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Zur Wirklichkeit

21. August 2014

Im Zuge der Reflexionen über die Manifeste einer Literatur der Zukunft, möchte ich noch einmal kurz auf den Begriff der „Wirklichkeit“ zurückkommen, über den ich ja vor allem hinsichtlich Francis Neniks und Tom McCarthys Essays geschrieben hatte. Es ging mir dabei um experimentelle Erzählverfahren zur Erfindung der Geschichte, und damit schließlich der Wirklichkeit.

In der letzten Ausgabe der Bella Triste (#39), in der es hauptsächlich um Bekenntnisse von Autoren zum Schreiben bzw. der Literatur geht (also auch irgendwie um (poetologische) Manifeste), schrieb Roman Ehrlich über Das Selbstgespäch der Wirklichkeit.

„Die Bedingung des Schreibens … ist die Suche nach Verwandtschaft, das Bedürfnis nach Aufhebung des Unverwandten, der Trennung, der Wunsch nach Beseitigung des Mangels an Bezüglichkeit des eigenen Ichs zur Welt, zu der von ihm erlebten Wirklichkeit.“

anders ausgedrückt

„Die Grundbedingung für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit durch Literatur – also durch das Schreiben oder durch intensives Lesen – in ein Unvollständigkeitsgefühl, ein als tiefgreifend empfundener Mangel. Eine Art Trennungsschmerz im Angesicht des breiten Grabens zwischen der eigenen Gedankenwelt und dem Selbstgespräch der Wirklichkeit.“

Auch wenn „die eigene Gedankenwelt“ in diesem Zusammenhang etwas eigenbrötlerisch und introvertiert klingt, ist es vor allem Ehrlichs letzter Satz, dem mein Zustimmung gilt. Der Gedanke, dass Literatur (Kunst allgemein) eine Brücke zwischen Ich und Welt schlägt, ist vielleicht nicht neu, erscheint mir aber elementar. Ich verstehe Roman Ehrlich so, dass Literatur (s)eine Art der Partizipation am Realen darstellt. Was aber, wenn dieser Partizipationsversuch fehlschlägt? Würde das die Mangelerscheinung nicht noch verstärken? Und wo liegt dann der Fehler? Bei mir, in der Welt oder der Kunst?

Das ist einer der Punkte an dem ich die „Erfindung der Wirklichkeit“ als z.B. alternative Realität für tröstlich halte. Nicht, dass das als Flucht verstanden werden soll, sondern als Alternative. Flucht bedeutet ja irgendwie immer, dass der Rückweg abgeschnitten ist. Wohingegen Alternativen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Zudem vermute ich, dass auch eine erfundene Wirklichkeit an der Realität geschult sein muss, um in ihrer Andersartigkeit zu überzeugen.

Doch kann sich eine solche Überzeugung überhaupt einstellen? Roman Ehrlich erinnert mich an einer Stelle an Hugo von Hofmannsthal.

„… das Erkennen der Sprache als Lüge und der Unabwendbarkeit, mit diesem verlogenen Instrument umgehen zu müssen, um Erfahrung von Wirklichkeit oder Wahrheit zu beschreiben.“

Die Unvollkommenheit von Sprache an sich führt also zwangsläufig zu einer alternativen Wirklichkeit, da die „echte“ Wirklichkeit durch sie nicht beschrieben werden kann.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Lukas Jost Gross, Matthias Nawrat und Juan S. Guse

6. August 2014

Nachdem es zuletzt vor allem um die Zukunft der Literaturvermarktung, oder sagen wir gnädigerweise Literaturverbreitung ging, will ich mit den Rundschau-Manifesten noch eine Überlegung darüber anstellen, wie denn die Internetliteratur (als Zukunftsliteratur per se) nun konkret aussehen könnte. Welche Inhalte sie hat, vor allem aber, wie ihre Texte beschaffen sein sollen/können/werden.

Eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat Lukas Jost Gross, dessen Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden 14 Punkte umfasst. Ich beginne hier mit Punkt 5, weil er mir am nächsten ist und einen wichtigen Grundgedanken anspricht.

„5 […] Textproduktion adaptierte schon immer Umgebung und Arbeitsinstrumente. Ein Bleistift ruft andere Texte hervor als eine Schreibmaschine. Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Einverstanden! Aber bedeutet das für das Internet?

„2 Digitale Literatur geht über digitalisierte Literatur hinaus, indem sie Mechanismen des Internets inkorporiert.“

Okay, und wie funktioniert das?

„8 Eine digitale Literatur trägt Kennzeichen der Programmierung.“

Aha. Stopp! Das bedeuten also die kursiven Einsprengsel in Gross‘ Text?

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oder

@she______10h Photo: 06:51 ~ #view w/ my #grasshopper #man (hier: Jungle Room) http://tmblr.c kVvWyywuYIg View Photo visitor desigbn @visitor 6m pattern deflection. pattern deformation. unrecognition. Expand“ [Link von WordPress automatisch gesetzt]

Verstanden? Ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Zumindest bringt mich Gross zu zwei Annahmen.

1. Diese Form digitaler Literatur gehört nicht in die Reihe sich verändernder Schreibwerkzeuge, weil der Schreiber dazu ein Wissen benötigt, das einem intuitiven Gebrauch zunächst im Wege steht. Federkiel, Bleistift, Schreibmaschine und Worddokument sind selbst erklärend und daher sofort intuitiv nutzbar. Man setzt sich und schreibt los. Ein Ins-Blaue-Programmieren ist hingegen wohl eher nicht möglich.

2. Eine solche „programmierte“ Literatur steht nicht in der selben Traditionslinie, in der seit Jahrtausenden nahezu unverändert Literatur produziert wird. Was nicht wertend gemeint ist! Ich will der programmierten Literatur damit ihren Kunstcharakter nicht absprechen, sondern glaube vielmehr, dass es sich hier um eine neue Kunstform handelt.

Es geht also um eine radikale Neubewertung bzw. Umnutzung des Mediums (Programmier-)Sprache. Warum?

„9 Originalität, Autorschaft und Genie sind überholte Begriffe.“

Das sehe ich nicht so.

Variante 1: Man erkennt an, dass ein Werk von jemandem gemacht wurde.

Variante 2: Originalität, Autorschaft und Genie waren noch nie gültige Begriffe, weil alle Kunst aufeinander aufbaut. Auch das „Genie“ (nehmen wir ruhig Goethe als Beispiel) hat Quellen, Vorbilder und unterliegt Einflüssen. Jeder Künstler kopiert, modifiziert, baut um, denkt neu. Was noch nie absolute Gültigkeit besaß, kann nicht auf einmal überholt sein.

Matthias Nawrat spielt den Gedanken der Radikaldigitalisierung der Literatur in seinem Rundschau-Beitrag Wer fragt nach der Literatur des Internets? Leute, die Albträume für planbar halten durch. Allerdings geht er von der Forderung nach Internetliteratur eines bestimmten Typus‘ des Literaturkritikers (also nicht der Literaturkritik an sich!) aus, der mich im Subtext wiederum an Hartmut Rosa und seine Theorie der sozialen Beschleunigung erinnert.

„Er [der Kritiker] hat keine Liebe mehr zur Literatur, er liebt die Gegenwart, das multimediale Weltjetzt auf SPON, die Omnipräsenz der ganzen Welt in jeden Alltagsdetail. Er möchte Literatur in die Form des Internets pressen, ihr die größtmögliche Hypertextualität und Tagesaktualität verpassen, weil er dem Konzept der neuesten Strömung der Zeit huldigt; am liebsten hätte er in der Literatur jedes Jahr jeweils eine solche neueste Strömung der Zeit, die dann endlich die neueste Strömung der Zeit vom Vorjahr ablöst, und das alles gern auf revolutionäre Weise.“

Mein Entschleunigungsherz geht auf. Nawrats einfache Antwort an all das (implizit auch an Lukas Jost Gross): „Eine neue literarische Form ist nicht planbar.

