach aus die Stadt überblickt und die Krematorien sieht.

„I saw the smoke rising from the crematoria and power plants. […] I felt the wind on my face and smelled the stench in the air. Everything seemed alien to me, and as I stood there on the roof next to Isabel, still too exhausted to say anything, I suddenly felt, that I was dead, […] as dead as the people who were burning into smoke at the edges of the city.” (74)

Die Einsicht, dass sie diesen albtraumhaften Ort nicht vorbehaltlos wieder verlassen kann, lässt Anna kurz resignieren. Es wird zwar noch die Möglichkeit in Aussicht gestellt, die Stadt mittels einer Reisegenehmigung auf legalem Wege verlassen zu können, doch hier greift wie schon bei Kubin das Motiv der undurchsichtigen Bürokratie. Nach tagelangem Schlangestehen und einem sich hinziehenden Behördenmarathon gibt Anna auf.

„I had to give up the idea of going home. Of all the things that had happened to me so far, I believed that was the most difficult to take. Until then, I had deluded myself into thinking I could return whenever I wanted to. But with the sea wall now going up, with so many people mobilized to prevent departure, this comforting notion was dashed to bits.“ (89)

Trotz dieses enormen Rückschlages lebt in Anna der Wille zum Überleben weiter. Je länger sie in der Trümmerstadt lebt, desto besser passt sie sich an das entbehrungsreiche Leben an. Da es schwer ist über längere Zeit als Obdachlose zu bestehen, werden nicht nur für sie Wohnhäuser und öffentliche Gebäude zu Sehnsuchts- und Zufluchtsorten zugleich. Doch es gibt in der Stadt keinen Leerstand. Die letzten intakten Gebäude werden sämtlich bewohnt und sind hart umkämpft.

„For those who have a place to live, there is always the danger to lose it. Most buildings are not owned by anyone, and therefore you have no rights as a tenant: no lease, no legal leg to stand on if something goes against you. It’s not uncommon for people to be forcibly evicted from their apartments and thrown out onto the street. A group barges in on you with rifles and clubs and tells you to get out, and unless you think you can overcome them, what choice do you have? The practice is known as housebreaking, and there are few people in the city who have not lost their homes in this way at one time or another.“ (8)

Trotz oder gerade wegen der unsicheren Wohnungslage kann in der Metropole ein absurder Wohnungsmarkt aufrechterhalten werden, der mit den Sehnsüchten der Stadtbewohner spielt und diese bisweilen schamlos ausnutzt.

„But still, the rental agencies carry on a sort of business. Every day they place notices in the newspaper, advertising fraudulent apartments in order to attract people to their offices and collect a fee from them. No one is fooled by this practice, yet there are many people willing to sink their last penny into these empty promises. They arrive outside the offices early in the morning and patiently wait in line, sometimes for hours, just to be able to sit with an agent for ten minutes and look at photographs of buildings on tree-lined streets, of comfortable rooms, of apartment furnished with carpets and soft leather chairs – peaceful scenes to evoke the smell of coffee wafting in from the kitchen, the steam of a hot bath, the bright colors of potted plants snug on the sill. It doesn’t seem to matter to anyone that these pictures were taken more than ten years ago.“ (8f.)

Das Haus als Bastion und Zufluchtsort in einer Stadt aus Trümmern wird in Austers Roman folglich zu einem wichtigen Motiv. Man kann sogar soweit gehen zu sagen, dass dem Haus eine strukturgebende Funktion im Text zukommt. Denn In the Country of Last Things lässt sich nach einer Art Prolog, in der Anna die Situation der Stadt beschreibt, in drei Teile gliedern. Im ersten Teil findet Anna Zuflucht im Haus von Isabel und Ferdinand. Der zweite Teil ist vom gemeinsamen Leben mit Samuel in der Bibliothek bestimmt. Im dritten Teil lebt sie schließlich im Woburn House und wird ein Teil dieser letzten Festung der Hoffnung und Nächstenliebe.

Das Woburn House stellte zunächst ein Übergangshaus („way house“, 131) dar, das von Dr. Woburn gegründet wurde, „[when] the period of troubles began.“ (130) Zur Zeit des Umbruchs und des allmählichen Zerfalls der Stadt stieg die Zahl der Obdachlosen stark an. Dr. Woburn war ein angesehener Arzt, der sich von Beginn an dafür einsetzte den bedürftigen Menschen mit dieser Unterkunft auf Zeit zu helfen. Als nach und nach alle Wohlhabenden die Stadt verließen, blieb Dr. Woburn vor Ort und investierte sein Privatvermögen in das Haus. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Woburn House zu einer Art Pflegeheim, in dem 18 bis 24 Personen Platz fanden. Nach Dr. Woburns Tod führt seine Tochter Victoria das Haus im Sinne ihres Vaters weiter. Sie ist es auch, die Anna nach ihrem Sturz und ihren Schicksalsschlägen pflegt und allmählich wieder an das Leben heranführt.

Die symbolische Bedeutung des Hauses im Roman ist eindeutig. Es stellt einen Funken Hoffnung in der trostlosen Stadt des Verfalls und Todes dar und wird von den Mittellosen entsprechend stark frequentiert. Obwohl das Zitat im Text nicht direkt vorkommt, erinnert die Situation Victorias und des Woburn House stark an Joh 14, 2. Jesus spricht zu seinen Jüngern: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“ Gemeint ist damit unter anderem die Bereitschaft zu Nächstenliebe und Barmherzigkeit, die auch den Bewohnern von Woburn House zuteil wird. Damit soll ein erster Hinweis darauf geben sein, dass Austers Roman trotz der vordergründig säkularen Darstellung eines urbanen Untergangsszenarios durchaus religiöse Dimensionen aufweist. Diese werden im folgenden Kapitel noch ins Blickfeld rücken.

Obwohl das Woburn House als Leuchtturm in einer finsteren Welt angesehen werden kann, bleibt Anna hinsichtlich dessen positiver Wirkung skeptisch. Sie stellt sich die Frage, ob sie den Menschen hier wirklich helfen können, oder ihnen nicht vielmehr schaden. Denn viele der Bewohner verkraften die Umstellung von der Obdachlosigkeit in die Obhut nicht.

„Nearly all residents of Woburn House had been living in the streets for a long time. Perhaps the contrast between that life and this life was too much of a shock for them. You grow accustomed to looking out for yourself, to thinking only of your own welfare, and them someone tells you that you have to cooperate with a bunch of strangers, the very class of people you have taught yourself to mistrust. Since you know that you will be back on the streets in just a few short days, is it really worth to be trouble to dismantle your personality for that?“ (140)

Die Tatsache, dass eine Aufnahme im Woburn House auf wenige Tage befristet ist, lässt viele Bewohner am Tag ihrer Entlassung verzweifeln. Anna schildert, wie erwachsene Menschen auf Knien um eine Verlängerung ihrer Frist betteln und kommt zu der Erkenntnis: „We were supposed to be helping people at Woburn House, but there were times when we actually destroyed them.“ (142)

Bereits Dr. Woburn wusste, „that any help he could offer would only be symbolic – a gesture against the total ruin.“ (132) So muss sich auch die Belegschaft des Woburn House mit den immer knapper werdenden Geldmitteln zur Erhaltung der Einrichtung auseinandersetzen. Doch ebenso wie die Stadt ist auch das Haus nicht sicher vor dem langsamen, aber stetigen Verfall. Als Woburn House nach dem Amoklauf Willies schließlich geschlossen wird, sind gerade noch genügend Ressourcen für die letzten vier verbliebenen Mitarbeiter vorhanden. Um den harten Winter zu überstehen, beginnen sie schließlich Teile des Hauses abzureißen und als Feuerholz zu verwenden. Der sinnbildliche Abriss von Woburn House verdeutlicht, dass das Leben in der namenlosen Trümmerstadt letztendlich dem Untergang geweiht ist. Auch wenn Anna in ihrem Brief nicht vom endgültigen Zusammenbruch der Stadt berichtet, so lassen ihre Schilderungen doch kaum die Möglichkeit einer regenerativen Erholung zu. Mit dem Fall von Woburn House scheint das Leben in der Stadt zu seinem Ende gekommen zu sein und für Anna und ihre Mitstreiter bleibt nur noch das Wagnis der Flucht. Weder die Figuren noch der Leser wissen, ob diese Flucht gelingen wird.

129 Paul Auster – In the Country of Last Things [1987]. London: Faber and Faber, 2005. Zitiert wird im Folgenden mit Seitenangabe im Text.
130 Springer 2001, S. 134.
131 Vgl. Springer 2001, S. 133.
132 Vgl. Kubin [1909] 2009, S. 120.
133 Die Sicherheit, die durch das „Sea Wall Project“ erreicht werden soll, kann nur als Illusion bezeichnet werden, da für den Bau der Deichanlage 50 Jahre veranschlagt werden. (vgl. 86) Wie die Stadt jedoch in der Zwischenzeit gegen etwaige Invasionen geschützt werden soll, bleibt offen. Auch die Arbeiter hinterfragen diesen Widerspruch nicht.

Steel Structures in Sepia – New York City (via The Dassler Effect)

16. August 2011

Steel Structures in Sepia - New York City

via The Dassler Effect


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