Archive for the ‘Politik’ Category

Die Überbetonung des Politischen

10. November 2017

Es ist schon fast zehn Jahre her, da eröffnete im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel Kassandra. Visionen des Unheils 1914 – 1945. Die Schau zeigte vor allem Werke deutscher Künstler, die aus der historischen Distanz betrachtet als Vorahnungen, wenn nicht sogar Warnungen vor den bevorstehenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelesen werden können. Nur schien seinerzeit niemand die Zeichen lesen zu können oder zu wollen. Ganz wie in der griechischen Mythologie, in der Kassandra zwar die Zukunft vorhersehen kann, sie jedoch dazu verdammt ist, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt.

Als die Ausstellung im November 2008 eröffnete, kam jedoch kaum jemand auf die Idee, ihre Inhalte auf die gegenwärtige Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar war die NPD damals in gleich zwei Landtagen vertreten, blamierte sich im parlamentarischen Alltag Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns jedoch bis auf die Knochen und demontierte sich folgerichtig selbst. Und die AfD war „noch nicht mal ein feuchtes Glimmen in den Augen von Bernd Lucke“, wie sich Christian Lindner, freilich in einem ganz anderen Zusammenhang, ausdrückte. Folglich war auch der feuilletonistische Ruf danach, dass Künstler und Schriftsteller viel politischer malen, schreiben, agieren sollen, längst nicht so in Mode wie heute.

cover-9783957574725

Natürlich blickt man 2017 von einem etwas anderen Standpunkt auf die Bedingungen der Kulturschaffenden der Zwischenkriegszeit zurück. Seit die von der Großen Koalition eingeschläferte Demokratie der Bundesrepublik mit nicht zu unterschätzenden Herausforderungen konfrontiert wird, gehört der panische Rückblick auf und die bisweilen schiefen Vergleiche mit dem Geistes- und Gesellschaftsleben der Weimarer Republik zum Standardrepertoire intellektueller Zeitanalysen, -diagnosen, -prognosen. Nicht, dass derlei Geschichtsbewusstsein, derlei Verweise und Erinnerungen nicht angebracht wären, doch sind es nach wie vor die mit kühlem Kopf und historischem Sachverstand geschriebenen Texte, die am ehesten dazu beitragen, die aktuelle politische Entwicklung gerade auch in ihren historischen Dimensionen richtig einzuordnen.

[Den ganzen Artikel gibt es auf fixpoetry.com]

Advertisements

Kurzes Statement zur geistigen Provinzialität

2. Juni 2017

„Die anderen Länder lachen über Amerika.“ hat Donald J. Trump (45. Präsident der Vereinigten Staaten. Wirklich.) bei jener Pressekonferenz behauptet, bei der er bestätigte, dass sein Land sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen werde — um einen neuen Vertrag auszuhandeln, „der fair ist“.

DA6hmndW0AABXsLDazu nur ein kurzer Gedanke. „Die anderen lachen über uns.“ klingt für mich wie jener provinzielle Minderwertigkeitskomplex, der jeglichen „anderen“ gegenüber gern zum Abwehr- bzw. Abkehrsatz Nr.1 führt „Der/Die hält/halten sich für was Besseres.“ – weil er/sie Dinge anders machen, als andere.

Und das hat nichts mit Dorf- oder Stadtbewohner zu tun, sondern mit geschlossenen Communities, die ihr Handeln für das (einzig) Richtige halten. Geistige Provinzen also, voll geistiger Provinzialität. Man findet sie im Eigenheim hinterm Gartenzaun genauso, wie im Weißen Haus hinterm schmiedeeisernen Tor.

Btw.: Was ist eigentlich schlimmer – Wahnsinn oder Ideologie?

Zuflucht in Deutschland – Texte verfolgter Autoren

30. März 2017

fun with flags

26. Januar 2017

Wider das postfaktische Zeitalter

25. November 2016

Mit dem Einzug der verschiedenen AfD-Fraktionen in ihre jeweiligen Landtage habe ich zumindest eine Hoffnung verbunden: Jetzt, da die AfD von ihren Wählern dazu verpflichtet wurde parlamentarische Arbeit zu leisten, schauen Anhänger und Gegner der Partei hoffentlich genau hin wie sie diese Aufgaben angehen. Leider kam mir die Berichterstattung über die genaue Arbeit der AfD-Fraktionen vor allem im TV viel zu kurz. Im sog. „postfaktischen Zeitalter“ ist es nur logisch die AfD, Pegida und ihre Anhänger mit hochkochenden Emotionen als homophobe Rassisten zu bezeichnen, zielführend ist es allerdings nicht. Nicht nur, dass dadurch ein konstruktiver und vor allem demokratischer Diskurs von vorn herein ausgeschlossen wird; solche Beleidigungen und emotionalen Gefechte verengen auch den Blick auf die „sonstigen Inhalte“ für die die AfD steht und mit denen ihre Hauptwählerschaft v.a. in den neuen Bundesländern nicht ernsthaft einverstanden sein kann.

Gregor Gysi war, soweit ich es überblicke, der erste und bisher einzige Politiker, der öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam machte, dass die AfD nicht auf das Thema der Asylsuchenden reduziert werden dürfe. Der sog. „kleine Mann“, „das Volk“, von mir aus auch „das Pack“, wie sich manche „besorgten Bürger“ in Sachsen mittlerweile kindsköpfig und trotzig selbst nennen, all die AfD-Wähler vom Erwerbslosen bis hin zum eigentlich abgesicherten Mittelschichtler müssen sich wirklich fragen lassen, wie sie zu den wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen der AfD stehen.

Zudem wird die AfD meiner Ansicht nach viel zu wenig auf ihren Namen festgenagelt, der ja das Wort „Alternative“ prominent beinhaltet. Und damit will ich nicht auf meine Meinung anspielen, der zufolge die AfD keine Alternative ist und auch keine anzubieten hat, sondern auf den Fakt, die Tatsache, dass André Poggenburg (Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt) in einer Rede vor dem Landtag in Sachsen-Anhalt sagte: „Die AfD ist ja nun in der sehr schönen Lage Oppositionsführer zu sein und muss eben keinen Ausblick geben.“ (Nachzusehen im folgenden Video.)

Mit anderen Worten… die Alternative muss keine Alternativen haben. – Da fällt es wirklich schwer sich noch weiterhin auf einem sachlichen Level zu begegnen. Aber es hilft einfach nichts der AfD, Pegida und ihren Anhängern mit gegensätzlichen Meinungen zu kommen oder gar Fakten zu präsentieren, die die Meinungen von AfD, Pegida und Co. eindeutig widerlegen. Daher halte ich es mittlerweile für einzig sinnvoll die AfD mit den Fakten zu konfrontieren, die sie selbst schafft, nämlich mit den Anfragen und Gesetzesentwürfen, die sie an die jeweiligen Landesregierungen stellt bzw. in die jeweiligen Landtage einbringt. So geschehen im Neo Magazin Royale vom 24.11.2016.

Ich finde es war längst überfällig sich öffentlich und im Detail mit dem zu beschäftigen, was die AfD für ihre Wähler in den jeweiligen Landesparlamenten „leistet“. Dass erst Jan Böhmermann und das Neo Magazin kommen mussten, um ein umfassendes Dossier dieser Arbeit zu erstellen, finde ich schade. Aber immerhin, nun hat es ja jemand gemacht und allzu spät ist es, im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl, auch noch nicht.

Dossier/Präsentation: QUALITÄTSKONTROLLE AfD.

Vielleicht geben solche Arbeiten, wie die der NMR-Redaktion ja den Anstoß zu einer größeren Diskussion über die Ziele und Kompetenzen der AfD. Somit bestünde zumindest die Chance ihren Wählern vor Augen zu führen, dass hier eben keine Alternative zur Wahl steht, sondern ein Haufen großmäuliger Populisten, die keinerlei progressive Arbeit in ihren Parlamenten zu stande bringt.

„die Enden Europas/ Europas Ende“

3. August 2016

[EDIT – 9.8.] Kaum ein Gedichtband hat mich zuletzt so begeistert, so umgehauen wie  Die Sprache von Gibraltar von Björn Kuhligk. Leider finde ich nicht die richtigen Worte, mit denen ich das Buch beschreiben und empfehlen kann. Daher habe ich beschlossen den hier ursprünglich veröffentlichten Artikel zu editieren und stattdessen auf Björn Kuhligks Interview im Deutschlandradio Kultur zu verweisen.

WP_20160803_09_44_43_Pro (2)

Das Lied von Brockdorff Klanglabor bleibt aber! #Abendland

Lyrik im Anthropozän

6. Juli 2016

Kookbooks druckt! Und ich bin dabei. Mein Gedicht als der Mond noch tiefer hing erscheint neben vielen, vielen, vielen anderen Gedichten einer mehr als illustren Autorenauswahl am 24.7. in der Anthologie all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. 🙂

13557834_1014216598633341_4304232973174531350_n

Infos zum Projekt gibt es hier.

Eine Vorankündigung des Verlags inkl. Inhaltsverzeichnis bei Facebook.

Aktion Arschloch!

4. September 2015

Die Lage ist mittlerweile so prekär, dass jede Geste hilft. Also macht einfach mit.

http://www.aktion-arschloch.de/

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

100_4851

Je suis Charlie! Mais…

11. Januar 2015

 

Aber eines sollte bei all der berechtigten und erfreulichen Solidarität mit der Redaktion von Charlie Hebdo nicht vergessen werden: Der Terrorismus hat auch dann über die Demokratie gesiegt, wenn die Bürger demokratischer Staaten zulassen, dass ihre Regierungen unter dem Postulat erhöhter Sicherheit ihre Freiheitsrechte einschränken!

Es wird nicht lange dauern bis in der Öffentlichkeit wieder verstärkt über Vorratsdatenspeicherung, Reisedatenerfassung, erhöhte Kameraüberwachung auf öffentlichen Plätzen und ähnliches diskutiert wird. All diese Maßnahmen werden Anschläge wie in London, Madrid, Boston und jüngst in Paris nie gänzlich verhindern können. Hinzu kommt die paradoxe Tatsache, dass nach Terroranschlägen in der Regel zu hören ist, dass die mutmaßlichen Täter den Geheimdiensten bereits bekannt waren. Das konnte die Anschläge auf den Boston-Marathon oder die Redaktion von Charlie Hebdo jedoch nicht verhindern.

Auch wenn es uns heute so vor kommt, die Enthüllungen um die tatsächliche Reichweite des Abhörprogramms der NSA und des GCHQ (das in der öffentlichen Wahrnehmung eine erschreckend geringe Rolle spielt) sind noch nicht allzu lang her. Eben sowenig die globale Solidarisierungswelle mit Edward Snowden. In der Euphorie solcher Solidarisierungswellen, wie auch jüngst mit Charlie Hebdo, darf nicht vergessen werden, dass es nicht damit getan ist eine Petition zu unterschreiben, einen Aufruf zu liken oder sein Profilbild zu ändern. All das sind Gesten, aber keine politischen Handlungen. Es sind Gesten, die uns lediglich das Gefühl geben auf der richtigen Seite zu stehen oder das Richtige getan zu haben.

„Das Richtige“ gibt es aber nicht. Eben sowenig gibt es absolute Sicherheit. Alles, was man uns anbieten kann ist die Illusion von Sicherheit, die einen Preis hat, den zu zahlen ich nicht bereit bin.


%d Bloggern gefällt das: