Archive for the ‘Kunst’ Category

Ein Wald voller Fotos

18. Mai 2016

Thorsten Krämers neuer Gedichtband The Democratic Forest ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Vor allem dann nicht, wenn einen das Verhältnis von Bild und Text, Kunst und Literatur interessiert. Und auch dann nicht, wenn man eine Schwäche für Americana hat.

Besprochen wurde der Band bisher von Stefan Schmitzer und Meinolf Reul. Und ihre Sicht- bzw. Herangehensweisen unterscheiden sich mitunter stark. Was ich gut finde. Hier nun meine Lesart:

„Überhaupt, was ist ein ‚Demokratischer Wald‘?“, fragt Stefan Schmitzer in seiner Besprechung von Thorsten Krämers The Democratic Forest. Der demokratische Wald, möchte ich antworten, ist in jedem Fall eine Metapher. Da leg ich mich fest. Und da kommen wir sicher schnell überein. Nur dass ich diese Metapher anders als mit einem Märchenwald deute. Der demokratische Wald, so scheint mir, ist zweierlei. Zum einem steht er für den Versuch eines Ordnungssystems, bestehend aus Bäumen, die wiederum für etwas stehen. Indem sie sich an einem Punkt häufen, verdichten, wuchern, verkomplizieren sie das System und führen es schließlich ad absurdum. Das führt zum anderen dazu, dass der demokratische Wald ein Paradox ist, ein Labyrinth aus möglichen Wegen, die sämtlich nirgendwohin führen als immer nur im Kreis. Seine Bäume sind „vertikale Grenzen“. Zwischen ihnen scheint Licht hindurch, scheint es Raum zu geben. Dabei bilden sie hohe Mauern und enge Gassen.
The Democratic Forest ist außerdem der Titel einer umfangreichen Arbeit des Fotografen William Eggleston. Eggleston gilt als Wegbereiter der künstlerischen Farbfotografie. In der Tradition von Edward Hopper oder Walker Evans geben seine Aufnahmen in meist minimalistischem Stil Alltagsszenen aus den USA wieder und tragen so zum Motivkanon klassischer „Americana“ bei. In den 1980er Jahren entstanden für das Projekt The Democratic Forest ca. 12.000 Bilder, die 1988 erstmals in einer Auswahl von 150 Fotos erschienen. Sicher war diese erste Auswahl auch ein Versuch, in dem riesigen Korpus für Ordnung und Orientierung zu sorgen.

Der Kölner Autor Thorsten Krämer hat mit seinem gleichnamigen Gedichtband versucht, eine Art „Nachbau“ des 1988 erschienenen Fotobandes zu schaffen. In seinem Vorwort erklärt er: „In meinen Gedichten zu ausgewählten Fotografien aus The Democratic Forest versuche ich, in Eggleston einen reisenden Stellvertreter, oder besser: einen stellvertretenden Reisenden zu sehen. Ich mache die Orte seiner Fotografien zu Orten meiner Gedichte.“ Dabei nimmt er sich die Freiheit, Bildausschnitte zu verändern, „auf ein anderes Licht“ zu warten „oder selbst in das Geschehen“ einzugreifen. Daher seien seine Gedichte „mehr als bloße Bildbeschreibungen“, scheint sich der Autor absichern zu wollen. Ich würde sagen, sie sind überhaupt keine Bildbeschreibungen. Zumindest keine, die der Leser direkt auf Egglestons Fotos beziehen kann, denn diese sind in Krämers Gedichtband nicht mit abgedruckt. Daraus ergibt sich von vorn herein eine Offenheit, die gleichermaßen Loslösung vom Vorbild und Orientierungslosigkeit für den Leser bedeuten kann.

Wenn hier etwa mehrere Gedichte Dallas, Miami oder Pittsburgh heißen, wenn ein Großteil schlicht Untitled ist, welche Rolle spielen dann noch die konkreten Fotovorlagen? Lässt sich ein direkter Zusammenhang überhaupt noch herstellen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass hier neben einem Pool an Fotos ein zweiter Pool mit Texten gefüllt wird? So entstehen zwei Kontingente, die nicht mehr vordergründig von ihrer Bild-Text-Beziehung zusammengehalten werden, sondern vielmehr von der Frage: Lässt sich Wirklichkeit ab- bzw. nachbilden?

