Posts Tagged ‘Goethe’

Die schlechte alte Zeit

15. Juli 2015

Wie man Goethe und die nach ihm benannte Epoche für die Nachwelt veranschaulicht, ist wohl eine Frage, die von jeder Generation neu beantwortet werden muss. Derzeit nähert man sich dem Dichterfürsten im Goethe-Nationalmuseum in Weimar zum Beispiel über dessen Hosenträger an, die dem Besucher nach dem Eintreten als eines der ersten Exponate präsentiert werden. Wie diese Herangehensweise der Vermittlung, dieses vom-Sockel-holen zu bewerten ist, soll den Besuchern der Ausstellung überlassen sein. Nicht zu leugnen ist jedoch diese merkwürdige Faszination, die Neugier wissen zu wollen, was Goethe drunter trug, was hinter der gut überlieferten, repräsentativen Fassade steckt. So erscheint es nur logisch, dass nicht nur in Bruno Preisendörfers Buch, sondern auch in jeder Rezension, so auch in dieser, darauf hingewiesen wird, dass Goethe, „nach allem, was wir wissen“ keine Unterhosen trug. Aha, wieder was gelernt. Denkt man zumindest.

Preisendörfer - Als Deutschland noch nicht Deutschland warNein, man täte Preisendörfer Unrecht, wollte man sein Buch auf diese kalkulierten Lacher reduzieren, die das bildungsbürgerliche Zielpublikum sicher bereitwillig goutieren wird. Als Deutschland noch nicht Deutschland war heißt seine im Untertitel gleichlautenden Reise in die Goethezeit, die in bester Safranski-Manier versucht, nicht nur die Klassiker, sondern hier vor allem ihre Lebenszeit lebendig darzustellen, vielleicht sogar ein Stück weit erfahrbar zu machen. Ein Versuch, der schon aufgrund der beeindruckenden Recherchearbeit alles in allem gelingen musste. Neben dem Haupttext gibt vor allem ein sehr interessanter, auch sehr brauchbarer Anhang detaillierte Auskunft darüber, wie sich die Dinge zu Zeiten des Geheimrates verhielten. Mit welchen zeitgenössischen Nachschlagewerken bildete man sich, womit verdiente wer wie viel, wie teuer waren Brot und Butter im Schnitt und wie viel war gleich nochmal ein Klafter Holz?

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Johann Wolfgang von Goethe – Gespräch zwischen Schildwache und Freund Hein am Coburger Tor

26. Mai 2015

[Mit einem Bilde von Kraus für Musäus]

Schildwache

Wer da?

Freund Hein

Ich bin Freund Hein.

Laß Er mich herein!

Schildwache

Er sieht so hager und so bleich,

Eher einem Toten als einem Lebenden gleich;

Er kommt von keinem gesunden Ort.

Zeig Er mir erst seinen Passeport.

Freund Hein

Mein Paß ist diese Sense hier,

Tür, Tor und Schlagbaum öffnet sie mir.

Mich hält in meinem raschen Lauf

Selbst eine Armee en front nicht auf.

Will Er mich noch weiter schikanieren,

Werd ich über Ihn wegmarschieren,

Kein lautes Wörtchen mit Ihm sprechen,

Den Kieler Wanderer an Ihm rächen.

(entstanden in Weimar zwischen 1775 und 1786)

Ich bin schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Text Goethes in der Gesamtausgabe seiner Gedichte gestoßen. Seine fragmentarische Form lässt viel Spielraum für Fragen und Spekulationen. (In der Sekundärlitartur hab ich bisher nichts gefunden. Aber auch nicht so intensiv gesucht.) Ich schätze mal, dass dem Text ein Bild von Georg Melchior Kraus zugrunde liegt, das er für Johann Karl August Musäus angefertigt und/oder ihm geschenkt hat. Leider habe ich dafür bisher keinen Beleg gefunden. Die Vermutung liegt deshalb nahe, weil Kraus in Weimar lebte, mit Goethe befreundet war und eines der berühmtesten Portraits des jungen Goethe gemalt hat. Der Schriftsteller Musäus lebte wiederum auch im „klassischen“ Weimar, war aber, da er der Onkel August von Kotzebues war, wohl eher nicht Goethes bester Freund.

Neben dem Kontext der Entstehung interessiert mich aber zum einen die ungewöhnliche Form, die als fragmentarischer Dialog aus der Sammlung der Gedichte heraussticht. Zum anderen frage ich mich: Wer ist/war der Kieler Wanderer? Ist das ein zeitgenössisches Sprichwort oder setzt Goethe hier die Kenntnis eines Ereignisses voraus, von dem Zeitgenossen durchaus hätten wissen können?

Und wo spielt die Szene eigentlich? Am Stadttor zu Coburg oder in einer anderen Stadt, die ein Stadtstor names „Coburger Tor“ hat (was schonmal nicht Weimar sein kann)?

Am interessantesten wäre es jedoch, die Antwort der Schildwache an Freund Hein zu erfahren, oder?

Variante 1: Der Tod senst die Wache einfach nieder.

Variante 2: Die Wache antwortet frech und wird dann niedergesenst.

Variante 3: Die Wache lässt den Tod passieren, woraufhin in der Stadt „der Tod umgeht“.

Variante 4: Die Wache widerlegt in einem schlagfertigen Dialog den Tod. (Was wiederum der Ausgangspunkt eines Schelmenromans sein könnte.)

Über die Zukunft der Literaturwissenschaft

3. Juni 2014

Während meines Studiums hatte ich bereits mit seinem Schiller-Buch gearbeitet. Als ich kürzlich Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft las, fiel mir eine alter Gedanke wieder ein. Germanistikstudenten sollten nicht nur Rüdiger Safranski lesen, sondern auch lernen wie er zu arbeiten! So bestünde zumindest ansatzweise die Chance, dass sich das Fach von der theorielastig-verkopften Nerdwissenschaft, die sie teilweise(!) geworden ist, zu einer Populärwissenschaft im allerbesten Sinne des Wortes entwickelt. Denn Safranski ist immer fundiert, reflektiert und in seiner Quellenarbeit genau, weil er nicht aus hunderten vorangegangener Studien wiederkäut, paraphrasiert oder abschreibt. Und trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs verliert er nie den Leser aus den Augen, bleibt, gerade weil es ihm um die Vermittlung von Kultur- und Ideengeschichte geht, immer einfach zu lesen.

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Nun will ich hier nicht über den Sinn und Unsinn der Literaturwissenschaft als solcher diskutieren. Und natürlich haben die theoretischen Reflexionen und Textwerkeleien mit bewährten Werzeugen wie Barthes, Foucault und Co. ihre Berechtigung. Wenn die Arbeit der Master- und Doktorandenkolloquien sich jedoch darin erschöpft, dass man sich gegenseitig versichert wie „spannend“ und wichtig man die genannten Herren findet, entfernt man sich nicht nur von seinem eigentlichen Gegenstand, sondern auch von der Gegenwart (und schließlich von der Welt „da draußen“).

Dass ich im Zuge meiner Auseinandersetzungen mit den Manifesten für eine Literatur der Zukunft eher die Geschichte als die Theorie fokussiere, um in der Zeit voranzukommen, überrascht dabei sicher nicht. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Geert Buelens‘ Europas Dichter und der Erste Weltkrieg verdeutlicht mir einmal mehr die essentielle Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und schließlich die Gestaltung der Zukunft. Daraus vllt. nur dieses indirekte Zitat des ungarischen Dichters Endre Ady, mit dem Wissen um den Ausgang der diesjährigen Europawahl: „Aber wenn man schon weiterhin in der Vergangenheit schwelgen wolle, solle man sich besser ein Beispiel am ruhmreichen Transsilvanien nehmen – jener multikulturelle Staat habe die europäische Kultur angenommen, Kunst und Wissenschaft erblühen lassen und religiöse Tolerenz zu einem Zeitpunkt entwickelt, als ‚am Rhein das große Kulturvolk‚ noch Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannte.“

Die Vermittlung der Geschichte ist also der erste Schritt in Richtung Zukunft. Safranski setzt in seinen Büchern auf einen Mischton aus Erzählung und Essayistik. Er hält sich strikt an die Fakten, vermittelt sie jedoch wie einen Roman. Das führt nicht nur dazu, dass man die Haltungen und Positionen der großen Weimarer Klassiker besser versteht. Es hat auch zur Folge, dass der ehrfurchtgebietende Sockel der beiden insofern eingeebnet wird, als dass man sich wieder an die Originaltexte traut. Safranskis Methode führt also auch zum Lesen hin, was zwar banal klingt, aber selbst vielen Germanisten (und hier spreche leider aus Erfahrung) inzwischen nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

All das setzt natürlich voraus, dass man sich für Kunst, Kultur und Geistesgeschichte interessiert – wozu man ja niemanden zwingen kann. Man kann den „gebildeten Laien“ (so wenig ich diesen Ausdruck mag) aber zu einem Interesse ermutigen, ihm zumindest ein Angebot machen, indem man aufzeigt, dass Goethe und Schiller durchaus nicht so unerreichbar und schwer verständlich sind, wie es der Deutschunterricht oder die Fachliteratur uns einmal weismachte.

Es geht also nicht darum die Existenz der Literaturwissenschaften in Frage zu stellen, wie das leider viel zu oft der Fall ist, sondern darum, seitens der Wissenschaft einen Schritt aus dem akademischen Umfeld heraus, und somit auf eine größere Leserschaft zu zumachen. Dass das funktionieren kann, beweist Safranski. So würde sich meiner Ansicht nach nicht allein die Frage erübrigen, welchen Nutzen die Literaturwissenschaft heute noch hat; Germanistikstudenten würden dann vllt. auch weniger verlegen antworten müssen, wenn ihnen auf Partys und Familienfeiern die Fragen gestellt wird: „Und was macht man dann damit?“


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