Nawrat untermauert diese Aussage natürlich mit Literatur.

„Und hat Kafka nicht, indem er die Individualität seines Landvermessers im Angesicht der übermächtigen Schlossverwaltung auf den Buchstaben K. reduzierte, eine albtraumhafte Urerfahrung des modernen Menschen mit Herrschaft und Gesellschaft auf Papier gebannt, die auch wir im Weltjetzt im Zusammenhang mit Bürokratie oder dem globalen Bank- und Finanzwesen kennen, von Franz Kafka aus gesehen also in der Zukunft? Unmöglich, das alles geplant, dies feine Netz aus luzide miteinander korrespondierenden sprachlichen Motiven im Schloß am Reißbrett entworfen zu haben.“

(Nawrat hängt seinem Text spaßenshalber noch ein Gedicht an, dass sein 11jähriger Neffe wohl aus dem Internet generiert/programmiert hat. Ist das die Zukunft der Literatur?)

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Und was sagt Juan S. Guse? Er sieht Literatur vor allem als einen Kommunikationsversuch, eine Gesprächsanbahnung an, die nicht durch Eingriffe oder gar Befehle gestört werden darf. In seinem Text Sprechen über Literatur (endlich ein Text online!) fordert er deshalb ganz klar: „Also keine Kommandos über das, was Literatur verhandeln muss, keine Beschneidung ihrer Morphologie.“

und

„Die Literatur der Zukunft ist keine primär mediale Frage, kein technisch-betriebliches Problem, das es zu lösen gilt.“

Die Zukunft der Literatur sieht Guse, ähnlich wie ich, in der Überwindung gegenwärtiger literarischer Grenzen; im Zusammendenken verschiedener Literaturen, Gattungen, Genres, Formen. Womit wir in etwa wieder am Anfang der Blogbeiträge über die Manifeste einer Literatur der Zukunft wären. 🙂

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Annika Reich und Lukas Jost Gross

30. Juli 2014

Ich gebe zu, dass ich das Thema lange vor mir hergeschoben habe, aber okay: Sprechen wir über das Internet.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass sich Manifeste, die sich mit einer Literatur der Zukunft beschäftigen, zwangsläufig auch mit medialen Gegebenheiten auseinandersetzen – also dem Internet. Und um das gleich vorweg zu nehmen: Ich bin eher skeptisch, wenn ich ständig die Forderung höre: „Jetzt schreibt doch endlich mal, als ob das Internet stattgefunden hätte!“ Als ob man den Wandel künstlerischer Formen herbei fordern könnte! Ich glaube hingegen, dass es Gründe dafür geben muss, dass es auch nach über 20 Jahren WWW keine wirklich innovative Netzliteratur gibt, die über ein paar Spielereien mit dem Hypertext hinausgeht. Warum hat man diese Gründe nie erforscht? (Hat man?) Vielleicht, weil es schmerzt sich eingestehen zu müssen, dass eine technische Innovation nicht zwingend eine künstlerische nach sich ziehen muss?

Mit der Einführung von E-Book und E-Reader, die auch schon länger zurückliegt, als man glauben möchte, soll jetzt(!) aber alles anders werden. Wie genau, und vor allem Was sich ändern soll, weiß aber niemand so recht. Bzw. verraten sich die größten Verfechter des Digitalen oft selbst, indem sie eingestehen „… es geht … nicht um Inhalte, sondern um mediale und technische Voraussetzungen und vor allem um Potential, also um Lebendigkeit.“ Verstanden? Dann vielleicht so: Es gilt „der Literatur nicht mehr einen Ort zwischen zwei Pappdeckeln zuzuordnen. Man muss die Bestimmung der Literatur stattdessen emanzipiert von ihrer Lokalität als Aktivität begreifen.“ Aha!? Das klingt ja erstmal alles voll dynamisch und zukunftsorientiert und so… aber was steckt wirklich hinter diesen schönen Start-Up-Jungmanager-Hülsen, die ich Annika Reichs Rundschau-Manifest Seid Illusionisten und Bastler! entnehme?

Kann ich denn mit dem E-Book nicht schon Goethe in der Straßenbahn lesen (und ging das vorher nicht)? Kann ich mir mit dem E-Reader nicht schon jedes Buch, jeden Text in jeder Situation beschaffen (und ging das mit etwas mehr Wartezeit nicht auch schon früher)? Worum geht es eigentlich? Die Antwort gibt Annika Reich mit Verweis auf den von Sascha Lobo gegründeten Sobooks Verlag. Es gehe um das „Social Book“, darum die „Idee Buch“ im Digitalen neu zu denken. „Wie genau das aussehen soll, weiß auch Sobooks noch nicht …“ Aha, aber Reich hat eine Vorstellung davon. „Literatur wird … zu einem Feld, einer Plattform, die mehr und mehr unhierarchisch organisiert sein wird.“ Alles soll ineinander fließen: Taschebuch, Tweets, Recherche, Leser, Verlag, Autor, Honorar (*hüstel*), Feuilleton und (Achtung!) Giveaway. Und da liegt der Hase im Pfeffer! Seid doch einfach ehrlich liebe Zukunftsmacher der Literatur: es geht nicht um Kunst, sondern um Marketing.

Denn:

  1. Ist eine Literatur, die vom Textbegriff abgekoppelt und aufs freie Feld geführt wird, wirklich noch Literatur?
  2. Ist die Vorstellung vom „Social Book“ nicht eigentlich ein Facebook des Lesens, und damit wiederum nur die Kopie einer Plattform, die es schon gibt?
  3. Was wäre mit all dem eigentlich gewonnen?

Vom Faustkeil über Federkiel und Füller zu Schreibmaschine und Computer, ob geschrieben, gedruckt oder kopiert, gelesen, analysiert, zerschnibbelt und neu zusammen gesetzt: ein Text ist ein Text und bleibt ein Text oder wird ein neuer Text. Das sind die medialen Gegebenheiten von Literatur. Es geht natürlich auch anders. Ich könnte bspw. ein E-Book schreiben, in dem ich auf die Lieblings-YouTube-Videos meiner Protagonisten verlinke. (“ … das E-Book, das Leseformate anbietet, die auf die jeweiligen Genres zugeschnitten sind“ so verstehe ich Annika Reich – vllt. verstehe ich sie falsch.) Die Videos guckt sich der Leser dann an und erweitert so den Raum der Hyperfiktionalität/-realität.

Aber was wäre damit für den Text gewonnen? Nichts, denn es wäre nur ein zusätzlicher Entertainmentfaktor für den Leser. Ein Gimmick, ein … Giveaway. In dem Moment, in dem der Leser den Link anklickt, hört die Literatur auf. Literatur schafft Imagination mittels Sprache. Meine Aufgabe als Autor wäre es also zu beschreiben, was meine Figur wahrnimmt, um es dem Leser zu vermitteln. Da bin ich konservativ.

Die Vernetzung von Autor und Leser, oder der Leser und Autoren untereinander findet seit Jahrhunderten ohne Social Book statt. Zuletzt u.a. via Facebook, WordPress, Blogspot und (Obacht!) real life (geile Grafik!). Der Vorzug von letzterem ist, dass es annähernd frei von Trollen ist, die sich ja bevorzugt im Internet trollen um dort trolling zu betreiben. Darauf hacke ich jetzt etwas herum, weil trolling meiner Ansicht nach die größte Schwachstelle der Idee vom Social Book, letztlich vom gesamten Web 2.0 ist. Nicht nur Annika Reich, sondern auch Lukas Jost Gross (Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden(!)) entwerfen in der Neuen Rundschau eine Utopie des kommentierenden Lesers.

