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Architekturen der Apokalypse (Teil IV)

8. April 2013

3. Die Offenbarung des Johannes

3.1 Inhalt

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, ist das einzige apokalyptische und durchgehend prophetische Buch des kanonischen Neuen Testaments. Darin berichtet ein Seher namens Johannes gemäß seinem göttlichen Auftrag (Apk 1, 10-11) die ihm zuteil gewordenen Visionen. Diese künden vom kommenden Weltgericht über die Feinde des Christentums, von der Zerstörung der satanischen Mächte durch die himmlischen Heerscharen und von der Errichtung bzw. Vollendung des Reiches Gottes auf Erden.

Die „Offenbarung Jesus Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll“ (Apk 1, 1) richtet sich an die sieben christlichen Gemeinden in Kleinasien. In einer Thronsaalvision, in der Johannes Jesus zwischen sieben Leuchtern wandeln sieht (Apk 1, 12-16), werden ihm sieben Sendschreiben an die Gemeinden diktiert. Darin werden die Anhänger der Gemeinden auf innere und äußere Bedrohungen hingewiesen. Die Sendschreiben dienen der Ermutigung und Ermahnung der Gemeindemitglieder und verdeutlichen, „dass der Gesamtinhalt des Buches von unmittelbarer Bedeutung für das Leben dieser Gemeinden ist und sich nicht nur auf das Ende der Zeit bezieht.“39

Mit einer weiteren Vision, in der Johannes den thronenden Gottvater umgeben von den vier Evangelisten und den 24 Ältesten erblickt, beginnt der Hauptteil der Offenbarung (Apk 4). Das Lamm Gottes bricht der Reihe nach die sieben Siegel des Buches, das den Untergang der Welt einläutet. Die Öffnung der ersten vier Siegel lässt die vier apokalyptischen Reiter erscheinen, die Elend, Angst und Schrecken über die Welt bringen (Apk 6, 1-8). Die Öffnung des fünften Siegels offenbart die Seelen der Märtyrer, die sich noch gedulden müssen, bis ihre Tode gerächt werden (Apk 6, 9-11). Die Öffnung des sechsten Siegels löst ein großes Erdbeben aus, verdunkelt die Sonne, färbt den Mond blutrot und lässt die Sterne vom Himmel fallen „wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird“ (Apk 6, 12-14). Infolge dieser Erscheinungen wird die Angst der auf der Erde lebenden Menschen vor dem Zorn Gottes vorgeführt. Reue zeigen sie indes jedoch nicht.40 Vor der Öffnung des letzten Siegels kommt es zur Versiegelung der 144.000 Auserwählten, 12.000 aus jedem der zwölf Stämme Israels, die dem göttlichen Gericht am Jüngsten Tag entgehen (Apk 7, 1-8). Nach der Öffnung des siebten Siegels tritt zunächst eine Stille im Himmel ein, die etwa eine halbe Stunde andauert. Danach erscheinen sieben Engel mit sieben Posaunen, die so genannte „Drohgerichte“ über die Erde bringen.41

Das Blasen der ersten sechs Posaunen (Apk 8, 6-9, 21) ruft eine Reihe schrecklicher Ereignisse hervor, an deren Folgen ein Drittel der Menschheit stirbt. Diese sind Hagel, Feuer- und Blutregen, Berge, die brennend ins Meer stürzen, der Stern Wermut, der brennend wie eine Fackel von Himmel stürzt und das Meer und die Flüsse vergiftet, die teilweise Verfinsterung von Sonne, Mond und Sternen und eine Heuschreckenplage, die sich explizit nur gegen die Menschen richtet. Schließlich werden vier Engel losgelassen, die ein reitendes Heer anführen, um zu töten. Die Pferde dieses Heeres werden als gewaltige Schlachtrösser beschrieben, deren löwengleiche Häupter Feuer, Rauch und Schwefel speien. „Das Blasen der siebten Posaune fällt zusammen mit der Öffnung des himmlischen Heiligtums (Apk 11, 15-19). Wahrscheinlich deutet das auf den Tod Jesu und die Bildung der christlichen Gemeinde in Palästina hin.“42 Die Öffnung des göttlichen Tempels ist wiederum verbunden mit Erdbeben und Hagel, sowie Blitz und Donner.

Nach dem Blasen der sieben Posaunen treten die Mächte des Bösen nun deutlich in Erscheinung. In der kurzen Schilderung des Kampfes zwischen Erzengel Michael und dem Satan wird dieser als Drache und Schlange bezeichnet (Apk 12, 7-9). Zudem werden zwei Tiere beschrieben, die die Macht des Teufels repräsentieren. Das erste Tier steigt aus dem Meer und wird mit sieben Häuptern und zehn Hörnen, auf denen es zehn Kronen trägt, beschrieben. Das Tier, das einem Panther gleicht, aber Bärenfüße und einen Löwenrachen hat, ist übersät von gotteslästerlichen Namen. Das zweite Tier steigt aus der Erde herauf, hat zwei Hörner und redet wie ein Drache (Apk 13, 11). Mit seiner Macht verführt es die Menschen dazu ein Bild des Tieres anzubeten und sie sich Untertan zu machen. Daher wird das zweite Tier auch als „falscher Prophet“ bezeichnet. Die Anhänger des Tieres werden als Händler beschrieben, die man an einem Zeichen an der rechten Hand oder der Stirn erkennt. Das Zeichen zeigt die numerische Entsprechung des Namens des Tieres; sie lautet 666 (Apk 13, 15-18). Gegenüber den Anmaßungen der beiden Tiere formiert sich das Lamm Gottes wie ein Feldherr auf dem Berg Zion. Um sich herum scharrt es ein Heer von Getreuen.43

