Posts Tagged ‘Clemens J. Setz’

Der Bot des Autors

28. Februar 2018

Ein Schaf strickt eine Socke aus der eigenen Wolle. Oder zumindest aus einem Wollfaden, in den es eingewickelt ist. Die kleine Illustration auf dem Buchcover könnte auch eine der unzähligen Figuren sein, die Clemens Setz in Wolken, bröckelndem Putz oder Pfützen entdeckt. Und sie dient natürlich als Metapher für sein neues Buch Bot, das angeblich ein Gespräch ohne Autor darstellt. Dabei ist nicht nur der Autor, sondern bisweilen auch der Mensch Clemens Setz in diesem Buch sehr präsent.

Image

Dabei wollte Setz sich doch eigentlich dem Gespräch entziehen, als er bemerkte, dass er die von der Lektorin Angelika Klammer gestellten Fragen nicht oder nur recht uninspiriert beantworten konnte. Die Lösung für das Problem fand sich in „einer elendslangen Worddatei“, dem Journal des Autors, das dieser als „ausgelagerte Seele“ bezeichnet. Statt dem Autor stellte Klammer ihre Fragen der Datei. Mit künstlicher Intelligenz oder gar Robotik hat das nichts zu tun. Es ist ein simples Suchen nach Schlagworten und Zitieren.

Weiterlesen auf fixpoetry.com

Werbeanzeigen

Collage

1. Juni 2015

Zum ersten Mal kam ich mit der Collage als Kunstform, Schreibtechnik oder poetische Form in der Schule in Berührung. Damals zerschnitten wir Jakob van Hoddis‘ Weltende Vers für Vers und bauten es, jeder für sich, in einer neuen Reihenfolge wieder zusammen. Das fand ich großartig und hab daraufhin noch drei oder vier andere Gedichte aus Zeitungsüberschriften geschnibbelt. Leider scheinen diese ersten Collagegedichte verloren gegangen zu sein.

Erst als Herta Müller, die ich vorher nicht kannte, 2009 den Literaturnobelpreis bekam und ich von ihren Collagegedichten erfuhr, habe ich mich an diese Technik erinnert. Was habe ich bloß in der Zwischenzeit getrieben? Auf jeden Fall zu wenig geschrieben.

Im letzten Jahr veröffentlichte Lydia Daher den großartigen(!!) Band Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies und auch ihr Verlagskollege Volker Strübing hat seine Lust am Collagieren entdeckt.

100_4891

Ich werde mich demnächst mal wieder an die Collage wagen. Bis ich erste Ergebnisse vorzeigen kann, hier ein Eindruck meiner Bildsammlung in einem Briefumschlag mit Fenster. Ich denke, ich bin auf dem Weg…

100_4892

Spontan vielleicht noch dieses hier:

100_4895

Die Negativvariante der Textcollage ist übrigens das Erasure. Das gibts auch schon ewig, aber erst in den letzten Jahren, genaugenommen mit dem Buch SONNE FROM ORT von Uljana Wolf und Christian Hawkey, bin ich auch auf diese Form aufmerksam geworden. Zuletzt sind mir die Erasures von Clemens J. Setz aufgefallen.

Mein allererstes Erasure:

WIN_20150601_141702

Ein Album surrealistischer Ideen

25. April 2015

Im Januar 2014 berichtet Clemens J. Setz auf dem Suhrkamp-Blog Logbuch von einer wiedergefundenen Mappe mit frühen Geschichten aus den Jahren 2001 bis 2003 und veröffentlichte die Liste der Titel, da sie ihn an die Gedichte John Ashberys erinnerten. Der Autor versprach: „Die ersten fünf Erzählungstitel, die in den Kommentaren zu diesem Post genannt werden, werde ich im nächsten Blogeintrag nacherzählen, mit Textproben. Auch die wirklich peinlichen. Ich werde es bereuen.“

Ein Jahr nach dem öffentlichen Experiment, alte Texte wiederzubeleben, erscheinen diese Nacherzählungen nun in Buchform unter dem Titel Glücklich wie Blei im Getreide. Setz hat es also scheinbar nicht bereut. In 45 kurzen Texten gibt er Einblick in sein frühes Schreiben, seine teilweise skurrile Ideenwelt war schon damals sehr stark ausgeprägt. So erfährt man beispielsweise auf der Texttafel vor dem neunten Gehege vom Affen Pierre, der an einem Tinnitus leidet. „Und einmal im Jahr, meist im Herbst, versuche […] sich das Leben zu nehmen, was natürlich von den Pflegern verhindert werde. Für diesen Event seien allerdings, aufgrund des großen Interesses, Voranmeldungen nötig.“

Den gesamten Artikel bei fixpoetry.com lesen

Der reale Surrealismus

9. April 2015

///

und zum Sonnenbrand gesellte

sich das Tier ohne Haut

das mich auf Schulterhöhe verfolgte

zum Meer

///

Zugegeben, das poetische Potential dieser Verse ist nicht allzu hoch, aber das will nichts heißen. Im August vergangenen Jahres spielte ich den vierten Teil der Assassin’s Creed-Reihe Black Flag, in dem mir genau das passierte. Um seine Kasse aufzubessern und seine Ausrüstung zu erweitern, ist es in diesem Spiel, ähnlich dem Rockstar-Knaller Red Dead Redemption, möglich bzw. notwendig Wildtiere zu erlegen und zu häuten. Als ich das mit einem Leguan in Küstennähe tat, verfolgte mich der gehäutete Körper des Tieres auf Schritt und Tritt. Er hing neben meinem Spieler auf Schulterhöhe waagerecht in der Luft und ließ sich erst abschütteln mit einem Sprung ins Wasser. Kein spektakulärer, aber doch ein etwas merkwürdiger Glitch.

glitch

(engl. für „Panne/Störung“) Bezeichnet in Computerspielen kleine Fehler. Diese Fehler reichen von falsch dargestellter Grafik,[2] bis hin zu Effekten, die dem Spieler einen Vorteil verschaffen, die allerdings vom Entwickler so nicht angedacht waren.[3] Beispiele sind Gegenstände, die sich zwar im Quelltext des Programms befinden, aber in der veröffentlichten Version nicht in den Spielverlauf integriert wurden, jedoch von der Spielfigur benutzt werden können oder „glitches“, die es dem Spieler ermöglichen Häuser zu betreten, die im Spiel lediglich als Zierde dienen sollten. Die Herkunft des englischen Begriffes liegt im deutschen glitschig[4] über jiddisch „glitshen“ (etwa: ab- oder wegrutschen).
glitching wird das Ausnutzen von Fehlern im Spiel genannt, wie etwa unter oder durch Objekte hindurch zu schießen, obwohl dies nicht vorgesehen ist, insbesondere bei Karten, die von Spielern und nicht von der Entwicklungsfirma erstellt wurden. Wiederholtes glitching führt, je nach Betreiber des Servers auf dem gespielt wird oft zu einem Kick bzw. Bann des Spielers. Quelle: wikipedia.de

Ebenfalls im vergangenen August klopfte Clemens J. Setz im Logbuch Suhrkamp das Phänomen der Glitches auf ihr poetisches Potential ab. Setz hatte mich sofort davon überzeugt, dass die Glitches wahrscheinlich die große surrealistische Kunstform der Gegenwart sind. Nicht allein, weil Glitches entsprechende Bildwelten verursachen, sondern vor allem, weil diese zufällig aus einer Art elektronisch-digitalem Unterbewusstsein herauszutreten scheinen. Ja, das mag recht esoterisch klingen, ist aber im Zusammenhang mit dem Surrealismus legitim, oder? Aus der écriture automatique wird hier ein programme automatique, dessen Ursprung zwar noch in einer menschlichen Handlung, dem Programmieren des Quelltextes für eine Spiel, liegt. Dessen ungewolltes Ergebnis, der Glitch, dann aber ausgerechnet auf einem von mathematischer Logik geprägtem Gebiet auftritt und eben diese „Herrschaft der Logik“ (André Breton im Ersten Manifest des Surrealismus, 1924) zugunsten einer neuen Bildwelt durchbricht.

Der Glitch ist jedoch ein Phänomen, dass nicht (mehr) allein auf Games beschränkt ist. Seit der Digitalisierung unserer Welt durch Geräte, deren genau Funktionsweise (im Vergleich zu mechanischen Geräten) nur noch die wenigsten von uns wirklich verstehen, haben wir uns nicht nur eine Art back-up der Wirklichkeit geschaffen. Also kein System, dass nur in eine Richtung funktioniert, sondern gelegentlich auch zurückschlägt. Damit sind natürlich auch Tweets und Posts gemeint, die uns im realen Leben verfolgen. Was mich jedoch viel mehr interessiert ist eine Art ästhetischer Rückkopplungen, die sich aus dem alltäglichen Gebrauch digitaler Medien auf das ergeben, was wir gemeinhin „Realität“ nennen. Die Glitches beweisen, dass es eine Form digitaler Parallelwelten gibt, die sich der Kontrolle des Programmierers, erst recht des Spielers, entziehen. Dass sich dieser Kontrollverlust im Digitalzeitalter auch auf das eigene Bild niederschlagen kann, war mir bis vor ein paar Tagen so nicht bewusst. Überrascht jedoch nicht, wenn man es genau bedenkt.

Langer Post, kurzer Sinn. Welche albtraumhafte Parallelwelt macht die Panorama-Funktion der Digitalfotografie sichtbar, wenn sie nicht so funktioniert, wie sie soll? Hier gibt’s die Antwort. Das Erstaunliche an diesen Foto-Glitches ist, dass sie sich ästhetisch oft kaum von den Game-Glitches unterscheiden. Was mich sehr darüber nachdenken lässt, ob das Digitale nicht längst dabei ist auf unsere analoge Wirklichkeit zurückzustrahlen und sie auch auf physischer Ebene zu verformt?

EDIT: Ich sehe gerade… diese Gedanken führen natürlich den Titel des letzten Posts ad absurdum.


%d Bloggern gefällt das: