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Death to Birth

30. Juli 2013

Vielleicht ist der Song „Death to Birth“ das größte musikalische und persönliche Tribut, das man Kurt Cobain zollen kann. Die Aufnahme stammt aus dem Film „Last Days“ von Gus van Sant.

Der Film polarisiert seit seinem Erscheinen im Jahr 2005 die Nirvana-Anhänger. Die meisten sind wohl tief enttäuscht davon, dass van Sant Cobain nicht als tragischen Helden dargestellt hat. Viele finden den Fim schlichtweg langweilig, da er mit extrem langen, meditativen Kameraeinstellungen arbeitet, die für van Sant nicht untypisch sind.

Ich hingegen finde, dass es einer der großartigsten Filme des beginnenden 21. Jahrhunderts ist. Gus van Sant zeichnet hier die letzte Tage eines völlig aufgebrauchten Menschen nach, der einerseits mit einem unglaublichen Talent gesegnet war; der andererseits der Rolle nicht gewachsen war, die ihm aufgrund seiner Begabung auferlegt wurde.

„Last Days“ ist kein biographischer Film, ein voyeuristischer erst recht nicht. Er ist der Versuch einer Annährung, eine kommunizierte Ahnung dessen, was Cobain in den letzten Tagen seines Lebens gefühlt haben könnte. Eine große Verneigung vor einem großen Künstler.

Michael Pitt spielt in diesem Film den Protagonisten „Blake“, der an Cobain angelehnt ist. Pitt ist selbst Grungemusiker und schrieb den Soundtrack für „Last Days“ selbst. Die Ähnlichkeit der Stimmen finde ich immer wieder verblüffend. Fast so, als melde sich Cobain ein letztes Mal aus dem Jenseits zurück.

From rape to right in, to real to live
should I lie down or stand up
And walk around again?

My eyes finally wide open up
My eyes finally wide open shut
to find the found of sound
That hears the touch of my tears.

Smells the taste of all we waste
Could feed the others
But we smother each other
With the nectar and pucker the sour

Of sugar sweet weather
blows through our trees
Swims through our seas
flies to the last gasp we left on this earth, oh ohh

It’s a long lonely journey from death to birth
it’s a long lonely journey from death to…
it’s a long lonely journey from death to birth
oh, it’s a long lonely journey from death to…birth

Should I die again?
Should I die around the pounds of matter wailing to space?
I know I’ll never know until I come face to face
With my own cold, dead face
with my own wooden case
You are with me, with me, ooh, ohh, hmm
I’m mourning you ooh, ooh, ohh, hmm

It’s a long lonely journey from death to birth
it’s a long lonely journey from death to birth
it’s a long lonely journey from death to birth
it’s a long lonely journey from death to… birth

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No Future

3. Juni 2013

Es war am 20. April 1999 als Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton, Colorado einen bis dahin beispiellosen Amoklauf an einer Schule verübten. Obwohl mir das ganze Ausmaß dieser Tat damals noch nicht bewusst war, spührte ich schon, dass da etwas Unheimliches geschehen war. Als die Manson-Family Ende der 1960ern ihre Mordserie beging, war ich noch nicht geboren. Das Columbine-Massaker von Harris und Klebold war sozusagen das erste Verbrechen dieser Art, das ich bewusst wahrnahm. Im Jahr darauf begann ich mich intensiv für Gothic, Metal und den ganzen Kram zu interessieren. Es war eine gute Zeit um in die Schwarze Szene einzusteigen: Marilyn Manson veröffentlichte gerade das Album Holy Wood: In the Shadow of the Valley of Death, das ich auch und/oder vor allem heute noch als sein bestes Studioalbum und eine der einflussreichsten und wichtigsten LPs im Alternativesektor der 2000er Jahre bezeichnen würde.

Ich war von der Platte sofort elektrisiert. Ich wurde zum Fan, der jede Zeitschrift kaufte in der Interviews, Konzertberichte und sonstiges Material über Marilyn Manson publiziert wurde. Ich habe das alles intensiv gelesen, die Songtexte übersetzt und und und… Marilyn Manson: Popikone und fleischgewordener Albtraum des Bürgertums in einem. Monroe und Charles zu einem Schockhybriden mit Glamfaktor verschmolzen. Ich fand ihn genial. Manson war die Art von Künstler, die es meiner Meinung nach (auch heute noch) dringend brauchte, um der verlogenen westlichen Welt den Spiegel vorzuhalten.

Woher kam aber diese Aggression, die sich mit solch unglaublicher Kraft in Mansons Musik niederschlug? Kurz gesagt: Aus dem Amerika Bill Clintons, dass ihm eine Mitschuld am Amoklauf in Littleton attestierte. Harris und Klebold hörten ebenso leidenschaftlich wie ich die Songs von Marilyn Manson, die von Tod, Wut und Verzweiflung handelten. Laut den Meinungen vieler so genannter Medienexperten waren er und seine Musik ein Hauptgrund für die Verderbtheit der Jugend, die sich nun in Waffengewalt äußerte. Manson selbst äußerte sich zu den Vorwürfen, die auch die Bands Rammstein und KMFDM trafen, kaum. Legendär ist hingegen sein Auftritt in der Michael Moore-Doku „Bowling for Columbine“, die sich mit dem Columbine-Massaker und der Waffenkultur in den USA auseinandersetzt.

