Posts Tagged ‘Christentum’

Architekturen der Apokalypse (Teil II)

5. April 2013

2. Apokalypse damals und heute

Die einleitenden Überlegungen verdeutlichen, dass die Johannes-Offenbarung vor allem in ihrer Bildlichkeit bis heute wirkt, jedoch entscheidende Umdeutungen erfahren hat. Um diesen Prozess der Umdeutung gerade im Hinblick auf die folgenden Werkanalysen zu verstehen, ist es notwendig zunächst zwischen dem frühjüdischen-frühchristlichen Apokalypseverständnis und der modernen Apokalyptik zu unterscheiden.8

2.1. Die jüdisch-christliche Apokalypse

Der etymologische Ursprung des Begriffes Apokalypse geht auf das griechische apokálypsis zurück, das für Enthüllung bzw. Offenbarung steht.9 Sowohl das Metzler Lexikon Literatur als auch das theologische Handwörterbuch Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) definieren Apokalypse als Gattung jüdisch-christlicher Literatur, die dem Texttyp der Offenbarungsliteratur zuzuordnen ist.10

„Die Gattungsbezeichnung ‚Apokalypse’ ist vom griechischen [apokálypsis] aufgrund der Selbstbezeichnung im Prolog der Apk (1, 1) entscheidend beeinflusst, selbst wenn es Indizien für eine außerchristliche Entstehung gibt. Sie dürfte nicht nur als Teil eines Titels, sondern auch als Hinweis auf eine Gattung gedacht sein. ‚Apokalypse’ stellt dennoch keinen Oberbegriff für Offenbarungsliteratur überhaupt dar.“11

Die theoretischen Grundlagen der apokalyptischen Gattung sind seitens der Theologie sowie der Religionswissenschaften sehr präzise definiert. Für die Betrachtungen hinsichtlich der Offenbarung, die zur christlich-jüdischen Literatur zählt, ist es daher sinnvoll dem Gattungsbegriff nach Hellholm zu folgen. Dieser stellt fest, dass sich Offenbarungsschreiben stets „auf Geschehnisse der Weltgeschichte, eines Volkes oder einer Einzelperson [beziehen], die sich in der Vergangenheit (res historia) ereignen und Folgen für die Zukunft (res futura) zeitigen.“12 Im spezifischen Fall der Apokalypsen wird der Texttyp der Offenbarungsliteratur bzw. ein Offenbarungsschreiben um einen narrativen Rahmen erweitert. Infolgedessen werden Ereignisse der Weltgeschichte zu einer „Serie von Geschehnissen in der Universalgeschichte der Menschheit bzw. des Weltalls (res historia)“ umgedeutet.13 Die Apokalypse enthüllt dann:

„[…] Erkenntnisse über die transzendente Wirklichkeit, die sowohl temporal (jetzige versus kommende Weltzeit) ist, sofern sie kosmisches und universales eschatologisches Heil bzw. Verderben in Aussicht stellt (res futura), als auch spatial (diesseitige versus jenseitige Welt), sofern sie eine Jenseitswelt involviert (res supra-naturalia).“14

Für die konkrete Ausgestaltung von Apokalypsen konstatiert Hellholm drei Gruppen von Merkmalskombinationen. Diese sind textsyntaktisch-strukturelle, textsemantische und textpragmatische Differenzierungsmerkmale. Für die erste Gruppe sind Berichte von Himmels- bzw. Unterweltreisen, Traumvisionen, Thronvisionen, Richterszenen, Offenbarungsmonologe und -dialoge sowie Interpretationsgespräche typisch. Ebenfalls können Visionsberichte, Epiphanien und Gebete textsyntaktisch-strukturelle Funktion übernehmen. Hellholm weist zudem darauf hin, dass Apokalypsen die Merkmale Himmelreise und Visionsbericht miteinander verbinden können. Wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch gezeigt werden wird, sind alle genannten Differenzierungsmerkmale mehr oder weniger frei miteinander kombinierbar.

Auf der Ebene textsemantischer Differenzierungsmerkmale unterscheidet Hellholm drei Untergruppen. Die erste stellt eine Offenbarungshierarchie so genannter Agenten dar. Gemeint sind damit vor allem göttliche Gestalten oder Engel als jenseitige Offenbarungsvermittler oder aber irdische (meist pseudonyme) Gestalten aus der Vergangenheit als Übermittler und Verfasser der vertexteten Enthüllungen. Die zweite Untergruppe umfasst Enthüllungen temporaler Art, wie etwa:

„[die] Periodisierung der Geschichte in Weltalter mit Begründung der res futura aus der res historia; Prophezeiungen ex eventu; universalistische Eschatologie mit Endgericht und Auferstehung der Toten, Verurteilung und Weltuntergang samt Erlösung und Welterneuerung durch Erscheinen eines Erlösers [sowie] Geschichtsüberblicke in Futurform bezüglich des Ganzen der Weltgeschichte oder innergeschichtlichen Entwicklungen.“15

Die letzte Untergruppe textsemantischer Differenzierungsmerkmale umfasst nach Hellholm Enthüllungen spatialer Art. Gemeint sind hier vor allem:

„der Dualismus zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt; die Parallelität zwischen kriegerischen Entscheidungen auf makrokosmischer und mikrokosmischer Ebene [sowie] naturhafte Geschehnisse und gesellschaftliche Unordnung in dieser Welt. In späteren jüdischen und christlichen Apokalypsen verlagert sich der Schwerpunkt immer mehr von kosmischen Komplikationen auf solche innerhalb der Religionsgemeinschaft.“16

Allen Apokalypsen sind nach Hellholm die textpragmatischen Differenzierungsmerkmale gemein. Diese können sowohl generativer als auch finaler Art sein. „In unterschiedlichen Krisen- und Problemlagen wie Nöten, Bedrohungen und Kontroversen politischer, gesellschaftlicher und religiöser Art ergeben sich Voraussetzungen für die Entwicklung der apokalyptischen Gattung.“17 Laut Hellholm entstehen Apokalypsen als Antworten auf diese äußeren Reize. Finale Funktionen von Apokalypsen äußern sich meist in dreifacher Form durch „Einbringung von Lösungen irdischer oder kosmischer Probleme in Bezug auf Sinn und Zweck der Geschichte, [durch] Ermunterung und Trost für die Gerechten [sowie als] Aufforderung zur Umkehr bzw. Warnung.“18

Auf der Grundlage dieser Merkmalskombinationen ergibt sich aus der Sicht Hellholms eine klar gegliederte, syntagmatische Textstruktur. Apokalypsen beginnen demnach mit einer Orientierung. „[Sie] leistet die zeitliche Distanzierung zur aktuellen Kommunikationssituation. Die Asymmetrie in der Relation zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt ist für die Gattung der Apokalypse konstitutiv.“19 Der Orientierung folgt eine Komplikation. „Eine Geschichte wird erst erzählenswert und eine Apokalypse erzählungsbedürftig, wenn die Ausgangssituation sich durch ungewöhnliche Krisenund Problemlagen kompliziert.“20 Hellholm weist darauf hin, dass Komplikationen aus mehreren Textsequenzen bestehen können, „die z. T. unterschiedliche, z. T. parallellaufende Komplikationszyklen umfassen.“21 Den dritten Teil nimmt eine Evaluation ein:

„Um die aktuelle Bedeutung der Komplikation und ihrer Auflösung für den Leser/Hörer sichtbar werden zu lassen, sind Evaluierungssätze auf der Objekt- wie auf der Meta-Ebene notwendig. Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen internen und externen Evaluierungen und ihrem jeweiligen asymmetrischen Status; die internen durch angeli interpretes oder andere Gestalten aus dem Jenseits haben Vorrang vor den externen durch den Erzähler, d. h. hier den Übermittler/Verfasser aus dem Diesseits.“22

Der Evaluierung der Komplikation folgt eine Resolution. Hellholm betont, dass die Auflösung der Komplikation in Erzählungen meist in kurzen Textabschnitten vollzogen wird. In Apokalypsen nimmt die Resolution jedoch meist einen sehr langen Textteil ein:

„Besonders aufschlussreich ist die Art und Weise, wie Auflösungen in den Kommunikationsvorgang eingebettet sind; sie finden ihren Platz nämlich oft in Offenbarungsdialogen und -monologen (d. h. in Figurenrede höherer Ordnung). Auf diese Weise kommt die finale Funktion von jenseitiger Legitimierung und im Anschluss daran diejenige von Trost, Warnung bzw. Aufforderung an die Adressaten gegen Ende der Apokalypse zu ihrem vollen Ausdruck.“23

Beschlossen werden Apokalypsen durch eine Koda oder Moral, in der die Erzählung zur Ausgangssituation zurückkehrt. „Die Distanzierung zur Binnenerzählung (Orientierung) wird aufgehoben, und die jetzige text-externe Situation tritt wieder in den Vordergrund. Durch dieses Endsignal wird die Erzählzeit mit der erzählten Zeit verbunden.“24 Zusammenfassend gilt:

„Durch supranaturale Enthüllung mittels Himmelsreisen, Visionen und/oder Auditionen wird als göttlich autorisierte Botschaft mit Hilfe von Texten der literarischen Gattung Apokalypse den Adressaten kundgetan, dass trotz der Erfahrung des Bösen die göttliche Macht letztendlich siegen wird.“25

8 Zum Unterschied zwischen Apokalypse und Apokalyptik siehe auch: Bader 2003.
9 Brall-Tuchel 2007, S. 37.
10 Vgl. ebd.; Hellholm 1998, S. 585.
11 Hellholm 1998, S. 586; Alle biblischen Abkürzungen in dieser Arbeit folgen dem Abkürzungsverzeichnis des RGG.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd.
15 Ebd., S. 586f.
16 Ebd., S. 587.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd.
24 Ebd., Hellholms Bedeutungen der Termini Erzählzeit und erzählte Zeit weichen hier von der literaturwissenschaftlichen Bedeutung ab. Die Literaturwissenschaft definiert Erzählzeit als Dauer, die das Erzählen einer Geschichte benötigt und erzählte Zeit als Dauer, welche die Handlung einer erzählten Geschichte in Anspruch nimmt. Bei Hellholm meint Erzählzeit hingegen die Zeit in der die Geschichte erzählt wird, während erzählte Zeit die Zeit in der die Geschichte spielt meint. (Bzgl. der literaturwissenschaftlichen Definitionen vgl. Auerochs, 32007, S. 208, 209).
25 Ebd.

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: