Posts Tagged ‘Graphic Novel’

Der Wiedergänger

13. November 2017

Einem Farmerjungen wird die Enge der winterlichen Einöde zu bedrückend. Bei Nacht beschließt er, sein zu Hause zu verlassen, auch wenn er den Vater in Zorn, die Mutter in Kummer zurücklässt. Nach sieben Tagen des Reitens stirbt das Pferd des Jungens. Zu Fuß erreicht er eine nahe gelegene Stadt, doch Fremde sind hier nicht willkommen. Es fällt nur ein einziger Schuss, aber der ist folgenreich. Der Junge schleppt sich an ein Flussufer und beklagt sich bei seinem Schöpfer. Herr, soll das mein Schicksal sein? Zu sterben, weil ich die Welt sehen wollte, die du geschaffen hast?

Reinhard Kleists Graphic Novel Nick Cave – Mercy on me beginnt dramatisch und mit rasantem Tempo. Doch das ist nur bedingt die Schuld des Autors. Kleist, der mit seinen biografischen Büchern über Johnny Cash, H.P. Lovecraft oder Fidel Castro längst zur ersten Liga internationaler Comiczeichner gehört, orientiert sich in seinem neuesten Werk stark an den Songs seines Protagonisten. Sie sind es, die dem Comic ihre erzählerische Struktur geben, womit sich Kleist ein Stück weit Cave ausliefert, so wie der Farmerjunge in The Hammer Song seinem Schöpfer ausgeliefert ist.

Nick Cave der Musiker, Schriftsteller, Filmemacher ist nicht einfach zu begreifen. Dabei lässt sich sein Leben relativ einfach nacherzählen. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Australien, gründete er als Teenager seine erste Band The Boys Next Door, die sich später in The Birthday Party umbenannten. Er verlebte eine intensive Sturm-und-Drang-Zeit in London und West-Berlin, die nicht nur von legendären Punkkonzerten, sondern auch von Heroin und zunehmender künstlerischer Orientierungslosigkeit geprägt war.

[Die ganze Besprechung auf fixpoetry.com]

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Zwei Doppelleben

9. Dezember 2015

Dass Javi es auf dem Schulhof gleich mit vier Typen aufnehmen muss, wusste er vorher nicht. Aber es beeindruckt ihn auch nicht besonders. Nach einem kurzen Geplänkel verpasst er dem mit der größten Klappe einen ordentlichen Hieb und fordert einen anderen auf, den verschwundenen Laptop rauszurücken. Javi hat mächtig Eindruck hinterlassen. Doch ganz freiwillig läuft die Übergabe nicht. Zum Abschied bekommt er eine Ladung Pfefferspray mit auf den Weg. Der Preis steigt mit dem Risiko.

Javi ist sechzehn Jahre alt, schwänzt seit einem Jahr die Schule und geht stattdessen arbeiten. So sieht er es zumindest. Als eine Art Auftragsrowdy verdient er nicht schlecht an blutigen Nasen, gestohlenen Rucksäcken oder Handys. Javi ist berüchtigt. Fast alle Schüler haben vor ihm Angst. Doch er weißt selbst, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Denn Javi träumt im Wortsinne von einer anderen Zukunft.

Hier geht’s weiter.

Wohin gehst du?

13. April 2015

Die ersten Seiten sind schwarz, ganz schwarz. Dreimal muss man umblättern, dann taucht ein kleiner, grauer Pfeil auf, der nach oben zeigt. Er wird heller, kommt näher, gibt sich als Schlüsselloch zu erkennen. Ein Mann erscheint, klassisch gekleidet mit Hut und Mantel. Er trägt einen Koffer. Er sieht durch das Schlüsselloch, drückt die Klinke, durchschreitet die Tür zur Welt dahinter. Die Tür fällt hinter ihm zu. Die Richtung scheint nun klar zu sein.

Zugegeben, der Einstieg in Marc-Antoine Mathieus neue Graphic Novel Richtung erscheint zunächst recht karg. Doch er bereitet den Leser auf das vor, was ihn auf den nächsten 250 Seiten erwartet. Dabei muss man sich fragen, ob hier überhaupt die Rede vom Leser sein kann, denn Richtung kommt von Anfang bis Ende ganz ohne Worte aus. Schnell wird klar: Mathieu hat hier eine ausgedehnte Metapher gezeichnet.

Und hier gibt’s wie immer den gesamten Text. 😉


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