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Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Sherko Fatah, Marjana Gaponenko und Georg Klein

12. Juni 2014

Literatur hat nur dann keine Zukunft, wenn sie sich selbst genügt, wenn sie sich immer und immer wieder um sich selbst dreht. Diese Gefahr besteht wohl vor allem dann, wenn ein Autor nur mit sich selbst und seiner kleinen Welt beschäftigt ist.

Die, in einer unsäglichen Debatte attestierte und widerlegte, langweilige Gleichförmigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es nicht! Und dennoch sehe ich eine (kleine) Gefahr darin, dass viele junge Menschen nach dem Abitur den direkten Weg zum DLL oder nach Hildesheim nehmen. Die Gefahr, vor der Marjana Gaponenko (völlig unabhängig von irgendeiner Debatte!) warnt.  In ihrem Rundschau-Beitrag Brief an einen Dichter am Anfang des XXI. Jahrhunderts heißt es: „Schreiben Sie einfach. Und vor allem lassen Sie die Poesie nicht zu Ihrer Religion werden. Lesen Sie nicht zu viel Lyrik. Seien Sie sparsam mit der schöngeistigen Literatur. Lesen Sie am besten gar keine. Legen Sie sich trotzdem eine Bibliothek an, die aus naturhistorischen Büchern, Geschichtsbüchern und Lexika besteht. Interessieren Sie sich aufrichtig für anderen Dinge. Für den Schiffbau zum Beispiel oder für die Botanik.“

Keine Belletristik zu lesen ist natürlich übertrieben. Ebenso wäre es übertrieben die Literatur zu einer Art ideologischem Kosmos zu machen. In seinem Rundschau-Beitrag Offenes Abc – Anstelle eines Manifests schreibt Georg Klein: „n) Wir sind Ideologen der Literatur. o) Das ist nicht so schlimm wie es sich anhört. p) Die schiere Erfahrung des Erzähltbekommens und des Erzählens, des Lesens und des Schreibens, die Erfahrung mit Texten zersetzt unseren ideologischen Starrsinn.“

Klein hat Recht, aber es gibt eben noch mehr als „Text und Ich“ auf der Welt. Warum das zu betonen so wichtig ist? Sherko Fatah gibt die Antwort in seinem Rundschau-Text Kleine Heimat, große Welt: „Darüber hinaus gibt es mit der Kindheit und Jugend ein durchaus nicht zu unterschätzendes Problem: Die Tatsache, dass jeder so etwas hat oder hatte, rechtfertigt noch keine Romane.“ Amen.

Warum Amen? Weil ich finde, dass die junge deutschsprachige Literatur sich dort am angreifbarsten macht, wo sie die 1000ste coming-of-age:-ich-komm-aus-der-Provinz-und-zieh-nach-Berlin-um-mich-unglücklich-zu-verlieben-Geschichte (alternativ: ich-wohn-schon-lange-in-Berlin-fahre-aber-gegen-meinen-Willen-zu-einem-Familienfest-nach-Hause-in-die-Provinz-und-entdecke-das-dunkle-Geheimnis-meiner-Familie) erzählt. Denn das sind meist die Geschichten, in denen die Ich-Bezogenheit der Autoren überdeutlich wird.

Abgesehen davon hat die deutsche/deutschsprachige Gegenwartsliteratur keine Probleme. Und das genannte ist auch kein Problem unserer Gegenwart. Das gab es schon immer. Die Literatur der Zukunft kann also zu jeder Zeit nur die sein, die ihren Autor nicht zur Figur macht, ihm keine Bühne für sein Ego bietet.

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