 

Bei den Signaturen geht’s weiter.

 

Thosten Krämers Blog „the happy end of navigation“

Danke Internet #3726

11. März 2016

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Quelle.

Poetryletter #312

31. Januar 2016

Mein Gedicht „so schließt der Wald“ wurde von der Grafikerin Andrea Schmidt (Typo im Kontext) sehr sehr schön illustriert. Das Ganze erscheint in der Reihe Poetryletter auf fixpoetry.com und ist ab sofort auch als Druckversion bestellbar.

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Ebenfalls weiterhin erhältlich ist der Poetryletter #286 mit meinem Gedicht „sprich“ und der Illustration von Anna Luchs.

Selbst als Vincent

12. Januar 2016

Ab sofort u.a. Gedichte über/als (Selbst-)Portraits. Über Verkleidung, Inszenierung, Flucht und (Selbst-)Modifikation. Über Selbst- und Fremdwahrnehmung. Über das Ikonische. Über Masken.

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Selbst als Vincent

besoffen und mit Zwiebelatem

taumeln zwei nervöse Augen

die nach Licht & Farbe stechen

 

die Funken schüren

in veraschten Tabakresten

 

die Krallen wetzen

am wärmenden Verband

mit Blut und Pelz geflickt

 

die letzte Sitzgelegenheit

verbrannt um den Genuss

einer klaren Winternacht

 

im Freien

Bowie in Berlin// Blick in die Werkstatt

17. Dezember 2015

Letzte Nacht habe ich im WDR Hörspielspeicher das hier gefunden: „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt“ – David Bowie in Berlin.

Nun weiß ich natürlich, dass Bowies Berliner Jahre längst zu den Mythen um ihn, aber auch um West-Berlin zählen und ich dahingehend wohl kaum etwas Neues zu bloggen habe. Zumal ich über David Bowie nicht mehr weiß, als mir MTV, VH-1, 3sat und arte beigebracht haben.

Wie auch immer. Das gefundene Hörspiel, das viele O-Töne von Bowies Berliner Zeitgenossen, darunter selbstverständlich auch Iggy Pop, bereithält, hat mir gut gefallen, da es weniger auf Personenkult, denn auf Atmosphäre setzt. Und das meint natürlich vor allem diese spezielle Westberliner Atmo der 1970er, die selbst von denen, die dabei waren nur schwer in Worte zu fassen ist.

Die Einflüsse und Eindrücke, die zum Entstehen des Albums „Heroes“ beigetragen haben, kamen jedoch nicht nur aus der depressiven Gegenwart der geteilten Stadt, sondern offenbar auch aus dem Interesse für die Geschichte Berlins, das Ende der 1920er/Anfang der 1930er bekanntlich das heißeste Parkett Europas war, weil hier Tag und Nacht auf dem Vulkan getanzt wurde.

In diesem Zusammenhang zog es David Bowie und Iggy Pop auch merhfach ins Brücke-Museum, in dem sie ein Gemälde von Erich Heckel nachhaltig beeindruckte. Es ist das Bild mit dem für die Musiker sicher betörenden Titel Roquairol (1917), das die komplexe Schauspielerfigur aus Jean Pauls Roman Titan (1800/1803) zeigt.

Auffällig an dieser Darstellung ist natürlich die ungewöhnliche, wie charakteristsche Arm- und Handhaltung der Figur. Sowohl Iggy Pop, als auch David Bowie spielten auf den Coverfotografien ihrer „Berliner Alben“ darauf an.

