Archive for the ‘Philosophie’ Category

Lyrik im Anthropozän

6. Juli 2016

Kookbooks druckt! Und ich bin dabei. Mein Gedicht als der Mond noch tiefer hing erscheint neben vielen, vielen, vielen anderen Gedichten einer mehr als illustren Autorenauswahl am 24.7. in der Anthologie all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. 🙂

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Infos zum Projekt gibt es hier.

Eine Vorankündigung des Verlags inkl. Inhaltsverzeichnis bei Facebook.

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Von der Menschwerdung des Frosches

9. Februar 2015

„Eines Tages, dachte ich, wäre es amüsant, mit ein wenig Geld Brisset neu herauszugeben.“ Das dachte sich nicht nur Marcel Duchamp 1937, sondern auch Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt vom Berliner Verlag zero sharp, der sich ganz der Publikation von Schlüsselautoren der französischen Avantgarde verschrieben hat. Und so verwundert es nicht, dass die zweite Publikation des Verlags, nach einem Band mit Frühwerken Raymond Roussels, eine Dokumentation Jean-Pierre Brissets darstellt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser ein auf Homophonien gestütztes Sprachsystem entwickelt, das nicht nur maßgeblichen Einfluss auf Roussel, sondern auf eine Vielzahl avantgardistischer Künstler und Schriftsteller ausübte. Mit dem Band Jean-Pierre Brisset, Fürst der Denker. Eine Dokumentation. ist der Franzose jetzt auch in Deutschland zu entdecken.

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Jean-Pierre Brisset, der 1837 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, begann zunächst eine Ausbildung als Patissier, verpflichtete sich mit 18 Jahren jedoch zu einem mehrjährigen Militärdienst, der ihn unter anderem zum Teilnehmer am Krimkrieg und dem Italien-Feldzug Napoleons III. werden ließ. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde er am Kopf verwundet und geriet in Gefangenschaft nach Magdeburg, wo er sehr schnell Deutsch lernte. Nach seiner Rückkehr trat Brisset aus dem Militärdienst aus und arbeitete zuerst als Schwimm-, später als Sprachlehrer und versuchte sich als Linguist zu profilieren. Da die Académie française seine Werke ablehnte, blieb ihm dies verwehrt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1904 arbeitete Brisset als Aufsichtskommissar bei der Eisenbahn. Er starb 1919.

Die komplette Besprechung gibt es hier.

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Fürst der Denker (1)

29. Januar 2015

„Bei einem dieser dîners des compains – es ist der 11. Dezember 1912 – liest Romains einige Passagen aus Brissets Büchern vor. Die Freunde sind begeistert. Während des Essens kommt das Gespräch auf die zuletzt in Mode gekommene, in ihren Mechanismen nur allzu durchsichtige Vergabe pompöser literarischer Ehrentitel. Im Juni 1912 wurde Paul Fort zum Fürsten der Dichter ernannt, Han Ryner beehrte man mit dem Titel eines Fürsten der Erzähler. Könnte man nicht die Absudität dieser im Vorhinein abgesprochenen Wahlen herausstellen, – etwa indem man eine eigene Wahl organisierte, die einen gänzlich unbekannten, selber aufgestellten Kandidaten zum Fürsten kürte? Vielleicht einen – Fürsten der Denker? Vielleicht – den Philosophen Jean-Pierre Brisset? Jules Romains, ein ehemaliger Normalien der rue d’Ulm, konnte sich für eine solche Mystifikation nur begeistern. Gemeinsam mit Georges Duhamel hatte er schon den fiktiven Dichter Jean Louis Monistrol erfunden, dem sie beide als Autoren seiner Werke zum Ruhm bei den Massen verhelfen wollten. Und 1909 hatte er gar eine ganze Partei ins Leben gerufen, die parti congressiste, die in ihrem Wahlprogramm unter anderem die Bestattung eines jeden Proletariers im Panthéon versprach.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Die andere Seite der Moral

7. Januar 2015

Die schwindende Präsenz eines ernstzunehmenden Wissenschaftsfeuilletons in den großen Tageszeitungen hat vielleicht dazu beigetragen, dass ein gewisser Rechtfertigungsdruck zum Dauerbegleiter der Geistes- und Sozialwissenschaften geworden ist. Am Beispiel der Soziologie sprach die Schweizer Autorin Daniela Kuhn in der NZZ unlängst von einer „überforderten Wissenschaft“, die zu aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Fragen außerhalb der Fachwelt kaum mehr Stellung beziehen kann. Woran das im Einzelnen liegt, wird in Kuhns Artikel anhand von Aussagen des Basler Soziologieprofessors Max Bergman analysiert.

Doch gleich, zu welchen Ergebnis man bei der Ursachenforschung dieser Sinnkrise auch kommen mag, eines scheint festzustehen: es gab diese Zeit, in der Geistes- und Sozialwissenschaftler auf Ereignisse und Phänomene der Gegenwart reagiert haben und versuchten, diese einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. So zum Beispiel der weltweit vielleicht bekannteste Sozialanthropologe Claude Lévi-Strauss, der zwischen 1989 und 2000 in sechzehn Artikeln für die italienische Tageszeitung La Repubblica genau das tat. Mit dem Band Wir sind alle Kannibalen erscheinen diese gesammelten Artikel nun erstmals auf Deutsch. Der darin enthaltene Text Gesellschaftliche Probleme: Weibliche Beschneidung und assistierte Reproduktion (Erstdruck 1989) zeigt dabei gleich in mehrfacher Hinsicht, dass die Ausführungen des Franzosen auch heute noch überaus aktuell sind.

Die vollständige Besprechung gibt es auf fixpoetry.com

Über die Zukunft der Literaturwissenschaft

3. Juni 2014

Während meines Studiums hatte ich bereits mit seinem Schiller-Buch gearbeitet. Als ich kürzlich Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft las, fiel mir eine alter Gedanke wieder ein. Germanistikstudenten sollten nicht nur Rüdiger Safranski lesen, sondern auch lernen wie er zu arbeiten! So bestünde zumindest ansatzweise die Chance, dass sich das Fach von der theorielastig-verkopften Nerdwissenschaft, die sie teilweise(!) geworden ist, zu einer Populärwissenschaft im allerbesten Sinne des Wortes entwickelt. Denn Safranski ist immer fundiert, reflektiert und in seiner Quellenarbeit genau, weil er nicht aus hunderten vorangegangener Studien wiederkäut, paraphrasiert oder abschreibt. Und trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs verliert er nie den Leser aus den Augen, bleibt, gerade weil es ihm um die Vermittlung von Kultur- und Ideengeschichte geht, immer einfach zu lesen.

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Nun will ich hier nicht über den Sinn und Unsinn der Literaturwissenschaft als solcher diskutieren. Und natürlich haben die theoretischen Reflexionen und Textwerkeleien mit bewährten Werzeugen wie Barthes, Foucault und Co. ihre Berechtigung. Wenn die Arbeit der Master- und Doktorandenkolloquien sich jedoch darin erschöpft, dass man sich gegenseitig versichert wie „spannend“ und wichtig man die genannten Herren findet, entfernt man sich nicht nur von seinem eigentlichen Gegenstand, sondern auch von der Gegenwart (und schließlich von der Welt „da draußen“).

Dass ich im Zuge meiner Auseinandersetzungen mit den Manifesten für eine Literatur der Zukunft eher die Geschichte als die Theorie fokussiere, um in der Zeit voranzukommen, überrascht dabei sicher nicht. Auch meine gegenwärtige Lektüre von Geert Buelens‘ Europas Dichter und der Erste Weltkrieg verdeutlicht mir einmal mehr die essentielle Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und schließlich die Gestaltung der Zukunft. Daraus vllt. nur dieses indirekte Zitat des ungarischen Dichters Endre Ady, mit dem Wissen um den Ausgang der diesjährigen Europawahl: „Aber wenn man schon weiterhin in der Vergangenheit schwelgen wolle, solle man sich besser ein Beispiel am ruhmreichen Transsilvanien nehmen – jener multikulturelle Staat habe die europäische Kultur angenommen, Kunst und Wissenschaft erblühen lassen und religiöse Tolerenz zu einem Zeitpunkt entwickelt, als ‚am Rhein das große Kulturvolk‚ noch Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannte.“

Die Vermittlung der Geschichte ist also der erste Schritt in Richtung Zukunft. Safranski setzt in seinen Büchern auf einen Mischton aus Erzählung und Essayistik. Er hält sich strikt an die Fakten, vermittelt sie jedoch wie einen Roman. Das führt nicht nur dazu, dass man die Haltungen und Positionen der großen Weimarer Klassiker besser versteht. Es hat auch zur Folge, dass der ehrfurchtgebietende Sockel der beiden insofern eingeebnet wird, als dass man sich wieder an die Originaltexte traut. Safranskis Methode führt also auch zum Lesen hin, was zwar banal klingt, aber selbst vielen Germanisten (und hier spreche leider aus Erfahrung) inzwischen nicht mehr so wichtig zu sein scheint.

All das setzt natürlich voraus, dass man sich für Kunst, Kultur und Geistesgeschichte interessiert – wozu man ja niemanden zwingen kann. Man kann den „gebildeten Laien“ (so wenig ich diesen Ausdruck mag) aber zu einem Interesse ermutigen, ihm zumindest ein Angebot machen, indem man aufzeigt, dass Goethe und Schiller durchaus nicht so unerreichbar und schwer verständlich sind, wie es der Deutschunterricht oder die Fachliteratur uns einmal weismachte.

Es geht also nicht darum die Existenz der Literaturwissenschaften in Frage zu stellen, wie das leider viel zu oft der Fall ist, sondern darum, seitens der Wissenschaft einen Schritt aus dem akademischen Umfeld heraus, und somit auf eine größere Leserschaft zu zumachen. Dass das funktionieren kann, beweist Safranski. So würde sich meiner Ansicht nach nicht allein die Frage erübrigen, welchen Nutzen die Literaturwissenschaft heute noch hat; Germanistikstudenten würden dann vllt. auch weniger verlegen antworten müssen, wenn ihnen auf Partys und Familienfeiern die Fragen gestellt wird: „Und was macht man dann damit?“

Manifeste für eine Literatur der Zukunft: Tom McCarthy

17. Mai 2014

In der Neuen Rundschau gibt es ein Offizielles Dokument, in dem der britische Autor Tom McCarthy eine Erklärung zum Begriff „Die Zukunft“ abgibt. Er spricht nicht allein für sich, sondern im Namen der von ihm mitbegründeten International Necronautical Society.

Ähnlich wie Francis Nenik, letzlich aber doch ganz anders, schaut auch McCarthy erst einmal in die Vergangenheit, um seine Theorie zur gegenwärtigen literarischen Avantgarde zu entwickeln. Die Zukunft, soviel düfte klar sein, ist ohne die Geschichte nicht möglich. McCarthy knüpft bei Marinettis Futurismus und seiner ästhetischen Übersteigerung des Automobils als Überwinder der Zeit an. Allerdings führt er die hymnische Begeisterung für alles auf Geschwindigkeit ausgerichtete nicht einfach fort. Für McCarthy markiert der im Zuge des Futurismus ebenfalls ikonisch gewordene Autounfall den Beginn der Zukunft. Doch dort wo der Futurismus glaubt die Zeit überwinden zu können, wird er erst einmal sehr unsanft in die Realität des Raumes zurückgeschleudert.

Der ironische Bruch mit den Futuristen, aber auch der Bruch in der ewig beweglichen Kontinuität wird für ihn zum Wesensmerkmal der Avantgarde. „Die künftige Avantgarde wirft sich selbst aus der Bahn und zelebriert dieses Aus-der-Bahn-Werfen mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit, so als stelle das Aus-der-Bahn-Werfen einen Teil ihrer Raison d’être dar.“

Eine künstlerisch Avantgarde ist also immer das Ende einer Konituität, ist immer das Ende einer Bewegung, ein kurzes Abstoppen, bevor sie eine neue Dynamik aufnimmt. Sie lässt die Zeit für einen Moment stillstehen, durchbricht an diesem Punkt das bisher gültige „Reale“ und geht dann einen großen Schritt weiter. Allerdings leistet die Avantgarde diesen Schritt nicht aus einem Vakuum heraus, sondern (natürlich) aufgrund einer Erfahrung. „Historisch betrachtet, und das ist der springende Punkt, betreten wir keinen neuen Boden, sondern alten Boden auf neuen Wegen“, schreibt McCarthy.

[Die in diesem Zusammenhang von McCarthy geführten Überlegungen zu Walter Benjamins Geschichtsbegriff und Paul Klees Angelus Novus überspringe ich, weil ich hier auf etwas anderes hinaus will. Der Verweis erscheint mir dennoch nicht uninteressant. Ich komme sicher irgendwann nochmal darauf zurück.]

Mit den Worten F. Scott Fitzgeralds nennt McCarthy den Menschen eine „rückwärtsgewandte Wiederholungsmaschine[], die unaufhörlich in die Vergangenheit zurückgetrieben“ wird (also doch Benjamin). Das Durchbrechen dieser Schleife, so verstehe ich McCarthy, kann nur durch einen Crash gelingen. Und dieser Crash, so meine These, muss die Kunst/Literatur selbst sein, die ihre Leser/Betrachter aus dem Gewohnten herausreißt. Folgender Gedanke dazu bei McCarthy, ausgehend von James Graham Ballards gleichnamigen Roman: „[…] dass wir schon längst von Fiktionen umgeben sind (Lifestyle-Modelle, Phantasien, sexuelle Rollen und Identitäten, die allesamt durch die Medien […] auf uns einprasseln); die Aufgabe des Autors [Künstlers allgemein], so behauptet er [Ballard] […], bestünde darin, ‚die Wirklichkeit zu erfinden‘.“

Das ist der Punkt, in dem wir wieder ganz nah bei Neniks Essay sind! [Siehe vorheriger Beitrag.] Denn hier wird nicht nur die Geschichte erfunden, sondern damit auch (bis zur eindeutigen Widerlegung des Textes) die Wirklichkeit. Damit steht das Angebot seitens der Literatur, dem Leser eine Alternative anzubieten, die nicht von vorn herein durch einen Fiktionsvertrag geschwächt ist und zumindest die Möglichkeit einer anderen Welt, einer anderen Wirklichkeit im „Realen“ in Aussicht stellt. Eine Literatur, oder besser eine literarische Form, die so etwas zu leisten im Stande ist, ist für mich eine Literatur der Zukunft.

Die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest

3. Januar 2014

Ich glaube es gehört irgendwie zur Zeit der Jahreswende, dass man Rückschau hält und sich ein paar Gedanken über die Zukunft macht. Was habt ich bisher erreicht? Was nicht? Was wird kommen? Und wo will ich überhaupt hin? Gerade wir Endzwanziger sind ja heutzutage oft orientierungslos ob der vielen Möglichkeiten die wir angeblich haben. Man könnte auch sagen, da stehen wir nun in dieser großen Welt, die so klein erscheint, weil wir sie mit ein paar Mouseclicks umrunden können und wissen nichts mit ihr anzufangen. In solchen Situationen denke ich mir dann, dass die „Alten“ doch die Antworten auf unsere Fragen haben müssten. Die meisten von ihnen haben den Punkt der Unsicherheit überwunden und ihrem Leben eine Richtung gegeben. Wobei das auf unsere Eltern meist nicht zutrifft, weil ihr Leben doch immer irgendwie vorgezeichnet war. Dann denke ich mir, dass die großen alten Wissenschaftler, Künstler, Intellektuellen vielleicht mehr Antworten parat haben… und tatsächlich ließ mich mein Freund Leonard Cohen nicht im Stich. Er drang, wie er selbst sagt, zum absoluten Kern der Dinge vor und ist nicht der Typ, der, wenn er die Wahrheit schon gefunden hat damit hinter’m Berg hält. Und ich auch nicht. Wenn ihr also wissen wollt, gerade in Hinblick auf eine mögliche Orientierungslosigkeit im Jahr 2014, was es mit dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest auf sich hat, dann seht euch das Video von „Tower of Song – Live in London 2009“ unbedingt bis zum Schluss an. (Ganz Ungeduldige können auch bei 6:34 einsteigen )

Beschleunigung III: Paul Virilio

28. Juli 2013

Paul Virilio ist sicher ein streitbarer Zeitgenosse. Die Geschwindigkeitstheoretiker haben jedoch den Vorteil auf ihrer Seite, dass man die beschriebenen Phänomene leicht nachvollziehen kann, weil sie unser aller Alltag entspringen. Das erleichtert den spontanen Einstieg ins Thema und lässt jeden Interessierten schnell mitdiskutieren.

Mit eineinhalb Stunden ist das Video eigentlich zu lang für ein Blog, weil kaum ein Leser spontan die Zeit dafür aufbringt/aufbringen kann. Es ersetzt jedoch die Lektüre eines Einführungsbuches zu Virilio, was ja wiederum eine Zeitersparnis bedeutet. 😉

Architekturen der Apokalypse (Teil XI)

18. April 2013

6. Zusammenfassung

Die hier geführten Betrachtungen haben gezeigt, dass die Vorstellungen von der Apokalypse im Laufe der Zeit eine fundamentale Umdeutung erfahren haben. In frühjüdischer und frühchristlicher Zeit wurden die Visionen vom Untergang der Welt noch eindeutig mit einem göttlichen Strafgericht in Verbindung gebracht. Die fehlgeleitete Welt der Ungläubigen wird hier zu einem Ende geführt, damit ein neues Zeitalter des Glaubens anbrechen kann. In der Moderne wurde der Glaube, einer göttlichen Gerichtsbarkeit zu unterstehen, weitestgehend fallen gelassen. An seine Stelle trat die Überzeugung, der Mensch allein sei für seinen möglicherweise bevorstehenden Untergang verantwortlich.

Trotz der unterschiedlichen ideellen Konzepte der Apokalypse wirkt die Offenbarung bis in die Gegenwart fort. Anhand der Untersuchungen von Alfred Kubins Die andere Seite und Paul Austers In the Country of Last Things ist deutlich geworden, dass das biblische Bildrepertoire des Untergangs bis heute gültig ist und sogar noch erweitert wurde. In beiden Romanen kommt es daher folgerichtig zu einer Verbindung religiöser und säkularer Themen und Motive.

So führte Kubin eindringlich das Zusammenwirken von Gegensätzen als zeitübergreifendes Lebensprinzip vor, welches zerstörerischen Kräften eine ebenso notwendige Existenzberechtigung einräumt wie den Mächten des Guten. Folglich endet Kubins Untergangsvision nicht mit einer Erneuerung der Welt zum Besseren, sondern mit dem Fortbestand des vermeintlich Bösen, dem Kapitalismus. Auch Paul Austers Vision vom Untergang kann als Kapitalismuskritik verstanden werden, doch zeichnet er ein noch weitaus pessimistischeres Bild als Kubin. Der Ausgang seines Romans bleibt ebenso offen wie die Frage, ob es neben der vorgeführten Welt des Verfalls überhaupt eine bessere Alternative geben kann.

Generell ist das erstaunlich hohe Potential kapitalismuskritischer Interpretationen, das die Untersuchungen beider Roman zutage gefördert haben, zu beachten. Es wurde gezeigt, dass dieser Aspekt sich durchaus schlüssig mit dem apokalyptischen Stoff beider Werke in Einklang bringen lässt. Sowohl bei Kubin als auch bei Auster stellt der westliche Kapitalismus, wenn auch in chiffrierter Form, den Auslöser oder zumindest ein beschleunigendes Element des Untergangs dar. Ausgehend von dieser Erkenntnis fällt es nicht schwer eine weitere Verbindungslinie zur Offenbarung zu ziehen. Bereits in der biblischen Apokalypse wurde vor der Scheinwelt des überbordenden Luxus gewarnt. Sie verspricht dem Menschen nur kurzzeitiges Glück, trägt aber nicht zu seinem Seelenheil bei, da sie nicht von Dauer sein kann.

Doch ganz gleich, welches ideengeschichtliche Konzept hinter den jeweiligen Untergangsvisionen steckt und welche Aussichten diese bieten mögen, es wurde gezeigt, dass Städte und Gebäude stets eine zentrale Rolle in der Darstellung der Apokalypse einnehmen. Dabei kann ihnen durchaus eine Doppelfunktion als Zufluchtsort und Ort des unmittelbaren Verfalls zukommen. Es wurde gezeigt, dass beide Momente wirkungsmächtige Bilder heraufbeschwören, welche die elementare Bedeutung der Architekturen für die Menschen veranschaulichen. Denn nicht zuletzt sind Gebäude kulturelle Zeugnisse, die, wenn auch nur als Ruinen, fortbestehen, wenn ihrer Erbauer längst nicht mehr sind.


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