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Tiere erfinden

14. Juni 2015

Das Tier verunsichert die Tiere. Im Giebel schreien Falken, die auch niemand versteht – gackern die Hühner gack. Ackern die Acker um Knochen zu finden von Tieren. Fußnote 1: Notiz an mich: Die Verwendung von Hühnern als Trüffelhühner prüfen, um reich zu werden. Wer reich an Trüffelhühnern ist, ist trüffelhuhnreich und somit Herrscher über ein Trüffelhuhnreich. Aber das gehört nicht hier her, nicht in diese Landschaft.1 Ende Fußnote 1 (mit Sternchen).

Ranis, 13.6.2016: In der Nacht zum Sonntag kamis in Ranis zu Übergriff von Tier auf Mensch wo, an der Stelle von als, Tier über den Zaun griff und gratzte Mensch tot.

„Wir schalten live zu Mella Martini, die, nebenbei bemerkt, am Sender dreht, seit das Tier zum ersten Mal gesichtet wurde. Oder anders rum. Sie kennen das Huhn. Oder Ei? Tier oder Mella? Fußnote 2: Notiz an mich: keine Witze über Form von Frau Martini. *kicher* Ende Fußnote 2. Mella was nu? Wir sind zu – hast du geschaltet?“

„Nee Leute, da stell ich mich quer, so geht das nicht, wenn wir aufeinander hacken wie die Tiere kratzen, grade in so nem kleen‘ Sender. Nee, mach ich nicht… da… nee, vergesst das mal… is‘ nich. Oder doch! Wo ich schonmal drauf bin…“

„Danke Mella Martini, die eigentlich gar nicht eingestellt werden sollte wegen Alliteration ihres Namens. Mal ehrlich. Aus welchem Haus kommt jemand raus, in dem drinnen welche hocken, die ihre Kinder nach Cocktails nennen. Meiner Meinung nach meine ich…“

CUT

Das Tier hat keinen Namen.

Das Tier hat einen Namen.

Tier, Biest, Viech, Kreatur, Geschöpf, Gekröpf, gekraustes Fell, gegrautes Gesicht, Augen grau.

Das Tier hat tausend Namen.

Phantomwipfel, Wipfelteufel, Teufelsbeutler und so woider

machen wir hier nen

CUT oder

Nein, man muss die Sache auch ernst nehmen. Die Menschen sind nunmal verunsichert wegen der Übervölkerung des Übervolkes durch fremde Arten. Auch wenn man’s nicht verstehen kann, muss man es versuchen zu verstehen; die Dummen verstehn’s ja auch und denen sagen wir „die versuchen’s ja nicht mal.“ – Ein Tier ist keine Metapher. Ein Tier kann man verstehen. Es kann nicht. Anders. Verhält es sich beim Menschen? Fußnote 3: Notiz an mich: Idee für einen Essay: Verhalten sich Menschen zu Tieren oder umgekehrt?

z.B. wenn eine Katze (kleine) sich an Beine schmiegt

od.

wenn ein Mensch an einer Weide „muh!“ ruft oder „mäh?“

(Gedanken an durchtackerte Kuhohren und was Schweinsohren mit Schokolade zu tun haben. Was machen die eigentlich den ganzen Tag?)

Fußnote 4: Notiz an mich: Letzteres bei Gelegenheit streichen. albern&absurd.2 Ende Fußnote 4.

CUT

Da ihr die Mella nicht kennt, hab ich mich dazu entschlossen sie hier außen vor zu lassen. Nur so viel vllt.; das hat sich angedeutet, sie kann echt zu Tier werden. Könnte es, wenn ich es zuließe. Mach ich aber nicht, weil…

… du versuchst die Kontrolle über den Text zu behalten. Süß.

CUT

Schreiben müsste man

ein Bestiarium phantastischer Tiere

& Pflanzen natürlich/

äh! und unnatürlichäh

natürlich

aber keine nicht existierenden Tiere

die schon existieren:

Einhörner, Wolpertinger, Rasselböcke, alte Hüte

Zusamm’rottung aus Fell und Filz

Fußnote 5: nein, nichts mit Beuys jetzt, sondern ein Köttel moderner Biologie-Klugschiss: im Urbanen bilden Füchse Gemeinschaften, werden Einzelgänger zu Rudeltieren, was Prof. Dr. Jan Delay (Uni Hamburg) bestätigt. Ende Fußnote 5.

ein phöllig phantastisches Bestiarium

also: Beutelsegler, Segellaus, Lausmaki

CUT

focus on horror

hinschauen wenn’s wehtut

Wunden erkennen

nicht versorgen

wachsen lassen (nur zu!)

Eiter verschweigen

keine Chance für falsche Ästhetik

horror ≠ splatter

od. horror = splatter ≙ albern&absurd

(wertfrei)

1letzten Trüffelfund in der Gemarkung Ranis recherchieren. Ende der Fußnote zur Fußnote 1.

2guter Name für ein Label unbestimmter Ausrichtung. Ende der Fußnote zur Fußnote 4.

Skizze zur Kunst Raymond Roussels und Marcel Duchamps

13. März 2013

Die Größe der Kunst der Klassischen Moderne (ca. 1890 – 1930) besteht zu einem nicht unerheblichen Teil darin, dass Künstler sich als Wissenschaftler des Metaphysischen, des Geistes, also als Geisteswissenschaftler fern aller akademischen Zwänge verstanden haben. Das heißt in etwa so viel, als dass Künstler sich laienhafte naturwissenschaftliche Kenntnisse aneigneten und diese auf ihre Kunst inhaltlich, vor allem aber methodisch anwendeten.[1] Denkt man allein an die Kunst Marcel Duchamps, der sein Werk als Gegenkunst, als versuchten Ausbruch aus der Kunst via (para-)wissenschaftlichem Experiment verstand, wird deutlich, welchen Einfluss der außerkünstlerische Kontext „Wissenschaft“ zu dieser Zeit hat.

Wenn die Kunst des 21. Jahrhunderts behauptet dem Kontext „Wissenschaft“ offen gegenüber zu stehen, muss diese Behauptung stark bezweifelt werden. Zwar lag ein Schwerpunkt der letztjährigen dOCUMENTA 13 genau auf diesem Aspekt der ästhetischen Nutzbarkeit von Wissenschaft, doch zeigte gerade diese Schau (allein schon via TV und Internet), dass die Kunst der Gegenwart Wissenschaft nur noch abbilden, nicht aber anwenden kann. In ihrer Ästhetik dreht sich die Kunst der Gegenwart in aller Beliebigkeit um sich selbst; bildet Wiedergekäutes ab, rekombiniert Ikonisches ohne eigenen Mehrwert und verteidigt sich peinlich mit dem Dogma der ironischen Brechung. Nachzuempfinden auch auf den regelmäßigen Rundgängen der Leipziger Baumwollspinnerei und der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Die ironische Brechung kannten auch Raymond Roussel und Marcel Duchamp schon, schufen daraus aber Kunstwerke, deren revolutionäre Kraft von den Zeitgenossen erkannt werden musste und erkannt wurde. Revolutionäre Kraft in der Gegenwartskunst besteht hingegen zumeist nur noch in Form des Kasperltheaters eines Jonathan Meese. Zwar gibt dieses Produkt des Kunstmarktes der Kunst zurück, was sie verdient, nämlich verarscht zu werden. Leider hat es den Anschein, und der wird von Aktion zu Aktion zur Gewissheit, dass Meese seine Verballhornung der Kunstwelt mittlerweile selbst glaubt. Somit wäre Meese nicht nur ein Opfer seiner eigenen Kunstdiktatur, sondern zugleich der Beweis dafür, dass eine ins Maßlose getriebene Ironisierung zu Beliebigkeit, Lüge, letztlich zu einem Kollaps führt.

Diese Art Kollaps kannte die Klassische Moderne, trotz eines Weltkrieges, nicht. Aus Zertrümmerung schöpfte sie. Die zertrümmerte Sprache wurde neue Literatur (Roussel)[2]. Die zertrümmerte Kunst, wurde Gegenkunst (Duchamp)[3].


[1] Dieser Umstand ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass vor allem im Bereich der Psychologie und Psychoanalyse durch u.a. Sigmund Freud, sowie auf dem Gebiet der klassischen Physik, hin zur Quantenphysik bahnbrechende Neuerungen und Erkenntnisse zu Tage gefördert wurden, welche die Lebenswirklichkeit der Menschen in ihren Grundfesten erschütterte. Man denke allein an die Relativität von Zeit und Raum!

[2] Roussel ist dabei in höchstem Maße anzurechnen, dass er nicht in den Hofmannsthalschen Jammer über die Arbitrarität des Moderpilzes „Wort“ einstimmte, die Beliebigkeit der Zeichen nicht als Krise, sondern als Chance verstand; nämlich die Chance gleichlautende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen (Homonyme) zu kombinieren und zur syntaktischen Fortschreibung seiner Werke zu nutzen. So schuf er aus dem Zufall einen mechanischen, ja mathematischen (da dem Prinzip der Synonyme nicht unähnlichen [s. Michel Foucault – Raymond Roussel, Ffm., 1989, S. 47f.]) Vorgang, der mit der Fließbandproduktion in den Ford-Werken in Detroit (Michigan) um 1910 vergleichbar ist.

[3] Von Duchamps Junggesellenmaschine, dem „Großen Glas“ ganz zu schwiegen und von Franz Kafkas Folterapparat aus der „Strafkolonie“ gar nicht erst anzufangen, der ebenfalls als Junggesellenmaschine, wenn auch mit autoerotischer und/oder religiöser Befriedigungsfunktion eines extremen Masochismus, verstanden werden kann. Eine Idee, die mindestens noch einmal wiederaufgegriffen wurde, nämlich in dem preisgekrönten Musikvideo „Happieness in slavery“ (Regie: Jon Reiss – NSFW, FSK 18!) der Band Nine Inch Nails. Es stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, inwieweit Jonathan Messe in seiner öffentlich inszenierten Beziehung zu seiner Mutter, als Junggesellenmaschine verstanden werden kann.

Literaturempfehlungen:

Michel Foucault – Raymond Roussel (über den stationären Buchhandel noch erhältlich!)

Raymod Roussel – Locus Solus

Octavio Paz – Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp

Janis Mink – Duchamp. Kunst als Gegenkunst (sehr gute Einführung!)

Herbert Molderings – Duchamp: Parawissenschaft, das Ephemere und der Skeptizismus (das beste, mir bekannte Buch zum tieferen Werkverständnis Duchamps – auch für Laien)

Herbert Molderings – Kunst als Experiment


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