Posts Tagged ‘Fragment’

Skizze für ein Revolutionsstück

29. April 2015

Letzter Akt. (Zuvor wurden Szenen gezeigt, in denen Banker reden, Banken in die Krise geraten und von Staaten gerettet werden. Parallel dazu formiert sich in der Bevölkerung Widerstand. Alles recht brechtisch angelegt, aber an unsere Gegenwart angepasst. Also sukzessive ins Absurde gleitend – Beckett, Ionecso, Jarry. Es geht um Rettungsfonds, Occupy, Anonymus, Edward Snowden, Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, den NSU etc. Ein mash-up des nicht mehr zu überblickenden Zeitgeistes. Dann…)

Morgens. Revolutionsführer Tyrell sammelt sich mit seinen Mitstreitern vor deren ehemaliger Highschool. In der Nacht kam es bereits zu Krawallen und Scharmützeln mit der Polizei. Auf den zwischenzeitlichen Rückzug soll der finale Schlag folgen, der den endgültigen Aufstand der Bevölkerung gegen die herrschenden Klassen einleitet.

Ein Nummergirl oder -boy geht mit einem Schild (oder Tablet) über die Bühne auf dem steht „… doch was dann passiert ist einfach unglaublich! …“

Tyrell: Es endet heute! Schon morgen wird die Macht in den Händen der einfachen Menschen liegen! Wir wurden lange genug unterdrückt von kapitalistischen, rassistischen Strukturen, die…

Mick: Hey, Tyrell!

Tyrell: …uns behandeln, als wäre wir nichts weiter als Dreck und…

Mick: Tyrell! Ist das nicht… deine Mom?

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Das Fragment ist…

6. Februar 2015

… eine großartige Form, weil hier der ganze Spaß beim Autor, die ganze Arbeit hingegen beim Leser liegt. Damit steht das Fragment im absoluten Gegensatz zum Roman. Aber wer verlegt schon ungeschriebene Bücher oder mögliche Geschichten?

Zweiter Tag der Verhandlung

2. Februar 2015

Neben mir auf der Anklagebank saßen zu meiner Rechten Michel Houellebecq, zu meiner Linken ein kleiner Junge, der sich schon vor dem Prozess solidarisch mit mir zeigte. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er der beste Freund des Ermordeten war.

Die Vollzugsbeamten händigten mir meine Aufzeichnungen vom ersten Verhandlungstag aus. Ich hatte nur noch vage Vorstellungen davon, was all das Gekrakel aus teilweise selbst erfundenen Abkürzungen zu bedeuten hatte.

Die Verhandlung musste schon begonnen haben, denn auf der anderen Seite des Saals steckten die Richterin und die Staatsanwälte die Köpfe zusammen und diskutierten, wenn auch nur halblaut, so doch einigermaßen aufgebracht.

Ich sah hinüber zu Houellebecq, der in einer deutschen Ausgabe von Jugend ohne Gott blätterte, die mit lauter pinken post-its versehen war. Dabei fiel ein ebenfalls pinker Zettel aus dem Buch heraus, der eindeutig meine Handschrift trug. Houellebecq sah mich an und lächelte so freundlich, dass ich das Gefühl bekam niemals in meinem Leben einen anderen Freund gehabt zu haben. Er beugte sich etwas zu mir herüber und flüsterte: „Heute Abend wird es reichlich Champagner geben. Ich kenne ein Café in dem man uns wie Könige behandeln wird.“

„Seit gestern besitze ich ihr neues Buch“, antwortete ich. „Meine Mutter hat es mir gebracht. Ich bin sehr gespannt. Man liest ja viel Gutes…“

„Vielen Dank“, sagte Houellebecq. Eine Rezension habe ich selbst geschrieben. Man weiß ja nie.“

Er zuckte mit den Schultern und wir mussten beide kichern, sodass wir von der Richterin ermahnt wurden, die sich unbemerkt unserem Tisch genähert hatte. „Meine Herren, ich bitte Sie…“, war alles was sie zu sagen hatte. Es klang wenig anklagend, fast schon mitleidig.

Ich sah mich im Saal um und blickte in verständnislose Gesichter. Ich schluckte und fürchtete es versaut zu haben. Mir wurde warm und vielleicht stiegen mir sogar Tränen in die Augen, aber zu sagen hatte ich wirklich nur die Wahrheit.

„Es tut mir leid, euer Ehren, aber ich kann einfach nicht mehr. Die ewigen Aufschübe, die lange Pause zwischen den Verhandlungen, die Verhöre… Es fällt mir wirklich schwer mich zu erinnern… und… Ich meine… ich sitze unschuldig im Knast!“

Der Junge neben mir klatschte jetzt leise vor sich hin, worauf die Richterin zu ihm ging, ihm die Hand auf den Rücken legte und sagte: „Du gehst besser heim.“

Der Kleine stand auf und folgte ihren Worten ohne jeden Protest, jedoch nicht, ohne mich vorher zu umarmen. Er wünschte mir Glück und tapste dann eilig zur Saaltür. Ich sah auf das blank gebohnerte Parkett und rief ihm nach, er solle langsam gehen. Daraufhin ging ein leises Raunen durch den Saal und Houellebecq legte mir den Arm um die Schultern.

Fragment ohne Titel

25. Januar 2015

Ich legte an und beobachtete die beiden durch das Zielfernrohr. Einer der beiden stand schon minutenlang an der Fahrerseite des Wagens. Mit der Rechten schirmte er sein Gesicht ab und versuchte etwas im Fahrzeuginneren zu erkennen. Ich schätzte die beiden auf siebzehn, höchstens achtzehn Jahre. Vielleicht hatten sie gerade erst gelernt wie man sich den Wagen eines anderen ansah und machten deswegen diese unütze Geste, die heute vor keiner Sonne schützte. Der Tag war trüb.

Der eine sah immer wieder in den Innenraum und versuchte sich unauffällig umzusehen. Während der andere mich an ein Kind vom Schulhof erinnerte, das zum Schmierestehen abkommandiert wurde, um wenigstens das Gefühl zu bekommen beteiligt zu sein. Wie zutreffend meine Vermutung war konnte ich damals noch nicht wissen. Diese Trottel ahnten nicht einmal, dass ich sie im Visir hatte. Und so kamen mir langsam Zweifel, ob diese beiden hier wirklich von Rosco geschickt wurden.

Vom Haus gegenüber brachen Eiszapfen ab. Sie zersprangen auf dem Pflaster und der Typ neben dem Wagen schiss sich fast ein. Junge, wäre ich so schreckhaft wie du, wärst du jetzt vielleicht tot.

Ich setzte das Gewehr ab und zog meinen Oberkörper ein Stück zurück. Der andere war relativ ruhig geblieben. Nur sein Kopf drehte sich jetzt schneller als zuvor. Seht zu, dass ihr fortkommt. Das hier ist eine Nummer zu groß für euch.

Ich wollte erneut anlegen, doch auf dem Fernrohr hingen ein paar Tropfen. Es hatte zu schneien begonnen und als ob das ein vereinbartes Signal war, verschwanden die beiden jetzt Richtung Westwerk. Ich stellte das Gewehr ab und sah noch einmal die Straße hinunter bevor ich das Fenster schloss.


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