Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

Besser Scheitern

18. Januar 2015

Der meistfotografierte Schriftsteller der Welt ist wahrscheinlich auch einer der meistzitierten. Es gibt wohl kaum Literaturinteressierte, denen Becketts Postulat vom „besseren Scheitern“ noch nicht begegnet ist. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“ Worte, die nach einer Niederlage aufbauend und höhnisch zugleich klingen, die zu einem neuen Versuch ermutigen, obwohl das erneute Scheitern vorprogrammiert ist. Ein Paradox, das nicht allein dem Beckettschen Denken eigen ist.

Der dänische Literaturwissenschaftler Jesper Juul (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, ebenfalls dänischen Familientherapeuten) widmet seine Arbeit vor allem der Erforschung von Videospielen. Im Zuge dessen veröffentliche er das Buch Die Kunst des Scheiterns, das sich, wie der Untertitel verrät, mit der Frage beschäftigt: Warum wir Videospiele lieben, obwohl wir immer verlieren. Und obwohl das erst einmal nach der Rechtfertigung eines Nerds zum Zocken klingt, wie es auch der Klappentext suggeriert, haben Juuls Betrachtungen einiges mit Beckett zu tun.

Die komplette Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Die andere Seite der Moral

7. Januar 2015

Die schwindende Präsenz eines ernstzunehmenden Wissenschaftsfeuilletons in den großen Tageszeitungen hat vielleicht dazu beigetragen, dass ein gewisser Rechtfertigungsdruck zum Dauerbegleiter der Geistes- und Sozialwissenschaften geworden ist. Am Beispiel der Soziologie sprach die Schweizer Autorin Daniela Kuhn in der NZZ unlängst von einer „überforderten Wissenschaft“, die zu aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Fragen außerhalb der Fachwelt kaum mehr Stellung beziehen kann. Woran das im Einzelnen liegt, wird in Kuhns Artikel anhand von Aussagen des Basler Soziologieprofessors Max Bergman analysiert.

Doch gleich, zu welchen Ergebnis man bei der Ursachenforschung dieser Sinnkrise auch kommen mag, eines scheint festzustehen: es gab diese Zeit, in der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf Ereignisse und Phänomene der Gegenwart reagiert haben und versuchten, diese einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. So zum Beispiel der weltweit vielleicht bekannteste Sozialanthropologe Claude Lévi-Strauss, der zwischen 1989 und 2000 in sechzehn Artikeln für die italienische Tageszeitung La Repubblica genau das tat. Mit dem Band Wir sind alle Kannibalen erscheinen diese gesammelten Artikel nun erstmals auf Deutsch. Der darin enthaltene Text Gesellschaftliche Probleme: Weibliche Beschneidung und assistierte Reproduktion (Erstdruck 1989) zeigt dabei gleich in mehrfacher Hinsicht, dass die Ausführungen des Franzosen auch heute noch überaus aktuell sind.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Wir und die anderen

19. November 2014

Inspiriert von Jorge Luis Borges‘ Einhorn, Sphinx und Salamander: Das Buch der imaginären Wesen hat der britische Schriftsteller und Journalist Caspar Henderson in vierjähriger Arbeit ein „unglaubliches Bestiarium“ zusammengestellt, das jedoch, wie der Titel verrät, ausschließlich Wahre Monster enthält. Dass darin auch der Mensch mit einem eigenen Kapitel vertreten ist, überrascht weniger als der Erhaltungsstaus, den Henderson unserer Art zuspricht: nicht gefährdet. Aus rein biologischer Sicht mag das stimmen. Doch wie soll die Spitze der Nahrungskette überleben, wenn seine übrigen Glieder verschwinden?

In 27 Kapiteln von Axolotl bis Zebrabärbling gibt Henderson diese und andere Fragen um die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten zu bedenken. So wird von Beginn an klar, dass es sich bei seinem Buch um weitaus mehr handelt als eine animalische Freakshow. Denn jedes Kapitel ist zugleich ein Essay, der versucht zu verdeutlichen, in welchem Verhältnis der Menschen zu dem jeweils vorgestellten Tier steht und was wir aus diesem Verhältnis für die Zukunft lernen können. Das mag zunächst sehr moralisierend klingen, doch Henderson schafft es, ein Bewusstsein für Flora und Fauna zu schaffen, das ohne den gefürchteten Zeigefinger auskommt. Vielmehr geht es Henderson darum, Kooperation als einen essentiellen Bestandteil der Evolution anzuerkennen.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Expedition ins Tierreich

1. November 2014

Schon als Kind habe ich zusammen mit meinem Vater unzählige Natur- und Tierdokumentationen gesehen. Eine Begeisterung die bis heute ungebrochen ist. Manchmal sehe ich Dinge in Dokus, die mich so sehr begeistern, dass sie sehr lange in meinem Kopf nachhallen und eventuell sogar zur Grundlage von Textideen werden können. Meine aktuellen Top-3-Phänomee aus dem Tierreich:

Platz 3 – schlafende Pottwale

Platz 2 – eine Spinne baut sich einen Scheckenhausaufzug

Platz 1 – seht selbst…

Kritische Ausgabe #27

29. Oktober 2014

Die neue Kritische Ausgabe zum Thema „Arbeit“ ist da. Darin enthalten ist auch meine Kurzgeschichte Miasma.

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Zweiter Nachtrag zu „In Paris“

3. Juli 2014

Walter Benjamin hat […] zwischen Erlebnissen (die episodisch sind) und Erfahrungen (die uns prägen, die sich mit unserer Identität und Geschichte verbinden und für diese relevant sind, die uns berühren oder verändern, wer wir sind) unterschieden. Das moderne Leben tendiere seines Erachtens dazu, erlebnisreich, aber erfahrungsarm zu sein. Der Unterschied zwischen beiden läßt sich leicht nachvollziehen, wenn Sie Ihre Erinnerung konsultieren. Benjamin zufolge benötigen wir Souvenirs als gleichsam externe Erinnerungsspuren, um diese bloß episodischen Erlebnisse zu erinnern, während wir echte Erfahrungen niemals vergessen würden.

Hartmut Rosa – Beschleunigung und Entfremdung

Über die Zukunft der Literaturwissenschaft

3. Juni 2014

Während meines Studiums hatte ich bereits mit seinem Schiller-Buch gearbeitet. Als ich kürzlich Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft las, fiel mir eine alter Gedanke wieder ein. Germanistikstudenten sollten nicht nur Rüdiger Safranski lesen, sondern auch lernen wie er zu arbeiten! So bestünde zumindest ansatzweise die Chance, dass sich das Fach von der theorielastig-verkopften Nerdwissenschaft, die sie teilweise(!) geworden ist, zu einer Populärwissenschaft im allerbesten Sinne des Wortes entwickelt. Denn Safranski ist immer fundiert, reflektiert und in seiner Quellenarbeit genau, weil er nicht aus hunderten vorangegangener Studien wiederkäut, paraphrasiert oder abschreibt. Und trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs verliert er nie den Leser aus den Augen, bleibt, gerade weil es ihm um die Vermittlung von Kultur- und Ideengeschichte geht, immer einfach zu lesen.

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Nun will ich hier nicht über den Sinn und Unsinn der Literaturwissenschaft als solcher diskutieren. Und natürlich haben die theoretischen Reflexionen und Textwerkeleien mit bewährten Werzeugen wie Barthes, Foucault und Co. ihre Berechtigung. Wenn die Arbeit der Master- und Doktorandenkolloquien sich jedoch darin erschöpft, dass man sich gegenseitig versichert wie „spannend“ und wichtig man die genannten Herren findet, entfernt man sich nicht nur von seinem eigentlichen Gegenstand, sondern auch von der Gegenwart (und schließlich von der Welt „da draußen“).

Dass ich im Zuge meiner Auseinandersetzungen mit den Manifesten für eine Literatur der Zukunft eher die Geschichte als die Theorie fokussiere, um in der Zeit voranzukommen, überrascht dabei sicher nicht. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Geert Buelens‘ Europas Dichter und der Erste Weltkrieg verdeutlicht mir einmal mehr die essentielle Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und schließlich die Gestaltung der Zukunft. Daraus vllt. nur dieses indirekte Zitat des ungarischen Dichters Endre Ady, mit dem Wissen um den Ausgang der diesjährigen Europawahl: „Aber wenn man schon weiterhin in der Vergangenheit schwelgen wolle, solle man sich besser ein Beispiel am ruhmreichen Transsilvanien nehmen – jener multikulturelle Staat habe die europäische Kultur angenommen, Kunst und Wissenschaft erblühen lassen und religiöse Tolerenz zu einem Zeitpunkt entwickelt, als ‚am Rhein das große Kulturvolk‚ noch Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannte.“

Die Vermittlung der Geschichte ist also der erste Schritt in Richtung Zukunft. Safranski setzt in seinen Büchern auf einen Mischton aus Erzählung und Essayistik. Er hält sich strikt an die Fakten, vermittelt sie jedoch wie einen Roman. Das führt nicht nur dazu, dass man die Haltungen und Positionen der großen Weimarer Klassiker besser versteht. Es hat auch zur Folge, dass der ehrfurchtgebietende Sockel der beiden insofern eingeebnet wird, als dass man sich wieder an die Originaltexte traut. Safranskis Methode führt also auch zum Lesen hin, was zwar banal klingt, aber selbst vielen Germanisten (und hier spreche leider aus Erfahrung) inzwischen nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

All das setzt natürlich voraus, dass man sich für Kunst, Kultur und Geistesgeschichte interessiert – wozu man ja niemanden zwingen kann. Man kann den „gebildeten Laien“ (so wenig ich diesen Ausdruck mag) aber zu einem Interesse ermutigen, ihm zumindest ein Angebot machen, indem man aufzeigt, dass Goethe und Schiller durchaus nicht so unerreichbar und schwer verständlich sind, wie es der Deutschunterricht oder die Fachliteratur uns einmal weismachte.

Es geht also nicht darum die Existenz der Literaturwissenschaften in Frage zu stellen, wie das leider viel zu oft der Fall ist, sondern darum, seitens der Wissenschaft einen Schritt aus dem akademischen Umfeld heraus, und somit auf eine größere Leserschaft zu zumachen. Dass das funktionieren kann, beweist Safranski. So würde sich meiner Ansicht nach nicht allein die Frage erübrigen, welchen Nutzen die Literaturwissenschaft heute noch hat; Germanistikstudenten würden dann vllt. auch weniger verlegen antworten müssen, wenn ihnen auf Partys und Familienfeiern die Fragen gestellt wird: „Und was macht man dann damit?“

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Noch einmal Francis Nenik

15. Mai 2014

Für mich ist das Entscheidende an Francis Neniks Text seine Form bzw. sein Verfahren; ich könnte auch sagen „sein Trick“, aber das wäre nicht richtig, weil gute Literatur nicht eigentlich mit Tricks arbeitet. Was Nenik in Geschichten aus der Geschichte der Literatur der Zukunft tut, ist eine Bemächtigung der Geschichte mit den Mitteln des Essays. Nenik schreibt von verschiedenen, vermeintlich historischen Figuren, die über die Jahrhunderte versucht haben sich der Frage anzunähern worin nun eigentlich die Zukunft der Literatur besteht. Allen voran lernte ich so den „aus Jena stammende[n] und im Botanischen Garten der Stadt tätige[n] ‚Sämereyencatalogisirer‘ Johann Gottfried Hebelmann“ kennen, der sich 1798 „die künftige Poesie als einen Thurm aufeinandergestapelter Igel“ vorstellte.

Wie kam Hebelmann darauf? Er schnitt die poetologischen Athenaeums-Fragmente aus der gleichnamigen Zeitschrift der Gebrüder Schlegel aus, die ihrerzeit die Speerspitze der deutschen Frühromantik in Jena waren. Diese Ausschnitte spickte er auf die Rücken von Igeln, die er unter einem Vorwand eigens dafür in der Stadt zusammensammeln ließ. Doch Hebelmann fehlt „die Einheit in den Fragmenten“ und erkennt: „Die einzige Möglichkeit, die Igel zu verbinden, ohne den Charakter des Fragments aufzugeben, ist es, die Spitzen des einen ins Bauchfleisch des anderen zu rammen.“ Als Goethe von Hebelmann erfuhr und ihn daraufhin besuchte, blieb dem Geheimrat nichts anderes übrig, als den Botaniker für verrückt zu erklären.

Was Nenik hier macht ist für eine zukünftige Literatur in mehrfacher Hinsicht interessant. Obwohl sein Text inhaltlich eindeutig historisch bzw. historisierend vorgeht, funktioniert er auf sprachlicher Ebene hochaktuell. Als satirisch-fingierter Essay kennt Neniks Text keine Trennschärfe mehr zwischen Fakt und Fiktion. Das ist insofern bedeutend, als dass der Essay in der Literaturwissenschaft größtenteils immer noch als rein faktuale, und vor allem im angloamerikanischen Raum als wissenschaftliche Gattung angesehen wird, während Konzepte wie der Tatsachenroman längst zum Kanon literarischer Formen gehört. Die Vermischung von Fakt und Fiktion ist auf der Ebene des Essays also eine Besonderheit, vor allem dann, wenn sie, wie bei Nenik, nicht unbedingt im ersten Lesen deutlich wird (weswegen ich in meinem ersten Beitrag noch nichts zum Inhalt geschrieben habe – ich wollte nicht spoilern). Nenik behält von Anfang bis Ende einen Sachtextton bei, der mit (ebenfalls fingierten) Zitaten, Querverweisen und Fußnoten untermauert wird. Die Quellenangaben belegen jedoch nicht die Faktizität, sondern widerlegen sie geradezu, weil man mit nur wenig Rechercheaufwand erfährt, dass es keinen Johann Gottfried Hebelmann gab. Somit wird der wissenschaftlichen Textform ihre Verlässlichkeit genommen.

Doch Neniks Text ist nicht nur eine Abkehr von der tradierten Trennung von Fakt und Fiktion, sondern auch eine Absage an ebenso tradierte rhetorische Figuren, wie in dem hier wiedergegebenen Fall: die Metapher. Nenik tritt den bildhaften Igelturm um, indem er analytisch erklärt wie dieses Bild überhaupt zustande kam. Kaum jemand wird danach sagen „Ah, interessant. So war das also gemeint.“, sondern (und hier denke ich an Wolfram Lotz‘ Liste Fusseln) eine „Unerwiderte Zuneigung zu Igeln“ empfinden.

Neniks Geschichtsessay ist also eine Fiktion, die auf inhaltlicher Ebene u.a. mit satirischen Mitteln unterhält. Auf sprachlicher und formaler Ebene ist er aber hochmodern, weil er sich weder auf Genregrenzen, noch auf sprachlichen Traditionen ausruht, sondern neue Wege geht und damit progressiv ist. Sein Hinterfragen ist gleichzeitig ein produktives Zerstören, denn ich halte den fingierten Essay, der der Geschichte (und damit der Welt) seine eigenen Regel aufzwingt für eine DER Formen der zukünftigen Literatur.

This is the end

2. März 2014

Allen Freunden der Apokalyptik sei die neue Kritische Ausgabe #26 anempfohlen. Darin fast ausschließlich Beiträge zum Thema „Ende“ inkl. eines Aufsatzes von mir zum Konzeptalbum Year Zero von Nine Inch Nails. Ab sofort vorbestellbar, voraussichtlicher Erscheinugstermin ist der 15.3.2014.

Schreiben als Kulturtechnik

15. September 2013

Sind es die Dinge, die man als gegeben ansieht, oder eben nicht mehr ansieht, weil man sie als gegeben hinnimmt, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigen sollte? Ja, unbedingt! Damit ist allerdings nicht der Strom auf Knopfdruck oder fließendes Wasser aus Leitungen gemeint, obwohl diese zweifelsohne zu den bedeutendsten kulturellen Errungenschaften gehören, die heute als selbstverständlich erachtet werden. Gemeint sind vielmehr kognitive Entwicklungen, wie das Denken, die Sprache und schließlich die Schrift. Diese rückte gemeinsam mit dem Prozess ihrer Entstehung, dem Schreiben, in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Fokus interdisziplinärer Forschung. Gemeint ist damit durchaus die Gesamtpalette von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Da erscheint es nur folgerichtig, dass mit Sandro Zanetti ein Komparatist die Herausgeberschaft einer Sammlung von Grundlagentexten auf sich genommen hat, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven heraus mit dem Phänomen Schreiben als Kulturtechnik beschäftigen.

Zanetti, der sich selbst schwerpunktmäßig mit der Genealogie des Schreibens befasst, spricht in seiner Einleitung vom Schreiben als einer kulturell vorgeprägten Technik, die sich jedoch nicht in der Reproduktion kulturspezifischer Vorgaben erschöpft. „Schreiben ist eine Technik, durch die Kultur ihrerseits geprägt wird: Ein kulturelles Gedächtnis, ja Kultur überhaupt kann sich ohne Praktiken der Aufzeichnung nicht längerfristig etablieren.“ In diesem Sinne weist das Schreiben auch über den bloßen Akt der Aufzeichnung hinaus und schließt Akte des Erinnerns, Erfahrens und des Wissens mit ein, die organisiert, artikuliert und produziert werden müssen. Die Realisierung all dieser Prozesse wird in den versammelten Texten eingehend untersucht und dargestellt. Dabei leistet der Band nicht nur einen ethno- und historiographischen Überblick über die Entwicklung der Schrift von den Urvölkern bis ins Internetzeitalter, sondern gibt grundlegende Einblicke in die methodische Erforschung des Schreibens als Akt bzw. Prozess.

Interessant ist hier vor allem der Aufsatz von Almuth Grésillon Über die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben (1995). Ausgangspunkt der Arbeit Grésillons ist die Kritik an der schreibdidaktischen Annahme, ein Schreibprojekt stelle für den Schreiber ein zu lösendes Problem dar. Dieses der Psychologie entlehnte „Problemlösemodell“ versteht den komplexen Akt des Schreibens als in Teilprozesse zerlegbar, die „ihrerseits durch kognitive Prozesse gesteuert werden“. Grésillon lehnt eine solche Analyse des Schreibprozesses nicht grundsätzlich ab, macht aber auf die terminologische wie methodische Verwässerung des Modells aufmerksam, wenn dieses Tagebuchnotizen und wissenschaftliche Abhandlungen gleich behandle. Daher sollte stets der Versuch unternommen werden, Schreibprozesse „anhand experimentell kontrollierter oder materiell abgesicherter Spuren und Indizien“ wissenschaftlich erfassbar zu machen. Nicht zuletzt die Quantenphysik hat jedoch bewiesen, dass Versuchsanordnungen immer auch in den zu untersuchenden Prozess eingreifen. Grésillon weiß um dieses Problem und gibt zudem zu bedenken: „Die derzeitige Lage scheint verzerrt durch Überbewertung didaktisch orientierter, als Problemlösefälle darstellbarer Prozesse. Dagegen werden Arbeiten zu literarischen Schreibprozessen weitgehend ignoriert oder ausgeklammert, obwohl diese über sonst selten so reich dokumentierte Schreibspuren verfügen.“ Spuren und Hinweise also, die frei von verfälschenden Versuchsanordnungen entstanden sind. Die Kritik der Unvereinbarkeit von didaktisch orientiertem und kreativem Schreiben weist Grésillon zurück. „So wie Jakobson seine Aphasieuntersuchungen anstellte, um die Regularitäten der Sprache zu entdecken, so wie Freud das Versprechen, Verlesen und Verschreiben untersuchte, um die Gesetzlichkeiten des Unbewußten auf die Spur zu kommen, ebenso läßt sich die Hypothese aufstellen, daß man gerade über extrem komplexe, ja in gewissem Sinn anormale Schreibprozesse wie die der Literatur sich am ehesten einem generellen Schreibprozeßmodell annähern könnte.“ In den Analysen verschiedener Manuskripte und Dokumente von Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Emile Zola und Franz Kafka unterscheidet Grésillon nachvollziehbar in Schreiber, die literarische Teilprozesse entweder schriftlich, gedanklich oder gar nicht planen. Demnach kann das Schreiben in mehr oder minder rationalisierbare Prozesse unterteilt werden, die sich nicht allein aus der Inspiration speisen und somit didaktisch zu vermitteln sind.

Mittendrin in der Erforschung literarischer Schreibprozesse ist auch Davide Giuriato, auch wenn sein Fokus mehr auf medienhistorischen Entwicklungen liegt. In seinem Aufsatz Maschinen-Schreiben (2005) folgt er dem von Rüdiger Campe vorgeschlagenen Begriff der „Schreibszene“, welcher die Instrumentalität, die Geste und die Thematisierung bzw. Inszenierung des Schreibens zueinander in Beziehung setzt. Besonderes Augenmerk legt Giuriato auf die Besessenheit mancher Schriftsteller von ihren Schreibgeräten. So feierte Alfred Polgar die Schreibmaschine 1922 mit folgenden Worten: „Geist, Phantasie, Einfall: alles recht gut. Aber wichtiger ist die Schreibmaschine. Mit ihrer Hilfe geht alles Dichten zwanzigmal so schön. Bleistift und Feder sind totes Material. Es genügt leider nicht, sie in die Hand zu nehmen und übers Papier laufen zu lassen, damit sie schreiben. Man muss sie zu Lettern und Worten zwingen.“ Infolgedessen ist die Schreibmaschine für Polgar eine regelrechte Dichtermaschine, die den Schriftsteller in letzter Konsequenz nur noch als in Gang setzendes Medium braucht. Diese Ansicht gleicht nicht nur dem alten Mythos der Bildhauerei, demnach der Künstler die Skulptur nur aus dem Stein befreien müsse, sie ebnet auch einer Technik den Weg, die spätestens mit den französischen Surrealisten als „écriture automatique“ bekannt werden sollte. Zudem ist sie aber auch die Einsicht in einen, durch technischen Fortschritt bedingten, kulturellen Paradigmenwechsel. Das Zeitalter der standardisierten Serienproduktion, das um 1900  beginnt, stellt das Prinzip „Autorschaft“ radikal in Frage. Bevor jedoch die endgültige Emanzipation des Textes von seinem Schreiber (etwa durch Roland Barthes) gefeiert werden kann, führt die Einführung der Schreibmaschine zu einem Diskurs, der sich unter anderem um die Begriffe Individualität, Authentizität, Defekt und Aura dreht. Was Walter Benjamin für die bildende Kunst durch seine Abhandlung Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit (1935) verdeutlichte, schaffte Sigfried Kracauer (im Dialog mit Benjamin) für die Literatur. Sein Text „Das Schreibmaschinchen“ von 1927 erzählt von der obsessiven Beziehung eines Schreibers zu seiner Schreibmaschine. Diese wird durch den Defekt einer Taste, der durch einen dritten behoben werden muss, empfindlich, letztendlich komplett gestört. Der Defekt, der das Serielle zu einem Individuum macht, lässt nur den Kurzschluss zu, dass es sich bei dem individuellen Schreiber um einen Maschinendefekt handelt. Was beweist das aber? Für Benjamin, der wie Kafka und viele andere Zeitgenossen auch, die Schreibmaschine ablehnte, von seinem Füllfederhalter jedoch ebenso besessen war, gilt: „Über den durch das Zeitalter der Maschinenschrift hervorgetretenen Verlust an Authentizität und Individualität artikuliert die Handschrift ganz im Zeichen dieses Selbstverlustes ihr eigenes Werden als je individuelle Tätigkeit.“ (Giuriato) Vom Begriff der „Aura“ ist dies nicht allzu weit entfernt und Benjamin ist sich sicher: „Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht.“

Die essentielle Wichtigkeit medienhistorischer Entwicklungen für das Schreiben in der Moderne wird auch von Friedrich Kittler deutlich herausgestellt. Kittler, der immer noch als eine Art Gottvater der literaturhistorischen Medientheorie gilt, legt anhand eines beeindruckenden Essays die Bedeutung der Kunsterziehungsbewegung um 1900 als Grundstein des modernen Romans in Gestalt von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) dar. Die Kunsterziehungsbewegung plädierte für eine Befreiung des klassischen Schulaufsatzes aus dem tradierten didaktischen Korsett hin zu einer freien Entfaltung der Themen und Sprache der Schüler. „Dialekt und Kindersprache, vordem abzustellende Unsitten, hießen mit einemmal Begabungen, denen gegenüber die Hochsprache deutscher Dichtung zum nie gesprochenen Sonderfall herabsinkt.“ In den Aufzeichnungen Maltes sieht Kittler nun die direkte Nutzbarmachung des freien Aufsatzschreibens, mit dessen pädagogischer Entwicklung sich Rilke nachweislich beschäftigte. Die Abschaffung des Rotstiftes ist demnach die Geburtsstunde moderner Prosa, deren Hauptmerkmal für Kittler die Nichtkorrektur ist. So weit, so gut und so richtig, mag man meinen, auch wenn hier die Gefahr besteht, den Dichter als schreibenden Naturburschen zu idealisieren. Doch Kittler wäre nicht Kittler, würde er seine Analysen nicht selbst gewaltig schmälern, indem er für sich ein Deutungsmonopol beansprucht, dessen Vehemenz in der jüngeren Literaturwissenschaft seines gleichen sucht. Denn „wer diesem Text [d. i. Malte Laurids Brigge – M.O.] noch mit Maßstäben kommt, mit der Ästhetik der Romanform oder den Krankheitsbildern der Psychoanalyse, hat nichts begriffen.“ Bei dieser Aussage weiß man nicht, was Kittler als erstes anzukreiden ist: seine Ignoranz gegenüber der vielfältigen Auslegung ein und desselben Textes, oder die Missachtung der Tatsache, dass die Psychoanalyse als wissenschaftliche Revolution nachweislich einen mindestens genauso bedeutenden Einfluss auf die zeitgenössischen Schriftsteller hatte, wie das freie Aufsatzschreiben.

Wer sich selbst ein Bild von Friedrich Kittlers Theorie der Entwicklung moderner Prosa machen möchte, sollte zum Band „Schreiben als Kulturtechnik“ greifen. Das sollte man übrigens ebenso tun, wenn man wissen will, wie es um das Schreiben im Zeitalter des Web 2.0 bestellt ist und warum Claude Lévi-Strauss im Jahre 1915 versehentlich einen Nambikwara-Häuptling entmachtete, als er ihm das Zivilisationsgut Schrift mitbrachte.

Sandro Zanetti (Hg.): Schreiben als Kulturtechnik. ISBN: 978-3-518-29637-0, 18,00€, Suhrkamp, Berlin 2012

Dieser Artikel erschien zuerst auf fixpoetry.com.


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