„Da alle Zeichen vernetzt sind, vernetzen sich auch Bücher an sich. Texte werden aktiv. Kommentare und Annotationen erweitern Ankerdateien und ermöglichen Dialoge.“ Auf künstlerisch-textueller Ebene nannte man das früher mal Intertextualität (also auch eine schon etwas abgehangene Idee), heute v.a. als Plagiat stigmatisiert – aber das ist ein anderes Thema. Auf medialer Social Book-Ebene halte ich diese Vernetzung nicht für produktiv, da ich es persönlich nur sehr sehr selten erlebt habe, dass bspw. unter einem öffentlich Facebook-Post eine konstruktive Diskussion zu Stande kam. Meist kommt irgendwann der ironische Troll um die Ecke und zertrümmert diese wunderbare Utopie der vernetzten Kreativität. Schade.

Es bleibt also nur die Vermarktung, um die neuen medialen Gegebenheiten irgendwie innovativ zu nutzen. Und da muss die Kunst (v.a. die, die nicht marktorientiert geschaffen wurde) zwangsläufig in den Hintergrund treten, weil sie als solche einfach ein miserables Produkt ist.

„Die Firmen, die gegenwärtig weltweit am meisten wachsen, sind Firmen, die Ihre Produkte verschenken und sich nur über Werbung finanzieren. Alle wissen, dass wir auch in der Literaturwelt neue Formen finden müssen, wie wir für unsere Arbeit entlohnt werden können.“ (Annika Reich)

Dass Kunst & Kultur am kapitalistischen Marktgeschehen gemessen werden, halte ich an sich schon für den falschen Weg. Dass wir das als Künstler auch noch selbst tun sollen, ist schlichtweg absurd. Als ob wir diesen Beruf ergriffen hätten, um Wirtschaftswachstum zu generieren. Und will ich als Autor wirklich Werbung in meinen E-Books haben? Und will das der Leser? Klar gab es früher mal Pfandbriefwerbung in rororo-Taschenbüchern; eine Seite die schnell überblättert war. Doch wieviele Pop-Ups wird der Leser zuklicken müssen, damit ich davon leben kann?

„Wir werden für den Vertrieb unserer Bücher stärker mitverantwortlich sein. Wir müssen früher oder später selbst entscheiden, was wir verschenken und was wir verkaufen, welchen Teil unserer Honorars wir beispielsweise über Crowdfunding und welchen wir über Werbung finanzieren.“ (Annika Reich)

Pardon, aber so etwas kann wirklich nur jemand schreiben, dessen Bücher bei Suhrkamp und Hanser erscheinen. Als Independent-Autor hat man de facto nichts zu verschenken und ein Honorar über Crowdfunding zu generieren (damit meine ich nicht die Finanzierung konkreter Projekte!) sehe ich nicht als Innovation an, sondern als digitales Betteln. Außerdem kann es einfach nicht Aufgabe der Autoren sein, ihre Bücher selbst zu verkaufen und zu vermarkten! Darüber hat Volker Strübing hier aber schon alles richtige und wichtige geschrieben.

Social Book? Was ist daran social, wenn ein Buch besser ist als der ganze Wanderhuren-Mist, sich am Markt aber nicht durchsetzten kann, weil der Autor nun einmal Autor ist und kein Vermarkter? Mit so einer Herangehensweise schafft man keine flachen Hierarchien, keine offene, kreative Vernetzung, sondern setzt Künstler einer besonders gnadenlosen Form des Kapitalismus‘ aus. Darin überlebt dann nur noch, wer sich als Ware selbst auf den Markt wirft, sich verkauft, es schafft medial dauerpräsent zu sein und auffällt um jeden Preis. Ein bisschen Iro, ein bisschen Pöbeln, überlegen wirken ohne überlegen zu sein und viel heiße Luft und schöne Hülsen verpacken. Fertig.

Dem Indie-Autor bleibt immerhin die Romantik des Künstlerlebens, nicht wahr? „Dein Buch war echt gut, aber ohne Mousepad-Giveaway? Schwierig.“

Mag sein, dass ich übertreibe, aber bei Sätzen wie dem Folgenden dreht sich mir einfach nur noch der Magen um.

„Bisher lag das Augenmerk auf Inhalt und Form unsere Texte, bald wird es auch auf seinem medialen Auftritt und seiner kreativen, genau auf seine Eigenart zugeschnittenen Vermarktung liegen müssen.“ (Annika Reich)

Wenn der Autor Inhalt und Form nicht mehr zum entscheidenden Kriterium seiner Texte macht, dann reden wir beim besten Willen nicht mehr von der Zukunft der Literatur, sondern von ihrem Ende.

EDIT: Ich habe im Übrigen NICHTS gegen das E-Book, E-Reader oder sonstige Digitalisierungsformen der Literatur. Es ist einzig das Vermarktungsdenken, das damit oft einhergeht, welches mich aufregt. Zudem glaube ich noch nicht daran, dass die Digitalisierung die Literatur neu erfinden wird. Aber warten wir ab.

Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik

16. Juli 2014

Das Bloggen über die Manifeste für eine Literatur der Zukunft hat natürlich einen Grund, auch wenn das nicht immer gleich ersichtlich wird. Es geht mir dabei um einen Abgleich von poetologischen Positionen anderer Autoren mit meinen eigenen. Bzw. geht es mir überhaupt um eine poetologische Bewusstwerdung. (Die auch über den Diskurs vorangetrieben werden kann, weswegen ich einen Teil des Weges öffentlich gehe.)

Dabei suche ich vor allem nach Möglichkeiten dem „allgemeinen Realismus“ eine experimentelle Literatur gegenüber zu stellen, die an verschüttete Traditionen v.a. der Klassischen Moderne anknüpft und sie unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts fortführt.

Natürlich bin ich damit noch lange nicht am Ende.

Einen gehörigen Schritt weiter ist der Berliner Autor Alexander Graeff, der jüngst ein Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik auf Fixpoetry.com veröffentlichte, das meinen Vorstellungen von einer Literatur der Zukunft recht nahe kommt.

„Das Offene und Experimentelle als poetologische Prinzipien des Schreibens zu begreifen, ist einem grundlegenden Motiv der klassischen Moderne geschuldet, das etwa im Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus seinen Ausdruck fand.5 So gesehen umfasst das Experiment als Figur des Denkens neben dem Impulsiven und Offenen immer auch den Mut zu Alternativen, den Mut zum Spekulieren gegenüber dem Gegenwärtigen, insbesondere gegenüber dem, was gemeinhin als das (literarische, gesellschaftliche, politische) Reale bezeichnet wird. Eine experimentelle Art des Schreibens soll hier also als ein Schreiben verstanden werden, das sich nicht nur gegen den literarischen Status Quo erhebt, sondern sich auch auf inhaltlich-thematischer Ebene als ein engagiertes Vorgehen gegen bestehende Normen und festgefahrene Mentalitätsmuster versteht; dies freilich immer zurückgebunden an das Schreiben selbst, d. h. im Modus des Poetischen, nicht als Dokumentation des Politischen.“

Wie eine solche Literatur heutzutage gelingen kann, versucht Graeff in 4 Thesen zu erörtern. Ein sehr lesenswerter Beitrag, der verglichen mit den Feuilletondebatten über den Zustand der Gegenwartsliteratur, endlich konkrete Gegenvorschläge anbringt.


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