Archive for the ‘Notizen’ Category

Kurzes Statement zur geistigen Provinzialität

2. Juni 2017

„Die anderen Länder lachen über Amerika.“ hat Donald J. Trump (45. Präsident der Vereinigten Staaten. Wirklich.) bei jener Pressekonferenz behauptet, bei der er bestätigte, dass sein Land sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen werde — um einen neuen Vertrag auszuhandeln, „der fair ist“.

DA6hmndW0AABXsLDazu nur ein kurzer Gedanke. „Die anderen lachen über uns.“ klingt für mich wie jener provinzielle Minderwertigkeitskomplex, der jeglichen „anderen“ gegenüber gern zum Abwehr- bzw. Abkehrsatz Nr.1 führt „Der/Die hält/halten sich für was Besseres.“ – weil er/sie Dinge anders machen, als andere.

Und das hat nichts mit Dorf- oder Stadtbewohner zu tun, sondern mit geschlossenen Communities, die ihr Handeln für das (einzig) Richtige halten. Geistige Provinzen also, voll geistiger Provinzialität. Man findet sie im Eigenheim hinterm Gartenzaun genauso, wie im Weißen Haus hinterm schmiedeeisernen Tor.

Btw.: Was ist eigentlich schlimmer – Wahnsinn oder Ideologie?

Ich möchte jetzt nicht in Frankfurt/Main sein, nicht auf der Buchmesse in irgendeiner Halle nichts mitbekommen vom schönen Grau des Sonntagnachmittags

23. Oktober 2016

„Writing allowed me direct access to my imagination to inspiration and, ultimately, to God. I found that through the use of language I was writing God into existence. Language became the blanket that I threw over the invisible man, which gave him shape and form.“

– Nick Cave

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Verstärkung ist da!

21. Mai 2016

„Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. …

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… Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.“

aus: Rolf Dieter Brinkmann – Vorbemerkung (Westwärts 1 & 2)

Mehr als Dunst

8. März 2016

Ich habe, ja jetzt erst, Leif Randts Schimmernder Dunst über CobyCounty gelesen. Natürlich zur Unzeit. Fünf Jahre nach Erscheinen ist ein Roman ja meist schon nicht mehr allzu präsent in den literarischen Gesprächen, aber auch noch nicht alt genug, um als „moderner Klassiker“ vom Feuilleton einer Relektüre unterzogen zu werden. Aber so kurz vor der Buchmesse in Leipzig las sich Randts Buch doch recht passend.

Dass mit Schimmernder Dunst über CobyCounty eine „neue Zeitrechnung“ in der deutschen Literatur beginnt, halte ich wie die meisten Superlative auf Buchumschlägen für übertrieben. Aber es ist schon auch was dran. Mit dem Roman ändert sich doch etwas. Zumindest für mich. (Apropos Zeitrechnung. Ich lese seit Jahren jahrelang hinter den Verlagsprogrammen hinterher. Ich wüsste nicht, wie es ander gehen soll.)

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Nach Karl Wolfgang Flenders Greenwash Inc. und dem Klagenfurt-Text von Ronja von Rönne, dachte ich mir so, dass Popliteratur (was auch immer sie sei) vielleicht doch noch nicht ganz am Ende ist. Rönnes Text hat mich jetzt zwar nicht total umgehauen. Aber ich fand ihn alles in allem völlig in Ordnung. Flenders etwas zu glattgebügeltes Erzählen hat mich, gemessen an seinem wahnsinnig interessanten, kantigen Thema, leider nicht so sehr überzeugt.

Nach Schimmernder Dunst über CobyCounty denke ich nun aber, dass die Popliteratur hier einen Höhepunkt und gleichzeitigen (vorläufigen?) Abschluss erreicht hat. Dabei gibt es in dem Roman, wenn überhaupt, nur einen impliziten popliterarischen Gestus, weil Randt so unfassbar unaufgeregt erzählt, dass man niederknien möchte. Auf überspitzte, ironische Pointen verzichtet er völlig, webt vielmehr eine schwebende, leicht spöttische Distanz in den Text, die dem Plot so angemessen ist, wie es nur geht. „Ein fast epochaler Generationenroman“, steht noch hinten drauf. Diese Superlative immer. Diese dann doch sehr passenden Superlative.

Ideenskizze für eine Kurzgeschichte, die ich nicht schreiben werde

1. März 2016

Er fand erst spät in den Literaturbetrieb. Da war er 45 und beschloss, sich endlich nach draußen zu wagen, um die Autoren bei ihren Lesungen zu hören.

Wenn sich am Ende dieser Abende die Publikumsschlange bildete, deren Kopf der signierende Autor war, schlich er sich von der anderen Seite an den Tisch heran und trank rasch einen Schluck aus dem Autorenwasserglas.

So sorgte er mit der Zeit für einiges Aufsehen.

Wish

18. Februar 2016

Wish! 1992 war das! Als Nine Inch Nails die Rockmusik nicht minder revolutioniert hatten als, sagen wir… Nirvana. Nur dass Trent Reznor, dank David Bowie, die Kurve gekriegt hat. Bowie hatte es ja immer bedauert Cobain nie getroffen zu haben. Vor allem, um ihm für dieses Cover zu danken. Dafür traf er Reznor, der nichts von Bowie gecovert hat, sondern lieber gleich einen Song mit ihm aufgenommen hat. (Wobei ich mir ein NIN-Cover von „Heroes“ mittlerweile ganz gut vorstellen kann. Hat ja mit Joy Divisions Atmosphere auch gut geklappt.)

Ich hab immer mal wieder nach möglichen Verbindungen zwischen NIN und Nirvana gesucht. Und fand das auch nie abwegig. Spätestens dann nicht mehr, als Dave Grohl einen Großteil der Drums für das Album With Teeth eingetrommelt hatte. Naja, und Bowie natürlich. Aber das ging mir doch recht spät auf.

Stellt euch das mal vor! David Bowie connected Trent Reznor und Kurt Cobain! Hätte letzterer noch ein oder zwei Jahre durchgehalten, wäre es vielleicht dazu gekommen. Ein gemeinsamer Song. Vielleicht sogar gemeinsame Konzerte. Wunschdenken.

Wieso komme ich eigentlich darauf? I Wish this Broken EP to get Fixed by remastering for a long time. Aus diesem Anlass habe ich mir seit einer gefühlten Ewigkeit mal wieder das Video zu Wish angesehen und musste irgendwie an ein Video von Nirvana denken.

Irgendwie aber auch ganz gut, dass Trent Reznor nie all zu tief in den MTV-Sumpf gezogen wurde. Dieses andere NIN-Video, das Ikonische, wollten sie ja erst gar nicht senden. Dann lief es fast zwei Jahre auf heavy rotation. Die Pfeifen. Da hatte sich Reznor längst mit einem sehr langen, sehr mittigen Mittelfinger am Kopf gekratzt.

Über die Romane von Leonard Cohen

16. Februar 2016

Dass Leonard Cohen nicht nur Musiker ist, sondern auch Schriftsteller wissen eigentlich alle, die sich schon mal ein bisschen mit dem Kanadier beschäftigt haben. Dass die Musik strenggenommen „nur“ Cohens Zweitkarriere ist, wissen schon weniger. Bevor er 1967 sein legendäres Debutalbum Songs of Leonard Cohen veröffentlichte, hatte er bereits sechs Bücher veröffentlicht, darunter die beiden Romane The Favorite Game (1963) und Beautiful Losers (1966), und galt vielen als der Kronprinz der kanadischen Literatur.

2009 und 2013 wurden Cohens Romane von Gregor Hens neu übersetzt und wiederveröffentlicht. Ich befürchte jedoch, dass die Romane heute vor allem als Fanartikel des Musikers angesehen und daher wohl vor allem von Cohen-Anhängern gelesen werden. Wenn überhaupt. Das wäre vor allem deshalb schade, weil besagte Bücher nicht in das heute eher kritisch beäugte Genre des „Musikerromans“ gehören. Daher zwei kurze Leseeindrücke…

WP_20160216_10_29_16_ProDas Lieblingsspiel. Die autobiographisch geprägte Story, um das Aufwachsen von Lawrence Breavman erinnert stark an eine Mischung aus Jack Kerouac und dem frühen Philip Roth. Cohen bringt zwar seinen eigenen sehnsuchtsvollen Sound mit in die Geschichte, der vor allem auf seinen ersten Studioalben dominierte, bleibt in seinem realistischen Erzählstil jedoch ganz der nordamerikanischen Literaturtradition verpflichtet. Von daher erinnert Das Lieblingsspiel doch mehr an Roth, vielleicht auch Updike, als an Kerouac. Bemerkenswert ist jedoch wieviel vom Musiker Cohen bereits in diesem Roman steckt. Und hier lässt sich das Buch doch wirklich nur schwer von seinem singenden Autor trennen. Demenstprechend folgt man dem Protagonisten als Fan ganz gern und lässt sich in aller Ausführlichkeit über die Hürden bei der Suche nach Liebe, Anerkennung und Identität erzählen.

Betrachtet man Cohen jedoch etwas objektiver und liest Das Lieblingsspiel nicht mit der Fan-Brille, wird man ihm streckenweise doch einen gewissen Hang zum redundanten Lamento, wenn nicht gar Selbstmitleid attestieren müssen. – Alles in allem aber ein lesenswerter Roman, für Liebhaber nordamerikanischer Literatur nach 1945.

Ein ganz anderes Kaliber ist jedoch Cohens zweiter Roman Beautiful Losers, auf den es mir hier besonders ankommt. Darin geht es um einen namenlosen Protagonisten, der nach einer grandios wie turbulent gescheiterten, bi-sexuellen Dreiecksbeziehung, sein Seelenheil in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von Catherine (Kateri) Tekakwitha sucht. (Die konvertierte Indianerin aus dem 17. Jhd. gab es wirklich. 2013 wurde sie von Benedikt XVI. heilig gesprochen.)

Als das Buch 1966 nach langem Zögern seitens des Verlages erschien, wurde es von der Kritik fast einstimming verrissen. „Total unverständlich“ und „unlesbar“ waren dabei noch die harmlosesten Schlagworte, der schlichtweg überforderten Rezensenten. Rückblickend wundert das nicht, denn Cohen wendet sich hier radikal vom klassisch-realistischen Erzählen und seinem poetischen gentleman-Sound ab. In Collagen, Cut-ups, unangekündigten Perspektiv- und Erzählstimmenwechsel etc. schreibt er einen Text, der ganz und gar auf der künstlerischen Höhe seiner Zeit ist und das komplette Repertoire der klassisch-modernen Avantgarde, besonders aber der Beat-Literatur rezipiert.

Der bis dahin hofierte Jungdichter Leonard Cohen hatte sich mit Pauken und Trompeten vom Mainstream verabschiedet und fiel ausgerechnet mit dem Roman in Ungnade, der wohl die Postmoderne in der kanadischen Literatur einläutete. (Worauf man heute natürlich mächtig stolz ist.) Das verstand man damals noch nicht, weil der höfliche junge Mann auf einmal kantig, respektlos und vulgär die Möglichkeiten des Erzählens auslotete. Und noch bis heute treue und nostalgische Fans damit vor den Kopf stößt, die beim Lesen des Wortes „Fotze“ aus den Hausschuhen kippen.

Nein, das ist nicht der Leonard Cohen, den man zu kennen glaubt. Das ist ein wagemutiger Autor, der seinen erworbenen Lorbeer verbrennt und die radikale Freiheit der Literatur sucht.WP_20160216_10_29_26_Pro

Das vom Verlag so genannte „Kultbuch“ war bei Erscheinen auch wenig erfolgreich und verbreitete sich ganz und gar nicht in „Windeseile“, wie der Klappentext sagt. Nur eine handvoll Künstler wusste es zunächst wirklich zu schätzen. Zu den ersten und prominentesten Fans von Beautiful Losers zählte u.a. Lou Reed. Heute steckt das Buch vielleicht in dem Dilemma, dass es nicht für Cohen-Fans, sondern Liebhaber experimenteller Literatur geschrieben wurde; von ersteren jedoch abgelehnt, von letzteren nicht wahrgenommen wird.

Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Dunkles, Skizze

30. November 2015

Der Sturm scheint gerade um meinen Schreibtisch zu wehen. Und „wehen“ ist nun wirklich das falsche Wort dafür. Er reißt an den Mauern und mich auf den Balkon. Ich teile mir gern eine Zigarette mit ihm. Obwohl es nicht regnet, denke ich an einen der schönsten Verse, die ich kenne.

Sieh, der Wind treibt Regen über’s Land!

Dabei sind die Wolken die Getriebenen. Sie scheinen aus dem Hintergrund heraus beleuchtet. Diffuses Licht vom Flughafen oder irgendwo her. Ich stelle mir ein anders Licht vor. Eines für Sturmnächte wie diese. Eines, das das Grau, das Blau, das Schwarz so zurückhaltend wie möglich erleuchtet. Die schöne Dunkelheit dunkel sein läss. Keine Ahnung, wie das aussehen soll. Sicher genau so wie jetzt. Draußen.

Über ein vorerst aufgegebenes Gedicht// Eine Art Werkstattbericht

6. November 2015

Vor Jahren stieß ich bei der Michael-Triegel-Ausstellung Verwandlung der Götter im Leipziger Museum der bildenden Künste auf das Bild Faltenwurf oder Am Grabe, dass mich bis heute sehr beeindruckt. [Da ich mir wegen des Copyrights unsicher bin, verlinke ich es hier.] Die kleine Bilddatei liegt schon lang in meinem digitalen Privatmuseum. Hin und wieder werfe ich einen Blick darauf, kann das Bild aber oft nicht richtig fassen. Ich finde es schade, dass das Bild den Titel „Am Grabe“ trägt, weil er den Betrachter viel zu eindeutig zu einer Lesart drängt. Seither versuche ich das Bild losgelöst vom Titel zu begreifen und frage mich: Was zeigt Triegel hier eigentlich?

Ich habe das Bild immer wieder in die Warteschleife geschoben.

Etwas später kam dann Gerhard Falkner mit seinen Pergamon Poems (kookbooks, 2012), die mich zwar sofort interessierten, aber auch erstmal in die Warteschleife rutschten, da ich dem prosaischen Ton angesichts des Themas nicht traute. In mehrfacher Hinsicht war das völliger Quatsch, wie ich heute weiß. Wollte man den Fries des Pergamonaltars heute mit antikem Versmaß besingen, käme doch nur eine Immitation zustande, die uns von der Antike eher entfernt, als sie uns zu vergegenwärtigen. (Wenn das überhaupt Falkners Absicht war.) Zudem sind die Pergamon Poems gar nicht so prosaisch.

Jedenfalls heißt es gleich in einem der ersten Gedichte des Bandes:

Aphrodite, auf deren Wink hin sich die Tiere paaren
mit Schenkeln wie aus bestem attischen Gestüt
und in Gewändern wie von Botticelli übergossen […]

Dieser dritte Vers erinnerte mich an etwas. Weniger wegen Botticelli, sondern wegen des Bildes, einer mit einem Gewand übergossenen Figur. Und ich dachte sofort an die Sichtbarkeit eines Unsichtbaren, wie etwa H.G. Wells Invisible Man, der seinen Kopf mit Mullbinden umwickelte, um, auch für sich selbst, wieder greifbar zu sein.

Vielleicht war Triegels Bildtitel also doch nicht so abwegig, dachte ich. Die Stoff gewordene Sehnsucht danach, das Verschwundene irgendwie zurückzuholen. Wenn auch nur als Illusion das Verlorene zu re-visualisieren. Schließlich den oft unbegreiflichen Verlust im Wortsinne greifbar zu machen. Sozusagen eine Materialisierung des Metaphysischen, die Präsenz des nicht zu Repräsentierenden. Ein faltengewordenens Paradox also.

Mit dem Zusammendenken von Triegel, Falkner und Wells fragte ich mich also, wer den Raum unter dem Laken oder Gewand ausfüllt bzw. im Auge des Betrachters ausfüllen könnte. Ein verschwundener Mensch, an dem man festhalten will, obwohl man sich schon gar nicht mehr richtig an sein Gesicht erinnert?

Ich schrieb daraufhin ein mäßiges Gedicht über eine verschwundene Liebe, das mit Falkners entlehntem Vers beginnt:

ich hatte dich übergossen
mit Gewändern von Botticelli

so wurde dein Verschwinden sichtbar
der Faltenwurf stärker von Tag zu Tag

beim Versuch die Stoffe zu glätten
bist du mir schließlich entwischt

mir bleibt nur noch Tücher zu werfen
die Ecken zu nebeln im leeren Raum

um die Chance eines Wiedersehens

Hier hatte ich zwar die Bilder, die ich im Kopf hatte eingebaut, aber letztlich wurde auch hier nichts greifbar. Ist das „Du“ nun schon weg oder noch da? Wie kann das „Ich“ das eigentlich schon verlorene „Du“ mit Gewändern (von Botticelli?) übergießen? Wenn ein Unsichtbarer unter einem Tuch verschwindet, werden die Falten dann nicht weniger? Kurzum: Nach dem Wiederlesen konnte ich mit all diesen Vagheiten, diesen Ungenauigkeiten nicht zufrieden sein. Selbst wenn der Gegenstand solche Defizite mit sich bringt.

Das Gedicht blieb liegen. Wochen und Monate. Ich widmete mich anderen Ideen, Bildern und Texten, schrieb, was ich am meisten schreibe: Notizen, Skizzen, Varianten, Vorstufen. Meine Texte haben meist eine (viel zu) lange Inkubationszeit.

Dann kam mir der Gedanke, mich dem Gedicht gewissermaßen zu entledigen, indem ich die Rollen darin vertauschte. Da ist nicht mehr viel übrig von Triegel/Falkner/Wells. Nur noch der Ideenunterbau sozusagen. Das „Ich“ will das „Du“ jetzt nicht mehr halten oder zurückholen. Es wird gewalttätig und beschleunigt das Verschwinden, stoppt es dann nochmal ab, wird sadistisch und überlässt das „Du“ schließlich sich selbst. Ziemlich böse, ich weiß. Aber so passt es auch besser in eine Gruppe von Gedichten, um die Hassliebe zweier Menschen (dazu zu gegebener Zeit mehr).

ich hatte dich übergossen
und erloschen bist du
unter barocken Laken
die Blasen warfen tagelang
und verkümmerten zu Falten

sie ergaben sich von allein

Ob das die finale Version ist, weiß ich nicht. Zur Zeit denke ich darüber nach das Thema zu variieren und mehrere Gedichte gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Oder das Ganze komplett zu verwerfen.


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