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Versuch über die Zukunft der Literaturkritik

26. Mai 2014

Es gibt doppelten, oder zumindest anderthalbfachen Anlass, nicht nur über die Literatur, sondern auch über die Literaturkritik der Zukunft nachzudenken.

Der halbe Anlass ist Elke Heidenreichs peinlicher Auftritt im Literaturclub des Schweizer Fernsehens. („DOCH!“, rief sie und knallte das Buch auf den Tisch wie ein beleidigtes Kind, wohl wissend, dass sie im Unrecht war.)

Der wirkliche Anlass ist aber die Diskussionsveranstaltung „Jetzt reden wir!“, die vergangenes Wochenende in Göttingen stattfand und über die BuzzAldrin auf ihrem Blog berichtet.

Ausgehend von beiden „Ereignissen“ stellen sich mir folgende Fragen, die ich skizzenhaft versuche für mich zu beantworten.

Wozu Literaturkritik?

Die Kritik reflektiert ihren Gegenstand, kommentiert und vermittelt ihn. Im Falle der Literatur ist der Kritiker (mit Reich-Ranicki gesprochen) der Anwalt der Literatur, und zwar im juristischen Sinne des „Verteidigers“. Literatur wirkt unmittelbar auf den Leser, ein Verhältnis, dass durch die Kritik jedoch eine zusätzliche Ebene erhalten kann. Der Abgleich des eigenen Leseeindrucks mit dem des Kritikers ist der zweite Schritt zur Reflektion und der erste Schritt zum Diskurs. Reflektion und Diskurs dienen einem geistigen Mehrwert, der v.a. darin besteht im Austausch über den Text mehr über seinen Kontext zu erfahren. Jeder Text, jedes Kunstwerk ist ein Puzzelstein zum Verstehen und Erfahren des Universums. Letztlich dient der Diskurs über Literatur also der allgemeinen (Selbst-)Erfahrung und dem allgemeinen (Selbst-)Verständnis.

Wozu Werturteile?

Das Werturteil in der Literaturkritik muss am Text konkret begründet sein und ist nur dann sinnvoll/zielführend, wenn damit ein Werk in Stoff, Motiv oder Thema exemplarisch (positiv oder negativ) hervorgehoben werden soll (und kann!). Werturteile, die allein vor dem Hintergrund des persönlichen Geschmacks getroffen werden besitzen keinen Mehrwert sind jedoch zulässig, nicht zuletzt des Unterhaltungswertes einer Kritik wegen. (Hier muss der Kritiker, v.a. im Veriss, ein guter Stilist sein!) Diese Urteile sind im engeren Sinne jedoch keine Wert-, sondern eben Geschmacksurteile.

Wer kann/soll/darf Kritiker sein?

Möglicherweise ist der Kritiker, der über eine entsprechende akademische Bildung verfügt im Vorteil wenn es darum geht ein Werturteil zu treffen, denn er müsste von vorn herein einen größeren Kontext im Blick haben und sich nicht allein auf sein Geschmacksurteil verlassen. Dass es hierbei jedoch keinesfalls einen Absolutheitsanspruch geben kann, bewies Georg Diez mit seiner Fehleinschätzung von Christian Krachts Roman Imperium.

Möglichweise ist aber der Literaturblogger im Vorteil, weil er abseits eines Betriebes sein Geschmacksurteil zu einem persönlichen Werturteil bringen kann.

Möglicherweise sind Blogger und Feuilletonisten aber gar nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sollten sich zu den unterschiedlichen Ausrichtungen der Medien bekennen, die sie benutzen. Dass wiederum müsste dann aber dazu führen, dass auf Literaturblogs vermehrt über Inhalte und Kontexte der Literatur diskutiert wird. (Über Geschmack lässt sich ja schließlich nicht streiten.) Damit wären wir bei einer interaktiven Form der Kritik angekommen, die das Urteil an sich obsolet machen könnte, weil sie gleich zum Diskurs übergehen würde. Das würde nicht nur eine Neuorientierung der urteilenden Kritik bedeuten, sondern auch der Literaturwissenschaften. Diese könnte auf dem Weg der interaktiven Diskussion dem „gebildeten Laien“ endlich die Hand reichen, indem sie im hierarchiefreien Internet gleichbereichtigt zum kontextuellen Verständnis von Literatur beiträgt.

Die Zukunft der Literaturkritik im Netz bestünde dann also im Austausch über Literatur, in dem der feuilletonistische Blogger federführend ist. Nicht das Urteil, sondern die Erfahrung (die jeder Leser auf individuellem Weg erreicht) würde zum entscheidenden Parameter der Kritik.

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