Posts Tagged ‘Marilyn Manson’

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26. Januar 2017
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No Future

3. Juni 2013

Es war am 20. April 1999 als Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton, Colorado einen bis dahin beispiellosen Amoklauf an einer Schule verübten. Obwohl mir das ganze Ausmaß dieser Tat damals noch nicht bewusst war, spührte ich schon, dass da etwas Unheimliches geschehen war. Als die Manson-Family Ende der 1960ern ihre Mordserie beging, war ich noch nicht geboren. Das Columbine-Massaker von Harris und Klebold war sozusagen das erste Verbrechen dieser Art, das ich bewusst wahrnahm. Im Jahr darauf begann ich mich intensiv für Gothic, Metal und den ganzen Kram zu interessieren. Es war eine gute Zeit um in die Schwarze Szene einzusteigen: Marilyn Manson veröffentlichte gerade das Album Holy Wood: In the Shadow of the Valley of Death, das ich auch und/oder vor allem heute noch als sein bestes Studioalbum und eine der einflussreichsten und wichtigsten LPs im Alternativesektor der 2000er Jahre bezeichnen würde.

Ich war von der Platte sofort elektrisiert. Ich wurde zum Fan, der jede Zeitschrift kaufte in der Interviews, Konzertberichte und sonstiges Material über Marilyn Manson publiziert wurde. Ich habe das alles intensiv gelesen, die Songtexte übersetzt und und und… Marilyn Manson: Popikone und fleischgewordener Albtraum des Bürgertums in einem. Monroe und Charles zu einem Schockhybriden mit Glamfaktor verschmolzen. Ich fand ihn genial. Manson war die Art von Künstler, die es meiner Meinung nach (auch heute noch) dringend brauchte, um der verlogenen westlichen Welt den Spiegel vorzuhalten.

Woher kam aber diese Aggression, die sich mit solch unglaublicher Kraft in Mansons Musik niederschlug? Kurz gesagt: Aus dem Amerika Bill Clintons, dass ihm eine Mitschuld am Amoklauf in Littleton attestierte. Harris und Klebold hörten ebenso leidenschaftlich wie ich die Songs von Marilyn Manson, die von Tod, Wut und Verzweiflung handelten. Laut den Meinungen vieler so genannter Medienexperten waren er und seine Musik ein Hauptgrund für die Verderbtheit der Jugend, die sich nun in Waffengewalt äußerte. Manson selbst äußerte sich zu den Vorwürfen, die auch die Bands Rammstein und KMFDM trafen, kaum. Legendär ist hingegen sein Auftritt in der Michael Moore-Doku „Bowling for Columbine“, die sich mit dem Columbine-Massaker und der Waffenkultur in den USA auseinandersetzt.

Nach seiner sehr intelligenten und pointierten Analyse über die öffentliche Hexenjagd auf ihn, antwortete Manson noch einmal auf seine Art. Das Album Holy Wood ist Abrechnung und Aufarbeitung in einem. Ein großartiges Konzeptalbum über Guns, God & Government mit Songs wie Disposable Teens, The Fight Song oder The Nobodies, die den Finger in die Wunde einer verletzten, verstörten und verlogenen Gesellschaft legte. Ein Album wie einer Faust in der Magengrube des wohlig eingerichteten Bürgertums. Ein Album, wie es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Und die Platte wurde gehört. Weit über die Grenzen der so genannten Alternativeszene hinaus. Marilyn Manson wurde endgültig zum kommerziell erfolgreichen Superstar, der sogar in der Dorfdisco den Bürgerkindern vorgespielt wurde. Welch Ironie.

Auf dem Album Holy Wood befindet sich ein Song, der es mir schon bei Erscheinen imJahr 2000 angetan hatte und heute immer noch zu meinen absoluten Lieblingsliedern zählt, weil es sehr authentisch von einer desillusionierten Jugend erzählt. The Death Song hier in freier Übersetzung:
Wir sitzen auf einer Kugel

und bewegen uns direkt auf Gott zu

auch er will es beenden

Wir nehmen eine Pille, verziehen das Gesicht

lösen ein Ticket

und hoffen, dass es den Himmel wirklich gibt

Im Fernsehen habe ich einen Cop einen Priester schlagen sehen

und die wissen, dass sie auch unsere Helden getötet haben
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Kinder, lasst uns den Death Song singen
Wir zünden eine Kerze für eine Erde an

die wir zur Hölle gemacht haben

und geben vor, wie wären im Himmel

Wann immer wir das tun

bekommen wir ein Blindenticket

und wissen: nichts davon ist wahr

Im Fernsehen habe ich einen Priester einen Cop töten sehen

und ich weiß jetzt, dass das auch unsere Helden sind
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir schreiben unsere Gebete auf eine kleine Bombe

Küssen sie zum Abschied und senden sie an Gott
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir waren einst die Welt

doch wir haben keine Zukunft

und wir wollten doch nur wie ihr sein

wir wollten so wir ihr sein

Am 26. April 2002, also fast genau drei Jahre nach dem Columbine-Massaker, verübte Robert Steinhäuser den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ich war damals Schüler in Thüringen und wohnte nur etwa 60 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit Columbine beschäftigt und trug auch in der Schule nur noch schwarze Klamotten. Auf einmal wurde ich von manchem Lehrer kritisch beäugt, wurde von ihnen gefragt was ich eigentlich für Musik höre und habe ihnen CDs ausgeliehen. Marilyn Manson, Slipknot und sogar das Album Lektionen in Demut von Thomas D stießen auf wenig Verständnis. Ob ich nicht glaube, dass solche Musik depressiv machen und ein zu negatives Weltbild zeichnen würde, wurde ich gefragt? Ich verneinte und sagte, eigentlich sprechen mir Manson und Thomas D aus der Seele. Damit war das Thema beendet, was mich auch heute noch etwas wundert. Das war’s also in Sachen zuhören?

Nach den Nachrichten und Bildern aus Erfurt ging es mir nicht gerade gut. Und ironischerweise war ich wohl derjenige in meiner Klasse, dem das ganze am nächsten ging. Weil ich die Berichte aus Littleton kannte, die Polizeifunkaufnahmen gehört hatte, Interviews mit Überlebenden gesehen habe… und weil es jetzt in Erfurt passiert war. Nicht weit weg. Und ich stellte mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn der Amoklauf an meiner Schule passiert wäre und Menschen die ich kannte und mochte erschossen auf den Gängen gelegen hätten und so weiter.

Und dazu kam dann auch wieder die Wut und der Ekel, den ich schon aus den Songs von Marilyn Manson kannte. Der ganze Abscheu vor der heuchelnden Welt der Erwachsenen. Die Lehrer zeigten sich ein paar Tage betroffen, überprüften dann den Typen, der ausschließlich in schwarz an der Schule rumlief und beteten danach ihr ewig gleiches Lamento von der Wichtigkeit der Schulnoten und dem Versagen im Leben im Falle des Versagens in der Klassenarbeit.

Bedeutend einfühlsamer ging hingegen der Filmemacher Gus van Sant mit diesem Thema um. Van Sant gilt als Spezialist für problematische Jugendthemen und ist auch deshalb einer der von mir meistgeschätzten Regisseure überhaupt. Weil ich weiß, die eindringlich seine Filme sein können habe ich mich lange vor seinem Film Elephant gedrückt, aber letztens doch endlich gesehen. Auch das ist ein Grund, warum ich heute über Amokläufe und Marilyn Manson geschrieben habe. Ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Immernoch.

EDIT: Marilyn Manson malte auch ein Aquarell, dass auf den Amoklauf an der Columbine High School bezugt nimmt. Es zeigt die Portraits von Harris und Klebold auf einer Hand, die das Peace-Zeichen formt. Titel: Crop Failure.

Quelle: marilynmanson.com

Nova Musicae!?

23. März 2012

Die treuen Leser unter euch wissen, welchen Stellenwert Die Toten Hosen bei mir haben. Die weniger treuen können es hier nachlesen. Nun ist es so, dass ich trotz aller Verehrung auch irgendwie immer ein wenig zusammenzucke, wenn die nicht mehr ganz so taufrischen Düsseldorfer ein neues Album ankündigen. Ob ich mich darauf freue oder nicht hängt meist von der erste Single ab und die haben in den letzten Jahren eher mäßige Ersteindrücke(!) hinterlassen. Jetzt erschien „Tage wie diese“ als erste Auskopplung des kommenden Albums „Ballast der Republik“. Und ganz ehrlich: ich find’s toll.

Interessanterweise bringen auch die Ärzte im April ein neues Album auf den Markt. Es wird „auch“ heißen und die erste Single „zeiDverschwÄndung“ ist eine ebensolche. Aber seht und hört selbst.

Gott sei Dank gibt es immer noch das Farin Urlaub Racing Team! Naja, wer Hosen sagt, der muss auch Ärzte sagen – und wer Gott sagt, muss auch dem Teufel seine 3 Minuten 30 geben. So geschehen auf der jüngst zurückliegenden ECHO-Verleihung. Dort gaben sich, die von mir ebenfalls hochgeschätzten, aber irgendwie auch schon über ihren Zenit geschrittenen Herren von Rammstein die Ehre. Im Gepäck hatten sie statt Sänger Till Lindemann den früher von mir einmal hoch- und höchstgeschätzten Marilyn Manson. (Mann, Mann, Mann… war der mal gut. Wie kann man nur so absinken…) Ein Auftritt wie ich ihn mir vor 10 Jahren nicht sehnlicher gewünscht hätte, wurde jetzt Realität. Ein Schauspiel, aber ach ein Schauspiel nur. Da singt der immer noch recht dickliche Manson, dessen Körper nie zum Dicksein bestimmt war (was man auch sieht) mit letzter Luft einen 16 Jahre alten Hit (ein Superhit seiner Zeit!) und Rammstein spielen brav das runter, was 1996 genau so auf „AntiChrist SuperStar“ zu hören war. Kein Duett, keine neuen Arrangements – nix neues. Schade, das hätte was Großes werden können. Aber eben vor zehn Jahren. So komme ich nicht umhin den Gedanken zu denken, dass Rammstein hier lediglich versuchen einen der ehemals größten Altenative-Rocker nach einem peinlichen Absturz wieder auf die Beine zu helfen. Und das kann natürlich nur mit alten Hits gelingen, weil nach 2003 nur noch Bullshit von Manson kam.

109 Lieblingslieder – Teil 8

27. April 2011

Marilyn Manson

24. Cryptorchid
25. The Death Song

Natürlich waren unsere Lieblingsbands früher besser, wie früher überhaupt alles besser war – auch die Zukunft. Aber bei Marilyn Manson stimmt es nunmal wirklich. Heute ist er nichts weiter als ein abgehalfterter Düster-Pop-Clown, der sich selbst zugrunde gerichtet hat und sogar in österreichischen Castingsshows in der Jury sitzt. Bis einschließlich oder besonders mit dem 2000er Album „Holy Wood – In the Shadows of the Valley of Death“ stand Manson für alles, was das konservative Amerika fürchtet. Er war ein echter Bürgerschreck, der der US-Gesellschaft den dreckigen, blutverschmierten Spiegel vorgehalten hat. Darin und auch in ein paar markigen Industrial-Rock-Alben liegt sein Verdienst. Aber ob man sich in 20 Jahren noch daran erinnern wird? Wenn er noch mehr Pop-Alben und peinliche Liveauftritte hinlegt, wird man irgendwann nur noch sagen können: „Ja, der Manson… War mal der Hammer, aber naja…“ Das wird zu wenig sein und seinem Frühwerk nicht gerecht werden, das es durchaus mit Nine Inch Nails aufnehmen kann.


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