Iggy Pop – The Idiot (1977)

David Bowie – „Heroes“ (1977)

Interessant fand ich diese, für mich neue Information deswegen, weil ich gewissermaßen als „Fan“ von Egon Schiele eine Vorliebe für ungewöhnliche Handhaltungen in Portraits habe. (nerdy, I know it.) Ausgelöst wurde sie durch eine Portraitzeichnung Schieles von Carl Otten (den Schiele mehrfach zeichnete). Zu sehen in Kurt Pinthus legendärer Anthologie Menschheitsdämmerung (1919/1920). (Zahlreiche weitere Beispiele von Schiele-Portraits mit außergewöhnlichen Händen finden sich u.a. hier. – Die Portraitfotografien, die Schiele selbst zeigen, sind zudem oft von expressiven Handhaltungen geprägt.)

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Meine, seit der Schulzeit anhaltende Begeisterung für den Expressionismus bzw. die gesamte sog. „Klassische Moderne“ ist zum Teil sicher auch auf diese Zeichnung zurückzuführen. Seit dem das selfie, das es natürlich lange vor der Erfindung des Smartphones gab, als kulturelles, soziologischen und ästhetisches Phänomen wahrgenommen wird, interessiere ich mich auch wieder vermehrt für die Bildsprache von (Selbst-)Portraits und versuche deren zentrale Begriffe Selbst- und Fremdwahrnehmung, sowie Selbst- und Fremdinszenierung in Gedichten auszuloten bzw. für diese nutzbar zu machen. (Dazu bald mehr, falls Interesse besteht.) Seit dem mich das Bowie-Hörspiel an die Expressivität von Händen erinnert hat, werde ich diesen Aspekt in meinem Portraiprojekt unbedingt berücksichtigen.

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Zwei Doppelleben

9. Dezember 2015

Dass Javi es auf dem Schulhof gleich mit vier Typen aufnehmen muss, wusste er vorher nicht. Aber es beeindruckt ihn auch nicht besonders. Nach einem kurzen Geplänkel verpasst er dem mit der größten Klappe einen ordentlichen Hieb und fordert einen anderen auf, den verschwundenen Laptop rauszurücken. Javi hat mächtig Eindruck hinterlassen. Doch ganz freiwillig läuft die Übergabe nicht. Zum Abschied bekommt er eine Ladung Pfefferspray mit auf den Weg. Der Preis steigt mit dem Risiko.

Javi ist sechzehn Jahre alt, schwänzt seit einem Jahr die Schule und geht stattdessen arbeiten. So sieht er es zumindest. Als eine Art Auftragsrowdy verdient er nicht schlecht an blutigen Nasen, gestohlenen Rucksäcken oder Handys. Javi ist berüchtigt. Fast alle Schüler haben vor ihm Angst. Doch er weißt selbst, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Denn Javi träumt im Wortsinne von einer anderen Zukunft.

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In meinem Kopf sind die Gedanken eingeschlossen wie in einem Bienenkorb

20. November 2015

„Ich kann das nicht und will das nicht. Ich habe kein Gerippe, nach dem ich male.“ Meret Oppenheims Absage an das Serielle und somit leicht Wiedererkennbare mag nur ein Zugang zum Verständnis ihres Werkes sein. Auf formaler Ebene ist er mit Sicherheit der wichtigste. Als junge Künstlerin wurde ihr oft vorgeworfen, dass sie „keine Linie“ habe, sich ihre Bilder und Objekte viel zu sehr von einander unterscheiden würden. Damit ist sie ganz bei Marcel Duchamp, der spätestens ab 1912 die Ansicht vertrat, dass ein Künstler vielseitig bleiben, einen „Look“ unbedingt vermeiden müsse.

Doch Oppenheim, die in den 1930er Jahren zur Pariser Avantgardeszene um Duchamp und André Breton gehörte, folgte damit keinem Diktum. Sie als Schülerin oder gar „das Mädchen“ der Surrealisten zu sehen, würde ihr in mehrfacher Hinsicht nicht gerecht. Auch deshalb nicht, weil ihr unbedingter Anspruch auf Freiheit und Unabhängigkeit bisweilen sogar stärker zu sein schien als ihr eigener Wille. Zumindest scheiterten ihre Versuche, bestimmten Bildern gleichartige Werke folgen zu lassen. „Ich habe mir Mühe gegeben, das nächste war total verschieden.“

Ohnehin ist Meret Oppenheim auch heute noch vor allem für ihre Objekte, fast muss man sagen: ihr Objekt bekannt. Das Frühstück im Pelz, oder Le déjeuner en fourrure, ließ sie 1936 in die erste Liga der Avantgardekünstler aufrücken. Doch diese Ikone des Surrealismus verstellte jahre-, wenn nicht jahrzehntelang den Blick auf ihr vielfältiges Œuvre. Dazu zählen neben zahlreichen Objekten die bereits angesprochenen Gemälde, Collagen, unzählige Zeichnungen, Fotografien, Entwürfe für Schmuck und Mode sowie der Berner Oppenheim-Brunnen. Und als ob all diese Werke nicht schon Beweis genug für den neugierigen Freigeist Oppenheims wären, gibt es von ihr auch einen Korpus literarischer Werke. Dieser besteht vor allem aus Gedichten, die um einige Prosatexte ergänzt und neu editiert in der Edition Suhrkamp erscheinen.

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Collage

1. Juni 2015

Zum ersten Mal kam ich mit der Collage als Kunstform, Schreibtechnik oder poetische Form in der Schule in Berührung. Damals zerschnitten wir Jakob van Hoddis‘ Weltende Vers für Vers und bauten es, jeder für sich, in einer neuen Reihenfolge wieder zusammen. Das fand ich großartig und hab daraufhin noch drei oder vier andere Gedichte aus Zeitungsüberschriften geschnibbelt. Leider scheinen diese ersten Collagegedichte verloren gegangen zu sein.

Erst als Herta Müller, die ich vorher nicht kannte, 2009 den Literaturnobelpreis bekam und ich von ihren Collagegedichten erfuhr, habe ich mich an diese Technik erinnert. Was habe ich bloß in der Zwischenzeit getrieben? Auf jeden Fall zu wenig geschrieben.

Im letzten Jahr veröffentlichte Lydia Daher den großartigen(!!) Band Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies und auch ihr Verlagskollege Volker Strübing hat seine Lust am Collagieren entdeckt.

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Ich werde mich demnächst mal wieder an die Collage wagen. Bis ich erste Ergebnisse vorzeigen kann, hier ein Eindruck meiner Bildsammlung in einem Briefumschlag mit Fenster. Ich denke, ich bin auf dem Weg…

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Spontan vielleicht noch dieses hier:

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Die Negativvariante der Textcollage ist übrigens das Erasure. Das gibts auch schon ewig, aber erst in den letzten Jahren, genaugenommen mit dem Buch SONNE FROM ORT von Uljana Wolf und Christian Hawkey, bin ich auch auf diese Form aufmerksam geworden. Zuletzt sind mir die Erasures von Clemens J. Setz aufgefallen.

Mein allererstes Erasure:

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Street Art Schicksal #2

21. Mai 2015

Eternal Bob Dylan. Gerade noch war ich etwas traurig darüber, dass das Dylan-Portrait am Benediktsplatz/Kreuzgasse verschwunden ist, da habe ich am nahkauf Nordhäuser Straße/Ecke Bergstraße ein neues Exemplar entdeckt. Es gibt Hoffnung für Erfurt!

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Zwei Hinweise noch. Es handelt sich hier nicht um ein „normales“ Stencil oder Graffiti, sondern um eine Kachel (oder Fließe?). Daher wurde am Benediktsplatz nichts überstrichen, sondern entfernt. Vielleicht sogar am Stück von einem Fan? // Und: Würde netto eine Eckkneipe betreiben, in der man auch Lebensmittel kaufen und Briefe verschicken kann, würde diese nahkauf heißen.

Street Art Schicksal

11. Mai 2015

Kürzlich wurde in Erfurt (Benediktsplatz/Kreuzgasse) das hier überstrichen. Wirklich schade. Aber Bobs Worte trösten auch darüber hinweg.

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