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Architekturen der Apokalypse (Teil VII)

12. April 2013

4.3 Patera als göttlicher Baumeister und absoluter Herrscher

Wenn nun im Folgenden die Figur Pateras und seine Bedeutung für das Handlungsgeschehen analysiert werden soll, muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass der Aspekt fehlender Allmacht aus dem vorherigen Kapitel relativiert werden muss. Dieser Umstand ergibt sich notwendigerweise aus dem Gestaltungsprinzip des Romans, das auf einem Zusammen- und Entgegenwirken von Dualitäten beruht. Das Motto Der Demiurg ist ein Zwitter (286), das den Roman beschließt, kann daher nicht nur als Fazit, sondern auch als roter Faden, der sich durch den Text zieht, gelten.

Im Vergleich der Städtekonstruktionen bei Kubin und Johannes wurde gesagt, dass Patera keine göttliche Allmacht besitzt. Diese These lässt sich jedoch nur im Hinblick auf das Ende des Traumreiches und im Vergleich zur Offenbarung eindeutig belegen. Im biblischen Text gibt es niemals Zweifel an der Allmacht Gottes, die die Vision des neuen Jerusalems schließlich wahr werden lässt. Die Allmacht Pateras über das Traumreich wird bei Kubin hingegen durch einen Endkampf gebrochen und seine Schöpfung zerstört. Bis zu diesem Ereignis erscheint Patera jedoch durchaus als ein überirdisches, gar göttliches Wesen.

Bereits aus dem Namen Pateras und seiner Verwendung im Roman lassen sich zwei Hinweise auf eine göttliche Qualität ableiten. Patera ähnelt dem lateinischen pater für Vater in auffälliger Weise. Zudem nennt Patera sich selbst Herr des Traumreiches, eine Bezeichnung, die die Traummenschen und vor allem der Protagonist stets synonym zu seinem Namen gebrauchen. Bekanntlich werden auch im Christentum die Bezeichnungen Herr und Vater synonym für die Nennung des allmächtigen Gottes verwendet; und ähnlich dem christlichen Glauben muss man auch Patera als absoluten Herrn anerkennen. So ist es auffällig, dass bei Erscheinen des Boten Gautsch der Herr zunächst mit seinem vollständigen bürgerlichen Namen Claus Patera vorgestellt wird. Das ist der Name, unter dem der Zeichner seinen ehemaligen Schulkameraden kennen lernte. Erst als der zunächst skeptische Zeichner von der Idee des Traumreiches überzeugt ist und beschließt der Einladung dorthin zu folgen, entfällt der bürgerliche Vorname und wird im weiteren Text nicht mehr genannt. Mit dem Glauben an die Idee des Traumreichs wird Claus Patera zu Patera dem Herrn, wird der Schulfreund von einst zur überhöhten kultischen Gestalt. Dieser Eindruck wird verstärkt als der Zeichner neben der Einladung ein Foto Pateras überreicht bekommt. Er beschreibt dieses als „ein auffallend charakteristisches Brustbild eines jungen Mannes. Braune Locken umringelten ein Antlitz merkwürdig antiker Prägung; groß, überhell, gerade aus dem Bilde heraus starrten mich die Augen an: − das war unstreitig Claus Patera!“ (14)

Es lässt sich aus dieser Beschreibung leicht eine Analogie zu den langläufigen Vorstellungen vom Aussehen Jesu Christi herstellen, der in der Regel in als junger Mann mit langen braunen Locken und charakterstarkem Gesicht dargestellt wird. Besonders auffällig ist jedoch, dass eine eindeutige Identifikation durch die Augen Pateras bzw. dessen Blick möglich ist. So verhält es sich auch in der Offenbarung, in der Johannes Jesu Augen „wie eine Feuerflamme“ (Apk 1, 14a) wahrnimmt. Diese besondere Eigenschaft wird zudem in Apk 19, 12 zum entscheidenden Merkmal der Wiedererkennung Christi, der als Reiter auf einem weißen Pferd erscheint.

Doch Pateras Äußeres hat nicht auf alle Betrachter den gleichen Effekt. Die Frau des Zeichners ist bis zu ihrem Tode ihm gegenüber abgeneigt. Sie empfindet seinen Anblick als „furchtbar“ (28) und spricht ihm intuitiv ein dämonisches Wesen zu. Als sie Patera eines Tages schließlich in den Straßen Perles begegnet, löst allein sein Anblick einen so gewaltigen Schrecken in ihr aus, dass sie daraufhin zunächst von Angstzuständen geplagt wird und in der Folge einer sich verschlimmernden Nervenerkrankung schließlich stirbt. Ob es sich bei der Begegnung um ein wahres Erlebnis oder nur um eine Halluzination gehandelt hat, bleibt unklar. Die Frau des Zeichners betont: „diese Augen kann es nicht zweimal geben. […] Es lag ein blinder Glanz darin!“ (94f.) Sein Gesicht hingegen war nicht das charakteristische, vom Zeichner beschriebene, sondern einer Wachsmaske gleich. Dem Antlitz Pateras war somit jegliche Individualität und Wärme genommen.

In der unterschiedlichen Wahrnehmung von Pateras Äußerem wird die Zwittrigkeit seines Wesens ein weiteres Mal impliziert. Nicht nur, dass sich mit ihm sowohl irdische als auch göttliche Eigenschaften verbinden lassen; sein Wesen kann nicht eindeutig als gut oder böse, göttlich oder teuflisch definiert werden. Die Unbestimmtheit seiner moralischen Qualitäten lässt sich jedoch nicht allein an seiner äußeren Erscheinung und deren Wirkung auf andere ablesen. Vielmehr sind es die Maßstäbe, nach denen Patera sein Reich erschafft und der Stil, mit welchem er es regiert, die auf seinen Charakter schließen lassen.

Wie bereits mehrfach erwähnt, lehnt Patera den Fortschritt strikt ab. Diese scharfe Ablehnung charakterisiert ihn bereits früh im Text als Dogmatiker des Metaphysischen. Wissenschaftlichkeit ist nicht erwünscht. Entgegen dem „Normalleben“ ist das Leben in der „Traumwelt“ daher ein „durchgeistigtes Leben“ (12), das von der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit abgekoppelt ist. Anders als Wissenschaftler, die mit ihren Forschungen versuchen die Welt vollends zu erklären, glauben die Traummenschen an die Unergründlichkeit der „Weltbasis“ (12). Dieses Denken entspricht der christlichen Vorstellung, dass sich dem Menschen das wahre Wesen aller Dinge erst durch die Gegenwart Gottes offenbart, also in dem Moment, in dem jeder vor seinen Schöpfer tritt. So kann die bereits in Kapitel 4.2 erwähnte Abschaffung der irdischen Werte auch als Bekenntnis zu einem überhöhten Ideal gewertet werden.

Ähnlich wie Jesus bzw. Gottvater in der Offenbarung teilt sich Patera zunächst jedoch nur durch Boten mit. Dass diese Analogie von Kubin bewusst intendiert zu sein scheint, zeigt sich im formelhaften Sprechen Gautschs. Dieser sagt, er komme „im Namen eines höheren Auftraggebers“ (17), um den Zeichner einzuladen, nicht aber zu überzeugen. Als sich der Zeichner schließlich für die Möglichkeit, ein Bewohner Perles zu werden, bei Gautsch bedanken will, lehnt dieser den Dank da. „Dank schulden Sie mir darum nicht, es ist ein Höherer, für den ich handle.“ (27) Diese Stelle weist eine auffällige Parallele zu Apk 19, 10 und 22, 9 auf. An beiden Stellen fällt Johannes einem Engel zu Füßen und will ihm für die göttliche Offenbarung danken. Beide Male wird dieser Dank jedoch zurückgewiesen mit der Begründung „Tu es nicht! Denn ich bin dein Mitknecht und der Mitknecht deiner Brüder.“ Dank gebührt in beiden Fällen also allein dem Herrn, der die absolute Macht über sein Reich hat und dessen Bewohner persönlich erwählt.

„Wenn du willst, so komme!“ (17) schließt Patera seine Einladung und hat „diese fünf Worte in festeren Zügen hingesetzt“ (18). Es scheint zunächst so, als habe der Zeichner die Freiheit zu entscheiden, doch die Bestimmtheit der Handschrift und der Imperativ nach dem Komma dominieren die Botschaft. Genau wie beim Heraufbeschwören der vier apokalyptischen Reiter (Apk 6, 1-8) und der Anrufung Gottes durch die wiedervereinte Gemeinde (Apk 22, 17) handelt es sich hier um ein biblisches „Komm!“, das keinen Widerspruch zulässt.118 So betont auch Gautsch: „[Ich] wußte, daß Sie kommen würden!“ (27)

Die Anziehungskraft Pateras scheint im Hinblick auf diese Formulierung außer Frage zu stehen. Seinem Zwitterwesen entsprechend gibt der Text jedoch auch Hinweise darauf, dass Patera ein Verführer ist. Abermals ist es die Kraft seiner Augen, die hierbei eine Rolle spielt. Der Zeichner betont: „In diesen Augen konnte man sich verfangen, es war etwas Katzenhaftes darin.“ (18) Dieser verführerische Anblick entfaltet sich im Zeichner zu einer wahren Verliebtheit, die er bereits auf der Reise ins Traumreich spürt. Er fühlt sich sogar „schon ganz als Traummensch und fabuliert[] darauf los“ (29), wie viel besser die Zukunft nun werden wird. Dabei ist keinesfalls außer Acht zu lassen, dass eigentlich erst ein gewaltiger Scheck über die Summe von 100.000 Mark den Zeichner vollends von der Übersiedelung in Pateras Reich überzeugte. So ist es auch wenig verwunderlich, dass der Zeichner zugibt sich neben dem Bild Pateras auch ein wenig in den Scheck verliebt zu haben. Die materiellen Sorgen scheinen nun ein Ende zu haben. Dass der Scheck im Traumreich jedoch so gut wie wertlos sein wird, ahnt der Protagonist an dieser Stelle noch nicht. Er kann daher als nichts weiter als ein verführerisches Lockmittel nach Art der Hure Babylons angesehen werden. Denn ebenso wie vom Reichtum der Hure kann man sich vom Vermögen Pateras „keine auch nur halbwegs richtige Vorstellung“ (22) machen. Auch die Dimensionen des Reichtums und der Allmacht Gottes bleiben nach christlichem Verständnis dem Menschen unergründlich. Somit zeigt sich auch hinsichtlich dieses Aspekts, dass Patera Dualitäten in sich vereint. Er ist Gott und Götze, Heilsbringer und Verführer.

Auch im Umgang mit seinem Volk, wenn davon überhaupt die Rede sein kann, zeigt sich Patera als bipolares Phänomen. Wie bereits erwähnt, lebt Patera zurückgezogen in einem „monströs[en]“ (59) und „unheimlichen“ (62) Palast, der wie ein schwerer Kubus über der Stadt thront. Es wurde darauf hingewiesen, dass hier entgegen der Vorstellung vom neuen Jerusalem die Herrschaft eines einzelnen Menschen über andere aufrechterhalten wird. Hinzu kommt, dass Patera, „der unsichtbare Rechner“ (67), für sein Volk unnahbar zu sein scheint. Der Zeichner unternimmt im Verlauf der Handlung mehrere Versuche seinem ehemaligen Schulfreund und jetzigem Herrn persönlich zu begegnen. Doch seine Bemühungen scheitern zunächst.

Trotz dieser Zurückgezogenheit bekommt der Herr abermals sehr edle, geradezu göttliche Charakterzüge zugesprochen. So heißt es im Text wörtlich, dass die erwähnten Diebe und Mörder „Gnade vor den Augen des Herrn“ (60) fanden und somit im Traumreich ein neues Leben beginnen konnten. Hier wird Patera formelhaft eine der zentralen Eigenschaften Jesu Christi zuerkannt, nämlich Barmherzigkeit, die nach christlichem Verständnis das Fundament allen Miteinanders sein soll. Folglich lautet der Schlussvers der Bibel: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Apk 22, 21)

Auch im Zuge der als sehr chaotisch erscheinenden Geldwirtschaft des Traumreiches, die dem Alltag Perles einen Anstrich von Unbeständigkeit verleiht, heißt es: „Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand.“ (66) Die Geldwirtschaft der Traumstadt wird im nächsten Kapitel noch zu betrachten sein. An dieser Stelle ist lediglich entscheidend, dass Pateras Allmacht als tröstende und starke Hand angesehen wird, die über turbulente Zeiten hinweghilft. Folglich sollte es auch nicht heißen Es, sondern: „[Er] war das große Schicksal, das über uns allen wachte.“ (66) Diese Allmacht, die auch eine Allwacht ist, hat gemäß Pateras Zwittrigkeit eine Schattenseite. So heißt es im Text weiter: „Jene schrankenlose Macht, voll furchtbarer Neugier, ein Auge, das in jede Ritze drang, war überall gegenwärtig; nichts entging ihm.“ (66)

Auf metaphysischer Ebene mag der Gedanke an einen Gott, der immer über jeden einzelnen wacht, tröstlich sein. Eine irdische Regierung, die hingegen einen Überwachungsstaat entstehen lässt, ist schlichtweg ein Horrorszenario. Schrankenlose Macht, furchtbare Neugier und ein Eindringen in jede Ritze des Privatlebens sind die Begriffe, mit denen der Zeichner die Allgegenwart Pateras im Alltag schildert. Sie lassen den Leser des 21. Jahrhunderts aufhorchen und an totalitäre Regime oder auch George Orwells Roman 1984 (1948/49) denken. Pateras Augen sind an dieser Stelle zu einem Auge zusammengefasst. Es symbolisiert den einen allumfassenden Blick. Es ist die Vorwegnahme von Orwells Kameraauge und gleichzeitig auch das allsehende Auge Gottes (Abb. 4).

Obwohl Patera als absoluter Herr im Traumreich unumstritten ist, verfügt Perle, über „öde[] Verwaltungsbauten“ (57) und verstaubte Archive, die eine Scheinbürokratie beherbergen. „Die Existenz des Beamtendstandes gehorcht keiner administrativen oder politischen, sondern einer ästhetischen Notwendigkeit: Sie ist ein Schauspiel[.]“119 Dieses Schauspiel versucht die Illusion aufrechtzuerhalten, dass die Bürger Perles nach demokratischer Manier Anliegen vorbringen können, um die sich von Regierungsseite gekümmert werden soll. Diese Anliegen werden jedoch geradezu methodisch im Keim erstickt, da sie stets „wegen nebensächlichster Formfehler zurückgesandt“ (71) werden.120 Auf die Illusion der aktiven Mitgestaltung Perles fallen jedoch nur Neuankömmlinge herein.121 Der routinierte Traummensch weiß indes: „Die wahre Regierung [liegt] woanders.“ (72)

Als der Zeichner es eines Tages doch schafft den Palast zu betreten und bei Patera direkt um Hilfe für seine kranke Frau zu bitten, gestaltet sich diese Begegnung überaus unheimlich und rätselhaft. So bewundert der Zeichner zunächst „die wunderbare, regelmäßige Schönheit“ (123) von Pateras Kopf und vergleicht ihn, wie schon bei der Betrachtung des Fotos, mit einem griechischen Gott. Wie ein lebender Mensch wirkt er dabei aber nicht. Dieser Eindruck wird von der Erscheinung seiner Augen bekräftigt. „Starr und unverwandt mußte ich diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen, das ähnelte zwei blanken, hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet.“ (123) In einem hypnotischen Akt versichert Patera dem Zeichner, dass er immer bei ihm war und der Frau helfen wird. „[W]ie eine Medusenmaske hing das Haupt über mir. Gebannt, war ich keiner Bewegung fähig, ich dachte nur: ‚Das ist der Herr, das ist der Herr!’“ (124) So übermächtig Patera in dieser Szene zunächst erscheinen mag, so zeigt sich doch, dass seine Macht über die Traummenschen auf eine Hypnose, eine Willensaneignung zurückzuführen ist. Die mysteriöse Begegnung zwischen Patera und dem Zeichner, liefert dem Leser wie auch dem Erzähler bedeutende Hinweise zum Verständnis des Textes bzw. der „Funktionsweise“ des Traumreiches.

Die Widersprüche hinsichtlich seines Äußeren und seiner Äußerungen lassen an der göttlichen Allmacht Pateras zweifeln. Vielmehr zeigt sich, dass die unbegreifliche Macht, die aus seinen Augen hervorgeht, der Hypnosetrick eines Verführers zu sein scheint. Die erneute maskenhafte Schilderung seines Gesichtes, das starr und ohne menschlichen Ausdruck ist, unterstützt diesen Eindruck und lässt an einen Götzen denken. Das ausweichende Antworten auf die Frage, ob er als Herr und Meister auch glücklich sei, lässt bezogen auf den Roman auf einen Menschen schließen, der unverhofft zu großer Macht gekommen ist, diese jedoch nicht eindeutig kontrollieren kann. Es ist also festzustellen, dass Patera eine überaus zwielichtige Gestalt ist. Mit seinem Traumreich hat er einerseits einen Rückzugsort aus der Moderne geschaffen, der von 65.000 Menschen dankend angenommen wurde. Andererseits offenbart sich dieser Rückzugsort bei genauerer Betrachtung als Überwachungsstaat. Die göttliche Kraft, die Patera zu besitzen scheint, lässt sich auf eine Massenhypnose zurückführen, die im folgenden Kapitel noch einmal kurz betrachtet werden wird. Die vermeintlich gute Tat Pateras, also die „Rettung“ überreizter Seelen aus ihrer gegenwärtigen Bedrängung durch die moderne Welt, bekommt damit den negativen Anstrich eines Verführers. Die Absichten seiner totalitären Kontrolle bleiben dabei jedoch ebenso verborgen wie die Quelle seiner hypnotischen Kraft.122

118 Jacques Derrida spricht in seiner Arbeit Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie [1983, deutsch 1985] genau diesem „Komm!“ eine immanent apokalyptische Qualität zu.
119 Torra-Mattenklott 1998, S. 170.
120 In der Forschungsliteratur wird bezogen auf den bürokratischen Apparat vielfach auf den Einfluss Kubins auf die Romane Der Proceß (1914/15) und besonders Das Schloß (1922) von Franz Kafka hingewiesen. Kubin und Kafka standen nachweislich in Kontakt miteinander und sind sich mindestens einmal persönlich begegnet. Interessant zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch, dass neben einer undurchsichtigen Bürokratie und einem verstaubten Archiv auch ein vermenschlichter Affe namens Giovanni in Die andere Seite auftritt, ähnlich dem Rotpeter in Kafkas Ein Bericht für eine Akademie (1917).
121 Dass eine aktive Mitgestaltung des Traumreiches auch auf materieller Ebene scheitert, zeigt sich in derUnbebaubarkeit der Tomassicfelder. „[Alle] Bauversuche erwiesen sich als trügerische Spekulationen. Nicht einmal unter Dach, wurden die Bauten Ruinen.“ (59).
122 Hinsichtlich der hypnotischen Kraft Pateras liefert der Text eine mögliche Deutung, die mit der Begegnung des Volks der Blauäugigen zusammenhängt. Diese Begegnung wird zu einer Art Initialerlebnis für die Gründung des Traumreiches. Der ursprüngliche Lebensraum des Volkes, der innerhalb der großen Mauer liegt, bleibt unberührt. Dem Volk der Blauäugigen wird im Text eine heilige Qualität impliziert. Die Beschreibung ihres Äußeren erinnert an buddhistische Mönche (vgl. 147). Zudem gehören sie zu den wenigen Überlebenden des Untergangs des Traumreiches, was auf den Status eines auserwählten Volkes schließen lässt.

Architekturen der Apokalypse (Teil VI)

11. April 2013

4. Alfred Kubin – Die andere Seite (1909)105

Alfred Kubin ist heute vor allem als Grafiker und Buchillustrator bekannt. Sein im Herbst 1908 entstandener Roman Die andere Seite ist die einzige größere literarische Arbeit des gebürtigen Österreichers. Das Buch erschien 1909 mit 51 Zeichnungen des Autors und rief sofort ein breites Echo vor allem bei anderen Künstlern und Schriftstellern hervor. Die andere Seite gilt bis heute als einer der bedeutendsten Romane der deutschsprachigen Phantastik und übte großen Einfluss auf die Literatur des Expressionismus aus.

Bisher wurde der Roman in der Forschung vor allem unter biografisch gestützten, psychoanalytischen Aspekten interpretiert. Ferner wurde er auch als politische Allegorie gelesen. Die zahlreichen religiösen Motive und Anspielungen im Text wurden hingegen noch nicht systematisch untersucht. Im Hinblick auf die Bezugnahme Kubins zur biblischen Offenbarung soll im Folgenden vor allem ein erster Zugriff auf das religiöse Spektrum des Romans gegeben werden.

4.1 Inhalt

Die Handlung des Romas wird vom Protagonisten, dessen Namen der Leser nicht erfährt, retrospektiv in der ersten Person erzählt. Der Erzähler ist, wie Kubin selbst, von Beruf Zeichner und Illustrator. Der Text weist durch seine Einteilung in Teile und Kapitel eine durchkomponierte Struktur auf. Der erste Teil trägt den Titel Der Ruf. Darin erfährt der Leser zunächst von den Lebensumständen des Zeichners, der sich in München „schlecht und recht durchs Leben“ (10) schlägt bis er eines Nachmittags Besuch von einem Unbekannten erhält. Der Unbekannte stellt sich mit dem Namen Franz Gautsch vor und überbringt dem Protagonisten eine Nachricht von dessen ehemaligem Schulkameraden Claus Patera. Patera, der „[d]urch einen eigentümlichen Zufall […] zu dem vielleicht größten Vermögen der Welt“ (10f.) kam, hat in der weiten Steppenlandschaft Zentralasiens einen eigenen Staat, das Traumreich gegründet, dessen Zentrum die Stadt Perle bildet. Das Leben im Traumreich wird bestimmt von der Ideologie, dass „alles Fortschrittliche, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete“ (11) strikt abgelehnt wird.

„Das Reich wird durch eine Umfassungsmauer von der Umwelt abgegrenzt und durch starke Werke gegen alle Überfälle geschützt. Ein einziges Tor ermöglicht den Ein- und Austritt und macht die schärfste Kontrolle über Personen und Güter leicht. Im Traumreiche, der Freistätte für die mit der modernen Kultur Unzufriedenen, ist für alle körperlichen Bedürfnisse gesorgt.“ (11)

Patera selbst ist der absolute Herrscher über dieses Reich und wählt sorgfältig aus, wer in Frage kommt, Teil davon zu werden. Der Erzähler und dessen Frau erhalten nicht nur die Einladung, Bürger des Traumreiches zu werden, sondern auch einen Scheck über 100.000 Mark. Die beachtliche Summe überzeugt den zunächst zweifelnden Protagonisten dem Ruf Pateras zu folgen. Nur dessen Frau, deren Gesundheitszustand angegriffen ist, zweifelt bis zuletzt an der Idee vom Traumreich und hat bezüglich Patera ein ungutes Gefühl. Ihrem Mann zuliebe nimmt sie dennoch die beschwerliche Reise auf sich.

