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Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Lukas Jost Gross, Matthias Nawrat und Juan S. Guse

6. August 2014

Nachdem es zuletzt vor allem um die Zukunft der Literaturvermarktung, oder sagen wir gnädigerweise Literaturverbreitung ging, will ich mit den Rundschau-Manifesten noch eine Überlegung darüber anstellen, wie denn die Internetliteratur (als Zukunftsliteratur per se) nun konkret aussehen könnte. Welche Inhalte sie hat, vor allem aber, wie ihre Texte beschaffen sein sollen/können/werden.

Eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat Lukas Jost Gross, dessen Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden 14 Punkte umfasst. Ich beginne hier mit Punkt 5, weil er mir am nächsten ist und einen wichtigen Grundgedanken anspricht.

„5 […] Textproduktion adaptierte schon immer Umgebung und Arbeitsinstrumente. Ein Bleistift ruft andere Texte hervor als eine Schreibmaschine. Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Einverstanden! Aber bedeutet das für das Internet?

„2 Digitale Literatur geht über digitalisierte Literatur hinaus, indem sie Mechanismen des Internets inkorporiert.“

Okay, und wie funktioniert das?

„8 Eine digitale Literatur trägt Kennzeichen der Programmierung.“

Aha. Stopp! Das bedeuten also die kursiven Einsprengsel in Gross‘ Text?

top tags all tags . 2 . 5 . 10 . 20 . manage 7 hours ago 2 others edit delete tags : temporal history, rigor, celebrity, infatuation, self as file, mediation, mediation/meditation, theft, ready made

oder

@she______10h Photo: 06:51 ~ #view w/ my #grasshopper #man (hier: Jungle Room) http://tmblr.c kVvWyywuYIg View Photo visitor desigbn @visitor 6m pattern deflection. pattern deformation. unrecognition. Expand“ [Link von WordPress automatisch gesetzt]

Verstanden? Ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Zumindest bringt mich Gross zu zwei Annahmen.

1. Diese Form digitaler Literatur gehört nicht in die Reihe sich verändernder Schreibwerkzeuge, weil der Schreiber dazu ein Wissen benötigt, das einem intuitiven Gebrauch zunächst im Wege steht. Federkiel, Bleistift, Schreibmaschine und Worddokument sind selbst erklärend und daher sofort intuitiv nutzbar. Man setzt sich und schreibt los. Ein Ins-Blaue-Programmieren ist hingegen wohl eher nicht möglich.

2. Eine solche „programmierte“ Literatur steht nicht in der selben Traditionslinie, in der seit Jahrtausenden nahezu unverändert Literatur produziert wird. Was nicht wertend gemeint ist! Ich will der programmierten Literatur damit ihren Kunstcharakter nicht absprechen, sondern glaube vielmehr, dass es sich hier um eine neue Kunstform handelt.

Es geht also um eine radikale Neubewertung bzw. Umnutzung des Mediums (Programmier-)Sprache. Warum?

„9 Originalität, Autorschaft und Genie sind überholte Begriffe.“

Das sehe ich nicht so.

Variante 1: Man erkennt an, dass ein Werk von jemandem gemacht wurde.

Variante 2: Originalität, Autorschaft und Genie waren noch nie gültige Begriffe, weil alle Kunst aufeinander aufbaut. Auch das „Genie“ (nehmen wir ruhig Goethe als Beispiel) hat Quellen, Vorbilder und unterliegt Einflüssen. Jeder Künstler kopiert, modifiziert, baut um, denkt neu. Was noch nie absolute Gültigkeit besaß, kann nicht auf einmal überholt sein.

Matthias Nawrat spielt den Gedanken der Radikaldigitalisierung der Literatur in seinem Rundschau-Beitrag Wer fragt nach der Literatur des Internets? Leute, die Albträume für planbar halten durch. Allerdings geht er von der Forderung nach Internetliteratur eines bestimmten Typus‘ des Literaturkritikers (also nicht der Literaturkritik an sich!) aus, der mich im Subtext wiederum an Hartmut Rosa und seine Theorie der sozialen Beschleunigung erinnert.

„Er [der Kritiker] hat keine Liebe mehr zur Literatur, er liebt die Gegenwart, das multimediale Weltjetzt auf SPON, die Omnipräsenz der ganzen Welt in jeden Alltagsdetail. Er möchte Literatur in die Form des Internets pressen, ihr die größtmögliche Hypertextualität und Tagesaktualität verpassen, weil er dem Konzept der neuesten Strömung der Zeit huldigt; am liebsten hätte er in der Literatur jedes Jahr jeweils eine solche neueste Strömung der Zeit, die dann endlich die neueste Strömung der Zeit vom Vorjahr ablöst, und das alles gern auf revolutionäre Weise.“

Mein Entschleunigungsherz geht auf. Nawrats einfache Antwort an all das (implizit auch an Lukas Jost Gross): „Eine neue literarische Form ist nicht planbar.

Nawrat untermauert diese Aussage natürlich mit Literatur.

„Und hat Kafka nicht, indem er die Individualität seines Landvermessers im Angesicht der übermächtigen Schlossverwaltung auf den Buchstaben K. reduzierte, eine albtraumhafte Urerfahrung des modernen Menschen mit Herrschaft und Gesellschaft auf Papier gebannt, die auch wir im Weltjetzt im Zusammenhang mit Bürokratie oder dem globalen Bank- und Finanzwesen kennen, von Franz Kafka aus gesehen also in der Zukunft? Unmöglich, das alles geplant, dies feine Netz aus luzide miteinander korrespondierenden sprachlichen Motiven im Schloß am Reißbrett entworfen zu haben.“

(Nawrat hängt seinem Text spaßenshalber noch ein Gedicht an, dass sein 11jähriger Neffe wohl aus dem Internet generiert/programmiert hat. Ist das die Zukunft der Literatur?)

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Und was sagt Juan S. Guse? Er sieht Literatur vor allem als einen Kommunikationsversuch, eine Gesprächsanbahnung an, die nicht durch Eingriffe oder gar Befehle gestört werden darf. In seinem Text Sprechen über Literatur (endlich ein Text online!) fordert er deshalb ganz klar: „Also keine Kommandos über das, was Literatur verhandeln muss, keine Beschneidung ihrer Morphologie.“

und

„Die Literatur der Zukunft ist keine primär mediale Frage, kein technisch-betriebliches Problem, das es zu lösen gilt.“

Die Zukunft der Literatur sieht Guse, ähnlich wie ich, in der Überwindung gegenwärtiger literarischer Grenzen; im Zusammendenken verschiedener Literaturen, Gattungen, Genres, Formen. Womit wir in etwa wieder am Anfang der Blogbeiträge über die Manifeste einer Literatur der Zukunft wären. 🙂

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Annika Reich und Lukas Jost Gross

30. Juli 2014

Ich gebe zu, dass ich das Thema lange vor mir hergeschoben habe, aber okay: Sprechen wir über das Internet.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass sich Manifeste, die sich mit einer Literatur der Zukunft beschäftigen, zwangsläufig auch mit medialen Gegebenheiten auseinandersetzen – also dem Internet. Und um das gleich vorweg zu nehmen: Ich bin eher skeptisch, wenn ich ständig die Forderung höre: „Jetzt schreibt doch endlich mal, als ob das Internet stattgefunden hätte!“ Als ob man den Wandel künstlerischer Formen herbei fordern könnte! Ich glaube hingegen, dass es Gründe dafür geben muss, dass es auch nach über 20 Jahren WWW keine wirklich innovative Netzliteratur gibt, die über ein paar Spielereien mit dem Hypertext hinausgeht. Warum hat man diese Gründe nie erforscht? (Hat man?) Vielleicht, weil es schmerzt sich eingestehen zu müssen, dass eine technische Innovation nicht zwingend eine künstlerische nach sich ziehen muss?

Mit der Einführung von E-Book und E-Reader, die auch schon länger zurückliegt, als man glauben möchte, soll jetzt(!) aber alles anders werden. Wie genau, und vor allem Was sich ändern soll, weiß aber niemand so recht. Bzw. verraten sich die größten Verfechter des Digitalen oft selbst, indem sie eingestehen „… es geht … nicht um Inhalte, sondern um mediale und technische Voraussetzungen und vor allem um Potential, also um Lebendigkeit.“ Verstanden? Dann vielleicht so: Es gilt „der Literatur nicht mehr einen Ort zwischen zwei Pappdeckeln zuzuordnen. Man muss die Bestimmung der Literatur stattdessen emanzipiert von ihrer Lokalität als Aktivität begreifen.“ Aha!? Das klingt ja erstmal alles voll dynamisch und zukunftsorientiert und so… aber was steckt wirklich hinter diesen schönen Start-Up-Jungmanager-Hülsen, die ich Annika Reichs Rundschau-Manifest Seid Illusionisten und Bastler! entnehme?

Kann ich denn mit dem E-Book nicht schon Goethe in der Straßenbahn lesen (und ging das vorher nicht)? Kann ich mir mit dem E-Reader nicht schon jedes Buch, jeden Text in jeder Situation beschaffen (und ging das mit etwas mehr Wartezeit nicht auch schon früher)? Worum geht es eigentlich? Die Antwort gibt Annika Reich mit Verweis auf den von Sascha Lobo gegründeten Sobooks Verlag. Es gehe um das „Social Book“, darum die „Idee Buch“ im Digitalen neu zu denken. „Wie genau das aussehen soll, weiß auch Sobooks noch nicht …“ Aha, aber Reich hat eine Vorstellung davon. „Literatur wird … zu einem Feld, einer Plattform, die mehr und mehr unhierarchisch organisiert sein wird.“ Alles soll ineinander fließen: Taschebuch, Tweets, Recherche, Leser, Verlag, Autor, Honorar (*hüstel*), Feuilleton und (Achtung!) Giveaway. Und da liegt der Hase im Pfeffer! Seid doch einfach ehrlich liebe Zukunftsmacher der Literatur: es geht nicht um Kunst, sondern um Marketing.

Denn:

  1. Ist eine Literatur, die vom Textbegriff abgekoppelt und aufs freie Feld geführt wird, wirklich noch Literatur?
  2. Ist die Vorstellung vom „Social Book“ nicht eigentlich ein Facebook des Lesens, und damit wiederum nur die Kopie einer Plattform, die es schon gibt?
  3. Was wäre mit all dem eigentlich gewonnen?

Vom Faustkeil über Federkiel und Füller zu Schreibmaschine und Computer, ob geschrieben, gedruckt oder kopiert, gelesen, analysiert, zerschnibbelt und neu zusammen gesetzt: ein Text ist ein Text und bleibt ein Text oder wird ein neuer Text. Das sind die medialen Gegebenheiten von Literatur. Es geht natürlich auch anders. Ich könnte bspw. ein E-Book schreiben, in dem ich auf die Lieblings-YouTube-Videos meiner Protagonisten verlinke. (“ … das E-Book, das Leseformate anbietet, die auf die jeweiligen Genres zugeschnitten sind“ so verstehe ich Annika Reich – vllt. verstehe ich sie falsch.) Die Videos guckt sich der Leser dann an und erweitert so den Raum der Hyperfiktionalität/-realität.

Aber was wäre damit für den Text gewonnen? Nichts, denn es wäre nur ein zusätzlicher Entertainmentfaktor für den Leser. Ein Gimmick, ein … Giveaway. In dem Moment, in dem der Leser den Link anklickt, hört die Literatur auf. Literatur schafft Imagination mittels Sprache. Meine Aufgabe als Autor wäre es also zu beschreiben, was meine Figur wahrnimmt, um es dem Leser zu vermitteln. Da bin ich konservativ.

Die Vernetzung von Autor und Leser, oder der Leser und Autoren untereinander findet seit Jahrhunderten ohne Social Book statt. Zuletzt u.a. via Facebook, WordPress, Blogspot und (Obacht!) real life (geile Grafik!). Der Vorzug von letzterem ist, dass es annähernd frei von Trollen ist, die sich ja bevorzugt im Internet trollen um dort trolling zu betreiben. Darauf hacke ich jetzt etwas herum, weil trolling meiner Ansicht nach die größte Schwachstelle der Idee vom Social Book, letztlich vom gesamten Web 2.0 ist. Nicht nur Annika Reich, sondern auch Lukas Jost Gross (Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden(!)) entwerfen in der Neuen Rundschau eine Utopie des kommentierenden Lesers.

„Da alle Zeichen vernetzt sind, vernetzen sich auch Bücher an sich. Texte werden aktiv. Kommentare und Annotationen erweitern Ankerdateien und ermöglichen Dialoge.“ Auf künstlerisch-textueller Ebene nannte man das früher mal Intertextualität (also auch eine schon etwas abgehangene Idee), heute v.a. als Plagiat stigmatisiert – aber das ist ein anderes Thema. Auf medialer Social Book-Ebene halte ich diese Vernetzung nicht für produktiv, da ich es persönlich nur sehr sehr selten erlebt habe, dass bspw. unter einem öffentlich Facebook-Post eine konstruktive Diskussion zu Stande kam. Meist kommt irgendwann der ironische Troll um die Ecke und zertrümmert diese wunderbare Utopie der vernetzten Kreativität. Schade.

Es bleibt also nur die Vermarktung, um die neuen medialen Gegebenheiten irgendwie innovativ zu nutzen. Und da muss die Kunst (v.a. die, die nicht marktorientiert geschaffen wurde) zwangsläufig in den Hintergrund treten, weil sie als solche einfach ein miserables Produkt ist.

„Die Firmen, die gegenwärtig weltweit am meisten wachsen, sind Firmen, die Ihre Produkte verschenken und sich nur über Werbung finanzieren. Alle wissen, dass wir auch in der Literaturwelt neue Formen finden müssen, wie wir für unsere Arbeit entlohnt werden können.“ (Annika Reich)

Dass Kunst & Kultur am kapitalistischen Marktgeschehen gemessen werden, halte ich an sich schon für den falschen Weg. Dass wir das als Künstler auch noch selbst tun sollen, ist schlichtweg absurd. Als ob wir diesen Beruf ergriffen hätten, um Wirtschaftswachstum zu generieren. Und will ich als Autor wirklich Werbung in meinen E-Books haben? Und will das der Leser? Klar gab es früher mal Pfandbriefwerbung in rororo-Taschenbüchern; eine Seite die schnell überblättert war. Doch wieviele Pop-Ups wird der Leser zuklicken müssen, damit ich davon leben kann?

„Wir werden für den Vertrieb unserer Bücher stärker mitverantwortlich sein. Wir müssen früher oder später selbst entscheiden, was wir verschenken und was wir verkaufen, welchen Teil unserer Honorars wir beispielsweise über Crowdfunding und welchen wir über Werbung finanzieren.“ (Annika Reich)

Pardon, aber so etwas kann wirklich nur jemand schreiben, dessen Bücher bei Suhrkamp und Hanser erscheinen. Als Independent-Autor hat man de facto nichts zu verschenken und ein Honorar über Crowdfunding zu generieren (damit meine ich nicht die Finanzierung konkreter Projekte!) sehe ich nicht als Innovation an, sondern als digitales Betteln. Außerdem kann es einfach nicht Aufgabe der Autoren sein, ihre Bücher selbst zu verkaufen und zu vermarkten! Darüber hat Volker Strübing hier aber schon alles richtige und wichtige geschrieben.

Social Book? Was ist daran social, wenn ein Buch besser ist als der ganze Wanderhuren-Mist, sich am Markt aber nicht durchsetzten kann, weil der Autor nun einmal Autor ist und kein Vermarkter? Mit so einer Herangehensweise schafft man keine flachen Hierarchien, keine offene, kreative Vernetzung, sondern setzt Künstler einer besonders gnadenlosen Form des Kapitalismus‘ aus. Darin überlebt dann nur noch, wer sich als Ware selbst auf den Markt wirft, sich verkauft, es schafft medial dauerpräsent zu sein und auffällt um jeden Preis. Ein bisschen Iro, ein bisschen Pöbeln, überlegen wirken ohne überlegen zu sein und viel heiße Luft und schöne Hülsen verpacken. Fertig.

Dem Indie-Autor bleibt immerhin die Romantik des Künstlerlebens, nicht wahr? „Dein Buch war echt gut, aber ohne Mousepad-Giveaway? Schwierig.“

Mag sein, dass ich übertreibe, aber bei Sätzen wie dem Folgenden dreht sich mir einfach nur noch der Magen um.

„Bisher lag das Augenmerk auf Inhalt und Form unsere Texte, bald wird es auch auf seinem medialen Auftritt und seiner kreativen, genau auf seine Eigenart zugeschnittenen Vermarktung liegen müssen.“ (Annika Reich)

Wenn der Autor Inhalt und Form nicht mehr zum entscheidenden Kriterium seiner Texte macht, dann reden wir beim besten Willen nicht mehr von der Zukunft der Literatur, sondern von ihrem Ende.

EDIT: Ich habe im Übrigen NICHTS gegen das E-Book, E-Reader oder sonstige Digitalisierungsformen der Literatur. Es ist einzig das Vermarktungsdenken, das damit oft einhergeht, welches mich aufregt. Zudem glaube ich noch nicht daran, dass die Digitalisierung die Literatur neu erfinden wird. Aber warten wir ab.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 2/2

20. Juli 2014

Puh… und was kommt dann? PROJECT D: BETRIEB AUSTREIBEN, eine bekannte Schelte, die aber wiederholt werden darf, da sie treffend ist. Es geht ja immer noch darum neue Formen des Erzählen zu finden, eine Literatur der Zukunft zu schaffen. Albrecht legt den Finger in die Wunde des Literaturbetriebs und weißt noch einmal darauf hin, dass „Fräulenwunder“ und „Popliteratur“ keine literarischen Strömungen sind und nur scheinbar progressiv daher kommen. Es geht nicht um die „neue Lust am Erzählen“, sondern um ein NEUES ERZÄHLEN. Es geht darum sich zu erinnern, dass in der Literatur mit sehr wenigen Mitteln sehr viel möglich ist.

„Und wieso dann überschaubares und überschaubar psychologisches Personal, sogenannte klare Sätze, von denen jeder schon am Anfang weiß, wohin sie wollen, geradlinige Geschichten, die – selbst wenn sie zwischendurch Umwege nehmen, vorhersehbar sind – erst an ihr Ende kommen, wenn der Leser gedanklich schon längst dort angekommen ist?“

Ja, warum eigentlich?

„Man schreibt um an einer Schule angenommen zu werden. Man durchläuft die Schule. Man gewinnt einen Wettbewerb. Man bekommt einen Agenten. Man veröffentlicht und bekommt ein Stipendium. Man geht auf Lesungen, um gesehen zu werden. Man hofft auf gute Rezensionen. Man betreibt Literaturbetriebswirtschaft. Man lebt die Literatur, anstatt FÜR sie zu leben. Und für Literatur leben könnte zunächst mal heißen: schreiben, ohne den Markt zu meinen. Ich höre schon wieder die Lektoren, Schreibschulleiter und Feuilleton-Asis rufen: Denk doch an den DURCHSCHNITTLICHEN Leser!“

Das betrifft jetzt wieder die Gebiete Unterhaltung und Freiheit. Ich verlinke nur auf die entsprechende Beiträge, weil dieser hier schon viel zu lang ist. Albrechts Ausweg aus dieser als Misere empfundenen Situation ist einfach: den imaginären Leser töten (oder zumindest ignorieren) und „Literatur wieder als Form des Denkens anzusehen, anstatt mit den Augen zu Rollen und zu stöhnen: Lesen ist anstrengend genug, da will ich nicht auch noch denken müssen!“

So in Rage geschrieben für eine neue, anspruchsvolle, bisweilen experimentelle Literatur, hebt Albrecht schließlich ab, was ich gut finde, weil es mich mit seinem Pathosverbot zwangsläufig versöhnt. „Wir müssen unser Leben denken, um es in dramatischer Weise zu intensivieren. (Fußnote: Tiqqun – Anleitung zum Bürgerkrieg. Hamburg 2012, S. 106.) […] BITTE, laßt uns endlich das große Drama haben, das große Denken!“

Lieber Jörg Albrecht, ich bin einverstanden. Aber ohne etwas Pathos scheint es doch nicht zu gehen, oder? 😉

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 1/2

18. Juli 2014

Mit ziemlich cooler, lässiger Attitüde umkreist Jörg Albrecht in seinem Text Auch das allerkleinste Unglück in dir klammert sich an das Imperium (Neue Rundschau 1/2014) den Begriff einer zukünftigen Literatur. Dabei bezeichnet er sich selbstironisch als „Windmaschine“, die im Grunde keine Ahnung von Literatur hat und macht auch sonst einen ziemlich hippen Was-wollt-ihr-eigentlich-von-mir?-Eindruck. Dann labert er in vier Gedankenprojekten (A bis D) fröhlich und scheinbar (aber nur scheinbar) planlos drauf los; schreibt erst vom RÄUME SCHAFFEN (PROJECT A) und vom GESCHLECHTER HERSTELLEN (PROJECT B), die ich hier beide ignoriere, weil sie mir persönlich nicht sonderlich viele Ideen mit auf den Weg geben.

(Dieser Einstieg muss ziemlich abwertend klingen, ist aber nicht so gemeint. Allein Albrechts… „Ansprechhaltung“ macht mich doch etwas skeptisch.)

Interessant wird es für mich mit PROJECT C: GESCHICHTEN AUSTRICKSEN. Eine vielversprechende Teilüberschrift, die mich hoffen lässt, dass hier einer mit gängigen Erzählkonventionen brechen will. Und tatsächlich ist damit die Absage an eine Vorstellung der einheinlichen, ganzheitlichen straight story gemeint. Albrechts Forderung:

„Die Fiktionen verfolgen statt ihnen zu folgen? Es gibt mehr als genug Gründe, Geschichten nicht eindeutig, 1:1 zu erzählen. Und das ist nur mein wichtigster: daß die Geschichten viel zu oft als Tatsachen inszeniert werden, und am Ende haben alle vergessen, daß es Geschichten sind, und alle glauben, daß das reale Leben so ist: unerreichbar. […] Nein, es geht nicht darum NICHT zu erzählen. Aber möglichst mit einer Ahnung davon, wie komplex alles ist und vor allem, was für ein Vorgang das ist, wenn wir etwas Komplexes in etwas Einfaches verwandeln, in etwas Einfaches UND Ganzes.“ (Ich unterschlage hier eine überflüssige Fußnote, komme auf das Thema aber gleich zurück.)

So in etwas stellt sich das Problem dar, dass ich als Leser mit der so genannten „realistischen“ Literatur habe, die niemals realistisch sein kann, weil sie uns das Leben viel zu oft als überschaubar präsentiert. Die Wirklichkeit ist aber kein Ganzes, das sich als solches verstehen lässt. Sie hat keine Betriebsanleitung. Sie franst nach allen Seiten hin aus, schafft (zufällige) Querverbindungen zu zahlreichen Menschen, Orten, Ereignissen. Zu glauben, man könne sie einfach so nacherzählen z.B. anhand des mehr als wackeligen Konstrukts „Roman“ erscheint mir geradezu absurd.

Um diese Art des komplexen Erzählens realisieren zu können, mahnt Albrecht zur Distanz! Was nah ist scheint auch leicht erreichbar zu sein. Nur mit einem gewissen Abstand, den der spätere Leser ja schließlich auch hat, zwangsläufig, lässt sich die Komplexität erahnen, die der Erzähler/Autor oft vergisst/vergessen will.

Und dann der Bruch, der das Projekt zu einem abrupten Ende führt und mich wütend macht, weil hier etwas passiert, was ich in der jungen Literatur leider viel zu oft erlebe. „Ich kann einfach nicht mehr an diese Unerreichbaren glauben, seit diesem einen Tag, an dem ein Freund von mir sich das Leben nahm.“ Krise der Wirklichkeit, die Komplexität des Lebens knallt voll rein und der Autor lässt uns teilhaben. In einem Satz. Und dann kommt der nächste. „Bitte nicht wieder pathetisch werden, ja?!“ Und ich kann nicht anders als an den Rand zu notieren: JA WARUM ZUR HÖLLE DENN NICHT? Aber egal, da kommt schon der nächste Satz: „Mach ich ja gar nicht.“ Und… *Trommelwirbel*… eine Fußnote!

Fußnote 28: „Aber wie kann ich das erzählen? Den rein technischen Vorgang, welchen Handgriff er wann und wie machte, in seinem Zimmer, bei der Vorbereitung, und dann später, wie er, als er in den Wald ging und den Baum fand, den Strick befestigte, hochkletterte, noch einmal einatmete und“

Die Angst des ironiegeschädigten Hipsters vor dem Pathos lässt den Selbstmord eines Freundes zu einer Fußnote verkommen. Das ist ein Skandal! Dabei sollte gerade das Pathos, das die Trauer über den Tod miteinschließt, doch die letzte Bastion des ehrlichen Gefühls in der Kunst sein. Wäre ich nicht selbst ein U30er, würde ich glatt schreiben: „Ich verstehe diese jungen Menschen nicht.“ Aber dann habe ich Angst mich lächerlich zu machen, weil ich mal wieder die Ironie oder den Zeitgeist nicht verstanden habe. Dennoch glaube ich, dass man nicht die Geschichte, sondern sich selbst austrickst, wenn man sich etwas verbietet, das über einen kommt. Vielleicht ist es auch gut sich selbst auszutricksen? Ich weiß nicht… Sackgasse.

Good ol‘ Aristoteles, the Godfather of Drama, sagt: keine Dichtung ohne Imagination. Ich bin mir da auch nicht sicher…

Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik

16. Juli 2014

Das Bloggen über die Manifeste für eine Literatur der Zukunft hat natürlich einen Grund, auch wenn das nicht immer gleich ersichtlich wird. Es geht mir dabei um einen Abgleich von poetologischen Positionen anderer Autoren mit meinen eigenen. Bzw. geht es mir überhaupt um eine poetologische Bewusstwerdung. (Die auch über den Diskurs vorangetrieben werden kann, weswegen ich einen Teil des Weges öffentlich gehe.)

Dabei suche ich vor allem nach Möglichkeiten dem „allgemeinen Realismus“ eine experimentelle Literatur gegenüber zu stellen, die an verschüttete Traditionen v.a. der Klassischen Moderne anknüpft und sie unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts fortführt.

Natürlich bin ich damit noch lange nicht am Ende.

Einen gehörigen Schritt weiter ist der Berliner Autor Alexander Graeff, der jüngst ein Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik auf Fixpoetry.com veröffentlichte, das meinen Vorstellungen von einer Literatur der Zukunft recht nahe kommt.

„Das Offene und Experimentelle als poetologische Prinzipien des Schreibens zu begreifen, ist einem grundlegenden Motiv der klassischen Moderne geschuldet, das etwa im Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus seinen Ausdruck fand.5 So gesehen umfasst das Experiment als Figur des Denkens neben dem Impulsiven und Offenen immer auch den Mut zu Alternativen, den Mut zum Spekulieren gegenüber dem Gegenwärtigen, insbesondere gegenüber dem, was gemeinhin als das (literarische, gesellschaftliche, politische) Reale bezeichnet wird. Eine experimentelle Art des Schreibens soll hier also als ein Schreiben verstanden werden, das sich nicht nur gegen den literarischen Status Quo erhebt, sondern sich auch auf inhaltlich-thematischer Ebene als ein engagiertes Vorgehen gegen bestehende Normen und festgefahrene Mentalitätsmuster versteht; dies freilich immer zurückgebunden an das Schreiben selbst, d. h. im Modus des Poetischen, nicht als Dokumentation des Politischen.“

Wie eine solche Literatur heutzutage gelingen kann, versucht Graeff in 4 Thesen zu erörtern. Ein sehr lesenswerter Beitrag, der verglichen mit den Feuilletondebatten über den Zustand der Gegenwartsliteratur, endlich konkrete Gegenvorschläge anbringt.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Olga Martynova

10. Juli 2014

Nach einiger Pause geht es wieder bzw. immer noch um die Manifeste für eine Literatur der Zukunft, als Dossier erschienen in der Neuen Rundschau 1/2014 (die merkwürdigerweise immer noch nicht auf der Homepage des Fischerverlags verzeichnet ist).

Olga Martynova gibt darin ein altbekanntes Plädoyer darüber ab, auf welchem Niveau Literatur stattfinden sollte. Ich möchte ihren Text Im Land der schweigenden Wand dennoch vorstellen, weil er einige Kernsätze/-erkenntnisse enthält, die zu wiederholen nicht schaden können.

Der Ausgangspunkt von Martynovas Überlegungen ist die (zumindest für den deutschsprachigen Raum zutreffende) Tatsache, dass der gegenwärtige Literaturbetrieb oftmals den Eindruck vermittelt „als habe es das 20. Jahrhundert nie gegeben.“ Gemeint ist damit eine gewisse Nibelungentreue zur linearen, realistischen Erzählweise, die die avantgardistischen Innovationen in der Kunst der klassischen Moderne (und darüber hinaus) nicht selten ignoriert. Mit Verweis auf den „Publikumsgeschmack“ werden Texte, die das Kainsmal „schwere Kost“ aufgeprägt bekommen, kaum verlegt und folglich kaum gelesen. Ein Teufelskreis, der verdeutlicht, dass Kunst in erster Linie konsumierbar sein und unterhalten muss.

(An dieser Stelle müsste natülich gefragt werden, ob der Leser oder der Markt das Niveau der Literatur bestimmt. Da es mir hierbei aber nicht eigentlich um eine Konsumkritik geht, schiebe ich sie erstmal beiseite.)

Beim Stichwort „Kunst und Unterhaltung“ muss ich unweigerlich an Marcel Reich-Ranickis Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises im Jahre 2008 denken. Im anschließenden Gespräch mit Thomas Gottschalk, und mit Verweis auf die Vorrede von Friedrich Schillers Braut von Messina, betonte MRR, dass die Kunst selbstredend die Aufgabe habe zu unterhalten. Doch warum muss dabei das Niveau so schrecklich niedrig gehalten werden?

Die konsumkritische Antwort Martynovas: „Die Vereinfachung und Verblödung der Leser läuft dann einfach noch schneller ab. […] Wenn wir als Leser einem Buch folgen, das wir nie begreifen, werden wir es vielleicht nie einholen, dafür aber unsere Denkmuskeln trainieren.“

Warum das so wichtig ist, erklärt die Autorin anhand des Sozialistischen Realismus‘, der jede Form von Avantgarde unterdrückte. „Diktaturen fürchten unpolitische Kunst und unpolitische Literatur viel mehr als politische. Weil sie schwieriger zu begreifen sind. Weil sie der Verblödung entgegenstehen. Weil sie zu Erkenntnissen führen, die auf direkten Wegen nicht erreicht werden können. […] Vielleicht trägt ein verrücktes Gedicht mehr zur Heilung einer kranken Welt bei als ein mit gesundem Menschenverstand geschriebener Roman.“

Leider legt Martynova hier schon die Esoterikfalle aus, in die sie am Ende ihres Textes selbst geht. An dieser Stelle ist das aber zu verschmerzen, da es ihr nicht eigentlich um die „Kraft der Literatur“ geht, sondern um die Bedeutung der Kunst(-betrachtung) als kritisch-alternative Schule des eigenen Denkens und damit um die Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit.

Mit Martynova teile ich dann auch eine gewisse Abscheu gegen die Koketterie gewisse Klassiker nicht gelesen zu haben, oder überhaupt wenig zu lesen. Wenn da z.B. in der Vita eines jungen, coolen Hipster-Autors steht „er schreibt mehr als er liest“, finde ich das peinlich. Was jedoch nicht heißt, dass wir, also Martynova und ich ( 😉 ), einen oder gar den Bildungskanon hochhalten. Es ist nur so: „Wenn diese Arbeit, die in der Höhle des Urmenschen begann, aufhört, geht das Denken und mit ihm die Menschheit nach und nach ein.“

(Ein schönes Zitat übrigens für alle Geisteswissenschaftler, die mal wieder auf die Frage antworten müssen: „Und was macht man dann damit?“ Antwort 1: Falsche Frage. Die richtige Frage lautet: „Wozu das Ganze?“ Antwort 2: siehe oben.)

Warum ist das Ganze jetzt aber, wie oben erwähnt, für den deutschsprachigen Raum so entscheidend? Als Erinnerung daran, dass es die Avantgarde ist, die unser kritisches Denken am Laufen hält!

Das scheint zunächst keine sonderlich spektakuläre Erkenntnis zu sein. Je mehr man sich jedoch mit der Kunst der Gegenwart im Allgemeinen, und mit der Literatur im Speziellen, auseinandersetzt, desto klarer wird die Tatsache, dass mit der brutalen Auslöschung der Avantgarde in Deutschland zwischen 1933 und 1945 eine kulturelle Identität (man könnte auch von Persönlichkeit sprechen, nur eben größer) verloren gegangen ist, um deren Wiederbringung man sich bis heute nicht genug gekümmert hat. Als einfaches Beispiel können Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger gelten, die vor dem Krieg für ein Massenpublikum schrieben, nach 1945 von den Deutschen allerdings schon vergessen waren. „Trotz“ innovativer Erzähltechniken wussten sie ein breites Publikum anzuziehen; schrieben u.a. großartige historische Romane, wie es sie in der Form heute kaum(!) noch gibt, wo dieses schöne Genre zum bloßen Unterhaltungsramsch verkommen ist.

Aber ich schweife ab, darum ist’s jetzt gut…

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Sherko Fatah, Marjana Gaponenko und Georg Klein

12. Juni 2014

Literatur hat nur dann keine Zukunft, wenn sie sich selbst genügt, wenn sie sich immer und immer wieder um sich selbst dreht. Diese Gefahr besteht wohl vor allem dann, wenn ein Autor nur mit sich selbst und seiner kleinen Welt beschäftigt ist.

Die, in einer unsäglichen Debatte attestierte und widerlegte, langweilige Gleichförmigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es nicht! Und dennoch sehe ich eine (kleine) Gefahr darin, dass viele junge Menschen nach dem Abitur den direkten Weg zum DLL oder nach Hildesheim nehmen. Die Gefahr, vor der Marjana Gaponenko (völlig unabhängig von irgendeiner Debatte!) warnt.  In ihrem Rundschau-Beitrag Brief an einen Dichter am Anfang des XXI. Jahrhunderts heißt es: „Schreiben Sie einfach. Und vor allem lassen Sie die Poesie nicht zu Ihrer Religion werden. Lesen Sie nicht zu viel Lyrik. Seien Sie sparsam mit der schöngeistigen Literatur. Lesen Sie am besten gar keine. Legen Sie sich trotzdem eine Bibliothek an, die aus naturhistorischen Büchern, Geschichtsbüchern und Lexika besteht. Interessieren Sie sich aufrichtig für anderen Dinge. Für den Schiffbau zum Beispiel oder für die Botanik.“

Keine Belletristik zu lesen ist natürlich übertrieben. Ebenso wäre es übertrieben die Literatur zu einer Art ideologischem Kosmos zu machen. In seinem Rundschau-Beitrag Offenes Abc – Anstelle eines Manifests schreibt Georg Klein: „n) Wir sind Ideologen der Literatur. o) Das ist nicht so schlimm wie es sich anhört. p) Die schiere Erfahrung des Erzähltbekommens und des Erzählens, des Lesens und des Schreibens, die Erfahrung mit Texten zersetzt unseren ideologischen Starrsinn.“

Klein hat Recht, aber es gibt eben noch mehr als „Text und Ich“ auf der Welt. Warum das zu betonen so wichtig ist? Sherko Fatah gibt die Antwort in seinem Rundschau-Text Kleine Heimat, große Welt: „Darüber hinaus gibt es mit der Kindheit und Jugend ein durchaus nicht zu unterschätzendes Problem: Die Tatsache, dass jeder so etwas hat oder hatte, rechtfertigt noch keine Romane.“ Amen.

Warum Amen? Weil ich finde, dass die junge deutschsprachige Literatur sich dort am angreifbarsten macht, wo sie die 1000ste coming-of-age:-ich-komm-aus-der-Provinz-und-zieh-nach-Berlin-um-mich-unglücklich-zu-verlieben-Geschichte (alternativ: ich-wohn-schon-lange-in-Berlin-fahre-aber-gegen-meinen-Willen-zu-einem-Familienfest-nach-Hause-in-die-Provinz-und-entdecke-das-dunkle-Geheimnis-meiner-Familie) erzählt. Denn das sind meist die Geschichten, in denen die Ich-Bezogenheit der Autoren überdeutlich wird.

Abgesehen davon hat die deutsche/deutschsprachige Gegenwartsliteratur keine Probleme. Und das genannte ist auch kein Problem unserer Gegenwart. Das gab es schon immer. Die Literatur der Zukunft kann also zu jeder Zeit nur die sein, die ihren Autor nicht zur Figur macht, ihm keine Bühne für sein Ego bietet.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Angelika Meier und Anja Utler

2. Juni 2014

Angelika Meier befasst sich in ihrem Rundschau-Beitrag Meine Nutzlosigkeit geb ich nicht her unter anderem mit den Entstehungsbedingungen von Literatur, dem Status des Schreibens als Arbeit und dem daraus folgenden Status des Autors in bzw. gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft.

„Dieses Schreiben ist freilich ein Unsinn, aber eben einer, der die nostalgische Vorstellung aufrechterhält, wir lebten in einer bürgerlichen Ordnung, einer Ordnung, in der Arbeit sich lohne. Und nicht in der Welt, in der sich Arbeit nur lohnt, weil und solange sie in großen Teilen dieser Welt nicht oder fast nicht entlohnt wird. Und da kommt dieses anachronistische Schreibhaustier und plärrt noch immer, dass es nicht arbeite, dass es unnütz sei, ja asozial, und dass es, jawohl, nur für sich selbst schreibe, für niemanden sonst, weil es nichts anderes kann und nichts anderes ist als sein Schreiben. Das ist tröstlich, finde ich. Solange man einen schreibenden Menschen dafür bewundern und verachten kann (und das geschieht immer in einem Zuge, es ist der gleiche Zug), dass er nicht wirklich arbeitet, immer zu wenig oder zu viel, um ein anständiger Künstler, also Nichtbürger, also bürgerlicher Besitzstandswahrer zu sein (nehmen Sie diesen Text hier zum Beispiel, was glauben Sie, wie lange ich daran gesessen habe? Ob Sie nun annehmen, ich habe das Ding an einem Vormittag runtergehauen oder eine Woche fleißig daran gewerkelt, nine-to-five, oder einen Monat Tag und Nacht daran geschwitzt – was auch immer das Ergebnis Ihrer Spekulation ist, Sie können es in jedem Fall gegen mich verwenden), lässt sich an dem Bild festhalten, dass alle außer dem heilig asozialen Künstler und den unheiligen Asozialen da draußen anständig arbeiten.“

Über das Schreiben und Nicht-Schreiben entscheidet man nicht allein. Man kann sich jedoch dafür oder dagegen entscheiden allein als Autor zu leben, oder einem „Brotjob“ nachzugehen, der einem das Schreiben erst ermöglicht. (Vorausgesetzt natürlich man findet einen solchen.) Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile, doch das Risiko einer Künstlerexistenz nachzugehen ist, trotz zahlreicher Förderungen, natürlich ungleich höher.

Und das liegt nicht nur an am unsicheren Einkommen, sondern auch am unsicheren, gesellschaftlichen Status des Autors. Meiner Erfahrung nach kommt die Beschreibung Angelika Meiers dem „bürgerlichen“ Urteil recht nahe, das (noch) immer zwischen Bewunderung und Skepsis (und dort wo die Kunst nicht Teil des Lebens ist: Ablehnung) schwankt. Dass der freie Autor seine Zeit frei zur Verfügung hat stimmt insofern, als dass er seine Arbeitsphasen fast(!) beliebig dehnen oder verdichten kann. Demgegenüber steht jedoch die Tatsache, dass sein Zeitreservoir gleich groß dem des „klassischen“ Arbeitnehmers ist, er aufgrund der Abhängigkeit von Honoraren jedoch mehr Arbeitszeit aufwenden muss um das gleiche Einkommen (*räusper*) zu erzielen. Ein Umstand, der die Trennung von Arbeits- und Freizeit des Autors ein Stück weit obsolet macht. (Aber wer wollte das auch auseinanderklamüsern und vor allem wozu?)

Interessanterweise scheint der Literaturbetrieb bisweilen selbst merkwürdige Vorstellungen vom Dichterleben zu haben. Das zeigt sich vor allem an der ebenso schönen wie problematischen Förderungsmethode des Aufenthaltsstipendiums (also als Stadt-, Schloss-, Insel- oder Hofschreiber auf Zeit in irgendeinem Ort). Auch wenn man „hauptberuflich“ schreibt, Arbeit und Freizeit verschwimmen, hat man eben nicht nur sein Dichterleben. Nicht jeder ist in der Welt unterwegs like a rolling stone (wohl aber zunächst like a complete unknown). Womit also jeder Autor durch dieses Förderungsraster fällt, der seinen Partner und/oder seine Familie nicht mal eben monatelang hinter sich lassen kann (und will!).

Alle Kunst braucht Freiheit und Geld kann einen Beitrag zu dieser Freiheit leisten; aber nicht um jeden Preis. Anja Utler fasst es in ihrem Rundschau-Text Vom Stranden so zusammen: „(Und Freiheit sind nicht diese drei Monate à 700 € alle drei Jahre in irgendeinem Turm in einem Irgendwo, das dann bitte schön auch noch vorkommen soll.)“

Wenn Förderung zwar das Konto füllt, gleichzeitig aber das Leben und die Texte beeinträchtigt, ist sie dann noch förderlich? Ich denke ein Aufenthaltsstipendium kann ein großer Gewinn sein, wenn man in der Lage ist es antreten zu können. 50:50 also. Und 50:50 das Künstlerleben zwischen Pleite und Liquidität, Erfolg und Misserfolg, Zweifel und Selbstvertrauen, Bewunderung und Skepsis. Was das für die Literatur der Zukunft bedeutet weiß ich nicht. Wird schon weitergehen…

EDIT: Dazu noch Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter Was wir machen. „Die Freiheit hebt das Prekäre auf.“

Jan Kuhlbrodts Blog Postkultur.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Ulf Erdmann Ziegler

19. Mai 2014

Ulf Erdmann Zieglers Rundschau-Beitrag zu den Manifesten einer Literatur der Zukunft heißt Jeder Tag zählt. Und wie der Titel vielleicht schon erahnen lässt, geht Ziegler ebenfalls auf das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft ein. Es geht ihm dabei aber gar nicht so sehr um das Problem der Zeitlichkeit, und auch nicht um eine kohärente Theorie. Vielmehr reflektiert Ziegler das Schreiben unter verschiedenen Stichworten in kurzen Absätzen.

Eines dieser Stichworte heißt Zeitschlaufe und der dazugehörige Absatz beginnt mit den schönen Sätzen: „Lange hatte ich vor, Literatur zu schreiben, ohne es wirklich zu tun. Ich hatte die Vorstellung, dass eine literararische Geschichte in mir wachsen würde, und ich hörte sie wachsen wie das Gras.“

Vielleicht würde ich es so formulieren: Ich habe einen langen Anlauf genommen, um endlich wieder bei Null anzufangen. Dieses Bild der Zeitschlaufe, es passt, und passt wieder nicht. Denn der Anlauf zu einem Text, vielleicht zum Schreiben überhaupt, kann einem manchmal „unendlich“ lang erscheinen. Ein sich immer wiederholender Zyklus aus Zweifel und Erstarken ohne Aussicht auf ein Abstoppen. Dann wiederum, wenn dieser merkwürdige Moment der Idee (oder wie auch immer man das Initial nennen will) einsetzt, die Bremse gezogen, um sie sofort wieder losschnippen zu lassen. Wenn die ersten Worte getippt sind und der Text sich zu entwickeln beginnt, ist die Schleife durchbrochen. Dann gibt es nur noch das Fortschreiten der Zeilen und der Zeit, nur noch Zukunft (ungewollte Alliterationen nicht ausgeschlossen).

Und dann, irgendwann, ist erstmal Schluss. Wie Ziegler schreibt Zukunft, angehalten. Der Moment in dem der Text fertig ist und einem der vergangene Weg klar wird. (Und wenn einem der Weg des Textes erst danach klar wird, weiß man, dass er nicht komplett gescheitert sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.) Möglicherweise bricht dann die Zeit der Rückschau an, ohne die es, noch mit McCarthy und Benjamin im Hinterkopf, kein Fortschreiten gibt. Doch Ziegler meint: „Dieser Moment, der Erleichterung bringen sollte, ist der gefährlichste. […] Ich glaube, die Rückschau ist so schmerzhaft, weil die Zukunft angehalten wird. Für einen Moment. Für ein Vierteljahr oder so; Lektorat inklusive.“

Die eben noch ehrsehnte Aufhebung des Wechselspiels aus Zweifel und Erstarken bremst jetzt. Neue Schwingungen werden nötig, vielleicht sogar eine neue Schleife, schließlich ein neuer Text.

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Tom McCarthy

17. Mai 2014

In der Neuen Rundschau gibt es ein Offizielles Dokument, in dem der britische Autor Tom McCarthy eine Erklärung zum Begriff „Die Zukunft“ abgibt. Er spricht nicht allein für sich, sondern im Namen der von ihm mitbegründeten International Necronautical Society.

Ähnlich wie Francis Nenik, letzlich aber doch ganz anders, schaut auch McCarthy erst einmal in die Vergangenheit, um seine Theorie zur gegenwärtigen literarischen Avantgarde zu entwickeln. Die Zukunft, soviel düfte klar sein, ist ohne die Geschichte nicht möglich. McCarthy knüpft bei Marinettis Futurismus und seiner ästhetischen Übersteigerung des Automobils als Überwinder der Zeit an. Allerdings führt er die hymnische Begeisterung für alles auf Geschwindigkeit ausgerichtete nicht einfach fort. Für McCarthy markiert der im Zuge des Futurismus ebenfalls ikonisch gewordene Autounfall den Beginn der Zukunft. Doch dort wo der Futurismus glaubt die Zeit überwinden zu können, wird er erst einmal sehr unsanft in die Realität des Raumes zurückgeschleudert.

Der ironische Bruch mit den Futuristen, aber auch der Bruch in der ewig beweglichen Kontinuität wird für ihn zum Wesensmerkmal der Avantgarde. „Die künftige Avantgarde wirft sich selbst aus der Bahn und zelebriert dieses Aus-der-Bahn-Werfen mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit, so als stelle das Aus-der-Bahn-Werfen einen Teil ihrer Raison d’être dar.“

Eine künstlerisch Avantgarde ist also immer das Ende einer Konituität, ist immer das Ende einer Bewegung, ein kurzes Abstoppen, bevor sie eine neue Dynamik aufnimmt. Sie lässt die Zeit für einen Moment stillstehen, durchbricht an diesem Punkt das bisher gültige „Reale“ und geht dann einen großen Schritt weiter. Allerdings leistet die Avantgarde diesen Schritt nicht aus einem Vakuum heraus, sondern (natürlich) aufgrund einer Erfahrung. „Historisch betrachtet, und das ist der springende Punkt, betreten wir keinen neuen Boden, sondern alten Boden auf neuen Wegen“, schreibt McCarthy.

[Die in diesem Zusammenhang von McCarthy geführten Überlegungen zu Walter Benjamins Geschichtsbegriff und Paul Klees Angelus Novus überspringe ich, weil ich hier auf etwas anderes hinaus will. Der Verweis erscheint mir dennoch nicht uninteressant. Ich komme sicher irgendwann nochmal darauf zurück.]

Mit den Worten F. Scott Fitzgeralds nennt McCarthy den Menschen eine „rückwärtsgewandte Wiederholungsmaschine[], die unaufhörlich in die Vergangenheit zurückgetrieben“ wird (also doch Benjamin). Das Durchbrechen dieser Schleife, so verstehe ich McCarthy, kann nur durch einen Crash gelingen. Und dieser Crash, so meine These, muss die Kunst/Literatur selbst sein, die ihre Leser/Betrachter aus dem Gewohnten herausreißt. Folgender Gedanke dazu bei McCarthy, ausgehend von James Graham Ballards gleichnamigen Roman: „[…] dass wir schon längst von Fiktionen umgeben sind (Lifestyle-Modelle, Phantasien, sexuelle Rollen und Identitäten, die allesamt durch die Medien […] auf uns einprasseln); die Aufgabe des Autors [Künstlers allgemein], so behauptet er [Ballard] […], bestünde darin, ‚die Wirklichkeit zu erfinden‘.“

Das ist der Punkt, in dem wir wieder ganz nah bei Neniks Essay sind! [Siehe vorheriger Beitrag.] Denn hier wird nicht nur die Geschichte erfunden, sondern damit auch (bis zur eindeutigen Widerlegung des Textes) die Wirklichkeit. Damit steht das Angebot seitens der Literatur, dem Leser eine Alternative anzubieten, die nicht von vorn herein durch einen Fiktionsvertrag geschwächt ist und zumindest die Möglichkeit einer anderen Welt, einer anderen Wirklichkeit im „Realen“ in Aussicht stellt. Eine Literatur, oder besser eine literarische Form, die so etwas zu leisten im Stande ist, ist für mich eine Literatur der Zukunft.


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