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Über die Romane von Leonard Cohen

16. Februar 2016

Dass Leonard Cohen nicht nur Musiker ist, sondern auch Schriftsteller wissen eigentlich alle, die sich schon mal ein bisschen mit dem Kanadier beschäftigt haben. Dass die Musik strenggenommen „nur“ Cohens Zweitkarriere ist, wissen schon weniger. Bevor er 1967 sein legendäres Debutalbum Songs of Leonard Cohen veröffentlichte, hatte er bereits sechs Bücher veröffentlicht, darunter die beiden Romane The Favorite Game (1963) und Beautiful Losers (1966), und galt vielen als der Kronprinz der kanadischen Literatur.

2009 und 2013 wurden Cohens Romane von Gregor Hens neu übersetzt und wiederveröffentlicht. Ich befürchte jedoch, dass die Romane heute vor allem als Fanartikel des Musikers angesehen und daher wohl vor allem von Cohen-Anhängern gelesen werden. Wenn überhaupt. Das wäre vor allem deshalb schade, weil besagte Bücher nicht in das heute eher kritisch beäugte Genre des „Musikerromans“ gehören. Daher zwei kurze Leseeindrücke…

WP_20160216_10_29_16_ProDas Lieblingsspiel. Die autobiographisch geprägte Story, um das Aufwachsen von Lawrence Breavman erinnert stark an eine Mischung aus Jack Kerouac und dem frühen Philip Roth. Cohen bringt zwar seinen eigenen sehnsuchtsvollen Sound mit in die Geschichte, der vor allem auf seinen ersten Studioalben dominierte, bleibt in seinem realistischen Erzählstil jedoch ganz der nordamerikanischen Literaturtradition verpflichtet. Von daher erinnert Das Lieblingsspiel doch mehr an Roth, vielleicht auch Updike, als an Kerouac. Bemerkenswert ist jedoch wieviel vom Musiker Cohen bereits in diesem Roman steckt. Und hier lässt sich das Buch doch wirklich nur schwer von seinem singenden Autor trennen. Demenstprechend folgt man dem Protagonisten als Fan ganz gern und lässt sich in aller Ausführlichkeit über die Hürden bei der Suche nach Liebe, Anerkennung und Identität erzählen.

Betrachtet man Cohen jedoch etwas objektiver und liest Das Lieblingsspiel nicht mit der Fan-Brille, wird man ihm streckenweise doch einen gewissen Hang zum redundanten Lamento, wenn nicht gar Selbstmitleid attestieren müssen. – Alles in allem aber ein lesenswerter Roman, für Liebhaber nordamerikanischer Literatur nach 1945.

Ein ganz anderes Kaliber ist jedoch Cohens zweiter Roman Beautiful Losers, auf den es mir hier besonders ankommt. Darin geht es um einen namenlosen Protagonisten, der nach einer grandios wie turbulent gescheiterten, bi-sexuellen Dreiecksbeziehung, sein Seelenheil in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von Catherine (Kateri) Tekakwitha sucht. (Die konvertierte Indianerin aus dem 17. Jhd. gab es wirklich. 2013 wurde sie von Benedikt XVI. heilig gesprochen.)

Als das Buch 1966 nach langem Zögern seitens des Verlages erschien, wurde es von der Kritik fast einstimming verrissen. „Total unverständlich“ und „unlesbar“ waren dabei noch die harmlosesten Schlagworte, der schlichtweg überforderten Rezensenten. Rückblickend wundert das nicht, denn Cohen wendet sich hier radikal vom klassisch-realistischen Erzählen und seinem poetischen gentleman-Sound ab. In Collagen, Cut-ups, unangekündigten Perspektiv- und Erzählstimmenwechsel etc. schreibt er einen Text, der ganz und gar auf der künstlerischen Höhe seiner Zeit ist und das komplette Repertoire der klassisch-modernen Avantgarde, besonders aber der Beat-Literatur rezipiert.

Der bis dahin hofierte Jungdichter Leonard Cohen hatte sich mit Pauken und Trompeten vom Mainstream verabschiedet und fiel ausgerechnet mit dem Roman in Ungnade, der wohl die Postmoderne in der kanadischen Literatur einläutete. (Worauf man heute natürlich mächtig stolz ist.) Das verstand man damals noch nicht, weil der höfliche junge Mann auf einmal kantig, respektlos und vulgär die Möglichkeiten des Erzählens auslotete. Und noch bis heute treue und nostalgische Fans damit vor den Kopf stößt, die beim Lesen des Wortes „Fotze“ aus den Hausschuhen kippen.

Nein, das ist nicht der Leonard Cohen, den man zu kennen glaubt. Das ist ein wagemutiger Autor, der seinen erworbenen Lorbeer verbrennt und die radikale Freiheit der Literatur sucht.WP_20160216_10_29_26_Pro

Das vom Verlag so genannte „Kultbuch“ war bei Erscheinen auch wenig erfolgreich und verbreitete sich ganz und gar nicht in „Windeseile“, wie der Klappentext sagt. Nur eine handvoll Künstler wusste es zunächst wirklich zu schätzen. Zu den ersten und prominentesten Fans von Beautiful Losers zählte u.a. Lou Reed. Heute steckt das Buch vielleicht in dem Dilemma, dass es nicht für Cohen-Fans, sondern Liebhaber experimenteller Literatur geschrieben wurde; von ersteren jedoch abgelehnt, von letzteren nicht wahrgenommen wird.


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