Nach seiner sehr intelligenten und pointierten Analyse über die öffentliche Hexenjagd auf ihn, antwortete Manson noch einmal auf seine Art. Das Album Holy Wood ist Abrechnung und Aufarbeitung in einem. Ein großartiges Konzeptalbum über Guns, God & Government mit Songs wie Disposable Teens, The Fight Song oder The Nobodies, die den Finger in die Wunde einer verletzten, verstörten und verlogenen Gesellschaft legte. Ein Album wie einer Faust in der Magengrube des wohlig eingerichteten Bürgertums. Ein Album, wie es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Und die Platte wurde gehört. Weit über die Grenzen der so genannten Alternativeszene hinaus. Marilyn Manson wurde endgültig zum kommerziell erfolgreichen Superstar, der sogar in der Dorfdisco den Bürgerkindern vorgespielt wurde. Welch Ironie.

Auf dem Album Holy Wood befindet sich ein Song, der es mir schon bei Erscheinen imJahr 2000 angetan hatte und heute immer noch zu meinen absoluten Lieblingsliedern zählt, weil es sehr authentisch von einer desillusionierten Jugend erzählt. The Death Song hier in freier Übersetzung:
Wir sitzen auf einer Kugel

und bewegen uns direkt auf Gott zu

auch er will es beenden

Wir nehmen eine Pille, verziehen das Gesicht

lösen ein Ticket

und hoffen, dass es den Himmel wirklich gibt

Im Fernsehen habe ich einen Cop einen Priester schlagen sehen

und die wissen, dass sie auch unsere Helden getötet haben
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Kinder, lasst uns den Death Song singen
Wir zünden eine Kerze für eine Erde an

die wir zur Hölle gemacht haben

und geben vor, wie wären im Himmel

Wann immer wir das tun

bekommen wir ein Blindenticket

und wissen: nichts davon ist wahr

Im Fernsehen habe ich einen Priester einen Cop töten sehen

und ich weiß jetzt, dass das auch unsere Helden sind
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir schreiben unsere Gebete auf eine kleine Bombe

Küssen sie zum Abschied und senden sie an Gott
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir waren einst die Welt

doch wir haben keine Zukunft

und wir wollten doch nur wie ihr sein

wir wollten so wir ihr sein

Am 26. April 2002, also fast genau drei Jahre nach dem Columbine-Massaker, verübte Robert Steinhäuser den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ich war damals Schüler in Thüringen und wohnte nur etwa 60 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit Columbine beschäftigt und trug auch in der Schule nur noch schwarze Klamotten. Auf einmal wurde ich von manchem Lehrer kritisch beäugt, wurde von ihnen gefragt was ich eigentlich für Musik höre und habe ihnen CDs ausgeliehen. Marilyn Manson, Slipknot und sogar das Album Lektionen in Demut von Thomas D stießen auf wenig Verständnis. Ob ich nicht glaube, dass solche Musik depressiv machen und ein zu negatives Weltbild zeichnen würde, wurde ich gefragt? Ich verneinte und sagte, eigentlich sprechen mir Manson und Thomas D aus der Seele. Damit war das Thema beendet, was mich auch heute noch etwas wundert. Das war’s also in Sachen zuhören?

Nach den Nachrichten und Bildern aus Erfurt ging es mir nicht gerade gut. Und ironischerweise war ich wohl derjenige in meiner Klasse, dem das ganze am nächsten ging. Weil ich die Berichte aus Littleton kannte, die Polizeifunkaufnahmen gehört hatte, Interviews mit Überlebenden gesehen habe… und weil es jetzt in Erfurt passiert war. Nicht weit weg. Und ich stellte mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn der Amoklauf an meiner Schule passiert wäre und Menschen die ich kannte und mochte erschossen auf den Gängen gelegen hätten und so weiter.

Und dazu kam dann auch wieder die Wut und der Ekel, den ich schon aus den Songs von Marilyn Manson kannte. Der ganze Abscheu vor der heuchelnden Welt der Erwachsenen. Die Lehrer zeigten sich ein paar Tage betroffen, überprüften dann den Typen, der ausschließlich in schwarz an der Schule rumlief und beteten danach ihr ewig gleiches Lamento von der Wichtigkeit der Schulnoten und dem Versagen im Leben im Falle des Versagens in der Klassenarbeit.

Bedeutend einfühlsamer ging hingegen der Filmemacher Gus van Sant mit diesem Thema um. Van Sant gilt als Spezialist für problematische Jugendthemen und ist auch deshalb einer der von mir meistgeschätzten Regisseure überhaupt. Weil ich weiß, die eindringlich seine Filme sein können habe ich mich lange vor seinem Film Elephant gedrückt, aber letztens doch endlich gesehen. Auch das ist ein Grund, warum ich heute über Amokläufe und Marilyn Manson geschrieben habe. Ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Immernoch.

EDIT: Marilyn Manson malte auch ein Aquarell, dass auf den Amoklauf an der Columbine High School bezugt nimmt. Es zeigt die Portraits von Harris und Klebold auf einer Hand, die das Peace-Zeichen formt. Titel: Crop Failure.

Quelle: marilynmanson.com


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