Archive for the ‘Prosa’ Category

Varianten tätowierter Kopfhaut// Karte und Gebet

19. Mai 2015

V.1: Die Rasur seines Schädels legte die tätowierte Kopfhaut frei. Eine Karte vielleicht, oder ein Gebet.

V.2: Die Rasur seines Schädels legte die tätowierte Kopfhaut frei. Sie zeigte eine Karte, vielleicht (auch) ein Gebet.

V.3: Sie hatten ihm den Schädel rasiert. Seine tätowierte Kopfhaut zeigte eine Karte, vielleicht (auch) ein Gebet.

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Varianten eines möglichen ersten Satzes // Beginn einer ungeschriebenen short story

4. Mai 2015

V.1: In den letzten Tagen hatten sie sich seinem Haus von allen Seiten genähert.

V.2: Sie näherten sich seinem Haus von allen Seiten.

V.3: Seit einigen Tagen näherten sie sich seinem Haus von allen Seiten.

V.4: Von allen Seiten hatten sie sich seinem Haus genähert.

V.5: Es hatte nur ein paar Tage gedauert, bis sie sein Haus umstellt hatten.

V.6: Sie hatten sein Haus schon seit Tagen umstellt.

V.7: Seit Tagen schon hatten sie sein Haus umstellt.

The Piercing Sessions

18. April 2015

Leute, ich sag euch… als Musiker lebste auch echt gefährlich. Also nicht wirklich, natürlich. Aber irgendwie doch. Ihr versteht schon. Muss halt jeder selbst wissen wie weit er geht, oder? Ich meine, ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Jedenfalls hatten wir einmal diese total schräge Probensession, bei der wirklich alles schief ging. Das fing schonmal damit an, dass unser Bassist am Nachmittag Feuer machen sollte, damit der Raum abends warm ist. Versteht ihr? Kohleofen und so. Hatten wir ihm ein paar Tage vorher gesagt. Denk dran, Alter! Und? Hat er natürlich nicht gemacht. Wir also abends rein in die Hütte und Leckt mich am Arsch war das ne Kälte. Ich hab natürlich sofort Feuer gemacht und den ganzen Abend nachgelegt was das Zeug hielt. Ich sag euch… Na jedenfalls haben wir dann mit Eispfoten versucht zu proben. Haben mit Fingerübungen angefangen, wie im Gitarrenlehrbuch aus’m Quellekatalog. Kein Scheiß. Ich kam mir vor wie Musikschule Fröhlich reloaded. e-a-d-g-h-and-fuckin‘-e-again! Es wurde dann auch langsam wärmer in der Bude und wir mussten ständig alle Instrumente nachstimmen. Nach zwei Stunden waren wir dann soweit. Ich zähl‘ an, hau voller Ungeduld rein und mir fliegen zwei Saiten um die Ohren. Ach, leckt mich doch. Ich zieh also neue Saiten auf. Ihr wisst schon. Dauert alles seine Zeit… Und die Jungs labern nur rum und keiner probt und den ein oder anderen klugen Spruch gab’s auch von den Mädels.

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Naja, irgendwann ging’s dann endlich los und wir standen nur noch im T-Shirt da, weil der Ofen echt Ballett machte. Und nach zwei Songs guck ich so zu unser’m Drummer und der kranke Typ sitzt echt nur noch in Unterhemd und Buxe da und trieft wie ein Irrer. Und als ich ihn gerade auslachen wollte, guck ich so zum Ofen und denk mir, ach… vergesst’s. Wir hatten den ganzen Abend nachgelegt und jetzt glühte die obere Ofenplatte rot und der Rauchabzug war kochheiß und ich dachte die ganze Zeit, dass das ein Verstärker ist, der so unregelmäßig drummt und dröhnt. Himmelherrgott. Wir waren alle total durch und dachten uns, jetzt isses eh Wurscht. Also stellten wir die Klampfen hin und schmissen uns auf die Sofas und rissen Witze über Saunaclubs, weil auch die Mädels jetzt nur noch im BH dasaßen, was ich jetzt nicht als sooo unangenehm empfand. Und da es grade so romantisch wurde und ich mir dachte, dass das heute echt zu wenig Musik war, die dabei rum kam, schnappte ich mir die alte Akustikklampfe, die rumstand und das weichste aller weichen Pleks, um halb im Scherz, halb im Ernst was Schmusiges anzustimmen. Und was mach ich Depp? Steck mir das Plek aus alter Gewohnheit erstmal in den Schnabel und schneid mir allen erstens mit dem Ding in die Zungenspitze und es war mir so peinlich, aber ich dachte zuerst daran, dass ich meiner Aussicht auf… ihr wisst schon… untenrum… mit’m Mund und so… jetzt eher geschadet habe. Naja, und ich Depp streck auch noch die Zunge raus und allen ist sofort klar, dass ich, zu blöd zum Plekschleck, mich geschnitten hab und hatte dann plötzlich doch die Aufmerksamkeit der Mädels. Und ob man das nicht irgendwie stillen kann und zum Arzt fahren und so. Aber ich hab nur gesagt „Wird schon, aber tackern werd ich’s jetzt nicht.“ Und kaum sag ich das, hör ich aus der anderen Ecke vom Probenraum ein lautes „Leck mich!“ und ich ahnte schon, dass wir heute wohl doch noch zum Arzt mussten, weil unser Basser auf seinem Trip keine bessere Idee hatte als sich ne aufgebogene Büroklammer am glühenden Ofen heiß zu machen und sich damit versuchte die Nippel zu piercen. Leute ich sag euch… an diesem Abend wusste ich, dass wir nicht mal angehende Profis waren.

The Rehearsal Sessions

20. Februar 2015

Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass wir unsere Musik außerhalb des Proberaums sonderlich ernst genommen hätten. Aber innerhalb dieser vier Wände war natürlich alles anders. Gerade weil wir uns nichts draus machten, waren die Sessions im Proberaum heilig. Keine Ahnung, ob ihr das versteht. Jedenfalls waren wir im Kern vier Leute, also ganz klassisch mit Drums, Bass, Lead- und Rhythmusgitarre. Und eigentlich waren die Rollen verteilt aber anfangs hat jeder irgendwie mal alles gespielt. Und geklungen haben wir wie die Post-Rock-Version von Nirvana im Vorprogramm von den Doors. Zumindest haben wir das gedacht. Nur mit dem Gesinge hatten wir es nicht so und darum standen bei uns eigentlich immer zwei Elvismikros rum, in die jeder mal reingemurmelt oder gebrüllt oder geschmettert hat wann immer ihm oder ihr danach war. Nur unser Drummer war da außen vor, aber ehrlich, das war auch gut so. Ihr habt den ja nicht singen hören, aber ehrlich, der klang wie ne gefolterte Gans, die an ner Überdosis Helium jämmerlich zu Grunde ging. Hm, ja… so könnte man das alles zusammenfassen.

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The Pub Sessions

19. Februar 2015

Und dann war dieser blöde St. Patrick’s Day und wir sind in so nen Pub gegangen von dem es tatsächlich einen gab in unserer Kleinstadt. Und ich hab mir da echt nichts bei gedacht, außer einen Abend zu verbringen mit Murphy’s und Murphys, wenn ihr versteht. Naja, und so isses ja zuerst auch gewesen. Wir also da rein und ich zeige an der Theke auf den Zapfhahn, hebe vier Finger in die Luft und sage Murphy’s, zeige auf die verstaubte Stereoanlage und sage Murphys. Und immer nachlegen, grins. Und so wurde das dann auch gemacht und es war wirklich nichts dabei an dem Abend. Wir saßen da und soffen dieses schweineteure irische Bier und und hörten Musik und alles war klasse. Dass das hier eskalieren könnte, auf den Gedanken kam ich zuerst als ich plötzlich so einen komischen Hut aufgesetzt bekam, an dem so eine rote Kinngardine angebracht war. Versteht ihr? Es war Patrick’s Day und da wird man in den Pubs halt gekrönt, wenn man zu den Abnehmern des Abends gehört. Jedenfalls guck ich mich so um, und sehe wie unser Drummer und der Gitarrist auch so ein Ding auf der Rübe haben und übelst rumspacken, da dachte ich mir, drauf geschissen, mach ich mich halt auch zum Obst. Aber ich blieb an der Theke sitzen bei Murphy’s und Murphys nonstop.

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Gerissen hat es dann unser Drummer, der den kurzen Rest des Abends mit diesem blöden Hut rumstolzierte und ständig von seinem verloren Holzbein sang. Ich wusste natürlich was der wollte, aber die anderen Gäste waren irgendwann nicht mehr so tolerant. Vor allem der Typ nicht, der mit seiner Erika in der Ecke saß und nen ruhigen machen wollte, während unser Drummer ständig vor deren Tisch rumtanzte und einmal wohl auch ein Glas abgeräumt hat, aber das hab ich nicht wirklich mitbekommen. Jedenfalls war die Lage eigentlich ganz entspannt, bis dieses schnittige, drängelnde Akkordeon einsetzte und mit kurzer Tonfolge den Takt vorgab. Alter, dachte ich, nicht dieses Lied. Nicht jetzt. Das geht garantiert nach hinten los. Und wie ich das dachte und Al Barr losbrüllte „I’m a sailor Peg and I lost my leg…“ hör ich das Geschreie vom Tisch mit der Erika und dreh mich um und da hatte unser Drummer dem Typen schon eine verpasst und ihn niedergestreckt. Leck mich, wie hat er das nur wieder hingekriegt? Ich meine, den Kerl hätten ihr sehen sollen. Das war ein ziemlicher Schrank und jetzt hing er in der Seilen und seine Püppi kreischte neben ihm und irgendwie war mir sofort klar, dass das jetzt mein Bier war, obwohl ich noch ein frisch gezapftes vor mir stehen hatte. Wirklich, ich hatte erst zweimal genippt.

Jedenfalls war von unserem Gitarristen keine Spur und ich ging zum Tisch rüber und bevor ich unseren Drummer zusammenscheißen konnte, kommt der Typ wieder zu sich und verpasst mir ohne zu verziehen einen Hieb unters linke Ohr und irgendwas in meinem Kopf knackt oder ploppt und ich seh natürlich nichts mehr außer das klebrige Parkett in meinem Gesicht.

Was ich von dem Abend sonst noch weiß, also bevor ich mit dem Kopfverband aufwachte, unter dem mein angeknackster Kiefer pochte, war dass unser Gitarrist auf der Straße vor dem Pub lag. Wie erschlagen, ohne scheiß, lag der auf dem Rücken mitten auf der Fahrbahn, den linken Arm von sich gestreckt und in der Rechten so eine Plastetröte aus der er krampfhaft versuchte einen Ton herauszublasen. Liebe Freunde, das hat mich so geschickt, und ich wusste nicht mehr wo oben und unten war.

The Live Sessions

17. Februar 2015

Ja, es kam schon vor, dass wir hin und wieder mal nen Auftritt hatten. Aber denkt jetzt nicht gleich an Konzerthallen oder sowas. Nee, ich denk da eher an Supermarkt-Parkplätze und Baumarkteröffnungen. Wirklich, ich verarsche euch nicht. Der Bruder unseres Gitarristen kannte einen, der einen kannte, ihr wisst wie das läuft. Und dieser Bekannte war wohl gerade irgendwie aufgestiegen oder wie auch immer man das nennen soll und hatte jetzt jedenfalls bis an seine Lebensende einen Provinzsupermarkt zu leiten. Das Ding musste natürlich eröffnet werden und dazu braucht es Musik. Ihr versteht schon worauf das hinausläuft. Wollt ihr nicht, könnt ihr nicht, könnt ihr mich mal und außerdem gibt es 250 Schleifen also packten wir das Schlagzeug und die Verstärker in einen rostigen Transporter und fuhren da hin. Leck mich am Fuß war das ne Scheißidee. Wenn wir uns zwischenzeitlich jemals wie Musiker gefühlt haben sollten, war das spätestens jetzt dahin. Ich meine, standen wir am Anfang von etwas oder hatten wir jeden noch so abwegigen Tagtraum endgültig begraben, indem wir unsere Karriere von hinten begannen und wie ein abgehalfterter Schlagersänger bei ner Markteröffnung spielten. Na, vielleicht lernen wir ja einen von denen dort kennen und drehen dann das ganz große Ding. Aber lachen wollte darüber keiner so richtig.

Wir hatten unseren Kram auf der wackeligen Bühne aus Europaletten aufgebaut und ich sage euch am liebsten hätte ich den ganz Scheiß wieder zusammengesammelt und Fickt Euch! wird da drüben jetzt ernsthaft ne Hüpfburg aufgeblasen? Ich hielt dann wirklich aus einem Reflex heraus Ausschau nach einem Typen, der so hätte aussehen können, als ob er aus dem Stand die Biene Maja schmettern will. So einer war dann doch nicht da, aber es gab tatsächlich sowas wie nen support act für uns. Kein Scheiß, die bauten sich vor unserer Bühne auf und fuchtelten barfuß auf Matten stehend mit Armen und Beinen herum und das ganze nannte sich dann Tae Bo und war so n asiatischer Mist, der Europäern das Gefühl gab der Erleuchtung nah zu sein, aber ich konnte allmählich nicht mehr vor Lachen und hielt mich an der Schulter unseres Bassisten fest. Alter! Type O als Vorband, das glaubt uns keiner. Und die fuchtelten und fuchtelten und mir hat’s dann gereicht, also hab ich mir n Bier geholt, oder zwei, und mich in die Hüpfburg gekracht und so ein Winzling neben mir flog auf die Fresse und hat geheult und so ne luschige Mutter wollte mir einen erzählen ist dann aber doch abgezogen mit dem Knirps und ich hab versucht meine innere Mitte zu finden und gekichert.

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Dann Auftritt und erst jetzt fiel uns auf, dass wir gar keinen Bandnamen hatten, was uns aber auch kein Stück gekümmert hat, also hat der künftige Marktleiter uns unbeholfen mit unseren richtigen Namen angekündigt, also mit denen, die er wusste. Blablabla und die anderen, grins war dann wohl unser Name und ich murmelte noch Helge and the Firefuckers ins Mikro, was zum Glück niemand verstand. Und dann gings los, zappzarapp zwei, drei Songs hintereinander und da ging den Typen schon auf, dass das wohl keine so gute Idee war uns hier spielen zu lassen, weil so n gepflegter Spacerock oder was auch immer das war, was wir da veranstalteten doch nicht so geeignet war um ein Familienpublikum am Samstagnachmittag in praller Sonne zu bespaßen, also belief sich die Zahl des effektiven Publikums auf Null. Das war so sinnlos, dass ich nach drei Stücken von der Palette stieg und mir n Bier geholt habe, während die anderen versuchten weiterzuspielen.

Es war ne ganze Stunde vereinbart, aber ich wusste, dass wir die nie und nimmer durchstehen würden. Wir haben dann ne längere Pause gemacht und uns mit dem Marktleiter und irgendwie auch untereinander gestritten und Freiluftprobe hin oder her, ich wollte da nur noch weg. Jedenfalls haben wir uns dann dazu bequatschen lassen ein paar Coverversionen von bekannten Rocksongs zu spielen und uns wieder auf die Europaletten gestellt. Ich häng mir also die Klampfe um und will gerade die ersten Akkorde von Fly away schmettern, als der komplette Sound der Anlage verreckt. Aber ganz ehrlich, gewundert hat es mich nicht, als unser Schlagzeuger auf irgend so einen Wanst zeigte, der seine Cola über den Steckdosenverteiler gekippt hat und Kurzschluss und kurz und gut Schluss war.

Zweiter Tag der Verhandlung

2. Februar 2015

Neben mir auf der Anklagebank saßen zu meiner Rechten Michel Houellebecq, zu meiner Linken ein kleiner Junge, der sich schon vor dem Prozess solidarisch mit mir zeigte. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass er der beste Freund des Ermordeten war.

Die Vollzugsbeamten händigten mir meine Aufzeichnungen vom ersten Verhandlungstag aus. Ich hatte nur noch vage Vorstellungen davon, was all das Gekrakel aus teilweise selbst erfundenen Abkürzungen zu bedeuten hatte.

Die Verhandlung musste schon begonnen haben, denn auf der anderen Seite des Saals steckten die Richterin und die Staatsanwälte die Köpfe zusammen und diskutierten, wenn auch nur halblaut, so doch einigermaßen aufgebracht.

Ich sah hinüber zu Houellebecq, der in einer deutschen Ausgabe von Jugend ohne Gott blätterte, die mit lauter pinken post-its versehen war. Dabei fiel ein ebenfalls pinker Zettel aus dem Buch heraus, der eindeutig meine Handschrift trug. Houellebecq sah mich an und lächelte so freundlich, dass ich das Gefühl bekam niemals in meinem Leben einen anderen Freund gehabt zu haben. Er beugte sich etwas zu mir herüber und flüsterte: „Heute Abend wird es reichlich Champagner geben. Ich kenne ein Café in dem man uns wie Könige behandeln wird.“

„Seit gestern besitze ich ihr neues Buch“, antwortete ich. „Meine Mutter hat es mir gebracht. Ich bin sehr gespannt. Man liest ja viel Gutes…“

„Vielen Dank“, sagte Houellebecq. Eine Rezension habe ich selbst geschrieben. Man weiß ja nie.“

Er zuckte mit den Schultern und wir mussten beide kichern, sodass wir von der Richterin ermahnt wurden, die sich unbemerkt unserem Tisch genähert hatte. „Meine Herren, ich bitte Sie…“, war alles was sie zu sagen hatte. Es klang wenig anklagend, fast schon mitleidig.

Ich sah mich im Saal um und blickte in verständnislose Gesichter. Ich schluckte und fürchtete es versaut zu haben. Mir wurde warm und vielleicht stiegen mir sogar Tränen in die Augen, aber zu sagen hatte ich wirklich nur die Wahrheit.

„Es tut mir leid, euer Ehren, aber ich kann einfach nicht mehr. Die ewigen Aufschübe, die lange Pause zwischen den Verhandlungen, die Verhöre… Es fällt mir wirklich schwer mich zu erinnern… und… Ich meine… ich sitze unschuldig im Knast!“

Der Junge neben mir klatschte jetzt leise vor sich hin, worauf die Richterin zu ihm ging, ihm die Hand auf den Rücken legte und sagte: „Du gehst besser heim.“

Der Kleine stand auf und folgte ihren Worten ohne jeden Protest, jedoch nicht, ohne mich vorher zu umarmen. Er wünschte mir Glück und tapste dann eilig zur Saaltür. Ich sah auf das blank gebohnerte Parkett und rief ihm nach, er solle langsam gehen. Daraufhin ging ein leises Raunen durch den Saal und Houellebecq legte mir den Arm um die Schultern.

Fragment ohne Titel

25. Januar 2015

Ich legte an und beobachtete die beiden durch das Zielfernrohr. Einer der beiden stand schon minutenlang an der Fahrerseite des Wagens. Mit der Rechten schirmte er sein Gesicht ab und versuchte etwas im Fahrzeuginneren zu erkennen. Ich schätzte die beiden auf siebzehn, höchstens achtzehn Jahre. Vielleicht hatten sie gerade erst gelernt wie man sich den Wagen eines anderen ansah und machten deswegen diese unütze Geste, die heute vor keiner Sonne schützte. Der Tag war trüb.

Der eine sah immer wieder in den Innenraum und versuchte sich unauffällig umzusehen. Während der andere mich an ein Kind vom Schulhof erinnerte, das zum Schmierestehen abkommandiert wurde, um wenigstens das Gefühl zu bekommen beteiligt zu sein. Wie zutreffend meine Vermutung war konnte ich damals noch nicht wissen. Diese Trottel ahnten nicht einmal, dass ich sie im Visir hatte. Und so kamen mir langsam Zweifel, ob diese beiden hier wirklich von Rosco geschickt wurden.

Vom Haus gegenüber brachen Eiszapfen ab. Sie zersprangen auf dem Pflaster und der Typ neben dem Wagen schiss sich fast ein. Junge, wäre ich so schreckhaft wie du, wärst du jetzt vielleicht tot.

Ich setzte das Gewehr ab und zog meinen Oberkörper ein Stück zurück. Der andere war relativ ruhig geblieben. Nur sein Kopf drehte sich jetzt schneller als zuvor. Seht zu, dass ihr fortkommt. Das hier ist eine Nummer zu groß für euch.

Ich wollte erneut anlegen, doch auf dem Fernrohr hingen ein paar Tropfen. Es hatte zu schneien begonnen und als ob das ein vereinbartes Signal war, verschwanden die beiden jetzt Richtung Westwerk. Ich stellte das Gewehr ab und sah noch einmal die Straße hinunter bevor ich das Fenster schloss.

The Nova Sessions

22. Januar 2015

Wir verbrachten damals viel Zeit im Proberaum, weil er einen Kohleofen hatte, der gut durchzog, was ich von meiner Bude nicht sagen konnte. Ihr kennt die Klischees… kaltes Dachgeschoss, morsche Dielen, ein Arschloch, das einem sein Arschloch vermiete um darin zu wohnen, ohne vorher wenigstens einmal durchzuwischen. Also hingen wir im Proberaum herum, aber sicher nicht, weil wir glaubten, dass wir einmal Rockstars werden könnten, wenn wir es nur wirklich wollten und hart arbeiteten für unseren Traum. Scheiße nein, daran dachte wirklich niemand von uns und so isses dann auch nicht gekommen. Sicher hätten wir uns auch in der Kneipe unseres Vertrauens treffen können, aber der Besitzer war ziemlich engärschig wenn es darum ging eigene Mucke zu spielen und überhaupt war das nicht so ein Laden in dem du dich bis zum Morgen aufhalten konntest mit nur zwei Bier und nem Schnaps auf dem Deckel. Wo lebt ihr? Montmartre? Chelsea Hotel? Ach, bitte. Wenn du in Paris ein Bier trinken willst, musst du nen Kredit aufnehmen und im Chelsea blätterten schon zu Cohens Zeiten die Tapeten ab. Wie man es schaffte dort anschreiben zu lassen, kann einem heute keiner mehr sagen. Wir waren keine Romantiker, hingen nicht bis zum Morgen in Bars, weil uns schlicht das Geld fehlte. Wir zogen nicht um die Häuser, lebten nicht in Paris, New York, nicht mal in Berlin in irgendsoeiner verfickten Hundescheißestraße in der du das Kotzen kriegst, weil alles nach Scheiße stinkt und du dir nicht immer sicher sein kannst, dass das nur an den Kötern liegt, von denen mindestens drei auf einen Berliner kommen mussten. Was für ein Drecksloch. Nachdem ich das erste Mal in Berlin war, konnte ich ewig keine Berliner mehr essen, weil ich immer dachte, dass Hundescheiße herausspritzen würde, wenn ich fest hineinbiss.

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Ein Drecksloch war auch der Proberaum, aber der war wenigstens warm und er roch nur nach Insektenspray und Gras. Dort konnte man sich wirklich wohlfühlen, falls einem danach war sentimental zu werden. Nur in die Sofapolster sollte man nicht allzu tief abtauchen, weil dort immer jemand ein Stück Pizza oder was weiß ich was verlor und meist nur halbherzig danach suchte, um den Fraß wiederzubekommen. Das war mit dem Gras natürlich was anderes. Ich weiß noch, wie wir einmal krank vor Sorge die Polster aufschnitten, weil auf einmal 20 Gramm weg waren. 20! Könnt ihr das glauben? Wir zückten die Messer und Zack! Ratsch, ratsch, siehe da… ein paar verkrustete Chinanudeln und eine Scheibe Salami so hart wie die Make-Up-Kruste auf der Fresse der Amtstussi. Was soll’s… man lebt ja nicht vom Moos allein. Was auch immer das heißen soll. Und weil wir anständige Leute waren hingen wir eben nicht nur den ganzen Tag rum, sondern machten Musik, schrieben Texte, auch Gedichte, ja lacht nur, und einer von uns malte und zeichnete sogar. Und nicht mal schlecht. Die Bilder hättet ihr sehen sollen! Das war natürlich kein da Vinci oder so ne Hackfresse, sondern eher so’n Picasso, also doch Hackfressen irgendwie, wenn ihr versteht… Glaubt bloß nicht, ich kenn die ganzen Spinner nicht. Selbst Alex, der alte Droogie hat Ludwig van gehört. Ich hab meine Hausaufgaben gemacht – ihr könnt mir gar nichts. Und da die Fronten jetzt geklärt sind, dürfte ja wohl alles klar sein. Scheiße ja, dann waren wir eben ne Band oder sowas, aber wen hat das schon interessiert? Uns jedenfalls nicht.

Grande Jeunesse – Raymond Roussels Jugendwerke erstmals in deutscher Übersetzung

8. August 2014

Tatsächlich! Zwei Jahre nachdem Die Andere Bibliothek Raymond Roussels Locus Solus wieder auflegte, wagt sich ein weiterer Verlag ein Werk des eigenwilligen französischen Avantgardisten herauszubringen. Mit Chiquenaude und andere Texte aus früher Jugend veröffentlicht der Berliner Kleinverlag zero sharp acht kürzere Prosaarbeiten Roussels, die durch einen Essay seines langjährigen Psychiaters Pierre Janet und ein informatives Nachwort von Übersetzer und Herausgeber Maximillian Gilleßen ergänzt werden. Ergänzungen, die der deutschsprachige Leser auch dringend benötigt, um die Bedeutung dieser Jugendwerke richtig einordnen zu können.

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Raymond Roussel, der 1877 in wohlhabenden Verhältnissen geboren wurde, widmete sein Leben fast ausschließlich dem Reisen und der Literatur. Mit 19 Jahren verfasste er in einem Zustand äußerster Ektase ein Versepos mit dem Titel La Doublure. Als der von ihm erwartete Erfolg ausblieb, geriet Roussel in eine schwere Krise, die zu Depressionen führte. Janets Essay Die psychologischen Merkmale der Ekstase schildert eindrucksvoll die „strahlende Glorie“, in deren Licht Roussel sein erstes größeres Werk schrieb. Er beschreibt aber auch deren Verlust durch Vollendung und Veröffentlichung des Werkes und schließlich Roussels lebenslange Versuche diese einmal empfundene Euphorie des Schreibens wiederzufinden.

Die vollständie Besprechung gibt es auf fixpoetry.com


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