Posts Tagged ‘Jean-Pierre Brisset’

Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

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Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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