Als das Paar schließlich in Zentralasien ankommt, wird ihr Gepäck einer genauen „Inspektion“ (42) unterzogen. Allzu moderne Gegenstände wie ein Foto- und ein Rasierapparat werden dabei konfisziert. Nun sind die beiden bereit das Traumreich zu betreten. Die Durchquerung des Eingangstores wird als Tunnelerlebnis beschrieben, das sowohl einer Nahtoderfahrung als auch einem (Wieder-)Geburtsprozess gleicht.

Der zweite Teil des Romas trägt den Titel Perle. Darin beschreibt der Erzähler in erster Linie die geografischen Gegebenheiten der Stadt und des restlichen Traumreiches. Der Profession eines Zeichners und Illustrators gemäß schildert der Erzähler detailreich das Aussehen der Straßen und Gebäude und gibt einen Einblick in den Alltag und das gesellschaftliche Zusammenleben der „Traummenschen“. Diese fallen dem Neuankömmling vor allem durch ihre veraltete Mode auf, die dem Stand von 1860 entspricht. Diese Jahreszahl gilt im fortschrittsfeindlichen Traumreich als genereller Grenzwert zur modernen Welt. Sämtliche Gegenstände, Kleider, Baustile und dergleichen, die später entstanden, werden nicht nur abgelehnt, sondern sind schlichtweg verboten.

Trotz einiger widriger Umstände, wie rücksichtlose Nachbarn, einem undurchschaubaren bürokratischen System und einer auf Zufall basierenden Geldwirtschaft lebt sich der Protagonist schnell in Perle ein. Er erhält eine Stelle als Zeichner beim „Traumspiegel“ und wird gebeten „möglichst Grelles und Schauriges!“ (65) zu liefern, da der Verleger die Auflagenstärke des Blattes heben will. Fortan führt der Zeichner ein auskömmliches Leben im Kaffeehaus, wo er mit der Zeit einige Freunde findet, die ihm so manche Gepflogenheit im Traumreich erklären. Keine ausreichende Erklärung bekommt er jedoch über den religiösen Kult der Traumstadt, dem so genannten „Uhrbann“. Dieser besteht darin, dass man „[z]u bestimmten Stunden“ (79) den Uhrenturm auf dem Hauptplatz Perles betritt und vor einer Steinwand die Worte „Hier stehe ich vor Dir!“ (81) ausspricht. Der Erzähler berichtet, dass diese Handlung nicht freiwillig abläuft. Man wird geradezu hypnotisch von dem Turm angezogen und zu dieser kultischen Handlung hingerissen. Die Traummenschen fügen sich in dieses Schicksal und hinterfragen es nicht, da sie es ohnehin nicht vollends erklären können.

Als die kränkelnde Frau des Erzählers eines Tages Patera in den Straßen Perles begegnet, ist sie von dessen Anblick zu Tode erschrocken. In der Folge dieses Erlebnisses verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Frau zusehends. Die schweren Angstzustände, die sie unaufhörlich plagen, sollen durch einen Ausflug in die Berge des Traumreiches gemildert werden. Allerdings verschlechtert sich das Befinden der Frau dadurch nur noch weiter, sodass das Paar bald wieder in die Stadt zurückkehrt. Hier schafft es der Erzähler nun endlich Patera persönlich zu treffen. Verschiedene Versuche ihm zu begegnen schlugen bis dahin fehl. Bei diesem unheimlichen Treffen bittet der Zeichner den Herrn des Traumreiches seiner Frau zu helfen. Patera betont seinen allumfassenden Status als Herr über die Geschicke im Reich und verspricht Hilfe für die Kranke. Als der Erzähler schließlich zu seiner Frau zurückkehrt, liegt diese bereits im Sterben. Wenige Tage nach ihrem Tod erscheint in Perle ein geheimnisvoller Mann „mit vielem Gold“ (146) namens Herkules Bell, der vielfach nur „der Amerikaner“ genannt wird.

Der mit Der Untergang des Traumreichs betitelte dritte und letzte Teil nimmt etwa die Hälfte des Romans ein. Der aus Philadelphia stammende Herkules Bell nimmt darin die „verrottete Geldwirtschaft“ (161) in seine Hand. „Dieser Milliardär geizte keineswegs mit seinem Reichtum, das Traumland wurde von ihm mit Gold geradezu überschwemmt.“ (161) Aufgrund des plötzlichen luxuriösen Überflusses verfallen die Bewohner der Traumstadt in einen „unsinnige[n] Taumel“ (161). Der Amerikaner tritt nun offen als Gegner Pateras auf und verkündet in einer Proklamation, dass die Bürger Perles bisher „einer Massenhypnose“ (172) durch den Herrn verfallen waren. Bell schafft es, immer mehr Anhänger um sich herum zu versammeln und in einem Club mit dem Namen Luzifer zu organisieren. Daraufhin lässt Patera „eine unwiderstehliche Schlafsucht“ (186) über das Traumreich kommen, die alle Bewohner mit Ausnahme Bells ergreift. Nachdem die Traummenschen wieder erwachen, finden sie Perle von Tieren beherrscht vor. Diese plagen die Menschen und erschweren ihnen ein normales Weiterleben. Schließlich setzt ein allmählicher Verfall des ursprünglichen Traumreiches ein, der als „Die Zerbröckelung“ (196) bezeichnet wird. Die Zerbröckelung betrifft auch die Lebensmittel, die immer schneller verderben und somit ungenießbar werden. Infolgedessen stirbt ein Großteil der Bewohner in so kurzer Zeit, dass die Leichen nicht mehr ordentlich begraben werden können.106 Zudem droht, neben dem inneren Zerfall, nun auch die Außenwelt, vor der das Reich bisher behutsam abgeschottet war, mit einer Invasion. In einem Brief an den englischen Premierminister bezeichnet Herkules Bell das Traumreich als Ort der Gefangenschaft und Sklaverei. Als Grenzreich erhält Russland das Mandat militärisch einzugreifen.

Unterdessen kommt es zu einem Entscheidungskampf zwischen Patera und dem Amerikaner, aus welchem Letzterer als Sieger hervorgeht. Patera stirbt und der Zeichner, der die endzeitlichen Ereignisse als Augenzeuge verfolgte, kehrt zurück in seine deutsche Heimat, um das Erlebte in einem Buch festzuhalten.

4.2 Die Traumstadt Perle als neues Jerusalem

Vor der genauen Betrachtung der Traumstadt Perle und einem Vergleich der dieser mit dem neuen Jerusalem soll zunächst noch einmal ein kurzer Schritt zurück gewagt werden. Bei aller visionären Kraft, die dem Bild der herabkommenden Himmelsstadt und des Reiches Gottes auf Erden inhärent ist, ist es doch eine andere Wirklichkeit, die in der Zeit der Abfassung der Offenbarung zu Johannes spricht.

„In der Zeit, da Johannes sein Werk schreibt, liegt Jerusalem zerstört da, während die Metropole Rom prachtvoll glänzt und sich pulsierenden Lebens erfreut. In den Visionen verhält es sich genau umgekehrt. Aus Roms Trümmern steigt nur noch Rauch auf (Apk 18, 9. 18), der von seiner vollkommenen Zerstörung zeugt. Dagegen erstrahlt Jerusalem in nicht zu überbietender Schönheit und hat unvorstellbare Ausmaße.“107

Im Zuge dessen stellt Klaus Wengst die Frage, ob Johannes durch die bloße Umkehrung der Wirklichkeit nicht schlicht in eine Traumwelt flüchtet. Er beantwortet diese Frage, indem er die Offenbarung als „Versuch eines Ohnmächtigen“ wertet, der gegen die Weltgeschichte anzuschreiben versucht.108 In dieser neu- bzw. umgeschriebenen Weltgeschichte wird folgerichtig wieder ein Platz für Gott offen gehalten.

In Kubins Roman wird ebenfalls die Vision einer Traumwelt geschaffen, die innerhalb der fiktionalen Welt der Anderen Seite in Form des Traumreiches von Patera Wirklichkeit geworden ist. Für die Figuren stellt es einen existenten Zufluchtsort vor der modernen Welt dar und bildet den zentralen Handlungsort der Story. Der Mittelpunkt dieses Reiches ist wiederum durch eine Stadt mit dem sprechenden Namen Perle markiert. Sowohl das Reich als auch die Stadt weisen erstaunliche Gemeinsamkeiten mit dem in der Bibel beschriebenen neuen Jerusalem auf. Pateras Schöpfung scheint geradezu von der biblischen Himmelsstadt inspiriert zu sein. Es lassen sich jedoch auch zahlreiche Unterschiede zwischen den Metropolen feststellen. So weist Perle eine Reihe architektonischer Fehler auf, welche mit der Missachtung der ideellen Werte, für die das neue Jerusalem steht, einhergehen.

Das Traumreich ist ein von Claus Patera synthetisch geschaffener Staat, der in der weiten Steppenlandschaft Zentralasiens „auf dem gleichen Breitengrad wie München“ (25) liegt und an Russland grenzt.109 Seine Ausdehnung von genau 3000 Quadratkilometern gibt einen ersten Hinweis auf dessen Künstlichkeit. Die runde Zahl betont, ähnlich wie die Symbolzahlen des neuen Jerusalem, den Modellcharakter des Reiches. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Stadt- bzw. Staatsmauer, die die räumlichen Ausmaße klar begrenzt. Sowohl in der Bibel als auch bei Kubin stellt sie ein architektonisches Hauptmerkmal des jeweiligen Reiches dar. Entgegen dem neuen Jerusalem befindet sich in der Mauer des Traumreiches jedoch nur ein einziges Tor. Entsprechend beläuft sich die Höhe der Anfangsbevölkerung auf „zwölftausend Seelen“ (11). Das ist genau die Anzahl von Versiegelten aus einem der zwölf Stämme Israels, wie in der Johannes-Offenbarung zu lesen ist. Zum Zeitpunkt, da der Erzähler Einwohner des Traumreiches wird, ist die Bevölkerungszahl jedoch bereits auf 65.000 Menschen gestiegen. Behält man bei dieser Betrachtung den biblischen Vergleich bei, muss man ein doppeltes Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Toren des Traumreiches feststellen. Nicht nur, dass pro 12.000 Einwohnern keine weiteren Tore angelegt wurden; da 65.000 kein Vielfaches von 12.000 ist, ist eine Wiederherstellung der Harmonie zwischen der Bevölkerungszahl und der Anzahl der Tore nicht möglich.110 Anders als im neuen Jerusalem entsteht hier eine Pferchsituation, die dadurch verstärkt wird, dass die Mauer des Traumreiches in ihren „kolossalen Dimensionen“ (47) einem „Festungswall“ (51) gleicht. Das Tor dieses Walls ist folgerichtig immer verschlossen, sodass es den Bewohnern nicht möglich ist, nach Belieben ein- und auszugehen. „Wer sich, dem Ruf des Herrn folgend, zum Umzug in das Traumreich entschlossen hat, kehrt von dort nicht mehr zurück[.]“111 Der oben erwähnte Gedanke einer partizipatorischen Völkergemeinschaft wird somit undenkbar. Der „strenge Abschluß von der Außenwelt“ (24) ist ein weiteres Hauptmerkmal des Traumreiches und zugleich ein erster Hinweis darauf, dass es untergehen muss.112 Denn sowohl nach klassisch-architektonischem als auch nach ideengeschichtlichem Verständnis werden Städte durch Mauern definiert, nicht aber Staaten.113

Die Abschottung nach außen dient dazu, den im Traumreich herrschenden „Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren“ (24). Dieser Stil zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ein außerordentlicher Widerwille gegen den Fortschritt gehegt wird. Die Traumstadt Perle weist daher den Entwicklungsstand des Jahres 1860 auf, das als „äußerste Grenze“ (22) der Geschichte gilt. Sämtliche Kleidungsstücke und Gegenstände, die später gefertigt wurden, sind im Traumreich verboten und werden bei der Einreise konfisziert (vgl. 42ff.). Gleiches gilt auch für die Architektur Perles. Diese setzt sich ausschließlich aus alten Gebäuden zusammen, die Patera in Europa erworben hat, „[g]eistvoll in einzelne Stücke“ (21) zerlegen und in der Traumstadt wieder zusammensetzen ließ. Ähnlich dem neuen Jerusalem entstand also auch Perle aus „auserlesenen Edelsteinen“, die sich für Patera jedoch nicht durch ihren materiellen, sondern durch den ideellen Wert ihres Alters auszeichnen. Auch die Beschreibung der äußeren Stadtränder weist eine Gemeinsamkeit mit der biblischen Himmelsstadt auf. So sind die natürlichen Grenzen Perles ebenso wie die vier Seiten des neuen Jerusalems deckungsgleich mit den vier Himmelsrichtungen. „Im Norden das Gebirge, im Osten der Fluß, im Westen der Sumpf, hätte sich die Stadt nur noch nach Süden hin ausdehnen können.“ (59) Im Süden befinden sich jedoch nur noch die unbebaubaren Tomassicfelder, auf die später noch einmal kurz eingegangen werden wird.

Ebenso wie bei Johannes ist auch bei Kubin implizit von einer Begrenzung der Stadt nach oben die Rede. Demzufolge hängen über Perle „Wolken bis tief zur Erde herab“, die das „blaue Firmament“ (55) verschlossen halten. Fehlten im neuen Jerusalem Sonnen- und Mondlicht aufgrund der übermächtigen Strahlkraft des göttlichen Glanzes, so ist eine hermetische Wolkenkuppel für die ständige Abwesenheit der Gestirne in der Traumstadt verantwortlich. Mit Hilfe einer Attrappe wird dagegen versucht das Fehlen des Mondes zu kompensieren (vgl. 109). In der Folge des abwesenden Sonnenlichtes grünen in Perle keine Pflanzen. Grau und Braun sind die vorherrschenden Töne, „das Beste, die Buntheit“ (56) fehlt. „Ähnlich gegensatzlos verhielten sich die Jahreszeiten. Ein fünf Monate langes Frühjahr – fünf Monate Herbst; dauerndes Zwielicht in der Nacht kennzeichneten den kurzen, heißen Sommer, endlose Dämmerungen und ein paar Schneeflocken den Winter.“ (56) Aufgrund dieser deprimierenden Schilderungen seiner Eindrücke kommt der Erzähler zu einem gleichsam pessimistischen Fazit. „Hier war Perle, die Hauptstadt des Traumreichs, errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen Boden in farbloser Einförmigkeit.“ (56) Was hier dargestellt wird, ist eine Totenstadt, die ihren eigenen Untergang geradezu antizipiert.

Die innere Stadtstruktur scheint sich nicht wesentlich vom Aufbau einer europäischen Großstadt zu unterscheiden. Den Beschreibungen des Erzählers zufolge

„gliederte sich Perle in vier Hauptteile. Das Bahnhofsviertel, an einem Sumpfe gelegen, gänzlich verräuchert, enthielt die öden Verwaltungsbauten, das Archiv, die Post. Es war ein unerfreulicher, langweiliger Bezirk. Die sogenannte Gartenstadt, der Wohnsitz der Reichen, schloß sich an. Dann die Lange Gasse; sie bildete das Geschäftsviertel. Hier wohnte der Mittelstand. Gegen den Fluß zu war ihr Charakter mehr ein dorfartiger. Von der Langen Gasse bis an den Berg gedrückt lag der vierte Distrikt: das französische Viertel. Dieser kleine Stadtteil mit seinen viertausend Einwohnern, Romanen, Slawen und Juden, galt als verrufene Gegend. Die bunt zusammengewürfelte Menge hockte da in alten Holzhäusern eng aufeinander. Winkelgäßchen und überriechende Spelunken enthaltend, war dieses Viertel nicht gerade der Stolz von Perle.“ (57ff.)

Zum besseren Nachvollzug der Schilderungen weist der Erzähler selbst auf den dem Roman beigefügten Stadtplan hin (Abb. 3). Darin lässt sich am nördlichen Stadtrand das eigentliche Herzstück Perles ausmachen, der Palast Pateras. Ähnlich dem Jerusalemer Tempel sowie dem Himmlischen Jerusalem erhebt er sich auf einem Berg über der Stadt. Hier wird bewusst eine Entsprechung zum Tempelberg in Jerusalem geschaffen, um die Bedeutung des Baus hervorzuheben. Kubins Erzähler beschreibt den Palast im Text mehrfach. Er erscheint ihm „unheimlich[en]“ (62), von „monströser und ungeschlachter Größe“ (59) und als „ein gigantischer Würfel“ (109), der in den Himmel ragt. Das zuletzt genannte Merkmal lässt wieder an die harmonisierende Kubusgestalt des neuen Jerusalem denken, wie in Kapitel 3.4.2 zu lesen war. Allerdings verleihen die Attribute unheimlich, monströs und gigantisch dem Palast alles andere als einen harmonischen Charakter. Trotz der Ähnlichkeiten mit der biblischen Tempelanlage wirkt seine Erscheinung vor allem bedrohlich, keineswegs aber tröstlich.

Der fundamentale Unterschied zum neuen Jerusalem besteht nun aber darin, dass die Stadt gar keinen Tempel in sich beherbergt. Dies wird begründet mit der Abschaffung der Herrschaft des Menschen über andere, da allein die Allgegenwart Gottes hier über den Menschen gebietet. Im Traumreich Kubins scheint die alte Hierarchie jedoch noch immer zu bestehen. Sie manifestiert sich in Claus Patera, dem absoluten Herrn über das Traumreich. Es verwundert in diesem Zusammenhang auch wenig, dass der Palast ebenfalls aus ausgewählten Steinen, namentlich Trümmern europäischer Herrschafts- und Repräsentationsgebäude wie dem Eskorial, der Bastille, dem Hradschin oder gar dem Vatikan zusammengesetzt wurde (vgl. 173). Neben dem Herrschaftsanspruch Pateras wird hier zusätzlich noch einmal dessen Rückwärtsgewandtheit betont.

Der künstlich herbeigeführte Anachronismus des Traumreiches rührt aus einem „tiefen Widerwillen“ Pateras „gegen alles Fortschrittliche, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete“ (11). Was sich hinter diesem strikt geäußerten, jedoch nur unscharf formulierten Dogma verbirgt, erfährt der Leser bei genauer Betrachtung der Einwohner Perles. Diese werden unter anderem als „mit der modernen Kultur Unzufriedene“ (11) bezeichnet. Vielmehr müsste man sie jedoch von der modernen Kultur Überforderte nennen. So gehörte „ein großer Teil der Traumleute früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten.“ (25) Diese von der Wissenschaft, hauptsächlich der modernen Psychologie und neu entstanden Psychoanalyse, als geisteskrank Stigmatisierten finden in der Rückwärtsgewandtheit des Traumreiches ein entschleunigtes Leben. Hier können „sich selbst die nervösesten Menschen in kurzer Zeit außerordentlich wohl fühlen“ (25) und ihre überreizten Nerven entspannen. Es scheint eindeutig, dass Kubin hier eine Problematik im Blick hat, die von den Geisteswissenschaften heute meist als „Großstadtdiskurs der Moderne“ bezeichnet wird.114 Einer der zentralen Texte dieses Diskurses ist zweifellos Georg Simmels Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben von 1903. Simmel stellt fest, dass der moderne Großstädter einer „Steigerung des Nervenlebens“ ausgesetzt ist, hervorgerufen durch den ununterbrochenen Strom an urbanen Reizen.115 Diese Reizüberflutung führt unter anderem zu einer Unfähigkeit neue Reize aufzunehmen. Daraus resultiert wiederum die viel zitierte Blasiertheit, die Simmel für eine ganz und gar großstädtische Erscheinung hält. Blasiertheit ist hier jedoch nur bedingt negativ konnotiert, hilft sie doch dem Individuum aus der Masse der Großstadt heraus zu stechen und seinen Platz zu definieren. Dem Blasierten kann man auch in Perle begegnen. Er hat hier seinen Platz unter Hysterikern, „Hypochonder[n], Spiritisten, tollkühne[n] Raufbolde[n], […] Taschenspieler[n], Akrobaten, politischen Flüchtlinge[n], ja selbst im Ausland verfolgte[n] Mörder[n], Falschmünzer[n] und Diebe[n]“ (60) gefunden. Ähnlich den Versiegelten aus den zwölf Stämmen Israels, die von Johannes genannt werden, handelt es sich hier um eine Auslese. Bürger des Traumreiches wird man nämlich nur durch die persönliche Berufung Pateras. Angesichts der im Text genannten Aufzählungen und Beschreibungen derjenigen, die den Straßen Perles ein Gesicht geben, muss man jedoch von einer zweifelhaften Elite sprechen.

Entsprechend fragwürdig gestaltet sich das soziale Miteinander im Traumreich. Unmissverständlich ist im Text davon die Rede, dass „[d]ie vornehmsten Ziele dieser Gemeinschaft […] weniger auf die Erhaltung der realen Werte, der Bevölkerung und Einzelwesen gerichtet“ (12) sind. Es stellt sich hier unweigerlich die Frage, ob eine Gesellschaft ohne gültigen Wertemaßstab überhaupt funktionieren kann oder ob ihr Untergang dadurch nicht schon besiegelt ist. Weiterhin gehört es

„zum Wesen des Traummenschen […], daß er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes Leben angelegt; Leid und Freud der Zeitgenossen sind dem Träumer fremd. […] Am ehesten dürfte noch, wenigstens vergleichsweise, der Begriff ‚Stimmung’ den Kern unserer Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, sie leben nur in Stimmungen; alles äußere Sein, das sie durch möglichst ineinandergreifende Zusammenarbeit nach Wunsch gestalten, gibt gewissermaßen nur den Rohstoff.“ (12f.)

Die Traummenschen scheinen nicht miteinander, sondern aneinander vorbei zu leben. Jegliches öffentliche Leben bietet für diesen Zustand lediglich eine Bühne, auf der die psychischen Eigenheiten ausgelebt werden können. „Anneliese Hewig weist zu Recht darauf hin, dass gerade wegen der ‚Verkapselung’ in der eigenen Stimmung keine echte Kommunikation zwischen den Individuen des Traumreiches zustande kommen kann.“116 Das Gesellschaftsmodell Perles widerspricht also voll und ganz der Vorstellung von Gemeinschaft wie sie Johannes sich erhofft. Zwar gibt es hier eine geschlossene Gesellschaft Gleichdenkender, doch scheint deren gemeinsame Basis in ihrer Gesellschaftunfähigkeit zu bestehen. Der Leidensgemeinschaft der Moderneverweigerer wird in der Traumstadt lediglich eine räumliche Zuflucht geboten. Hier findet allenfalls eine Symptombehandlung statt, nicht aber eine Therapie ihrer Ursachen.

Ein Miteinander scheint es hingegen zwischen den Gebäuden Perles zu geben. Wie bereits angedeutet, geben diese der Stadt ihr eigenes Gepräge dadurch, da es sich ausschließlich um umgesetzte Altbauten aus Europa handelt. Neben diesem besonderen äußeren Merkmal bekommen sie zudem ein wahres Seelenleben zugesprochen.

„Oft war es mir, als ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte Geschichte, man mußte nur warten können und sie stückweise den alten Bauten abtrotzen.“ (74)

Die Diskrepanz zwischen der Leblosigkeit und Lebhaftigkeit sowohl der Menschen als auch der Häuser Perles unterstreicht den Ersteindruck vom Traumreich als zwielichtigen Ort. Die Schilderungen des Erzählers geben zu bedenken, ob das von Patera geschaffene Traumreich wirklich eine traumhafte Alternative, ein neues Jerusalem für die Aussteiger aus der modernen Gegenwart ist. Als der Zeichner mit seiner kranken Frau die Abgeschiedenheit der ländlichen Gebiete sucht, stellt er einen entscheidenden Unterschied zwischen den Bewohnern Perles und der Landbevölkerung fest. „Trotzdem viele von ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt.“ (117) Der Typus des nervlich überlasteten Großstädters ist als trotz aller Bemühungen auch im Traumreich noch anzutreffen. Dementsprechend ist es fraglich, ob dieser Typus eine immanente Erscheinung des frühen 20. Jahrhunderts ist, ob allein eine Verweigerung der Gegenwart die nervliche Überreizung lindert und ob eine Verweigerung gegenüber der historischen Kontinuität überhaupt gelingen kann.

Im Hinblick auf den Anachronismus des Traumreiches sei an dieser Stelle noch einmal auf Klaus Wengst verwiesen.117 Er stellte fest, dass die gegenwärtige Wirklichkeit sich für Johannes derart bedrängend darstellt, sodass es nur einen völligen Abbruch, nicht aber eine Kontinuität von Welt und Geschichte geben kann. Ähnliches gilt auch für Patera, der in seiner modernen Gegenwart eine Welt wahrnimmt, die das Individuum überfordert und psychisch zerstört. Mit einer Neuschöpfung, ähnlich dem neuen Jerusalem, versucht er dem gegenwärtigen Zustand entgegenzuwirken. Wie auch bei Johannes bleibt diese Neuschöpfung der Empirie des Irdischen verhaftet. Im wahrsten Sinne des Wortes durchziehen Elemente des Alten die neue Schöpfung, indem das neue Reich aus alten Ideen und Gebäuden errichtet wird.

Der grundlegende Unterschied zur Offenbarung zeigt sich darin, dass in Kubins Roman kein wirklicher Abbruch der historischen Kontinuität stattfindet. Das Traumreich konstruiert lediglich einen anachronistischen Zustand, der nur innerhalb seiner hermetischen Abriegelung Gültigkeit besitzt. In der Außenwelt laufen die Uhren hingegen wie gewohnt weiter. Der Weltgeschichte wird hier nicht entgegengewirkt, man versucht sie nur zu ignorieren. Bei Johannes findet hingegen ein klarer Abbruch der Herrschaft Babylons statt. Darüber hinaus lässt das schöpferische Handeln Gottes eine neue Kontinuität entstehen, indem er einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Diese allmächtige Qualität fehlt Patera, dessen Schöpfung folgerichtig stets dem Irdischen verhaftet bleibt.

105 Kubin, Alfred – Die andere Seite [1909]. Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Nachwort von Josef Winkler. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009. Zitiert wird im Folgenden mit Seitenangabe im Text.
106 Das ist ein Umstand, der an Apk 11, 8-9 erinnert. Bei Johannes ist die Rede davon, dass das Tier aus der Erde wüten und töten wird. Die Leichen, die es dabei hinterlässt, liegen auf den Marktplätzen umher; eine Grablegung wird ihnen (zunächst) verwehrt.
107 Wengst 2010, S. 236.
108 Ebd.
109 Überträgt man diese Angaben auf die Realität, so müsste das Traumreich etwa im heutigen Osten Kasachstans bzw. im Nordwesten Chinas liegen.
110 Will man diese Harmonie aufrechterhalten, so müsste das Traumreich z.B. 60.000 oder 72.000 Einwohner zählen, denen man fünf bzw. sechs Tore zuordnen kann.
111 Torra-Mattenklott 2008, S. 168.
112 Analog zum Isolationscharakter des Traumstaates verhält sich auch der Vorname seines Schöpfers. Claus erinnert an das lateinische clausa est für sie ist abgeschlossen.
113 Ein Blick in die Realgeschichte genügt, um diese These zu festigen. In Deutschland endete die fehlgeleitete Utopie, eine Mauer könne einen Staat definieren, bekanntlich am 9. November 1989. Es scheint, Kubin habe in diesem Punkt, wie es sich für einen Apokalyptiker gehört, seherische Qualitäten bewiesen.
114 Siehe dazu u.a.: Becker, Sabina – Urbanität und Moderne: Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 – 1930. St. Ingbert: Röhrig, 1993; Scherpe, Klaus R. (Hg.) – Die Unwirklichkeit der Städte: Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Reinbek: Rowohlt, 1988 und Würzbach, Natascha – Raumerfahrung in der klassischen Moderne: Großstadt, Reisen, Wahrnehmungssinnlichkeit und Geschlecht in englischen Erzähltexten. Trier: WVT, 2006.
115 Simmel [1903] 2008, S. 319.
116 Geyer 1995, S. 116; Die Argumentation auf die Andreas Geyer sich hier bezieht entstammt Anneliese Hewig – Phantastische Wirklichkeit: Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. München: Fink, 1967, S. 52.
117 Die folgenden Ausführungen nehmen noch einmal Bezug auf ein längeres Zitat aus Kapitel 3.4.2; siehe Anm. 97.

Architekturen der Apokalypse (Teil III)

6. April 2013

2.2. Säkularisierte Apokalyptik

Im Zuge der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wandeln sich die Vorstellungen und Konzepte der Apokalypse in Europa und Nordamerika nahezu grundlegend. Unter dem Eindruck rasanter Urbanisierung, sich verschlechternden Arbeitsbedingungen und einem ständig wachsenden Kapitalismus entsteht in dieser Zeit eine Fülle zivilisationskritischer Literatur. Zum Ende des 19. Jahrhunderts erreicht diese Zivilisationskritik im Naturalismus einen ersten Höhepunkt. Vor allem Émile Zolas Germinal (1885) und Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang (1889) und Die Weber (1892) geben lebhafte Einblicke in das missständische Arbeiterleben der Industrialisierung, ohne dabei jedoch programmatisch apokalyptisch zu sein.

Der Prozess der Zivilisationskritik und der damit einhergehende Kulturpessimismus setzen sich in der Literatur des Fin de Siècle und hier besonders in Form der Décadence fort. Die Thematik des Verfalls im weiteren Sinne wird zum zentralen Aspekt der Dichtungen Oscar Wildes, Hugo von Hofmannsthals oder des frühen Thomas Mann.26 Zudem verbindet sich mit dem Erlebnis der kalendarischen Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine „charakteristische[] Dialektik von Endzeit- und Aufbruchsstimmung“
in der Literatur.27 Die Werke dieser als Zeitenwende empfundenen Epoche haben dabei etwas mit den „apokalyptischen Ängsten der Gegenwart“ gemein.28 „[Sie] haben ihren Ursprung nicht mehr in religiösen oder geschichtsphilosophischen Untergangs- und Erneuerungsphantasmen, sondern im Prozess der Zivilisation selbst.“29 Dieser Prozess bringt es mit sich, dass sich das Individuum zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast vollständig von religiösen Dogmen emanzipieren kann. Moderne wissenschaftliche Theorien und Methoden wie Darwins Evolutionslehre, Freuds Psychoanalyse oder die moderne Physik seit Niels Bohr und Albert Einstein liefern alternative Erklärungsversuche der Welt und ihrer Bewohner. Die grundlegenden Umbrüche nahezu aller Lebensbereiche um 1900 führen jedoch auch zu einer Krise des modernen Subjekts, dem die Selbstverortung in und der Umgang mit der Moderne mitunter enorme Probleme bereiten. Als prominentestes Dokument einer solchen Krisenerfahrung gilt bis heute der so genannte Chandos-Brief Hugo von Hofmannsthals aus dem Jahre 1902.30

Die Erfahrungsanlässe, welche die Gegenwart bisweilen als Bedrängnissituation erscheinen lassen, entstammen nun vor allem der modernen Alltagswelt. Sie haben nichts mehr gemein mit der Bedrängnissituation des Johannes von Patmos, die wesentlich aus einem religiösen Problem hervorgeht. Die Problemerfahrungen der Moderne scheinen abstrakter, umfassender und vom Individuum nur schwer lösbar zu sein.

„Einen dieser neuen Erfahrungsanlässe stellte die Großstadt dar, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland Zentrum und Sinnbild einer neuen, hochindustrialisierten Zivilisation wurde. Mit ihren Bauten und Straßen, ihren Fabriken und technischen Einrichtungen dokumentierte die Großstadt den Fortschritt der modernen Welt, und sie faszinierte mit ihrer Lebendigkeit und den ständig wechselnden Eindrücken, die sie bot. Gleichzeitig aber führte sie die Schattenseiten des Fortschritts vor Augen: ungesunde Arbeitsbedingungen, elende Wohnquartiere mit tristen Mietskasernen; und sie erschreckte mit der Unüberschaubarkeit und Anonymität, ihrer Hektik und ihrem Lärm. Schock und Faszination zugleich verraten auch die literarischen Werke, für die seit dem Naturalismus das Großstadterlebnis ein wichtiges Thema wurde. Stand in der naturalistischen Literatur noch die Kritik an traurigen Lebensverhältnissen und sozialen Mißständen im Vordergrund, so wurde für die Expressionisten die Großstadt zum Symbol für eine endzeitliche, dem Untergang geweihte Welt überhaupt.“31

Schon in Alfred Kubins phantastischem Roman Die andere Seite (1909) zeichnet sich eine besondere Vorliebe der Expressionisten für dieses Untergangssymbol ab. Stärker im Gedächtnis geblieben sind jedoch die Großstadtgedichte Georg Heyms, die bezüglich der urbanen Apokalyptik im Expressionismus als die Paradebeispiele schlechthin gelten. In beiden Fällen ist zu bemerken, dass trotz des säkularen Erfahrungsanlasses auf bildgewaltige Darstellungen gebaut wird, die sich hauptsächlich überzeitlichen und mythologischen Bildern bedienen. Klaus Vondung deutet diesen Effekt so:

„Die Apokalypse fällt ein Urteil über die geschichtliche Welt, gerade auch über aktuelle politische und gesellschaftliche Verhältnisse, sie faßt jedoch dieses Urteil in ahistorische, mythische, naturhafte Bilder, um die unbedingte, allumfassende Bedeutung des Urteils zum Ausdruck zu bringen. Diese Ambivalenz bleibt ein Charakteristikum apokalyptischer Erfahrungsauslegungen, ebenso wie der Synkretismus der Bildwelt. Die jeweiligen Erscheinungsformen verändern sich; alte Bilder und Symbole werden abgestoßen, neue aufgenommen, weiterhin aus unterschiedlichen Traditionszusammenhängen. Doch die grundsätzliche Neigung bleibt bestehen, apokalyptische Visionen in Bilder von Naturgewalten zu kleiden. Die Bildkomplexe, in denen sich Visionen des Untergangs bevorzugt vergegenwärtigen, führen dies gut vor Augen.“32

Durch die Vermischungen und Wiederaufnahmen apokalyptischer Motive sowie die veränderten Lebensumstände der jeweiligen Autoren ist insgesamt eine grundlegende Bedeutungsverschiebung der apokalyptischen Thematik in der Literatur zu beobachten. Gerhard Kaisers Feststellung, dass moderne Apokalypsen ihren Ursprung im zivilisatorischen Prozess haben, kann dabei nicht als Alleinstellungsmerkmal angesehen werden. Schon in der Offenbarung spielt der zivilisatorische Prozess eine nicht zu unterschätzende Rolle, wie noch gezeigt werden wird. Eine genauere Unterscheidung zwischen klassischem und modernem Apokalypseverständnis liefert hingegen Wolfgang Braungart:

„Generell münden die kanonisierten wie apokryphen Apokalypsen nicht in das Weltende und den Untergang der Schöpfung, sondern in die Vision des kommenden neuen Reiches Gottes. Damit unterscheiden sie sich wesentlich von unserem heutigen Verständnis von Apokalypse. Wir verstehen heute darunter zumeist allgemein eine globale Katastrophe, für die wie selbst verantwortlich sind und nach der nichts mehr kommt, und literarisch eine Dichtung vom Weltende.“33

Die moderne Vorstellung vom Untergang der Welt ohne die Schaffung eines neuen himmlischen Jerusalem, wie es Johannes prophezeit, bezeichnet Klaus Vondung als „kupierte Apokalypse“.34 Über die Angemessenheit dieses ungewöhnlichen Begriffs lässt sich sicher streiten. Dennoch findet sich heute kaum ein theoretischer Text zur modernen Apokalyptik, worin er nicht kommentiert wird.

Die Vorstellungen vom selbstverschuldeten Untergang ohne die Hoffnung auf einen Wiederaufbau werden von Marianne Kesting konkretisiert. In ihrer Arbeit Apokalypse und Endzeit in der Moderne (1991) weist sie zu Recht darauf hin:

„[…] dass das Ende der Welt nicht durch Gottes Gericht bevorsteht, sondern durch den Menschen selbst technisch machbar ist, der Overkill seit langem bereit liegt, und, falls er nicht durch Zufall und Wahn sich auslöst, doch neben ihm die technisch-industrielle Umweltzerstörung unaufhaltsam fortschreitet und als dritte „Bombe“ sich die Übervölkerung der Erde abzeichnet. Das Objekt der Zukunftshoffnung ändert sich. Es geht nicht mehr um den himmlischen Sieg der Gerechten, sondern um das irdische Überleben.“35

Die Vorstellung vom Ende der Welt im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann also fast ausschließlich als säkularisiertes Phänomen angesehen werden, in dessen Folge kein Wandel der Zivilisation zum Besseren stattfindet. Was geschieht jedoch mit unserem Apokalypseverständnis, wenn der erwartete Overkill ausbleibt?

Hans Magnus Enzensberger betont, dass die Apokalypse heutzutage kein „singuläres Ereignis“ mehr ist, welches „aus heiterem Himmel“ über uns kommt und „nur die Seher und Propheten“ vorausahnen können.36 Vielmehr ist sie zu einer omnipräsenten Metapher für Naturkatastrophen, Kriege oder Zusammenbrüche von Staatssystemen geworden. Sie vollzieht sich infolgedessen nicht mehr kollektiv, ist nicht mehr der große Gleichmacher, der die gesamte Welt zurück auf Null setzt, wie das noch bei Johannes der Fall war. Der Untergang „ist von Land zu Land, von Klasse zu Klasse, von Ort zu Ort verschieden; während er die einen ereilt, betrachten die anderen ihn am Fernsehschirm.“37

Durch die fast alltäglich auftretenden Katastrophen, welche in den Abendnachrichten nicht selten als „apokalyptische Szenarien“ bezeichnet werden, lebt man im 20. bzw. im 21. Jahrhundert mit der Gewissheit, dass die Apokalypse keinen singulären Zeitpunkt bestimmt, sondern sich als stetiger Prozess vollzieht, dessen Ende nicht absehbar ist. „Dass die Katastrophe schon begonnen hat, ist ein für das zwanzigste Jahrhundert grundlegender Gedanke.“38 Ob sie hingegen je zu einem Ende geführt und durch den Overkill, der die Zivilisation der Erde auslöscht, vollzogen wird, ist fraglich.

26 Vgl. Kanz, 72008, S. 355.
27 Haupt 32007, S. 362.
28 Kaiser 1991, S. 9.
29 Ebd.
30 In dem bekannten Brief reflektiert Hofmannsthal eindringlich die von ihm erfahrene Sprach- und Bewusstseinskrise als Folge einer veränderten Haltung gegenüber Sprache und Wirklichkeit in der Moderne.
31 Vondung 1988, S. 272f.
32 Ebd., S. 267f.
33 Braungart 1991, S. 65.
34 Vondung 1988, S. 12.
35 Kesting 1991, S. 169.
36 Enzensberger [1978] 2003, S. 143.
37 Ebd., S. 145.


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