Posts Tagged ‘Erzählen’

75

6. Dezember 2017

Peter Handke wird heute 75. Ich wünsche ihm von Herzen noch viele Jahre. Meine Besprechung seines „Letzten Epos“ Die Obstdiebin kann man jetzt auf fixpoetry.com lesen.

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Auf Seite 166 dieser „einfachen Fahrt ins Landesinnere“ sagt der Ich-Erzähler, der seinem Autor Peter Handke zum Verwechseln ähnlich ist, ähnlich sein muss: „Es ist jetzt die Zeit, zu erzählen, was es mit der »Obstdiebin« auf sich hat; Zeit, zu erzählen, wie aus ihr »Die Obstdiebin« geworden ist.“ Erst nach über einem Viertel also, wenn man den Text quantifizieren möchte, setzt die „eigentliche“ Erzählung von der Obstdiebin und ihrer Wanderung in die und in der Picardie ein. Von einer Handlung, gar einem Plot will ich nicht sprechen, auch wenn man etwas in dieser Richtung nacherzählen könnte. Aber wozu? 166 Seiten, genau genommen 158 Seiten, des Anschubs, des Hinführens zur Erzählung braucht es also, dass der Leser ausreichend vorbereitet, ausgestattet, gewappnet scheint, um der Obstdiebin durchs ländliche Frankreich zu folgen. Und die Seiten davor? Sie sind der Auszug des besagten Ich-Erzählers selbst, aus dem Pariser Vorort Chaville nach Lavilleterte im Vexin. Eine kleine Reise, die noch einmal – ein letztes Mal? – Große Erzählung im Wortsinne „auf den Weg“ bringt, einer Figur nachspürt, die ganz klar vor einem steht und sich dennoch nicht fassen lässt. Die, sich selbst überlassen, vielmehr von sich preisgibt, als wenn ein Ich-Erzähler ihr nachstellt. Weswegen er sich zurückziehen muss, um der Erzählung von der Obstdiebin ihren Lauf zu lassen.

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Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Jörg Albrecht – Teil 1/2

18. Juli 2014

Mit ziemlich cooler, lässiger Attitüde umkreist Jörg Albrecht in seinem Text Auch das allerkleinste Unglück in dir klammert sich an das Imperium (Neue Rundschau 1/2014) den Begriff einer zukünftigen Literatur. Dabei bezeichnet er sich selbstironisch als „Windmaschine“, die im Grunde keine Ahnung von Literatur hat und macht auch sonst einen ziemlich hippen Was-wollt-ihr-eigentlich-von-mir?-Eindruck. Dann labert er in vier Gedankenprojekten (A bis D) fröhlich und scheinbar (aber nur scheinbar) planlos drauf los; schreibt erst vom RÄUME SCHAFFEN (PROJECT A) und vom GESCHLECHTER HERSTELLEN (PROJECT B), die ich hier beide ignoriere, weil sie mir persönlich nicht sonderlich viele Ideen mit auf den Weg geben.

(Dieser Einstieg muss ziemlich abwertend klingen, ist aber nicht so gemeint. Allein Albrechts… „Ansprechhaltung“ macht mich doch etwas skeptisch.)

Interessant wird es für mich mit PROJECT C: GESCHICHTEN AUSTRICKSEN. Eine vielversprechende Teilüberschrift, die mich hoffen lässt, dass hier einer mit gängigen Erzählkonventionen brechen will. Und tatsächlich ist damit die Absage an eine Vorstellung der einheinlichen, ganzheitlichen straight story gemeint. Albrechts Forderung:

„Die Fiktionen verfolgen statt ihnen zu folgen? Es gibt mehr als genug Gründe, Geschichten nicht eindeutig, 1:1 zu erzählen. Und das ist nur mein wichtigster: daß die Geschichten viel zu oft als Tatsachen inszeniert werden, und am Ende haben alle vergessen, daß es Geschichten sind, und alle glauben, daß das reale Leben so ist: unerreichbar. […] Nein, es geht nicht darum NICHT zu erzählen. Aber möglichst mit einer Ahnung davon, wie komplex alles ist und vor allem, was für ein Vorgang das ist, wenn wir etwas Komplexes in etwas Einfaches verwandeln, in etwas Einfaches UND Ganzes.“ (Ich unterschlage hier eine überflüssige Fußnote, komme auf das Thema aber gleich zurück.)

So in etwas stellt sich das Problem dar, dass ich als Leser mit der so genannten „realistischen“ Literatur habe, die niemals realistisch sein kann, weil sie uns das Leben viel zu oft als überschaubar präsentiert. Die Wirklichkeit ist aber kein Ganzes, das sich als solches verstehen lässt. Sie hat keine Betriebsanleitung. Sie franst nach allen Seiten hin aus, schafft (zufällige) Querverbindungen zu zahlreichen Menschen, Orten, Ereignissen. Zu glauben, man könne sie einfach so nacherzählen z.B. anhand des mehr als wackeligen Konstrukts „Roman“ erscheint mir geradezu absurd.

Um diese Art des komplexen Erzählens realisieren zu können, mahnt Albrecht zur Distanz! Was nah ist scheint auch leicht erreichbar zu sein. Nur mit einem gewissen Abstand, den der spätere Leser ja schließlich auch hat, zwangsläufig, lässt sich die Komplexität erahnen, die der Erzähler/Autor oft vergisst/vergessen will.

Und dann der Bruch, der das Projekt zu einem abrupten Ende führt und mich wütend macht, weil hier etwas passiert, was ich in der jungen Literatur leider viel zu oft erlebe. „Ich kann einfach nicht mehr an diese Unerreichbaren glauben, seit diesem einen Tag, an dem ein Freund von mir sich das Leben nahm.“ Krise der Wirklichkeit, die Komplexität des Lebens knallt voll rein und der Autor lässt uns teilhaben. In einem Satz. Und dann kommt der nächste. „Bitte nicht wieder pathetisch werden, ja?!“ Und ich kann nicht anders als an den Rand zu notieren: JA WARUM ZUR HÖLLE DENN NICHT? Aber egal, da kommt schon der nächste Satz: „Mach ich ja gar nicht.“ Und… *Trommelwirbel*… eine Fußnote!

Fußnote 28: „Aber wie kann ich das erzählen? Den rein technischen Vorgang, welchen Handgriff er wann und wie machte, in seinem Zimmer, bei der Vorbereitung, und dann später, wie er, als er in den Wald ging und den Baum fand, den Strick befestigte, hochkletterte, noch einmal einatmete und“

Die Angst des ironiegeschädigten Hipsters vor dem Pathos lässt den Selbstmord eines Freundes zu einer Fußnote verkommen. Das ist ein Skandal! Dabei sollte gerade das Pathos, das die Trauer über den Tod miteinschließt, doch die letzte Bastion des ehrlichen Gefühls in der Kunst sein. Wäre ich nicht selbst ein U30er, würde ich glatt schreiben: „Ich verstehe diese jungen Menschen nicht.“ Aber dann habe ich Angst mich lächerlich zu machen, weil ich mal wieder die Ironie oder den Zeitgeist nicht verstanden habe. Dennoch glaube ich, dass man nicht die Geschichte, sondern sich selbst austrickst, wenn man sich etwas verbietet, das über einen kommt. Vielleicht ist es auch gut sich selbst auszutricksen? Ich weiß nicht… Sackgasse.

Good ol‘ Aristoteles, the Godfather of Drama, sagt: keine Dichtung ohne Imagination. Ich bin mir da auch nicht sicher…


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