Archive for the ‘Notizen’ Category

Im Hafen von Piräus, mit Kleingeld in der Hand

19. Oktober 2017

Manchmal verarscht mich mein Gehirn. Und zwar so richtig. Quält mich mit Ohrwürmern, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Was natürlich nicht stimmt. Ich denke, dass Ohrwürmer immer durch so eine Art Kurzschluss oder Wackelkontakt im Kopf entstehen. Da wird dann was ganz Altes mit etwas Aktuellem in Beziehung gesetzt, ob’s gerade passt oder nicht, ob man will oder nicht.

Ende August bin ich zum ersten Mal nach Griechland gereist. Erst zwei Tage Athen, dann zehn Tage auf Hydra (ja, die „Leonard-Cohen-Insel“ – aber davon vielleicht ein anderes Mal). Hydra ist heute nicht mehr so verschlafen, wie noch in den 1960ern, aber auch immer noch nicht allzu überlaufen von Touristen. Nach Hydra zu reisen hat noch immer etwas Abseitiges. Es gibt hier – zum Glück – keinen Pauschaltourismus. Nach Hydra muss man wollen. Reisen wollen. Vom Hafen in Piräus setzt mit der Fähre über. Nicht mit einem kleinen Kutter und schon gar nicht mit der attischen Triere. Die Fähren heißen heute Flying Cat oder Flying Dolphin, sind moderne Großraumfähren und jagen mit 40 Knoten über die Hellenic Seaways zu den Saronischen Inseln. Romantisch wird es erst, wenn man in Hydra von Bord geht. Auf einer Insel ohne Autos, auf der man die unzähligen Stufen des Kleinstadt gewordenen Amphitheater nur zu Fuß oder mit dem Esel erklimmen kann. Ich habe das dankend in Kauf genommen. Nicht nur, dass ich mal wieder für ein paar Tage aus Deutschland weg wollte, vor allem wollte ich den Hafen von Piräus hinter mir lassen.

Der Hafen von Piräus. Ja, das stellt man sich sicher auch sehr romantisch vor. Wenn man an die antike Seefahrt, an Segelschiffe im Mittelmeer denkt, den Attischen Seebund, überhaupt an Hafenromantik, dann denkt man eventuell, vielleicht, bestimmt an den Hafen von Piräus. Mein Hirn hatte mich dahingehend verarscht. Oder war es doch die Schlagersängerin Nicole?

Schon Tage bevor ich gepackt hatte, hatte ich diesen Ohrwurm im Kopf. „Allein in Griechenland, verloren zwischen Sonne, Wind und Meer“ Ich glaube, meine Eltern fanden das in den 1990ern ganz toll und waren damit nicht allein. Eine eingängige Powerschlagerballade zum Träumen, die oft aus dem Küchenradio mit CD-Player schallte.

Uff, ja genau. Diese olle Schote hatte ich tagelang im Ohr. Nicht nur vor Griechenland, nicht nur nach Griechenland, sondern dazwischen auch. Aber nur einmal ganz kurz am Hafen von Piräus, als mich ein zerlumptes, bettelndes Kind, dass sich von hinten an mich heran geschlichen hatte fast zu Tode erschreckte. Dem ich dann aus schlechtem Gewissen eine Münze in die Hand drückte unter den neidischen Blicken der Sonnenbrillen- und Selfiestickverkäufer. Ganz zu schweigen von den Obdachlosen udn den Flüchtlingen, die sich am Hafen tummeln und sammeln und hoffen, aber nicht wissen wohin.

Wo genau war das wohl, wo Nicole 1985 mit einem Glas Rotwein in der Hand sehnend auf’s Meer blickte? Neben den übervollen Müllcontainern hier? Oder in dem nach Urin stinkenden Wartehäuschen in der prallen Sonne dort? Oder direkt da drüben an den dieselverqualmten Anlegern dieses riesigen Betonbeckens, das der Hafen von Piräus ist und nicht mehr?

20170908_131006

Im Hafen von Piräus. Wenn Sie nah genug an das Bild herangehen, riechen Sie vielleicht das Mittelmeer. (Achten Sie auf Ihre Wertgegenstände!)

Okay, Schlager lügt. Schon klar. Und um ehrlich zu sein: ich hatte keinerlei Vorstellungen vom Hafen in Piräus. Aber was mich dort erwartet hat war die größte, intensivste und auf verquere Weise herzlichste Einladung auf irgendeine griechische Insel überzusetzen, die ich mir vorstellen konnte.

Allein in Griechenland. War ich nicht. Ich hatte überhaupt noch nie Fluchtgedanken im Zusammenhang mit meiner Beziehung. Darum geht es ja eigentlich in Nicoles Schmonzette. Ich, starke, unabhängige Frau, hab genug von dir und fahr‘ jetzt einfach mal weg. So! Schön in Bluejeans Rotwein picheln im Hafen von Piräus, wo du olle Romantikschnarchnase nie mit mir hinwolltest. Immer nur Dosenbier und Fußball in der Joggingbuchse, du Höhlenmensch!

Als ich in der Fähre saß, aus Ermangelung an Alternativen eine Tüte Brotchips knabbernd, hatte ich den Song noch immer oder schon wieder im Kopf. Dabei raste ich doch mit 40 Knoten auf Leonard Cohens Refugium zu und war aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten. (Ja, es war sowas wie eine kleinen Pilgerreise. Aber nur am Anfang, ehrlich! Denn das wirklich Unglaubliche, das Zauberhafte an Hydra ist… Na, ein anderes Mal vielleicht.) Hydra rückte näher und ich dachte nicht an Bird on a wire, sondern summte in mich hinein: „Ich lebe einmal so, wie ich mich fühl'“. Hallelujah.

Was macht man da? Auf bewährte Hausmittel zurückreifen natürlich. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Ich hab mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und Nicole noch einmal schmettern lassen. Und als sich gegen Ende des Songs abzeichnete, dass ich den Ohrwurm nun wirklich mit dem akustischen Spaten in zwei Hälften geteilt hatte, sodass sich nur noch die Enden jammervoll wanden, dachte ich, dass die Verklärung des Hafens von Piräus ja wirklich nicht das Schlimmste an dem Song ist. Pillepalle geradezu im Vergleich zu den letzten Zeilen.

Jetzt bin ich endlich weg, du blödes Machoschwein, hab mir ein paar Gläser genehmigt und hier gibt’s auch andere tolle Leute. Aber nur, bis die Tavernen schließen, dann sind nämliche alle weg und ich gucke blöd auf’s Meer und vermisse dich wie Hölle, Hölle, Hölle. Also komm ich, kleines, sehnsuchtgeladenes Romantikmädchen lieber zu dir zurück.

Ach, patriarchale (Schlager-)Welt voller schöner, schwacher Frauen, die es ohne den straken Mann zuhause nicht schaffen. Was bist du nur für eine Bullshitindustrie. Und kann es vielleicht sein, dass Frauen wie Nicole in diesem Business jahrelang dazu beitrugen ein Frauenbild von Vorvorgestern zu zementieren? Und dass die Frauen, die so gern Nicole hör(t)en nie wirklich zugehört haben?

Ich hab danach ganz schnell Bird on a wire gehört. Leonard Cohen, großer Liebhaber der Frauen, der nicht nur seine eigene, sondern auch die Unabhängigkeit seiner Partnerinnen verteidigte und bedichtete, wie kein zweiter. Marianne Ihlen hat ihn dazu angehalten genau diesen Song unter dem Eindruck ihres gemeinsamen Lebens auf Hydra (ja, und wegen eines Vogels auf ’ner Stromleitung) zu schreiben.

Es ist vielleicht nicht sein bester Song und auch nicht mein Favorit von ihm, aber genau der richtige Begleiter für eine Reise, die sich wie ein Entkommen aus der einen, ein Ankommen in einer anderen Welt anfühlt. Und er hat alles, was der deutsche Schlager auch hat. Nur besser, versteht sich. Sehnsucht, Einsamkeit, Fernweh, Liebe, Alkohol. Doch im Gegensatz zum deutschen Schlager verschweigt er nicht die Bettler, denen man z.B. im Hafen von Piräus begegnet und einen in die Realität zurückholen, sobald man glaubt irgendwohin vor dieser großen, bösen Welt flüchten zu können.

Advertisements

Kurzes Statement zur geistigen Provinzialität

2. Juni 2017

„Die anderen Länder lachen über Amerika.“ hat Donald J. Trump (45. Präsident der Vereinigten Staaten. Wirklich.) bei jener Pressekonferenz behauptet, bei der er bestätigte, dass sein Land sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen werde — um einen neuen Vertrag auszuhandeln, „der fair ist“.

DA6hmndW0AABXsLDazu nur ein kurzer Gedanke. „Die anderen lachen über uns.“ klingt für mich wie jener provinzielle Minderwertigkeitskomplex, der jeglichen „anderen“ gegenüber gern zum Abwehr- bzw. Abkehrsatz Nr.1 führt „Der/Die hält/halten sich für was Besseres.“ – weil er/sie Dinge anders machen, als andere.

Und das hat nichts mit Dorf- oder Stadtbewohner zu tun, sondern mit geschlossenen Communities, die ihr Handeln für das (einzig) Richtige halten. Geistige Provinzen also, voll geistiger Provinzialität. Man findet sie im Eigenheim hinterm Gartenzaun genauso, wie im Weißen Haus hinterm schmiedeeisernen Tor.

Btw.: Was ist eigentlich schlimmer – Wahnsinn oder Ideologie?

Ich möchte jetzt nicht in Frankfurt/Main sein, nicht auf der Buchmesse in irgendeiner Halle nichts mitbekommen vom schönen Grau des Sonntagnachmittags

23. Oktober 2016

„Writing allowed me direct access to my imagination to inspiration and, ultimately, to God. I found that through the use of language I was writing God into existence. Language became the blanket that I threw over the invisible man, which gave him shape and form.“

– Nick Cave

WP_20161023_14_18_15_Pro.jpg

Verstärkung ist da!

21. Mai 2016

„Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. …

2016-18-5--11-07-18

… Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.“

aus: Rolf Dieter Brinkmann – Vorbemerkung (Westwärts 1 & 2)

Mehr als Dunst

8. März 2016

Ich habe, ja jetzt erst, Leif Randts Schimmernder Dunst über CobyCounty gelesen. Natürlich zur Unzeit. Fünf Jahre nach Erscheinen ist ein Roman ja meist schon nicht mehr allzu präsent in den literarischen Gesprächen, aber auch noch nicht alt genug, um als „moderner Klassiker“ vom Feuilleton einer Relektüre unterzogen zu werden. Aber so kurz vor der Buchmesse in Leipzig las sich Randts Buch doch recht passend.

Dass mit Schimmernder Dunst über CobyCounty eine „neue Zeitrechnung“ in der deutschen Literatur beginnt, halte ich wie die meisten Superlative auf Buchumschlägen für übertrieben. Aber es ist schon auch was dran. Mit dem Roman ändert sich doch etwas. Zumindest für mich. (Apropos Zeitrechnung. Ich lese seit Jahren jahrelang hinter den Verlagsprogrammen hinterher. Ich wüsste nicht, wie es ander gehen soll.)

WIN_20160301_10_24_54_Pro

Nach Karl Wolfgang Flenders Greenwash Inc. und dem Klagenfurt-Text von Ronja von Rönne, dachte ich mir so, dass Popliteratur (was auch immer sie sei) vielleicht doch noch nicht ganz am Ende ist. Rönnes Text hat mich jetzt zwar nicht total umgehauen. Aber ich fand ihn alles in allem völlig in Ordnung. Flenders etwas zu glattgebügeltes Erzählen hat mich, gemessen an seinem wahnsinnig interessanten, kantigen Thema, leider nicht so sehr überzeugt.

Nach Schimmernder Dunst über CobyCounty denke ich nun aber, dass die Popliteratur hier einen Höhepunkt und gleichzeitigen (vorläufigen?) Abschluss erreicht hat. Dabei gibt es in dem Roman, wenn überhaupt, nur einen impliziten popliterarischen Gestus, weil Randt so unfassbar unaufgeregt erzählt, dass man niederknien möchte. Auf überspitzte, ironische Pointen verzichtet er völlig, webt vielmehr eine schwebende, leicht spöttische Distanz in den Text, die dem Plot so angemessen ist, wie es nur geht. „Ein fast epochaler Generationenroman“, steht noch hinten drauf. Diese Superlative immer. Diese dann doch sehr passenden Superlative.

Ideenskizze für eine Kurzgeschichte, die ich nicht schreiben werde

1. März 2016

Er fand erst spät in den Literaturbetrieb. Da war er 45 und beschloss, sich endlich nach draußen zu wagen, um die Autoren bei ihren Lesungen zu hören.

Wenn sich am Ende dieser Abende die Publikumsschlange bildete, deren Kopf der signierende Autor war, schlich er sich von der anderen Seite an den Tisch heran und trank rasch einen Schluck aus dem Autorenwasserglas.

So sorgte er mit der Zeit für einiges Aufsehen.

Wish

18. Februar 2016

Wish! 1992 war das! Als Nine Inch Nails die Rockmusik nicht minder revolutioniert hatten als, sagen wir… Nirvana. Nur dass Trent Reznor, dank David Bowie, die Kurve gekriegt hat. Bowie hatte es ja immer bedauert Cobain nie getroffen zu haben. Vor allem, um ihm für dieses Cover zu danken. Dafür traf er Reznor, der nichts von Bowie gecovert hat, sondern lieber gleich einen Song mit ihm aufgenommen hat. (Wobei ich mir ein NIN-Cover von „Heroes“ mittlerweile ganz gut vorstellen kann. Hat ja mit Joy Divisions Atmosphere auch gut geklappt.)

Ich hab immer mal wieder nach möglichen Verbindungen zwischen NIN und Nirvana gesucht. Und fand das auch nie abwegig. Spätestens dann nicht mehr, als Dave Grohl einen Großteil der Drums für das Album With Teeth eingetrommelt hatte. Naja, und Bowie natürlich. Aber das ging mir doch recht spät auf.

Stellt euch das mal vor! David Bowie connected Trent Reznor und Kurt Cobain! Hätte letzterer noch ein oder zwei Jahre durchgehalten, wäre es vielleicht dazu gekommen. Ein gemeinsamer Song. Vielleicht sogar gemeinsame Konzerte. Wunschdenken.

Wieso komme ich eigentlich darauf? I Wish this Broken EP to get Fixed by remastering for a long time. Aus diesem Anlass habe ich mir seit einer gefühlten Ewigkeit mal wieder das Video zu Wish angesehen und musste irgendwie an ein Video von Nirvana denken.

Irgendwie aber auch ganz gut, dass Trent Reznor nie all zu tief in den MTV-Sumpf gezogen wurde. Dieses andere NIN-Video, das Ikonische, wollten sie ja erst gar nicht senden. Dann lief es fast zwei Jahre auf heavy rotation. Die Pfeifen. Da hatte sich Reznor längst mit einem sehr langen, sehr mittigen Mittelfinger am Kopf gekratzt.

Über die Romane von Leonard Cohen

16. Februar 2016

Dass Leonard Cohen nicht nur Musiker ist, sondern auch Schriftsteller wissen eigentlich alle, die sich schon mal ein bisschen mit dem Kanadier beschäftigt haben. Dass die Musik strenggenommen „nur“ Cohens Zweitkarriere ist, wissen schon weniger. Bevor er 1967 sein legendäres Debutalbum Songs of Leonard Cohen veröffentlichte, hatte er bereits sechs Bücher veröffentlicht, darunter die beiden Romane The Favorite Game (1963) und Beautiful Losers (1966), und galt vielen als der Kronprinz der kanadischen Literatur.

2009 und 2013 wurden Cohens Romane von Gregor Hens neu übersetzt und wiederveröffentlicht. Ich befürchte jedoch, dass die Romane heute vor allem als Fanartikel des Musikers angesehen und daher wohl vor allem von Cohen-Anhängern gelesen werden. Wenn überhaupt. Das wäre vor allem deshalb schade, weil besagte Bücher nicht in das heute eher kritisch beäugte Genre des „Musikerromans“ gehören. Daher zwei kurze Leseeindrücke…

WP_20160216_10_29_16_ProDas Lieblingsspiel. Die autobiographisch geprägte Story, um das Aufwachsen von Lawrence Breavman erinnert stark an eine Mischung aus Jack Kerouac und dem frühen Philip Roth. Cohen bringt zwar seinen eigenen sehnsuchtsvollen Sound mit in die Geschichte, der vor allem auf seinen ersten Studioalben dominierte, bleibt in seinem realistischen Erzählstil jedoch ganz der nordamerikanischen Literaturtradition verpflichtet. Von daher erinnert Das Lieblingsspiel doch mehr an Roth, vielleicht auch Updike, als an Kerouac. Bemerkenswert ist jedoch wieviel vom Musiker Cohen bereits in diesem Roman steckt. Und hier lässt sich das Buch doch wirklich nur schwer von seinem singenden Autor trennen. Demenstprechend folgt man dem Protagonisten als Fan ganz gern und lässt sich in aller Ausführlichkeit über die Hürden bei der Suche nach Liebe, Anerkennung und Identität erzählen.

Betrachtet man Cohen jedoch etwas objektiver und liest Das Lieblingsspiel nicht mit der Fan-Brille, wird man ihm streckenweise doch einen gewissen Hang zum redundanten Lamento, wenn nicht gar Selbstmitleid attestieren müssen. – Alles in allem aber ein lesenswerter Roman, für Liebhaber nordamerikanischer Literatur nach 1945.

Ein ganz anderes Kaliber ist jedoch Cohens zweiter Roman Beautiful Losers, auf den es mir hier besonders ankommt. Darin geht es um einen namenlosen Protagonisten, der nach einer grandios wie turbulent gescheiterten, bi-sexuellen Dreiecksbeziehung, sein Seelenheil in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von Catherine (Kateri) Tekakwitha sucht. (Die konvertierte Indianerin aus dem 17. Jhd. gab es wirklich. 2013 wurde sie von Benedikt XVI. heilig gesprochen.)

Als das Buch 1966 nach langem Zögern seitens des Verlages erschien, wurde es von der Kritik fast einstimming verrissen. „Total unverständlich“ und „unlesbar“ waren dabei noch die harmlosesten Schlagworte, der schlichtweg überforderten Rezensenten. Rückblickend wundert das nicht, denn Cohen wendet sich hier radikal vom klassisch-realistischen Erzählen und seinem poetischen gentleman-Sound ab. In Collagen, Cut-ups, unangekündigten Perspektiv- und Erzählstimmenwechsel etc. schreibt er einen Text, der ganz und gar auf der künstlerischen Höhe seiner Zeit ist und das komplette Repertoire der klassisch-modernen Avantgarde, besonders aber der Beat-Literatur rezipiert.

Der bis dahin hofierte Jungdichter Leonard Cohen hatte sich mit Pauken und Trompeten vom Mainstream verabschiedet und fiel ausgerechnet mit dem Roman in Ungnade, der wohl die Postmoderne in der kanadischen Literatur einläutete. (Worauf man heute natürlich mächtig stolz ist.) Das verstand man damals noch nicht, weil der höfliche junge Mann auf einmal kantig, respektlos und vulgär die Möglichkeiten des Erzählens auslotete. Und noch bis heute treue und nostalgische Fans damit vor den Kopf stößt, die beim Lesen des Wortes „Fotze“ aus den Hausschuhen kippen.

Nein, das ist nicht der Leonard Cohen, den man zu kennen glaubt. Das ist ein wagemutiger Autor, der seinen erworbenen Lorbeer verbrennt und die radikale Freiheit der Literatur sucht.WP_20160216_10_29_26_Pro

Das vom Verlag so genannte „Kultbuch“ war bei Erscheinen auch wenig erfolgreich und verbreitete sich ganz und gar nicht in „Windeseile“, wie der Klappentext sagt. Nur eine handvoll Künstler wusste es zunächst wirklich zu schätzen. Zu den ersten und prominentesten Fans von Beautiful Losers zählte u.a. Lou Reed. Heute steckt das Buch vielleicht in dem Dilemma, dass es nicht für Cohen-Fans, sondern Liebhaber experimenteller Literatur geschrieben wurde; von ersteren jedoch abgelehnt, von letzteren nicht wahrgenommen wird.

Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Dunkles, Skizze

30. November 2015

Der Sturm scheint gerade um meinen Schreibtisch zu wehen. Und „wehen“ ist nun wirklich das falsche Wort dafür. Er reißt an den Mauern und mich auf den Balkon. Ich teile mir gern eine Zigarette mit ihm. Obwohl es nicht regnet, denke ich an einen der schönsten Verse, die ich kenne.

Sieh, der Wind treibt Regen über’s Land!

Dabei sind die Wolken die Getriebenen. Sie scheinen aus dem Hintergrund heraus beleuchtet. Diffuses Licht vom Flughafen oder irgendwo her. Ich stelle mir ein anders Licht vor. Eines für Sturmnächte wie diese. Eines, das das Grau, das Blau, das Schwarz so zurückhaltend wie möglich erleuchtet. Die schöne Dunkelheit dunkel sein läss. Keine Ahnung, wie das aussehen soll. Sicher genau so wie jetzt. Draußen.


%d Bloggern gefällt das: