Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

Dante und die Raumfahrt

1. August 2016

Der Leipziger Anglist Elmar Schenkel hat sich über seine akademische Arbeit hinaus längst einen Namen als Essayist gemacht. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, in dem es nicht nur um die Zusammenhänge von Literatur und Wissenschaft geht, sondern selbst die Grenzen zwischen akademischer Studie und literarischem Essay verwischt werden. Solche Bücher machen besonders Spaß, denn sie zeugen von einem ganzheitlichen Interesse an der Welt und davon, sie mit ganzheitlichen oder zumindest interdisziplinären Fragestellungen begreifen zu wollen. Dass Schenkel jedoch nicht zu einer lückenlosen Darstellung des gesamten Diskursfeldes kommen kann, muss dem Leser klar sein. Vielmehr setzt er spotlights auf ausgesuchte Episoden der seit der Antike bestehenden Wechselbeziehung zwischen literarischen Werken und technischen Entwicklungen. Und er erzählt von den Träumen derjenigen, die an dem einen, an dem anderen oder gar an beidem feilten … wie etwa Johannes Kepler, sozusagen der Titelheld dieser Essaysammlung.

„Kepler beschrieb 1609 einen Traum über die Reise zum Mond. Diese Traumgeschichte besprenkelte er über die nächsten Jahre hin mit vielen Fußnoten wissenschaftlicher, autobiographischer und verspielter Art. Man könnte diesen Text als das erste Werk der Science-Fiction bezeichnen, denn hier wird erstmals eine fast mittelalterliche Traumvision mit der neuen kopernikanischen Wissenschaft verbunden.“

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Lyrik im Anthropozän

6. Juli 2016

Kookbooks druckt! Und ich bin dabei. Mein Gedicht als der Mond noch tiefer hing erscheint neben vielen, vielen, vielen anderen Gedichten einer mehr als illustren Autorenauswahl am 24.7. in der Anthologie all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. 🙂

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Infos zum Projekt gibt es hier.

Eine Vorankündigung des Verlags inkl. Inhaltsverzeichnis bei Facebook.

Von Petrarca bis Sinatra

5. Juli 2016

Ich habe erst im letzten Jahr damit begonnen mich intensiver mit Bob Dylan zu beschäftigen. Und ich denke nach dem Lesen von Heinrich Deterings „Stimmen aus der Unterwelt – Bob Dylans Mysterienspiele“ ist es auch erstmal wieder gut damit. Ein sehr interessantes, aber auch seeeehr detailliertes Buch über das Spätwerk Dylans. Unter so vielen Verweisen, Anspielungen, Assoziationen etc. geht die Musik fast verschütt. Meine Rezension zum Buch:

Ob es Bob Dylan im Regalmeterranking der Sekundärliteratur schon unter die weltweiten TopTen hinter Shakespeare, Kafka und Co. geschafft hat, ist nicht bekannt. Doch es scheint zum Leben eines Nobelpreisdaueranwärters zu gehören, dass ihm ein ganzes Heer von Literaturwissenschaftlern folgt, das sich mit Dylans Werk fast besser auskennt als Dylan selbst. Der Göttinger Lyriker und Literaturprofessor Heinrich Detering gehört zu diesem Heer. Auch wenn seine Publikationen über den Songwriter sich in Grenzen halten, gilt er doch als ausgewiesener Dylan-Experte.

Cover des Buches 'Die Stimmen aus der Unterwelt'

Diesem Ruf wird Detering auch mit seinem neuesten Buch gerecht. In Stimmen aus der Unterwelt widmet er sich ganz dem Spätwerk Dylans, das Detering vor allem als Ansammlung und Variation klassischer Mysterienspiele versteht. Eine Lesart, die Dylan selbst legitimiert, wenn er sagt: „These songs of mine, I think of them as mystery plays.“ Dabei wissen die zahlreichen Dylan-Deuter weltweit, dass in ihrem Falle keine Quelle so unsicher ist wie Dylan selbst.

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Die Menschenzeit

21. April 2016

Es geht noch mal ums „Wir“. Irgendwie.

Bereits 2013 startete das auf zwei Jahre angelegte, kooperative Anthropozän-Projekt zur kulturellen „Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft“ in Berlin. Es wurde vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegeben und finanziert „ohne ein bestimmtes Ergebnis zu erwarten, wohl wissend, dass das Ergebnis politisch relevant sein würde.“ So der Abgeordnete Rüdiger Kruse (CDU), dessen kurzer Beitrag den Sammelband „Das Anthropozän – Zum Stand der Dinge“ beschließt. Das Buch ist so etwas wie der Abschlussbericht des Projektes und gleichzeitig eine Einladung, den Anthropozändiskurs von hier aus weiterzuführen.

Jürgen Renn, Bernd Scherer (Hg): Das Anthropozän

Der Begriff des Anthropozäns wurde im Jahr 2000 bei einer wissenschaftlichen Tagung vom niederländischen Meteorologen und Chemienobelpreisträger Paul J. Crutzen vorgeschlagen. Seiner Ansicht nach ist der Einfluss des Menschen auf die Erde so enorm, dass man längst von einem neuen Erdzeitalter sprechen muss. Damit hätte das Anthropozän das Holozän abgelöst.

Bis heute ist das Anthropozän als Begriff oder erdgeschichtliche Kategorie nicht endgültig definiert, geschweige denn anerkannt. Der Diskurs, den Crutzens These nach sich zog, ist noch immer in vollem Gange und wird sich, bedenkt man seine immer größer werdende Reichweite, in den kommenden Jahren noch intensivieren. Er wird sich intensivieren müssen, möchte man sagen, wenn man bedenkt, welche fundamentalen, welche im Wortsinne globalen Fragestellungen und Probleme allein schon die Einführung des Begriffs nach sich zieht. Die Spannweite reicht von bekannten Problemen wie dem Klimawandel oder der Welternährung über die sich verändernde chemische Zusammensetzung der Erdatmosphäre bis hin zu biologischen, psychologischen und philosophischen Neubewertungen des Menschen an sich.

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Totenmaske

5. August 2015

Was man bei seinen Recherchen so alles findet… Es gibt also tatsächlich eine Totenmaske des Klonschafs Dolly. Wer hätte das gedacht? Was mich weniger überrascht, dass das ungewöhnliche Exponat ausgerechnet im Naturhistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird. Ob die Maske dort aber auch dauerhaft ausgestellt wird, weiß ich leider nicht.

Hinterfragt euch!

22. Mai 2015

Neidisch sei Wolfgang Ullrich immer gewesen auf die Schriftsteller und Dichter, die eingeladen wurden, in Poetikvorlesungen über sich und ihr Schreiben zu reden und dieses kritisch zu reflektieren. Ihm als Geisteswissenschaftler bleibe diese Form der Öffentlichkeit verwehrt. „So als käme es in der Wissenschaft auf die Art des Schreibens gar nicht an.“ Doch auch wenn er keine Poetikvorlesungen halten kann, schreiben kann er sie allemal. Mag sein, dass der ein oder andere Kollege Ullrichs das als provokant empfindet. Ein bisschen revolutionär erscheint sein Vorgehen auf jeden Fall. Denn diese fünf nie gehaltenen Vorlesungen, die unter dem Titel Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik bei Wagenbach erschienen, sind mehr als ein exaltierter Versuch, sich als Professor für Kunstwissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ullrich geht es um nichts weniger als die Methoden, ja den Gesamtzustand der Geisteswissenschaften auf den Prüfstein zu stellen.

Dabei geht Ullrich in seiner ersten Vorlesung von einem Fallbeispiel aus, mit dem er nach eigener Aussage für einige „Aggressionen“ bei einem wissenschaftlichen Symposium gesorgt hat. Es handelt sich dabei um die kunsthistorischen Interpretationen von Max Beckmanns Triptychon Versuchung von 1936/37, die für Ullrich allesamt unzureichend sind. Ein Umstand, dem sich auch viele Kunsthistorikern bewusst zu sein scheinen, da sie sich in der Folge oft mit einem geisteswissenschaftlichen Trick aus der Affäre ziehen. „Dass sich die Gemälde nicht schlüssig deuten lassen, ist nicht Schwäche oder Spleen des Künstlers, sondern symptomatisch für die Zeit, in der er sie schuf: Er bildet nur ab, dass alles zerbrochen ist.“ Dieses Urteil, das unter Wissenschaftlern und kunstinteressierten Laien sicher viel stummes Kopfnicken auslöst, ist für Ullrich nichts weiter als ein kulturpessimistisches Ressentiment, ein Pauschalurteil, das in keiner der zahlreichen von ihm untersuchten Interpretationen schlüssig, das heißt wissenschaftlich, belegt werden kann.

Auf fixpoetry.com lest ihr die komplette Besprechung

Unter den Linden

17. Mai 2015

Lindenblüten duften auch dann noch, wenn sie gar keinen Nektar mehr tragen. Das führt dazu, dass hungrige Hummeln ihre letzte Energie beim Anflug der Bäume im August vergeuden. Unter einer Linde verhungern so binnen weniger Tage hunderte Insekten.

Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

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Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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