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Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Lukas Jost Gross, Matthias Nawrat und Juan S. Guse

6. August 2014

Nachdem es zuletzt vor allem um die Zukunft der Literaturvermarktung, oder sagen wir gnädigerweise Literaturverbreitung ging, will ich mit den Rundschau-Manifesten noch eine Überlegung darüber anstellen, wie denn die Internetliteratur (als Zukunftsliteratur per se) nun konkret aussehen könnte. Welche Inhalte sie hat, vor allem aber, wie ihre Texte beschaffen sein sollen/können/werden.

Eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat Lukas Jost Gross, dessen Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden 14 Punkte umfasst. Ich beginne hier mit Punkt 5, weil er mir am nächsten ist und einen wichtigen Grundgedanken anspricht.

„5 […] Textproduktion adaptierte schon immer Umgebung und Arbeitsinstrumente. Ein Bleistift ruft andere Texte hervor als eine Schreibmaschine. Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Einverstanden! Aber bedeutet das für das Internet?

„2 Digitale Literatur geht über digitalisierte Literatur hinaus, indem sie Mechanismen des Internets inkorporiert.“

Okay, und wie funktioniert das?

„8 Eine digitale Literatur trägt Kennzeichen der Programmierung.“

Aha. Stopp! Das bedeuten also die kursiven Einsprengsel in Gross‘ Text?

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oder

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Verstanden? Ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Zumindest bringt mich Gross zu zwei Annahmen.

1. Diese Form digitaler Literatur gehört nicht in die Reihe sich verändernder Schreibwerkzeuge, weil der Schreiber dazu ein Wissen benötigt, das einem intuitiven Gebrauch zunächst im Wege steht. Federkiel, Bleistift, Schreibmaschine und Worddokument sind selbst erklärend und daher sofort intuitiv nutzbar. Man setzt sich und schreibt los. Ein Ins-Blaue-Programmieren ist hingegen wohl eher nicht möglich.

2. Eine solche „programmierte“ Literatur steht nicht in der selben Traditionslinie, in der seit Jahrtausenden nahezu unverändert Literatur produziert wird. Was nicht wertend gemeint ist! Ich will der programmierten Literatur damit ihren Kunstcharakter nicht absprechen, sondern glaube vielmehr, dass es sich hier um eine neue Kunstform handelt.

Es geht also um eine radikale Neubewertung bzw. Umnutzung des Mediums (Programmier-)Sprache. Warum?

„9 Originalität, Autorschaft und Genie sind überholte Begriffe.“

Das sehe ich nicht so.

Variante 1: Man erkennt an, dass ein Werk von jemandem gemacht wurde.

Variante 2: Originalität, Autorschaft und Genie waren noch nie gültige Begriffe, weil alle Kunst aufeinander aufbaut. Auch das „Genie“ (nehmen wir ruhig Goethe als Beispiel) hat Quellen, Vorbilder und unterliegt Einflüssen. Jeder Künstler kopiert, modifiziert, baut um, denkt neu. Was noch nie absolute Gültigkeit besaß, kann nicht auf einmal überholt sein.

Matthias Nawrat spielt den Gedanken der Radikaldigitalisierung der Literatur in seinem Rundschau-Beitrag Wer fragt nach der Literatur des Internets? Leute, die Albträume für planbar halten durch. Allerdings geht er von der Forderung nach Internetliteratur eines bestimmten Typus‘ des Literaturkritikers (also nicht der Literaturkritik an sich!) aus, der mich im Subtext wiederum an Hartmut Rosa und seine Theorie der sozialen Beschleunigung erinnert.

„Er [der Kritiker] hat keine Liebe mehr zur Literatur, er liebt die Gegenwart, das multimediale Weltjetzt auf SPON, die Omnipräsenz der ganzen Welt in jeden Alltagsdetail. Er möchte Literatur in die Form des Internets pressen, ihr die größtmögliche Hypertextualität und Tagesaktualität verpassen, weil er dem Konzept der neuesten Strömung der Zeit huldigt; am liebsten hätte er in der Literatur jedes Jahr jeweils eine solche neueste Strömung der Zeit, die dann endlich die neueste Strömung der Zeit vom Vorjahr ablöst, und das alles gern auf revolutionäre Weise.“

Mein Entschleunigungsherz geht auf. Nawrats einfache Antwort an all das (implizit auch an Lukas Jost Gross): „Eine neue literarische Form ist nicht planbar.

