Posts Tagged ‘Franz Kafka’

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Lukas Jost Gross, Matthias Nawrat und Juan S. Guse

6. August 2014

Nachdem es zuletzt vor allem um die Zukunft der Literaturvermarktung, oder sagen wir gnädigerweise Literaturverbreitung ging, will ich mit den Rundschau-Manifesten noch eine Überlegung darüber anstellen, wie denn die Internetliteratur (als Zukunftsliteratur per se) nun konkret aussehen könnte. Welche Inhalte sie hat, vor allem aber, wie ihre Texte beschaffen sein sollen/können/werden.

Eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat Lukas Jost Gross, dessen Manifest für eine Literatur der Daten – Schreiben, als hätte das Internet stattgefunden 14 Punkte umfasst. Ich beginne hier mit Punkt 5, weil er mir am nächsten ist und einen wichtigen Grundgedanken anspricht.

„5 […] Textproduktion adaptierte schon immer Umgebung und Arbeitsinstrumente. Ein Bleistift ruft andere Texte hervor als eine Schreibmaschine. Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Einverstanden! Aber bedeutet das für das Internet?

„2 Digitale Literatur geht über digitalisierte Literatur hinaus, indem sie Mechanismen des Internets inkorporiert.“

Okay, und wie funktioniert das?

„8 Eine digitale Literatur trägt Kennzeichen der Programmierung.“

Aha. Stopp! Das bedeuten also die kursiven Einsprengsel in Gross‘ Text?

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oder

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Verstanden? Ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Zumindest bringt mich Gross zu zwei Annahmen.

1. Diese Form digitaler Literatur gehört nicht in die Reihe sich verändernder Schreibwerkzeuge, weil der Schreiber dazu ein Wissen benötigt, das einem intuitiven Gebrauch zunächst im Wege steht. Federkiel, Bleistift, Schreibmaschine und Worddokument sind selbst erklärend und daher sofort intuitiv nutzbar. Man setzt sich und schreibt los. Ein Ins-Blaue-Programmieren ist hingegen wohl eher nicht möglich.

2. Eine solche „programmierte“ Literatur steht nicht in der selben Traditionslinie, in der seit Jahrtausenden nahezu unverändert Literatur produziert wird. Was nicht wertend gemeint ist! Ich will der programmierten Literatur damit ihren Kunstcharakter nicht absprechen, sondern glaube vielmehr, dass es sich hier um eine neue Kunstform handelt.

Es geht also um eine radikale Neubewertung bzw. Umnutzung des Mediums (Programmier-)Sprache. Warum?

„9 Originalität, Autorschaft und Genie sind überholte Begriffe.“

Das sehe ich nicht so.

Variante 1: Man erkennt an, dass ein Werk von jemandem gemacht wurde.

Variante 2: Originalität, Autorschaft und Genie waren noch nie gültige Begriffe, weil alle Kunst aufeinander aufbaut. Auch das „Genie“ (nehmen wir ruhig Goethe als Beispiel) hat Quellen, Vorbilder und unterliegt Einflüssen. Jeder Künstler kopiert, modifiziert, baut um, denkt neu. Was noch nie absolute Gültigkeit besaß, kann nicht auf einmal überholt sein.

Matthias Nawrat spielt den Gedanken der Radikaldigitalisierung der Literatur in seinem Rundschau-Beitrag Wer fragt nach der Literatur des Internets? Leute, die Albträume für planbar halten durch. Allerdings geht er von der Forderung nach Internetliteratur eines bestimmten Typus‘ des Literaturkritikers (also nicht der Literaturkritik an sich!) aus, der mich im Subtext wiederum an Hartmut Rosa und seine Theorie der sozialen Beschleunigung erinnert.

„Er [der Kritiker] hat keine Liebe mehr zur Literatur, er liebt die Gegenwart, das multimediale Weltjetzt auf SPON, die Omnipräsenz der ganzen Welt in jeden Alltagsdetail. Er möchte Literatur in die Form des Internets pressen, ihr die größtmögliche Hypertextualität und Tagesaktualität verpassen, weil er dem Konzept der neuesten Strömung der Zeit huldigt; am liebsten hätte er in der Literatur jedes Jahr jeweils eine solche neueste Strömung der Zeit, die dann endlich die neueste Strömung der Zeit vom Vorjahr ablöst, und das alles gern auf revolutionäre Weise.“

Mein Entschleunigungsherz geht auf. Nawrats einfache Antwort an all das (implizit auch an Lukas Jost Gross): „Eine neue literarische Form ist nicht planbar.

Nawrat untermauert diese Aussage natürlich mit Literatur.

„Und hat Kafka nicht, indem er die Individualität seines Landvermessers im Angesicht der übermächtigen Schlossverwaltung auf den Buchstaben K. reduzierte, eine albtraumhafte Urerfahrung des modernen Menschen mit Herrschaft und Gesellschaft auf Papier gebannt, die auch wir im Weltjetzt im Zusammenhang mit Bürokratie oder dem globalen Bank- und Finanzwesen kennen, von Franz Kafka aus gesehen also in der Zukunft? Unmöglich, das alles geplant, dies feine Netz aus luzide miteinander korrespondierenden sprachlichen Motiven im Schloß am Reißbrett entworfen zu haben.“

(Nawrat hängt seinem Text spaßenshalber noch ein Gedicht an, dass sein 11jähriger Neffe wohl aus dem Internet generiert/programmiert hat. Ist das die Zukunft der Literatur?)

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Und was sagt Juan S. Guse? Er sieht Literatur vor allem als einen Kommunikationsversuch, eine Gesprächsanbahnung an, die nicht durch Eingriffe oder gar Befehle gestört werden darf. In seinem Text Sprechen über Literatur (endlich ein Text online!) fordert er deshalb ganz klar: „Also keine Kommandos über das, was Literatur verhandeln muss, keine Beschneidung ihrer Morphologie.“

und

„Die Literatur der Zukunft ist keine primär mediale Frage, kein technisch-betriebliches Problem, das es zu lösen gilt.“

Die Zukunft der Literatur sieht Guse, ähnlich wie ich, in der Überwindung gegenwärtiger literarischer Grenzen; im Zusammendenken verschiedener Literaturen, Gattungen, Genres, Formen. Womit wir in etwa wieder am Anfang der Blogbeiträge über die Manifeste einer Literatur der Zukunft wären. 🙂

Franz Kafka hasn’t answered yet…

20. Februar 2014

… but I hear him coughing all night long.

Brief an Kafka

Architekturen der Apokalypse (Teil VII)

12. April 2013

4.3 Patera als göttlicher Baumeister und absoluter Herrscher

Wenn nun im Folgenden die Figur Pateras und seine Bedeutung für das Handlungsgeschehen analysiert werden soll, muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass der Aspekt fehlender Allmacht aus dem vorherigen Kapitel relativiert werden muss. Dieser Umstand ergibt sich notwendigerweise aus dem Gestaltungsprinzip des Romans, das auf einem Zusammen- und Entgegenwirken von Dualitäten beruht. Das Motto Der Demiurg ist ein Zwitter (286), das den Roman beschließt, kann daher nicht nur als Fazit, sondern auch als roter Faden, der sich durch den Text zieht, gelten.

Im Vergleich der Städtekonstruktionen bei Kubin und Johannes wurde gesagt, dass Patera keine göttliche Allmacht besitzt. Diese These lässt sich jedoch nur im Hinblick auf das Ende des Traumreiches und im Vergleich zur Offenbarung eindeutig belegen. Im biblischen Text gibt es niemals Zweifel an der Allmacht Gottes, die die Vision des neuen Jerusalems schließlich wahr werden lässt. Die Allmacht Pateras über das Traumreich wird bei Kubin hingegen durch einen Endkampf gebrochen und seine Schöpfung zerstört. Bis zu diesem Ereignis erscheint Patera jedoch durchaus als ein überirdisches, gar göttliches Wesen.

Bereits aus dem Namen Pateras und seiner Verwendung im Roman lassen sich zwei Hinweise auf eine göttliche Qualität ableiten. Patera ähnelt dem lateinischen pater für Vater in auffälliger Weise. Zudem nennt Patera sich selbst Herr des Traumreiches, eine Bezeichnung, die die Traummenschen und vor allem der Protagonist stets synonym zu seinem Namen gebrauchen. Bekanntlich werden auch im Christentum die Bezeichnungen Herr und Vater synonym für die Nennung des allmächtigen Gottes verwendet; und ähnlich dem christlichen Glauben muss man auch Patera als absoluten Herrn anerkennen. So ist es auffällig, dass bei Erscheinen des Boten Gautsch der Herr zunächst mit seinem vollständigen bürgerlichen Namen Claus Patera vorgestellt wird. Das ist der Name, unter dem der Zeichner seinen ehemaligen Schulkameraden kennen lernte. Erst als der zunächst skeptische Zeichner von der Idee des Traumreiches überzeugt ist und beschließt der Einladung dorthin zu folgen, entfällt der bürgerliche Vorname und wird im weiteren Text nicht mehr genannt. Mit dem Glauben an die Idee des Traumreichs wird Claus Patera zu Patera dem Herrn, wird der Schulfreund von einst zur überhöhten kultischen Gestalt. Dieser Eindruck wird verstärkt als der Zeichner neben der Einladung ein Foto Pateras überreicht bekommt. Er beschreibt dieses als „ein auffallend charakteristisches Brustbild eines jungen Mannes. Braune Locken umringelten ein Antlitz merkwürdig antiker Prägung; groß, überhell, gerade aus dem Bilde heraus starrten mich die Augen an: − das war unstreitig Claus Patera!“ (14)

Es lässt sich aus dieser Beschreibung leicht eine Analogie zu den langläufigen Vorstellungen vom Aussehen Jesu Christi herstellen, der in der Regel in als junger Mann mit langen braunen Locken und charakterstarkem Gesicht dargestellt wird. Besonders auffällig ist jedoch, dass eine eindeutige Identifikation durch die Augen Pateras bzw. dessen Blick möglich ist. So verhält es sich auch in der Offenbarung, in der Johannes Jesu Augen „wie eine Feuerflamme“ (Apk 1, 14a) wahrnimmt. Diese besondere Eigenschaft wird zudem in Apk 19, 12 zum entscheidenden Merkmal der Wiedererkennung Christi, der als Reiter auf einem weißen Pferd erscheint.

Doch Pateras Äußeres hat nicht auf alle Betrachter den gleichen Effekt. Die Frau des Zeichners ist bis zu ihrem Tode ihm gegenüber abgeneigt. Sie empfindet seinen Anblick als „furchtbar“ (28) und spricht ihm intuitiv ein dämonisches Wesen zu. Als sie Patera eines Tages schließlich in den Straßen Perles begegnet, löst allein sein Anblick einen so gewaltigen Schrecken in ihr aus, dass sie daraufhin zunächst von Angstzuständen geplagt wird und in der Folge einer sich verschlimmernden Nervenerkrankung schließlich stirbt. Ob es sich bei der Begegnung um ein wahres Erlebnis oder nur um eine Halluzination gehandelt hat, bleibt unklar. Die Frau des Zeichners betont: „diese Augen kann es nicht zweimal geben. […] Es lag ein blinder Glanz darin!“ (94f.) Sein Gesicht hingegen war nicht das charakteristische, vom Zeichner beschriebene, sondern einer Wachsmaske gleich. Dem Antlitz Pateras war somit jegliche Individualität und Wärme genommen.

In der unterschiedlichen Wahrnehmung von Pateras Äußerem wird die Zwittrigkeit seines Wesens ein weiteres Mal impliziert. Nicht nur, dass sich mit ihm sowohl irdische als auch göttliche Eigenschaften verbinden lassen; sein Wesen kann nicht eindeutig als gut oder böse, göttlich oder teuflisch definiert werden. Die Unbestimmtheit seiner moralischen Qualitäten lässt sich jedoch nicht allein an seiner äußeren Erscheinung und deren Wirkung auf andere ablesen. Vielmehr sind es die Maßstäbe, nach denen Patera sein Reich erschafft und der Stil, mit welchem er es regiert, die auf seinen Charakter schließen lassen.

Wie bereits mehrfach erwähnt, lehnt Patera den Fortschritt strikt ab. Diese scharfe Ablehnung charakterisiert ihn bereits früh im Text als Dogmatiker des Metaphysischen. Wissenschaftlichkeit ist nicht erwünscht. Entgegen dem „Normalleben“ ist das Leben in der „Traumwelt“ daher ein „durchgeistigtes Leben“ (12), das von der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit abgekoppelt ist. Anders als Wissenschaftler, die mit ihren Forschungen versuchen die Welt vollends zu erklären, glauben die Traummenschen an die Unergründlichkeit der „Weltbasis“ (12). Dieses Denken entspricht der christlichen Vorstellung, dass sich dem Menschen das wahre Wesen aller Dinge erst durch die Gegenwart Gottes offenbart, also in dem Moment, in dem jeder vor seinen Schöpfer tritt. So kann die bereits in Kapitel 4.2 erwähnte Abschaffung der irdischen Werte auch als Bekenntnis zu einem überhöhten Ideal gewertet werden.

Ähnlich wie Jesus bzw. Gottvater in der Offenbarung teilt sich Patera zunächst jedoch nur durch Boten mit. Dass diese Analogie von Kubin bewusst intendiert zu sein scheint, zeigt sich im formelhaften Sprechen Gautschs. Dieser sagt, er komme „im Namen eines höheren Auftraggebers“ (17), um den Zeichner einzuladen, nicht aber zu überzeugen. Als sich der Zeichner schließlich für die Möglichkeit, ein Bewohner Perles zu werden, bei Gautsch bedanken will, lehnt dieser den Dank da. „Dank schulden Sie mir darum nicht, es ist ein Höherer, für den ich handle.“ (27) Diese Stelle weist eine auffällige Parallele zu Apk 19, 10 und 22, 9 auf. An beiden Stellen fällt Johannes einem Engel zu Füßen und will ihm für die göttliche Offenbarung danken. Beide Male wird dieser Dank jedoch zurückgewiesen mit der Begründung „Tu es nicht! Denn ich bin dein Mitknecht und der Mitknecht deiner Brüder.“ Dank gebührt in beiden Fällen also allein dem Herrn, der die absolute Macht über sein Reich hat und dessen Bewohner persönlich erwählt.

„Wenn du willst, so komme!“ (17) schließt Patera seine Einladung und hat „diese fünf Worte in festeren Zügen hingesetzt“ (18). Es scheint zunächst so, als habe der Zeichner die Freiheit zu entscheiden, doch die Bestimmtheit der Handschrift und der Imperativ nach dem Komma dominieren die Botschaft. Genau wie beim Heraufbeschwören der vier apokalyptischen Reiter (Apk 6, 1-8) und der Anrufung Gottes durch die wiedervereinte Gemeinde (Apk 22, 17) handelt es sich hier um ein biblisches „Komm!“, das keinen Widerspruch zulässt.118 So betont auch Gautsch: „[Ich] wußte, daß Sie kommen würden!“ (27)

Die Anziehungskraft Pateras scheint im Hinblick auf diese Formulierung außer Frage zu stehen. Seinem Zwitterwesen entsprechend gibt der Text jedoch auch Hinweise darauf, dass Patera ein Verführer ist. Abermals ist es die Kraft seiner Augen, die hierbei eine Rolle spielt. Der Zeichner betont: „In diesen Augen konnte man sich verfangen, es war etwas Katzenhaftes darin.“ (18) Dieser verführerische Anblick entfaltet sich im Zeichner zu einer wahren Verliebtheit, die er bereits auf der Reise ins Traumreich spürt. Er fühlt sich sogar „schon ganz als Traummensch und fabuliert[] darauf los“ (29), wie viel besser die Zukunft nun werden wird. Dabei ist keinesfalls außer Acht zu lassen, dass eigentlich erst ein gewaltiger Scheck über die Summe von 100.000 Mark den Zeichner vollends von der Übersiedelung in Pateras Reich überzeugte. So ist es auch wenig verwunderlich, dass der Zeichner zugibt sich neben dem Bild Pateras auch ein wenig in den Scheck verliebt zu haben. Die materiellen Sorgen scheinen nun ein Ende zu haben. Dass der Scheck im Traumreich jedoch so gut wie wertlos sein wird, ahnt der Protagonist an dieser Stelle noch nicht. Er kann daher als nichts weiter als ein verführerisches Lockmittel nach Art der Hure Babylons angesehen werden. Denn ebenso wie vom Reichtum der Hure kann man sich vom Vermögen Pateras „keine auch nur halbwegs richtige Vorstellung“ (22) machen. Auch die Dimensionen des Reichtums und der Allmacht Gottes bleiben nach christlichem Verständnis dem Menschen unergründlich. Somit zeigt sich auch hinsichtlich dieses Aspekts, dass Patera Dualitäten in sich vereint. Er ist Gott und Götze, Heilsbringer und Verführer.

Auch im Umgang mit seinem Volk, wenn davon überhaupt die Rede sein kann, zeigt sich Patera als bipolares Phänomen. Wie bereits erwähnt, lebt Patera zurückgezogen in einem „monströs[en]“ (59) und „unheimlichen“ (62) Palast, der wie ein schwerer Kubus über der Stadt thront. Es wurde darauf hingewiesen, dass hier entgegen der Vorstellung vom neuen Jerusalem die Herrschaft eines einzelnen Menschen über andere aufrechterhalten wird. Hinzu kommt, dass Patera, „der unsichtbare Rechner“ (67), für sein Volk unnahbar zu sein scheint. Der Zeichner unternimmt im Verlauf der Handlung mehrere Versuche seinem ehemaligen Schulfreund und jetzigem Herrn persönlich zu begegnen. Doch seine Bemühungen scheitern zunächst.

Trotz dieser Zurückgezogenheit bekommt der Herr abermals sehr edle, geradezu göttliche Charakterzüge zugesprochen. So heißt es im Text wörtlich, dass die erwähnten Diebe und Mörder „Gnade vor den Augen des Herrn“ (60) fanden und somit im Traumreich ein neues Leben beginnen konnten. Hier wird Patera formelhaft eine der zentralen Eigenschaften Jesu Christi zuerkannt, nämlich Barmherzigkeit, die nach christlichem Verständnis das Fundament allen Miteinanders sein soll. Folglich lautet der Schlussvers der Bibel: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Apk 22, 21)

Auch im Zuge der als sehr chaotisch erscheinenden Geldwirtschaft des Traumreiches, die dem Alltag Perles einen Anstrich von Unbeständigkeit verleiht, heißt es: „Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand.“ (66) Die Geldwirtschaft der Traumstadt wird im nächsten Kapitel noch zu betrachten sein. An dieser Stelle ist lediglich entscheidend, dass Pateras Allmacht als tröstende und starke Hand angesehen wird, die über turbulente Zeiten hinweghilft. Folglich sollte es auch nicht heißen Es, sondern: „[Er] war das große Schicksal, das über uns allen wachte.“ (66) Diese Allmacht, die auch eine Allwacht ist, hat gemäß Pateras Zwittrigkeit eine Schattenseite. So heißt es im Text weiter: „Jene schrankenlose Macht, voll furchtbarer Neugier, ein Auge, das in jede Ritze drang, war überall gegenwärtig; nichts entging ihm.“ (66)

Auf metaphysischer Ebene mag der Gedanke an einen Gott, der immer über jeden einzelnen wacht, tröstlich sein. Eine irdische Regierung, die hingegen einen Überwachungsstaat entstehen lässt, ist schlichtweg ein Horrorszenario. Schrankenlose Macht, furchtbare Neugier und ein Eindringen in jede Ritze des Privatlebens sind die Begriffe, mit denen der Zeichner die Allgegenwart Pateras im Alltag schildert. Sie lassen den Leser des 21. Jahrhunderts aufhorchen und an totalitäre Regime oder auch George Orwells Roman 1984 (1948/49) denken. Pateras Augen sind an dieser Stelle zu einem Auge zusammengefasst. Es symbolisiert den einen allumfassenden Blick. Es ist die Vorwegnahme von Orwells Kameraauge und gleichzeitig auch das allsehende Auge Gottes (Abb. 4).

Obwohl Patera als absoluter Herr im Traumreich unumstritten ist, verfügt Perle, über „öde[] Verwaltungsbauten“ (57) und verstaubte Archive, die eine Scheinbürokratie beherbergen. „Die Existenz des Beamtendstandes gehorcht keiner administrativen oder politischen, sondern einer ästhetischen Notwendigkeit: Sie ist ein Schauspiel[.]“119 Dieses Schauspiel versucht die Illusion aufrechtzuerhalten, dass die Bürger Perles nach demokratischer Manier Anliegen vorbringen können, um die sich von Regierungsseite gekümmert werden soll. Diese Anliegen werden jedoch geradezu methodisch im Keim erstickt, da sie stets „wegen nebensächlichster Formfehler zurückgesandt“ (71) werden.120 Auf die Illusion der aktiven Mitgestaltung Perles fallen jedoch nur Neuankömmlinge herein.121 Der routinierte Traummensch weiß indes: „Die wahre Regierung [liegt] woanders.“ (72)

Als der Zeichner es eines Tages doch schafft den Palast zu betreten und bei Patera direkt um Hilfe für seine kranke Frau zu bitten, gestaltet sich diese Begegnung überaus unheimlich und rätselhaft. So bewundert der Zeichner zunächst „die wunderbare, regelmäßige Schönheit“ (123) von Pateras Kopf und vergleicht ihn, wie schon bei der Betrachtung des Fotos, mit einem griechischen Gott. Wie ein lebender Mensch wirkt er dabei aber nicht. Dieser Eindruck wird von der Erscheinung seiner Augen bekräftigt. „Starr und unverwandt mußte ich diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen, das ähnelte zwei blanken, hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet.“ (123) In einem hypnotischen Akt versichert Patera dem Zeichner, dass er immer bei ihm war und der Frau helfen wird. „[W]ie eine Medusenmaske hing das Haupt über mir. Gebannt, war ich keiner Bewegung fähig, ich dachte nur: ‚Das ist der Herr, das ist der Herr!’“ (124) So übermächtig Patera in dieser Szene zunächst erscheinen mag, so zeigt sich doch, dass seine Macht über die Traummenschen auf eine Hypnose, eine Willensaneignung zurückzuführen ist. Die mysteriöse Begegnung zwischen Patera und dem Zeichner, liefert dem Leser wie auch dem Erzähler bedeutende Hinweise zum Verständnis des Textes bzw. der „Funktionsweise“ des Traumreiches.

Die Widersprüche hinsichtlich seines Äußeren und seiner Äußerungen lassen an der göttlichen Allmacht Pateras zweifeln. Vielmehr zeigt sich, dass die unbegreifliche Macht, die aus seinen Augen hervorgeht, der Hypnosetrick eines Verführers zu sein scheint. Die erneute maskenhafte Schilderung seines Gesichtes, das starr und ohne menschlichen Ausdruck ist, unterstützt diesen Eindruck und lässt an einen Götzen denken. Das ausweichende Antworten auf die Frage, ob er als Herr und Meister auch glücklich sei, lässt bezogen auf den Roman auf einen Menschen schließen, der unverhofft zu großer Macht gekommen ist, diese jedoch nicht eindeutig kontrollieren kann. Es ist also festzustellen, dass Patera eine überaus zwielichtige Gestalt ist. Mit seinem Traumreich hat er einerseits einen Rückzugsort aus der Moderne geschaffen, der von 65.000 Menschen dankend angenommen wurde. Andererseits offenbart sich dieser Rückzugsort bei genauerer Betrachtung als Überwachungsstaat. Die göttliche Kraft, die Patera zu besitzen scheint, lässt sich auf eine Massenhypnose zurückführen, die im folgenden Kapitel noch einmal kurz betrachtet werden wird. Die vermeintlich gute Tat Pateras, also die „Rettung“ überreizter Seelen aus ihrer gegenwärtigen Bedrängung durch die moderne Welt, bekommt damit den negativen Anstrich eines Verführers. Die Absichten seiner totalitären Kontrolle bleiben dabei jedoch ebenso verborgen wie die Quelle seiner hypnotischen Kraft.122

118 Jacques Derrida spricht in seiner Arbeit Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie [1983, deutsch 1985] genau diesem „Komm!“ eine immanent apokalyptische Qualität zu.
119 Torra-Mattenklott 1998, S. 170.
120 In der Forschungsliteratur wird bezogen auf den bürokratischen Apparat vielfach auf den Einfluss Kubins auf die Romane Der Proceß (1914/15) und besonders Das Schloß (1922) von Franz Kafka hingewiesen. Kubin und Kafka standen nachweislich in Kontakt miteinander und sind sich mindestens einmal persönlich begegnet. Interessant zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch, dass neben einer undurchsichtigen Bürokratie und einem verstaubten Archiv auch ein vermenschlichter Affe namens Giovanni in Die andere Seite auftritt, ähnlich dem Rotpeter in Kafkas Ein Bericht für eine Akademie (1917).
121 Dass eine aktive Mitgestaltung des Traumreiches auch auf materieller Ebene scheitert, zeigt sich in derUnbebaubarkeit der Tomassicfelder. „[Alle] Bauversuche erwiesen sich als trügerische Spekulationen. Nicht einmal unter Dach, wurden die Bauten Ruinen.“ (59).
122 Hinsichtlich der hypnotischen Kraft Pateras liefert der Text eine mögliche Deutung, die mit der Begegnung des Volks der Blauäugigen zusammenhängt. Diese Begegnung wird zu einer Art Initialerlebnis für die Gründung des Traumreiches. Der ursprüngliche Lebensraum des Volkes, der innerhalb der großen Mauer liegt, bleibt unberührt. Dem Volk der Blauäugigen wird im Text eine heilige Qualität impliziert. Die Beschreibung ihres Äußeren erinnert an buddhistische Mönche (vgl. 147). Zudem gehören sie zu den wenigen Überlebenden des Untergangs des Traumreiches, was auf den Status eines auserwählten Volkes schließen lässt.

Skizze zur Kunst Raymond Roussels und Marcel Duchamps

13. März 2013

Die Größe der Kunst der Klassischen Moderne (ca. 1890 – 1930) besteht zu einem nicht unerheblichen Teil darin, dass Künstler sich als Wissenschaftler des Metaphysischen, des Geistes, also als Geisteswissenschaftler fern aller akademischen Zwänge verstanden haben. Das heißt in etwa so viel, als dass Künstler sich laienhafte naturwissenschaftliche Kenntnisse aneigneten und diese auf ihre Kunst inhaltlich, vor allem aber methodisch anwendeten.[1] Denkt man allein an die Kunst Marcel Duchamps, der sein Werk als Gegenkunst, als versuchten Ausbruch aus der Kunst via (para-)wissenschaftlichem Experiment verstand, wird deutlich, welchen Einfluss der außerkünstlerische Kontext „Wissenschaft“ zu dieser Zeit hat.

Wenn die Kunst des 21. Jahrhunderts behauptet dem Kontext „Wissenschaft“ offen gegenüber zu stehen, muss diese Behauptung stark bezweifelt werden. Zwar lag ein Schwerpunkt der letztjährigen dOCUMENTA 13 genau auf diesem Aspekt der ästhetischen Nutzbarkeit von Wissenschaft, doch zeigte gerade diese Schau (allein schon via TV und Internet), dass die Kunst der Gegenwart Wissenschaft nur noch abbilden, nicht aber anwenden kann. In ihrer Ästhetik dreht sich die Kunst der Gegenwart in aller Beliebigkeit um sich selbst; bildet Wiedergekäutes ab, rekombiniert Ikonisches ohne eigenen Mehrwert und verteidigt sich peinlich mit dem Dogma der ironischen Brechung. Nachzuempfinden auch auf den regelmäßigen Rundgängen der Leipziger Baumwollspinnerei und der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Die ironische Brechung kannten auch Raymond Roussel und Marcel Duchamp schon, schufen daraus aber Kunstwerke, deren revolutionäre Kraft von den Zeitgenossen erkannt werden musste und erkannt wurde. Revolutionäre Kraft in der Gegenwartskunst besteht hingegen zumeist nur noch in Form des Kasperltheaters eines Jonathan Meese. Zwar gibt dieses Produkt des Kunstmarktes der Kunst zurück, was sie verdient, nämlich verarscht zu werden. Leider hat es den Anschein, und der wird von Aktion zu Aktion zur Gewissheit, dass Meese seine Verballhornung der Kunstwelt mittlerweile selbst glaubt. Somit wäre Meese nicht nur ein Opfer seiner eigenen Kunstdiktatur, sondern zugleich der Beweis dafür, dass eine ins Maßlose getriebene Ironisierung zu Beliebigkeit, Lüge, letztlich zu einem Kollaps führt.

Diese Art Kollaps kannte die Klassische Moderne, trotz eines Weltkrieges, nicht. Aus Zertrümmerung schöpfte sie. Die zertrümmerte Sprache wurde neue Literatur (Roussel)[2]. Die zertrümmerte Kunst, wurde Gegenkunst (Duchamp)[3].


[1] Dieser Umstand ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass vor allem im Bereich der Psychologie und Psychoanalyse durch u.a. Sigmund Freud, sowie auf dem Gebiet der klassischen Physik, hin zur Quantenphysik bahnbrechende Neuerungen und Erkenntnisse zu Tage gefördert wurden, welche die Lebenswirklichkeit der Menschen in ihren Grundfesten erschütterte. Man denke allein an die Relativität von Zeit und Raum!

[2] Roussel ist dabei in höchstem Maße anzurechnen, dass er nicht in den Hofmannsthalschen Jammer über die Arbitrarität des Moderpilzes „Wort“ einstimmte, die Beliebigkeit der Zeichen nicht als Krise, sondern als Chance verstand; nämlich die Chance gleichlautende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen (Homonyme) zu kombinieren und zur syntaktischen Fortschreibung seiner Werke zu nutzen. So schuf er aus dem Zufall einen mechanischen, ja mathematischen (da dem Prinzip der Synonyme nicht unähnlichen [s. Michel Foucault – Raymond Roussel, Ffm., 1989, S. 47f.]) Vorgang, der mit der Fließbandproduktion in den Ford-Werken in Detroit (Michigan) um 1910 vergleichbar ist.

[3] Von Duchamps Junggesellenmaschine, dem „Großen Glas“ ganz zu schwiegen und von Franz Kafkas Folterapparat aus der „Strafkolonie“ gar nicht erst anzufangen, der ebenfalls als Junggesellenmaschine, wenn auch mit autoerotischer und/oder religiöser Befriedigungsfunktion eines extremen Masochismus, verstanden werden kann. Eine Idee, die mindestens noch einmal wiederaufgegriffen wurde, nämlich in dem preisgekrönten Musikvideo „Happieness in slavery“ (Regie: Jon Reiss – NSFW, FSK 18!) der Band Nine Inch Nails. Es stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, inwieweit Jonathan Messe in seiner öffentlich inszenierten Beziehung zu seiner Mutter, als Junggesellenmaschine verstanden werden kann.

Literaturempfehlungen:

Michel Foucault – Raymond Roussel (über den stationären Buchhandel noch erhältlich!)

Raymod Roussel – Locus Solus

Octavio Paz – Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp

Janis Mink – Duchamp. Kunst als Gegenkunst (sehr gute Einführung!)

Herbert Molderings – Duchamp: Parawissenschaft, das Ephemere und der Skeptizismus (das beste, mir bekannte Buch zum tieferen Werkverständnis Duchamps – auch für Laien)

Herbert Molderings – Kunst als Experiment


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