Posts Tagged ‘Geisteswissenschaften’

Dante und die Raumfahrt

1. August 2016

Der Leipziger Anglist Elmar Schenkel hat sich über seine akademische Arbeit hinaus längst einen Namen als Essayist gemacht. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, in dem es nicht nur um die Zusammenhänge von Literatur und Wissenschaft geht, sondern selbst die Grenzen zwischen akademischer Studie und literarischem Essay verwischt werden. Solche Bücher machen besonders Spaß, denn sie zeugen von einem ganzheitlichen Interesse an der Welt und davon, sie mit ganzheitlichen oder zumindest interdisziplinären Fragestellungen begreifen zu wollen. Dass Schenkel jedoch nicht zu einer lückenlosen Darstellung des gesamten Diskursfeldes kommen kann, muss dem Leser klar sein. Vielmehr setzt er spotlights auf ausgesuchte Episoden der seit der Antike bestehenden Wechselbeziehung zwischen literarischen Werken und technischen Entwicklungen. Und er erzählt von den Träumen derjenigen, die an dem einen, an dem anderen oder gar an beidem feilten … wie etwa Johannes Kepler, sozusagen der Titelheld dieser Essaysammlung.

„Kepler beschrieb 1609 einen Traum über die Reise zum Mond. Diese Traumgeschichte besprenkelte er über die nächsten Jahre hin mit vielen Fußnoten wissenschaftlicher, autobiographischer und verspielter Art. Man könnte diesen Text als das erste Werk der Science-Fiction bezeichnen, denn hier wird erstmals eine fast mittelalterliche Traumvision mit der neuen kopernikanischen Wissenschaft verbunden.“

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Hinterfragt euch!

22. Mai 2015

Neidisch sei Wolfgang Ullrich immer gewesen auf die Schriftsteller und Dichter, die eingeladen wurden, in Poetikvorlesungen über sich und ihr Schreiben zu reden und dieses kritisch zu reflektieren. Ihm als Geisteswissenschaftler bleibe diese Form der Öffentlichkeit verwehrt. „So als käme es in der Wissenschaft auf die Art des Schreibens gar nicht an.“ Doch auch wenn er keine Poetikvorlesungen halten kann, schreiben kann er sie allemal. Mag sein, dass der ein oder andere Kollege Ullrichs das als provokant empfindet. Ein bisschen revolutionär erscheint sein Vorgehen auf jeden Fall. Denn diese fünf nie gehaltenen Vorlesungen, die unter dem Titel Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik bei Wagenbach erschienen, sind mehr als ein exaltierter Versuch, sich als Professor für Kunstwissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ullrich geht es um nichts weniger als die Methoden, ja den Gesamtzustand der Geisteswissenschaften auf den Prüfstein zu stellen.

Dabei geht Ullrich in seiner ersten Vorlesung von einem Fallbeispiel aus, mit dem er nach eigener Aussage für einige „Aggressionen“ bei einem wissenschaftlichen Symposium gesorgt hat. Es handelt sich dabei um die kunsthistorischen Interpretationen von Max Beckmanns Triptychon Versuchung von 1936/37, die für Ullrich allesamt unzureichend sind. Ein Umstand, dem sich auch viele Kunsthistorikern bewusst zu sein scheinen, da sie sich in der Folge oft mit einem geisteswissenschaftlichen Trick aus der Affäre ziehen. „Dass sich die Gemälde nicht schlüssig deuten lassen, ist nicht Schwäche oder Spleen des Künstlers, sondern symptomatisch für die Zeit, in der er sie schuf: Er bildet nur ab, dass alles zerbrochen ist.“ Dieses Urteil, das unter Wissenschaftlern und kunstinteressierten Laien sicher viel stummes Kopfnicken auslöst, ist für Ullrich nichts weiter als ein kulturpessimistisches Ressentiment, ein Pauschalurteil, das in keiner der zahlreichen von ihm untersuchten Interpretationen schlüssig, das heißt wissenschaftlich, belegt werden kann.

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