Nawrat untermauert diese Aussage natürlich mit Literatur.

„Und hat Kafka nicht, indem er die Individualität seines Landvermessers im Angesicht der übermächtigen Schlossverwaltung auf den Buchstaben K. reduzierte, eine albtraumhafte Urerfahrung des modernen Menschen mit Herrschaft und Gesellschaft auf Papier gebannt, die auch wir im Weltjetzt im Zusammenhang mit Bürokratie oder dem globalen Bank- und Finanzwesen kennen, von Franz Kafka aus gesehen also in der Zukunft? Unmöglich, das alles geplant, dies feine Netz aus luzide miteinander korrespondierenden sprachlichen Motiven im Schloß am Reißbrett entworfen zu haben.“

(Nawrat hängt seinem Text spaßenshalber noch ein Gedicht an, dass sein 11jähriger Neffe wohl aus dem Internet generiert/programmiert hat. Ist das die Zukunft der Literatur?)

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Und was sagt Juan S. Guse? Er sieht Literatur vor allem als einen Kommunikationsversuch, eine Gesprächsanbahnung an, die nicht durch Eingriffe oder gar Befehle gestört werden darf. In seinem Text Sprechen über Literatur (endlich ein Text online!) fordert er deshalb ganz klar: „Also keine Kommandos über das, was Literatur verhandeln muss, keine Beschneidung ihrer Morphologie.“

und

„Die Literatur der Zukunft ist keine primär mediale Frage, kein technisch-betriebliches Problem, das es zu lösen gilt.“

Die Zukunft der Literatur sieht Guse, ähnlich wie ich, in der Überwindung gegenwärtiger literarischer Grenzen; im Zusammendenken verschiedener Literaturen, Gattungen, Genres, Formen. Womit wir in etwa wieder am Anfang der Blogbeiträge über die Manifeste einer Literatur der Zukunft wären. 🙂

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Joshua Cohen

4. August 2014

Kurz nachdem ich den letzten Beitrag gebloggt hatte, begann ich Joshua Cohens Erzählungen Vier neue Nachrichten zu lesen. Vielleicht als gimmickhafte Zugabe hier die erste Seite der ersten Erzählung Emission.

„Hier geht es nicht um die klassische Masche, wo man eine Geschichte über jemanden erzählt, und in Wirklichkeit ist es bloß eine Geschichte über einen selbst.

Meine Geschichte ist ganz einfach:

Ungefähr zwei Jahre nachdem ich mit meinen Abschluss in Arbeitslosigkeit von der Uni abgegangen war – meine Examensarbeit hatte die Metapher behandelt -, war ich von New York nach Berlin gezogen, um als Schriftsteller zu arbeiten, wobei das nicht ganz stimmt, weil niemand in Berlin arbeitet. Warum das so ist, spielt hier keine Rolle. Hier geht’s nicht um Geschichte, das ist keine Doku im Fernsehen.

Nehmen Sie einen Stift und schreiben Sie es auf einen Zettel, und wenn Sie das nächste Mal am Computer sind, gehen sie auf http://www.visitberlin.de

Spaßenshalber können Sie auch mit dem Finger auf die Adresse tippen, bis die Seite hier durchgeschabt ist – bis Sie die Druckerschwärze weggewischt und Zugriff auf nichts bekommen haben.

Dass ich Fiktionales verfasste, war selbst eine Fiktion, und weil ich keinen Roman zustande brachte und niemand mich dafür bezahlte, den ungeschriebenen langweiligen Roman meines Lebens zu leben, gab ich es auf.“

Ironischerweise erstellte WordPress hier den Link von selbst, den ich nicht deaktivieren kann.


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