In der nächsten Vision vernimmt Johannes die Botschaften von drei Engeln, die am Himmel erscheinen (Apk 14, 6-11). Alle drei verkünden zukünftige Ereignisse. Der erste Engel verkündet ein ewiges Evangelium, der zweite den Fall der großen Stadt Babylon, der dritte kündet das grausame Gericht Gottes über diejenigen an, die das Bild des Tieres anbeten. Letzteres besteht abermals aus einer Qual durch Feuer und Schwefel. Nachdem die Engel ihre Botschaften verkündet haben, erscheinen sieben weitere Engel, die die sieben Schalen des Zorns tragen. Das Ausgießen der Schalen bringt die sieben letzten Plagen über die Menschheit (Apk 16). Auch hier werden bekannte Bilder teilweise wieder aufgegriffen. So wachsen den Anhängern des Tieres Geschwüre, das Meer und die Wasserströme werden zu Blut, der Euphrat trocknet aus und die Sonne lässt Menschen verbrennen. Zudem wird das Reich des Tieres verfinstert und seine Anhänger erleiden Schmerzen, die zu Gotteslästerungen führen, nicht aber zu Reue und Bekehrungen. Daraufhin veranlasst der Drache die Formation eines Heeres des Bösen, um sich für den Endkampf gegen Gott zu rüsten. Die siebte Schale wird schließlich ausgegossen, die die Stimme Gottes erschallen lässt. Es schlagen Blitze, Stimmen und Donner auf die Erde nieder. Ein Erdbeben von nie da gewesener Stärke lässt die Welt erschüttern und die Städte der Heiden einstürzen. Auch die Berge stürzen in sich zusammen und die Inseln versinken im Meer. Schließlich geht ein weiterer Hagel über die Menschen nieder, welcher sie Gotteslästerungen aussprechen lässt.

Den sieben letzten Plagen folgt die Beschreibung der Herrlichkeit der großen Hure Babylon, die auf dem Rücken des Tieres sitzend die Menschheit zu einem lasterhaften Leben verführt. Ihr Untergang wird ebenso detailliert beschrieben wie der Einfluss, den Babylon auf umliegende Reiche ausübt (Apk 17; 18). „Die Bedeutung ihres Falles wird unterstrichen durch den großen Trauergesang, den in Apk 18 ihre Verbündeten und Handelgenossen anstimmen und dem in Apk 19, 1-8 die himmlischen Scharen den Lobpreis Gottes zufügen.“44

Das Ende des Tieres und des falschen Propheten wird besiegelt durch Jesu Christi in Gestalt eines Reiters auf einem weißen Ross. Mit dem Schwert aus seinem Munde (Apk 19, 21), also der Macht seines wahren Wortes, werden das Tier, seine Bilder und seine Zeichen in einen feurigen Pfuhl von Schwefel, die Hölle, geworfen. Satan in Gestalt des Drachen wird für tausend Jahre gefesselt. In dieser Zeit regiert das Christentum, bis Satan schließlich für eine kurze Zeit erneut entfesselt wird. Er formiert ein neues Heer um sich herum, das schließlich in einem letzten Endscheidungskampf durch die Macht Gottes besiegt wird (Apk 20, 7-10). Auch hier werden erneut die Bilder vom Feuerregen und dem Pfuhl von Feuer und Schwefel verwendet.

Nach der Entscheidungsschlacht im Diesseits wird das jenseitige Weltgericht abgehalten, welches nur denjenigen Toten Einzug in das Himmelreich gewährt, deren Namen im Buch des Lebens zu finden sind. Wessen Name nicht darin geschrieben steht, wird ebenfalls in den feurigen Pfuhl geworfen (Apk 20, 11-15).

In den letzten beiden Kapiteln berichtet Johannes von seiner Vision des neuen Jerusalems. Die ewige Gottesstadt verbindet den neuen Himmel und die neue Erde. Gott wohnt fortan bei seinen Gläubigen, welche keine Repressalien mehr zu fürchten brauchen. Im Schlussabschnitt (Apk 22, 6-21) betont Johannes die Wahrhaftigkeit seiner Visionen und erinnert an seinen göttlichen Auftrag, der ihm durch einen Engel erteilt wurde. Eine Änderung der Schrift, gleich in welcher Form, ist daher unter Androhung göttlicher Strafe untersagt.

3.2 Autorschaft und Entstehungszeit

Die Autorschaft der Offenbarung ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Der Verfasser wiederholt im Text jedoch mehrfach seinen Namen, den er mit Johannes angibt (Apk 1, 1. 4. 9; 22, 8). Vor allem unter frühchristlichen Schriftstellern war die Ansicht weit verbreitet, dass Johannesevangelium, Johannesbriefe und Johannesapokalypse von derselben Person stammen. „Diese Identifizierung ist jedoch fragwürdig, denn der Verfasser der Apk bezeichnet sich in der Briefüberschrift in 1, 4 nicht als Apostel; für ihn sind die zwölf Apostel Gründerfiguren der Vergangenheit (18, 20; 21, 14).“45 Die Annahme, es handle sich bei dem Namen Johannes um ein Pseudonym, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Dabei ist ein solcher Modus für frühjüdische Apokalypsen, in denen der Verfasser in der ersten Person spricht und somit als Zeuge von Offenbarungsvisionen auftritt, durchaus typisch.46 Aufgrund der Tatsache, dass Johannes in frühjüdischer Zeit ein sehr weit verbreiteter Name war, wird die Pseudonym-These von der Forschung jedoch weitgehend abgelehnt.47 Heute geht man in erster Linie davon aus, dass der Verfasser der Johannes-Offenbarung ein ansonsten unbekannter Judenchrist aus Palästina ist.48 Für eine Herkunft aus dem jüdischen Kulturraum spricht:

„das auffällige und für das Buch charakteristische semitisierende Griechisch; es lässt auf Aramäisch und vielleicht Hebräisch als Muttersprache des Verfassers schließen. Für seine jüdische Herkunft spricht weiterhin seine augenscheinliche Vertrautheit mit dem Jerusalemer Tempel und seinem Kult (Apk 8, 3-4; 11, 1-2. 19), die zentrale Rolle Palästinas im eschatologischen Schema des Verfassers (Apk 11, 2. 8; 16, 16; 20, 9), seine zahlreichen Anspielungen auf den hebräischen Text des Alten Testaments und seine Vertrautheit mit den auch in anderen jüdischen Apokalypsen begegnenden eschatologischen Traditionen.“49

Den Selbstaussagen im Text zufolge befand sich der Verfasser zum Zeitpunkt der Visionen bzw. der Niederschrift auf der Insel Patmos unter dem Zustand der Bedrängung (Apk 1, 9). Dieser Umstand verschaffte ihm den heute auch gebräuchlichen Namen Johannes von Patmos.

Neben der Frage der Autorschaft wurde auch die nach der Entstehungszeit der Johannesapokalypse lange Zeit kontrovers diskutiert.50 Im 19. Jahrhundert glaubte die Mehrheit der Theologen, dass der Text im Zuge der Christenverfolgungen unter Nero entstand. Demzufolge müsste die Abfassung in den Jahren zwischen 64 n. Chr. und 70 n. Chr. erfolgt sein.51

„Diese Sichtweise gründete sich hauptsächlich auf der rätselhaften Liste von sieben Königen in 17, 9-11 und auf der Annahme, der sechste König, „der lebendig ist“, sei der zur Zeit der Niederschrift der Apk herrschende Kaiser. Mit Caesar beginnend wäre Nero (54-68 n. Chr.) der sechste König; beginnt man die Reihe mit Augustus, wäre es Galba (Juni 68 bis Januar 69 n. Chr.).“52

David Aune weist bezüglich dieser These auf die Vielzahl verwirrender Zählungen und Deutungen hin, die unter anderen dazu beigetragen haben dürften die Datierung erneut zu überdenken.53 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einem deutlichen Meinungsumschwung, der die Entstehung der Johannes-Offenbarung „in die Endphase der Herrschaft von Kaiser Domitian verlegt.“54 Der Text entstand demnach ca. 95 n. Chr. „im Gefolge einer vermuteten domitianischen Verfolgung“.55 Ob unter Kaiser Domitian tatsächlich systematische Christenverfolgungen stattgefunden haben, ist jedoch nicht zweifelsfrei belegbar. Ein solcher Umstand wird von der gegenwärtigen theologischen Forschung sogar weitgehend ausgeschlossen.56 „Für eine Datierung um ca. 95 n. Chr. spricht [hingegen] der Gebrauch des symbolischen Namens Babylon als Chiffre für Rom (14, 6; 16, 19; 17, 4; 18, 2. 10. 21), die sonst nur in nach 70 n. Chr. entstandenen Texten verwendet wird (1Petr 5, 13; 4Esr 3, 1-2. 28-31; 2Bar 10, 1-3; 11, 1; 67, 7; SibOr 5, 143. 159) […].“57

Folgt man Hellholms Ansicht, dass Offenbarungsschreiben sich stets auf Ereignisse der Weltgeschichte beziehen, spielen Fragen nach der Datierung der Johannesapokalypse eine wichtige Rolle für deren Verständnis.58 Eine eindeutige Datierung oder zumindest die Eingrenzung des möglichen Entstehungszeitraums lassen eine realhistorische Kontextualisierung der Schrift zu. Nur so können die Situation, auf die sich Johannes bezieht, und die Intention seines Textes einigermaßen verlässlich analysiert und interpretiert werden.

3.3 Der historische Kontext

Für den Theologen Klaus Wengst ist eine Datierung der Johannes-Offenbarung grundsätzlich zwischen 70 und 135 n. Chr. möglich. Eine genauere Ansetzung hält er für die Interpretation des Textes nicht für nötig.59 Entscheidend ist lediglich, dass sich die von Johannes beschriebene Bedrängnissituation auf den Machtapparat des römischen Reiches bzw. dessen Einfluss auf die Provinz Asia und anderer annektierter Gebiete bezieht. Rom gilt für Johannes als Verursacher „zurückliegender und weiter zu erwartender Leiden von Messiasgläubigen“.60 Als Ursprung dieser Leiden kann die Kreuzigung Christi angesehen werden, welche nach römischem Recht und nach römischer Methode vollzogen wurde.

Ausschlaggebend für die Christenverfolgungen im Römischen Reich ist die Tatsache, dass der römische Kaiser einen Kult erhielt, der einer Verehrung als Gottheit gleichkam.61 Die Identifikation mit Iuppiter, der obersten Gottheit der römischen Mythologie, war bei Domitian besonders stark ausgeprägt. So ließ er sich etwa als erster Kaiser mit dem Blitzbündel des Iuppiter in der Hand auf Sesterzen abbilden. Zudem veranstaltete er im fünfjährigen Rhythmus Festspiele zu Ehren des Gottes, dessen Abbild er auf einem goldenen Siegeskranz auf dem Kopf trug.62 „Entsprechend pries ihn die zeitgenössische Dichtung. Statius [gemeint ist der römische Dichter Publius Papinius Statius der von ca. 40 bis ca. 96 n. Chr. lebte – Cln.] stellte ihn bei der Beschreibung seines Reiterstandbildes auf dem Forum in Analogie zu Juppiter dar und bezeichnete ihn dabei als ‚die gegenwärtige Gestalt Gottes’ bzw. als ‚Gott in seiner Abwesenheit’ (forma dei praesens).“63 Der Kaiserkult manifestierte sich jedoch nicht allein im Zentrum des Reiches. Über die Stadtgrenzen Roms hinaus, in allen Provinzen des Reiches gab es öffentliche Festakte, bei denen das Volk mit Lorbeerkränzen geschmückt einen Eid auf den Kaiser ablegte.64

Wer sich, wie die Anhänger Christi, der öffentlichen Verehrung des Kaisers entzog, galt ihm gegenüber als illoyal. Der Umstand, dass der Arbeitstag damals von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang reichte, zwang die Gläubigen ihre Treffen während der Dunkelheit abzuhalten. Dadurch nahmen Argwohn und der Verdacht der Kriminalität auch seitens der Mitbürger ihnen gegenüber rasch zu.65 Wengst schildert mit Berufung auf die Briefe Plinius d. J. an Trajan, dass Christen, die sich trotz Androhung der Todesstrafe öffentlich zu ihrem Messiasglauben bekannten, sofort hingerichtet wurden.66 Die Rolle dieser Märtyrer kommt in der Offenbarung mehrfach zur Sprache (Apk 6, 9-11; 12, 17; 20, 4), namentlich wird jedoch nur Antipas genannt (Apk 2, 13), der der Gemeinde Pergamon entstammte.

Aus den Plinius-Briefen gehen jedoch auch Freisprüche für diejenigen hervor, die einen Loyalitätstest gegenüber dem römischen Kaiser bestehen. Dieser sah religiöse Handlungen vor Götterstatuen und dem Bildnis des Kaisers, sowie Lästerungen gegen Christus vor.67 „[Plinius] war sich sicher, dass ‚wirkliche Christen’ sich dazu nicht zwingen ließen.“68 Doch auch wenn Freisprüche in den Christenprozessen möglich waren, verweist Wengst auf die „viele[n] anonyme[n] Opfer römischer Gewaltherrschaft.“69 Für ihn steht fest, „dass die Visionen des Johannes nicht die Ausgeburten einer wilden Fantasie, sondern von tatsächlicher Erfahrung gesättigt sind.“70

Der Forschung ist heute bekannt, dass nicht alle römischen Kaiser der Jahre 70 n. Chr. bis 135 n. Chr. systematische Christenverfolgungen anordneten. So durften Christen unter Hadrian (Regierungszeit 117 n. Chr. bis 138 n. Chr.) beispielsweise nur dann angeklagt werden, wenn sie im Verdacht standen ein Verbrechen begangen zu haben. Das bloße Bekenntnis zum christlichen Glauben war jedoch nicht strafbar.71 Es ist dennoch deutlich geworden, dass es in der Zeit vor Hadrians Regentschaft und besonders unter der Herrschaft Domitians und Trajans lebensgefährlich sein konnte seinen Messiasglauben öffentlich zu bekennen. Oftmals reichten Anzeigen bzw. Denunziationen Christ zu sein aus, um in einen Prozess verwickelt zu werden.72

38 Kaiser 1991, S. 18.
39 Piper 32000, S. 823.
40 Vgl. ebd.
41 Vgl. ebd.
42 Vgl. ebd.
43 Vgl. ebd., S. 824.
44 Piper 32000, S. 824.
45 Aune 2001, S. 540.
46 Vgl. ebd.
47 Vgl. ebd.
48 Vgl. ebd., S. 541; Piper 2000, S. 829.
49 Aune 2001, S. 540.
50 Für den detaillierten Nachvollzug verschiedener Datierungsthesen siehe: Aune 2001, S. 541f.; Wengst 2010, S. 59 – 70.
51 Vgl. Aune 2001, S. 541f.
52 Ebd., S. 542.
53 Vgl. Ebd.
54 Ebd.
55 Ebd.
56 Vgl. Ebd.; Wengst 2010, S. 66f.
57 Aune 2001, S. 542.
58 Siehe Anm. 13.
59 Vgl. Wengst 2010, S. 64f.; In den von Wengst beschränkten Zeitraum fallen die Regentschaften der Kaiser Vespasian (69-79), Titus (79-81), Domitian (81-96), Nerva (96-98), Trajan (98-117) und Hadrian (117-138).
60 Ebd., S. 59.
61 Vgl. ebd., S. 62.; Siehe hierzu auch: Price, Simon R.F. – Rituals and power: the Roman imperial cult in Asia Minor. Cambridge u.a.: Cambridge University Press, 1998 und Clauss, Manfred – Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich. Stuttgart/Leipzig: Teubner, 1999.
62 Wengst 2010, S. 67.
63 Ebd.
64 Vgl. ebd., S. 62f.
65 Vgl. ebd., S. 63.
66 Ebd., S. 60.
67 Vgl. ebd.
68 Ebd.
69 Ebd., S. 61.
70 Ebd.
71 Vgl. http://www.basiswissen-christentum.de/de/themen/christenverfolgung.html − letzter Zugriff: 17.08.2001.
72 Wengst 2010, S. 64.

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Architekturen der Apokalypse (Teil II)

5. April 2013

2. Apokalypse damals und heute

Die einleitenden Überlegungen verdeutlichen, dass die Johannes-Offenbarung vor allem in ihrer Bildlichkeit bis heute wirkt, jedoch entscheidende Umdeutungen erfahren hat. Um diesen Prozess der Umdeutung gerade im Hinblick auf die folgenden Werkanalysen zu verstehen, ist es notwendig zunächst zwischen dem frühjüdischen-frühchristlichen Apokalypseverständnis und der modernen Apokalyptik zu unterscheiden.8

2.1. Die jüdisch-christliche Apokalypse

Der etymologische Ursprung des Begriffes Apokalypse geht auf das griechische apokálypsis zurück, das für Enthüllung bzw. Offenbarung steht.9 Sowohl das Metzler Lexikon Literatur als auch das theologische Handwörterbuch Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) definieren Apokalypse als Gattung jüdisch-christlicher Literatur, die dem Texttyp der Offenbarungsliteratur zuzuordnen ist.10

„Die Gattungsbezeichnung ‚Apokalypse’ ist vom griechischen [apokálypsis] aufgrund der Selbstbezeichnung im Prolog der Apk (1, 1) entscheidend beeinflusst, selbst wenn es Indizien für eine außerchristliche Entstehung gibt. Sie dürfte nicht nur als Teil eines Titels, sondern auch als Hinweis auf eine Gattung gedacht sein. ‚Apokalypse’ stellt dennoch keinen Oberbegriff für Offenbarungsliteratur überhaupt dar.“11

Die theoretischen Grundlagen der apokalyptischen Gattung sind seitens der Theologie sowie der Religionswissenschaften sehr präzise definiert. Für die Betrachtungen hinsichtlich der Offenbarung, die zur christlich-jüdischen Literatur zählt, ist es daher sinnvoll dem Gattungsbegriff nach Hellholm zu folgen. Dieser stellt fest, dass sich Offenbarungsschreiben stets „auf Geschehnisse der Weltgeschichte, eines Volkes oder einer Einzelperson [beziehen], die sich in der Vergangenheit (res historia) ereignen und Folgen für die Zukunft (res futura) zeitigen.“12 Im spezifischen Fall der Apokalypsen wird der Texttyp der Offenbarungsliteratur bzw. ein Offenbarungsschreiben um einen narrativen Rahmen erweitert. Infolgedessen werden Ereignisse der Weltgeschichte zu einer „Serie von Geschehnissen in der Universalgeschichte der Menschheit bzw. des Weltalls (res historia)“ umgedeutet.13 Die Apokalypse enthüllt dann:

„[…] Erkenntnisse über die transzendente Wirklichkeit, die sowohl temporal (jetzige versus kommende Weltzeit) ist, sofern sie kosmisches und universales eschatologisches Heil bzw. Verderben in Aussicht stellt (res futura), als auch spatial (diesseitige versus jenseitige Welt), sofern sie eine Jenseitswelt involviert (res supra-naturalia).“14

Für die konkrete Ausgestaltung von Apokalypsen konstatiert Hellholm drei Gruppen von Merkmalskombinationen. Diese sind textsyntaktisch-strukturelle, textsemantische und textpragmatische Differenzierungsmerkmale. Für die erste Gruppe sind Berichte von Himmels- bzw. Unterweltreisen, Traumvisionen, Thronvisionen, Richterszenen, Offenbarungsmonologe und -dialoge sowie Interpretationsgespräche typisch. Ebenfalls können Visionsberichte, Epiphanien und Gebete textsyntaktisch-strukturelle Funktion übernehmen. Hellholm weist zudem darauf hin, dass Apokalypsen die Merkmale Himmelreise und Visionsbericht miteinander verbinden können. Wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch gezeigt werden wird, sind alle genannten Differenzierungsmerkmale mehr oder weniger frei miteinander kombinierbar.

Auf der Ebene textsemantischer Differenzierungsmerkmale unterscheidet Hellholm drei Untergruppen. Die erste stellt eine Offenbarungshierarchie so genannter Agenten dar. Gemeint sind damit vor allem göttliche Gestalten oder Engel als jenseitige Offenbarungsvermittler oder aber irdische (meist pseudonyme) Gestalten aus der Vergangenheit als Übermittler und Verfasser der vertexteten Enthüllungen. Die zweite Untergruppe umfasst Enthüllungen temporaler Art, wie etwa:

„[die] Periodisierung der Geschichte in Weltalter mit Begründung der res futura aus der res historia; Prophezeiungen ex eventu; universalistische Eschatologie mit Endgericht und Auferstehung der Toten, Verurteilung und Weltuntergang samt Erlösung und Welterneuerung durch Erscheinen eines Erlösers [sowie] Geschichtsüberblicke in Futurform bezüglich des Ganzen der Weltgeschichte oder innergeschichtlichen Entwicklungen.“15

Die letzte Untergruppe textsemantischer Differenzierungsmerkmale umfasst nach Hellholm Enthüllungen spatialer Art. Gemeint sind hier vor allem:

„der Dualismus zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt; die Parallelität zwischen kriegerischen Entscheidungen auf makrokosmischer und mikrokosmischer Ebene [sowie] naturhafte Geschehnisse und gesellschaftliche Unordnung in dieser Welt. In späteren jüdischen und christlichen Apokalypsen verlagert sich der Schwerpunkt immer mehr von kosmischen Komplikationen auf solche innerhalb der Religionsgemeinschaft.“16

Allen Apokalypsen sind nach Hellholm die textpragmatischen Differenzierungsmerkmale gemein. Diese können sowohl generativer als auch finaler Art sein. „In unterschiedlichen Krisen- und Problemlagen wie Nöten, Bedrohungen und Kontroversen politischer, gesellschaftlicher und religiöser Art ergeben sich Voraussetzungen für die Entwicklung der apokalyptischen Gattung.“17 Laut Hellholm entstehen Apokalypsen als Antworten auf diese äußeren Reize. Finale Funktionen von Apokalypsen äußern sich meist in dreifacher Form durch „Einbringung von Lösungen irdischer oder kosmischer Probleme in Bezug auf Sinn und Zweck der Geschichte, [durch] Ermunterung und Trost für die Gerechten [sowie als] Aufforderung zur Umkehr bzw. Warnung.“18

Auf der Grundlage dieser Merkmalskombinationen ergibt sich aus der Sicht Hellholms eine klar gegliederte, syntagmatische Textstruktur. Apokalypsen beginnen demnach mit einer Orientierung. „[Sie] leistet die zeitliche Distanzierung zur aktuellen Kommunikationssituation. Die Asymmetrie in der Relation zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt ist für die Gattung der Apokalypse konstitutiv.“19 Der Orientierung folgt eine Komplikation. „Eine Geschichte wird erst erzählenswert und eine Apokalypse erzählungsbedürftig, wenn die Ausgangssituation sich durch ungewöhnliche Krisenund Problemlagen kompliziert.“20 Hellholm weist darauf hin, dass Komplikationen aus mehreren Textsequenzen bestehen können, „die z. T. unterschiedliche, z. T. parallellaufende Komplikationszyklen umfassen.“21 Den dritten Teil nimmt eine Evaluation ein:

„Um die aktuelle Bedeutung der Komplikation und ihrer Auflösung für den Leser/Hörer sichtbar werden zu lassen, sind Evaluierungssätze auf der Objekt- wie auf der Meta-Ebene notwendig. Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen internen und externen Evaluierungen und ihrem jeweiligen asymmetrischen Status; die internen durch angeli interpretes oder andere Gestalten aus dem Jenseits haben Vorrang vor den externen durch den Erzähler, d. h. hier den Übermittler/Verfasser aus dem Diesseits.“22

Der Evaluierung der Komplikation folgt eine Resolution. Hellholm betont, dass die Auflösung der Komplikation in Erzählungen meist in kurzen Textabschnitten vollzogen wird. In Apokalypsen nimmt die Resolution jedoch meist einen sehr langen Textteil ein:

„Besonders aufschlussreich ist die Art und Weise, wie Auflösungen in den Kommunikationsvorgang eingebettet sind; sie finden ihren Platz nämlich oft in Offenbarungsdialogen und -monologen (d. h. in Figurenrede höherer Ordnung). Auf diese Weise kommt die finale Funktion von jenseitiger Legitimierung und im Anschluss daran diejenige von Trost, Warnung bzw. Aufforderung an die Adressaten gegen Ende der Apokalypse zu ihrem vollen Ausdruck.“23

Beschlossen werden Apokalypsen durch eine Koda oder Moral, in der die Erzählung zur Ausgangssituation zurückkehrt. „Die Distanzierung zur Binnenerzählung (Orientierung) wird aufgehoben, und die jetzige text-externe Situation tritt wieder in den Vordergrund. Durch dieses Endsignal wird die Erzählzeit mit der erzählten Zeit verbunden.“24 Zusammenfassend gilt:

„Durch supranaturale Enthüllung mittels Himmelsreisen, Visionen und/oder Auditionen wird als göttlich autorisierte Botschaft mit Hilfe von Texten der literarischen Gattung Apokalypse den Adressaten kundgetan, dass trotz der Erfahrung des Bösen die göttliche Macht letztendlich siegen wird.“25

8 Zum Unterschied zwischen Apokalypse und Apokalyptik siehe auch: Bader 2003.
9 Brall-Tuchel 2007, S. 37.
10 Vgl. ebd.; Hellholm 1998, S. 585.
11 Hellholm 1998, S. 586; Alle biblischen Abkürzungen in dieser Arbeit folgen dem Abkürzungsverzeichnis des RGG.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd.
15 Ebd., S. 586f.
16 Ebd., S. 587.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd.
24 Ebd., Hellholms Bedeutungen der Termini Erzählzeit und erzählte Zeit weichen hier von der literaturwissenschaftlichen Bedeutung ab. Die Literaturwissenschaft definiert Erzählzeit als Dauer, die das Erzählen einer Geschichte benötigt und erzählte Zeit als Dauer, welche die Handlung einer erzählten Geschichte in Anspruch nimmt. Bei Hellholm meint Erzählzeit hingegen die Zeit in der die Geschichte erzählt wird, während erzählte Zeit die Zeit in der die Geschichte spielt meint. (Bzgl. der literaturwissenschaftlichen Definitionen vgl. Auerochs, 32007, S. 208, 209).
25 Ebd.

Architekturen der Apokalypse. Über Stadträume und Endzeitvisionen in der Literatur

4. April 2013

Bisher hat meine Master-Abschlussarbeit in einer Datei auf meinem Rechner geschlummert. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit und Arbeit in darin investiert habe, finde ich das ziemlich schade. Darum habe ich mich entschieden die Arbeit in den nächsten Tagen kapitelweise zu bloggen. Los geht’s heute mit der Einleitung und dem Literaturverzeichnis, damit ihr, falls ihr das wirklich lesen solltet, wisst woraus ich zitiere.

Da ich den fertigen Text leider nur noch als pdf vorliegen habe, könnte die Formatierung auf wordpress manchmal etwas komisch aussehen (vor allem was Fußnoten betrifft). Sorry dafür, aber das werde ich nicht nochmal alles umfummeln. Als entschädigenden Service versuche ich aber ein paar nützliche, interessante und hilfreiche Links in den Text zu fügen.

Vielleicht kann der ein oder andere meine Gedanken ja gebrauchen.

Leider ist der Stil der Arbeit recht akademisch. Würde es ein populärwissenschaftlicher Essay sein, wäre der Text sicher etwas angenehmer zu lesen.

Eingereicht wurde die Arbeit übrigens am 23. August 2011 am Institut für Komparatistik der Universität Leipzig und mit der Gesamtnote 1,5 bewertet (was immer das heißen mag).

***

1. Einleitung
Für den 21. Mai 2011 hatte der US-Prediger Harold Camping den Weltuntergang prophezeit.1 Der anhand von Bibelversen angeblich exakt berechnete Termin fand unter anderem auf Plakaten Verbreitung, die mit dem „Gütesiegel“ the bible guarantees it versehen waren (Abb. 1). Laut Camping sollte eine Reihe von Erdbeben den gesamten Globus erschüttern und zerstören. Die Jünger des Predigers glaubten fest an die Prophezeiung und trugen die Botschaft in die Welt. Passiert ist am 21. Mai jedoch nichts. Wie schon bei seiner Prognose für das Jahr 1994 lag Harold Camping falsch. Damit reiht er sich in eine lange Liste von Propheten des Jüngsten Gerichts ein, deren Ankündigungen sämtlich nicht eintrafen.

Das Ereignis war dennoch nicht uninteressant, veranschaulichte es doch die Faszination, die ein mögliches Ende der Welt auf die Menschheit ausübt. Diese Faszination ist keine moderne oder gar gegenwärtige Erscheinung. Vorstellungen vom Weltuntergang gibt es seit jeher in allen Kulturen der Erde und viele davon wirken bis in die Gegenwart hinein. Für die apokalyptischen Vorstellungen des Abendlandes war keine Schrift so prägend wie das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Der literarische Charakter, der sich vor allem in einer eindrucksvollen Bildlichkeit äußert, wirkt bis heute auf die Kunst der so genannten „westlichen Welt“. Deutlich wird das vor allem anhand des relativ homogenen Repertoires an Untergangsmotiven, auf welches in zahlreichen apokalyptischen Werken zurückgegriffen wird. Erdbeben, Regenstürme und Überschwemmungen zählen genauso dazu wie etwa Seuchen, Kriege und Hungersnöte. In den modernen, zumeist säkularen Umdeutungen der Offenbarung kommt das Moment der politischen und wirtschaftlichen Instabilität hinzu.

Bei den hier geführten Betrachtungen wird zu untersuchen sein, wie die Offenbarung des Johannes auf die Literatur des 20. Jahrhunderts gewirkt und welche Umdeutungen der Text bei seiner Rezeption erfahren hat. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Rolle von Städten und Gebäuden innerhalb der verschiedenen Untergangsvisionen gerichtet. Denn gleich welcher ideen- und kulturgeschichtlichen Tradition apokalyptische Kunstwerke entstammen, fast alle haben das Motiv stürzender oder neu erstehender urbaner Strukturen gemein. Die Rolle der Großstadt als apokalyptischer Ort wurde von der Forschung bisher vor allem hinsichtlich expressionistischer Literatur untersucht. Mit Alfred Kubins Roman Die andere Seite (1909) [empfehlenswerte Ausgabe] soll im Rahmen dieser Arbeit ein Text untersucht werden, der maßgeblich auf die Schriftsteller des Expressionismus gewirkt hat. Zudem wird mit In the Country of Last Things (1987) von Paul Auster ein Roman betrachtet werden, der die Großstadt als apokalyptischen Ort der Postmoderne gestaltet.

Wolfgang Braungart betont, dass „Architektur Zentrum und Bedingung des utopischen Entwurfs [bildet]“2 und begründet dies mit der „apokalyptischen Himmelsstadt“ aus der Offenbarung, welche „die Bedingungen des kommenden neuen Lebens in einem räumlichen, architektonischen Ordnungssystem [konkretisiert].“3 Nach dem modernen Apokalypseverständnis ist jedoch vor allem der Zerfall dieses Ordnungssystems von Interesse. „Einstürzende Gebäude, brennende und zerstörte Städte und Ruinen gehören zum festen Bestand der Ikonographie der Apokalypse.“4 Vor allem Ludwig Meidners (1884–1966) Bilder brennender Städte werden in diesem Zusammenhang stets gern als Beispiel genannt. Heute dürften es jedoch vor allem Roland Emmerichs Katastrophenfilme wie Independence Day (1996), The Day After Tomorrow (2004) oder 2012 (2009) sein, welche die Vorstellungen von der untergehenden Stadt prägen.

Dass ausgerechnet die Großstadt immer wieder als Zentrum apokalyptischer Texte fungiert, ist keineswegs ein Zufall. Sie gilt als „Inbegriff menschlicher Zivilisation“ und ihr Untergang steht metaphorisch für das Ende der Menschheit.5 Wie wichtig Architektur als Fixpunkt für die menschliche Zivilisation ist, wird deutlich, wenn Braungart auf biblische Leitmetaphern wie das Haus des Vaters oder das Weltgebäude verweist.6 Sie künden davon, wie eng das Bewusstsein der eigenen Existenz nicht nur an das von Menschenhand Gebaute, sondern auch an dessen metaphorische Kraft geknüpft ist. In säkularen Apokalypsen wird daher die Ruine zu einem wichtigen Doppelsymbol, welches sowohl von der Zerstörung als auch von der einstigen Größe der Zivilisation zeugt. Hierin unterscheidet sie sich evident von der biblischen Apokalypse, welche ein melancholisches Zurückblicken, ein Trauern nach dem Alten nicht kennt.

1 Heil, Christiane – Und wieder kein Weltuntergang: „Wir sind alle ziemlich enttäuscht“ (FAZ.net, 22. Mai 2001 – letzter Zugriff am 24. Juni 2011).
2 Braungart 1991, S. 68.
3 Ebd., S. 67.
4 Ebd., S. 68.
5 Ebd., S. 73.
6 Ebd., S. 77.
7 Ebd., S. 80.

Literatur

a) Primärliteratur

Auster, Paul – In the Country of Last Things. [1987] London: Faber and Faber, 2005.

Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Mit Apokryphen. In der revidierten Fassung von 1984. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 82010.

Derrida, Jacques – Apokalypse: Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie. No Apocalypse, not now. Aus d. Franz. von Michael Wetzel. Hrsg. v. Peter Engelmann. Graz/Wien: Böhlau, 1985.

Enzensberger, Hans Magnus – Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang [1978] in: Ders. – Nomaden im Regal. Essays. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003.

Kubin, Alfred – Die andere Seite. [1909] Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Nachwort von Josef Winkler. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009.

Simmel, Georg – Die Großstädte und das Geistesleben. [1903] in: Ders. – Individualismus in der modernen Zeit: und andere soziologische Abhandlungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Otthein Rammstedt. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008. S. 319 – 333.

b) Sekundärliteratur

Auerochs, Bernd – Erzählte Zeit. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 208.

Auerochs, Bernd – Erzählzeit. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 209.

Aune, David E. – Johannes-Apokalypse/Johannesoffenbarung. (I. Exegetisch) in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Hg. v. Hans-Dietrich Betz u.a., 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Mohr Siebeck, 2001. (=Bd. 4) S. 540 – 547.

Bader, Günter – יהוה b בונה ירושל Ædificans Hierusalem Dominus: Über die Weise der Herabkunft der himmlischen Stadt in der Apokalypse. in: Maria Moog-Grünewald und Verena Olejniczak Lobsien (Hrsg.) – Apokalypse: Der Anfang im Ende. Heidelberg: Winter, 2003. S. 1 – 13.

Becker, Sabina – Urbanität und Moderne: Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 – 1930. St. Ingbert: Röhrig, 1993

Braungart, Wolfgang – Apokalypse und Utopie. in: Kaiser, Gerhard R. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 63 – 102.

Böcher, Otto – Johannes-Offenbarung und Kirchenbau: Das Gotteshaus als Himmelsstaat. Osfildern: Patmos, 2010.

Brall-Tuchel, Helmut – Apokalypse. in: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf u.a., 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2007. S. 37.

Clauss, Manfred – Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich. Stuttgart/Leipzig: Teubner, 1999.

Freund, Winfried/Lachinger, Johann/Ruthner, Clemens (Hrsg.) – Der Demiurg ist ein Zwitter: Alfred Kubin und die deutschsprachige Phantastik. München: Fink, 1999.

Geyer, Andreas – Träumer auf Lebenszeit: Alfred Kubin als Literat. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 1995.

Hellholm, David – Apokalypse. (I. Form und Gattung) in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Hg. v. Hans-Dietrich Betz u.a., 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Mohr Siebeck, 1998. (=Bd. 1) S. 585 – 588.

Herzogenrath, Bernd – Living on the Edge: In the Country of Last Things. in: Lienkamp, Andreas u.a. (Hg.) – “As strange as the world”: Annäherung an das Werk des Erzählers und Filmemachers Paul Auster. Münster: LIT, 2002. S. 63 – 75.

Hewig, Anneliese – Phantastische Wirklichkeit: Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. München: Fink, 1967.

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Kaiser, Gerhard R. – Apokalypse: Verstreute Bemerkungen zur Einleitung. in: Ders. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 7 – 31.

Kanz, Christine – Die literarische Moderne (1890 – 1920). in: Deutsche Literaturgeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Von Wolfgang Beutin u.a. Siebte, erweiterte Auflage mit 545 Abbildungen. Stuttgart/Wweimar: Metzler, 2008. S. 342 – 386.

Kesting, Marianne – Warten auf das Ende: Apokalypse und Endzeit in der Moderne. in: Kaiser, Gerhard R. (Hg.) – Poesie der Apokalypse. Würzburg: Könighausen und Neumann, 1991. S. 169 – 183.

Krämer, Katrin – Walking in Deserts, Writing out of Wounds: Jewishness and Deconstruction in Paul Auster’s Literary Work. Heidelberg: Winter, 2008

Price, Simon R.F. – Rituals and power: the Roman imperial cult in Asia Minor. Cambridge u.a.: Cambrige University Press, 1998.

Scherpe, Klaus R. (Hg.) – Die Unwirklichkeit der Städte: Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Reinbek: Rowohlt, 1988.

Springer, Carsten – Crisis: The Works of Paul Auster. Frankfurt/Main u.a.: Lang, 2001.

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Vondung, Klaus – Die Apokalypse in Deutschland. München: dtv, 1988.

Wengst, Klaus – „Wie lange noch?“: Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes. Stuttgart: Kohlhammer, 2010.

Würzbach, Natascha – Raumerfahrung in der klassischen Moderne: Großstadt, Reisen, Wahrnehmungssinnlichkeit und Geschlecht in englischen Erzähltexten. Trier: WVT, 2006.

c) Elektronische Medien

Piper, O. A. – Johannesapokalypse. in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Hg. v. Kurt Galling u.a. Ungekürzte elektron. Ausg. der 3. Aufl., Berlin: Directmedia Publ., 2000. Bd. 3, S. 822 – 835.
[http://www.bibliothek.uni-regensburg.de/dbinf/frontdoor.php?titel_id=447 – Permalink]

c) Onlinequellen

Buck, Sebastian – Die Verfolgung von Christen von Nero bis Diokletian.
[http://www.basiswissen-christentum.de/de/theme/christenverfolgung.html – 17.08.2011]

Gruber, Peter – „Gott spricht durch mich“: Bushs göttliche Eingebungen. Focus Online, 09.10.2005 [http://www.focus.de/politik/ausland/gott-spricht-durch-mich_aid_100097.html – 20.07.2011]

Heil, Christiane – Und wieder kein Weltuntergang: „Wie sind alle ziemlich enttäuscht“. FAZ.net, 22.05.2011
[http://www.faz.net/artikel/C30176/und-wieder-kein-weltuntergang-wir-sind-alle-ziemlichenttaeuscht-30337869.html – 24. 06. 2011]

Der Boxeraufstand. LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online des Deutschen Historischen Museums u.a. [http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/aussenpolitik/boxeraufstand/index.html – 20.07.2011]

Abkürzungsverzeichnis

Apk = Johannes-Apokalypse (Offenbarung des Johannes)
2Bar = 2. Buch Baruch (Pseudepigraphie)
4Esr = 4. Buch Esra (Pseudepigraphie)
Ex = Exodus (= 2. Buch Mose)
Ez = Ezechiel (Hesekiel)
Gen = Genesis (= 1. Buch Mose)
Jer = Jeremia
Jes = Jesaja
Mk = Markusevangelium
Mt = Matthäusevangelium
1Petr = 1. Petrusbrief
SibOr = Sibyllinische Orakel


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