Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

Kurzes Statement zur geistigen Provinzialität

2. Juni 2017

„Die anderen Länder lachen über Amerika.“ hat Donald J. Trump (45. Präsident der Vereinigten Staaten. Wirklich.) bei jener Pressekonferenz behauptet, bei der er bestätigte, dass sein Land sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen werde — um einen neuen Vertrag auszuhandeln, „der fair ist“.

DA6hmndW0AABXsLDazu nur ein kurzer Gedanke. „Die anderen lachen über uns.“ klingt für mich wie jener provinzielle Minderwertigkeitskomplex, der jeglichen „anderen“ gegenüber gern zum Abwehr- bzw. Abkehrsatz Nr.1 führt „Der/Die hält/halten sich für was Besseres.“ – weil er/sie Dinge anders machen, als andere.

Und das hat nichts mit Dorf- oder Stadtbewohner zu tun, sondern mit geschlossenen Communities, die ihr Handeln für das (einzig) Richtige halten. Geistige Provinzen also, voll geistiger Provinzialität. Man findet sie im Eigenheim hinterm Gartenzaun genauso, wie im Weißen Haus hinterm schmiedeeisernen Tor.

Btw.: Was ist eigentlich schlimmer – Wahnsinn oder Ideologie?

Punkrock-Echo

7. April 2017

Gestern war ich ein glücklicher Mensch, weil der Mainstream den Mainstream kritisiert hat. Das ist schöner, als wenn der Underground den Mainstream kritisiert, weil das erstens irgendwie normal ist und zweitens das Echo größer ist. Tja, Echo… den und die gesamte deutsche Popmusikindustrie hat Jan Böhmermann schön auf links gezogen. Und mein Stammtisch-Ich, für das ich mich ein bisschen schäme, aber dass sich nicht verleugnen lässt, jauchzte: Endlich sachts ma einer!

(Es folgen 22 sehr sehr gute Minuten. Und 11 Sekunden.)

Gut. Da denkt man sich jetzt vielleicht schulterzucked: „Weiß doch jeder, dass das 0815 Konservenmucke ist und ECHO, Grammy und Co. nichtswürdige Masturbation des Musikbetriebes.“ Stimmt. Aber es nervt mich als Musikliebhaber schon ziemlich; noch mehr aber die Tatsache, dass diese Legion gewordenen Hanswürste und -würstinnen als reale „Pop-Poeten“ mit deeper message vermarktet und von der Presseöffentlichkeit auch so bezeichnet/angesehen werden, sodass diese „Künstler“ es am Ende selbst glauben. From the bottom of my heart where the Schatulle with the crappy poplyric-Brüchstücken liegt, aus denen ich euch mal schnell nen Hit zum Nachdenken zusammenbastel. Voll real und deep und echt erfahren.

Pop-Poeten. Und Julia Engelmann ist Dichterin. Klar.

Was die 5 Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo zusammengeschustert haben, gibt es übrigens hier in voller Länge.

Darauf antwortet bei der Echo-Verleihung ausgerechnet der in allen möglichen Bereichen des Lebens von Fußball bis Welthungerhilfe auf Realness pochende Oberpunkrocker der Nation, der ja eigentlich nur indirekt mit der aktuellen Böhmermann-Aktion zu tun hat. Aber Campino hat ja auch noch ne Rechnung mit Böhmermann offen, ne?

Anders kann ich mir nicht erklären, warum ausgerechnet er den Weichspülpopheinzen und -heinzinnen zur Seite springt. (Weil diese Hosen mittlerweile selbst die peinlichsten Larrys des Deutschrock sind – okay.)

„Der Toten-Hosen-Sänger Campino hat Fernsehsatiriker Jan Böhmermann bei der Echo-Verleihung heftig kritisiert. «Lieber uncool sein als ein cooles Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringen kann», sagte Campino am Donnerstagabend in Berlin. Er sprach auch von «Böhmermannschem Zeitgeistgeplapper».“ (dpa)

Also dazu fällt mir spontan nur eine Gesichtspalme und diese Simpsons-Szene ein. Ein echter Klassiker.

182648Und was Campino unter „sich einbringen“ versteht, hat man ja bei diesem peinlichen Band Aid Projekt gesehen. Wie ist eigentlich der aktuelle Stand der Ebolakranken in Afrika, lieber Campino? Do? You? Know? How life is go-ing theeeere?

Btw.: Leonard Cohen war für einen Blecho nominiert – den viele bei der Verleihung anwesende bis zu seinem Tod wahrscheinlich nicht mal kannten –  als bester Künstler international. Zusammen mit u.a. Robbie Williams, der wahrscheinlich einfach nur gerade in Berlin war. Gewonnen hat Cohen dann (natürlich?) nicht, sondern Rag ’n‘ Bone Man. Die anderen Nominierten in der Kategorie: Shawn Mendes (who? Wikipedia: kanadischer Songwriter. soso.) und Drake. Dazu fällt mir nichts mehr ein.

Zuflucht in Deutschland – Texte verfolgter Autoren

30. März 2017

Wider das postfaktische Zeitalter

25. November 2016

Mit dem Einzug der verschiedenen AfD-Fraktionen in ihre jeweiligen Landtage habe ich zumindest eine Hoffnung verbunden: Jetzt, da die AfD von ihren Wählern dazu verpflichtet wurde parlamentarische Arbeit zu leisten, schauen Anhänger und Gegner der Partei hoffentlich genau hin wie sie diese Aufgaben angehen. Leider kam mir die Berichterstattung über die genaue Arbeit der AfD-Fraktionen vor allem im TV viel zu kurz. Im sog. „postfaktischen Zeitalter“ ist es nur logisch die AfD, Pegida und ihre Anhänger mit hochkochenden Emotionen als homophobe Rassisten zu bezeichnen, zielführend ist es allerdings nicht. Nicht nur, dass dadurch ein konstruktiver und vor allem demokratischer Diskurs von vorn herein ausgeschlossen wird; solche Beleidigungen und emotionalen Gefechte verengen auch den Blick auf die „sonstigen Inhalte“ für die die AfD steht und mit denen ihre Hauptwählerschaft v.a. in den neuen Bundesländern nicht ernsthaft einverstanden sein kann.

Gregor Gysi war, soweit ich es überblicke, der erste und bisher einzige Politiker, der öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam machte, dass die AfD nicht auf das Thema der Asylsuchenden reduziert werden dürfe. Der sog. „kleine Mann“, „das Volk“, von mir aus auch „das Pack“, wie sich manche „besorgten Bürger“ in Sachsen mittlerweile kindsköpfig und trotzig selbst nennen, all die AfD-Wähler vom Erwerbslosen bis hin zum eigentlich abgesicherten Mittelschichtler müssen sich wirklich fragen lassen, wie sie zu den wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen der AfD stehen.

Zudem wird die AfD meiner Ansicht nach viel zu wenig auf ihren Namen festgenagelt, der ja das Wort „Alternative“ prominent beinhaltet. Und damit will ich nicht auf meine Meinung anspielen, der zufolge die AfD keine Alternative ist und auch keine anzubieten hat, sondern auf den Fakt, die Tatsache, dass André Poggenburg (Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt) in einer Rede vor dem Landtag in Sachsen-Anhalt sagte: „Die AfD ist ja nun in der sehr schönen Lage Oppositionsführer zu sein und muss eben keinen Ausblick geben.“ (Nachzusehen im folgenden Video.)

Mit anderen Worten… die Alternative muss keine Alternativen haben. – Da fällt es wirklich schwer sich noch weiterhin auf einem sachlichen Level zu begegnen. Aber es hilft einfach nichts der AfD, Pegida und ihren Anhängern mit gegensätzlichen Meinungen zu kommen oder gar Fakten zu präsentieren, die die Meinungen von AfD, Pegida und Co. eindeutig widerlegen. Daher halte ich es mittlerweile für einzig sinnvoll die AfD mit den Fakten zu konfrontieren, die sie selbst schafft, nämlich mit den Anfragen und Gesetzesentwürfen, die sie an die jeweiligen Landesregierungen stellt bzw. in die jeweiligen Landtage einbringt. So geschehen im Neo Magazin Royale vom 24.11.2016.

Ich finde es war längst überfällig sich öffentlich und im Detail mit dem zu beschäftigen, was die AfD für ihre Wähler in den jeweiligen Landesparlamenten „leistet“. Dass erst Jan Böhmermann und das Neo Magazin kommen mussten, um ein umfassendes Dossier dieser Arbeit zu erstellen, finde ich schade. Aber immerhin, nun hat es ja jemand gemacht und allzu spät ist es, im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl, auch noch nicht.

Dossier/Präsentation: QUALITÄTSKONTROLLE AfD.

Vielleicht geben solche Arbeiten, wie die der NMR-Redaktion ja den Anstoß zu einer größeren Diskussion über die Ziele und Kompetenzen der AfD. Somit bestünde zumindest die Chance ihren Wählern vor Augen zu führen, dass hier eben keine Alternative zur Wahl steht, sondern ein Haufen großmäuliger Populisten, die keinerlei progressive Arbeit in ihren Parlamenten zu stande bringt.

„die Enden Europas/ Europas Ende“

3. August 2016

[EDIT – 9.8.] Kaum ein Gedichtband hat mich zuletzt so begeistert, so umgehauen wie  Die Sprache von Gibraltar von Björn Kuhligk. Leider finde ich nicht die richtigen Worte, mit denen ich das Buch beschreiben und empfehlen kann. Daher habe ich beschlossen den hier ursprünglich veröffentlichten Artikel zu editieren und stattdessen auf Björn Kuhligks Interview im Deutschlandradio Kultur zu verweisen.

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Das Lied von Brockdorff Klanglabor bleibt aber! #Abendland

Lyrik im Anthropozän

6. Juli 2016

Kookbooks druckt! Und ich bin dabei. Mein Gedicht als der Mond noch tiefer hing erscheint neben vielen, vielen, vielen anderen Gedichten einer mehr als illustren Autorenauswahl am 24.7. in der Anthologie all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. 🙂

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Infos zum Projekt gibt es hier.

Eine Vorankündigung des Verlags inkl. Inhaltsverzeichnis bei Facebook.

Im Herzen Dunkeldeutschlands

8. Dezember 2015

[Seit 2004, als ich den Roman „Langsamer Walzer“ gelesen habe (leider nur noch im Taschenbuch mit dem hässlichen, ganz und gar unpassenden Cover erhältlich – aber egal, der Text zählt), gehört Henning Ahrens zu meinen absoluten Lieblingsautoren. In seinen Romanen verbinden sich Realität und Phantastik auf genau die dosierte Weise, wie ich sie mir von einer Literatur wünsche, die durch Abseitiges den Blick für Wesentliches, empirisch Überprüfbares schärft. Lest unbedingt alles von Henning Ahrens – auch die Lyrik!]

Sechs Jahre sind seit dem Erscheinen des letzten Buches von Henning Ahrens vergangen. In seinem Provinzlexikon (2009 im Knaus Verlag) wägte er das Landleben ab, lotete es aus, fand Schönes, Eigentümliches, aber auch Indiskutables. In Ahrens‘ gesamtem bisherigen Werk spielt die Provinz immer wieder eine zentrale Rolle, doch nie zuvor war sie so eindeutig klassifiziert, so eindeutig negativ bewertet wie in seinem aktuellen Roman Glantz und Gloria. Eine Abrechnung?

 

Ahrens führt seinen Protagonisten Rock Oldekop an den Ort seiner Kindheit. In dem kleinen Ort Glantz versucht Oldekop herauszufinden, warum sein Elternhaus vor Jahren abbrannte. Aber keine Sorge; auf der Grundlage dieses Settings entwickelt sich schon nach wenigen Seiten weitaus mehr als die typische Geschichte um eine Figur, die in ihre Vergangenheit reist, um das dunkle Geheimnis ihrer Familie aufzudecken und sich dabei selbst zu finden und die große Liebe gleich dazu. Dabei sind alle Grundzutaten vorhanden: die fremdelnde Heimat, der kauzige Sonderling, der Rock Oldekop aufnimmt, eine gescheiterte Ehe und natürlich Gloria. Die junge, attraktive Ärztin will sich mit besten Absichten und einer eigenen Praxis in Glantz niederlassen. Es ist also alles bereitet für die perfekte, verlogene Landlust-Idylle, wie sie sich nur gentrifizierte Städter ausdenken können.

Weiter bei Fixpoetry.

Mein Interview mit Henning Ahrens in poet 11.

Aktion Arschloch!

4. September 2015

Die Lage ist mittlerweile so prekär, dass jede Geste hilft. Also macht einfach mit.

http://www.aktion-arschloch.de/

Fürst der Denker (2)

30. Januar 2015

„‚Das Tier, das wir in uns tragen, ist noch immer dazu geneigt, auf seine Beine zurückzusinken und sich zu erniedrigen, sich herabzuwürdigen, nicht vor Gott, noch vor dem Menschen, sondern vor einem König, einem Priester, einem Herrscher, vor irgendeinem Götzen, einer Menschen- oder Tiergestalt, vor einem Stück Teig, einem Band oder einem roten, schwarzen, weißen oder blauweißrotem Stoff, vor einem Musikstück. Alles dient dem Tier zum Vorwand, um den Geist des Menschen vergessen zu lassen, dass er der Sohn Gottes ist und dass er nur den Menschen, seinen Bruder, verehren darf.‚ (Brisset – Les Prophéties accomplies (1906))

Eine Fahne ist nur ein Stück Stoff, nicht das affektiv aufgeladene Symbol einer Nation, für das gekämpft und getötet werden muss, für das der Soldat Brisset kämpfen und töten musste und für das er fast sein Leben geopfert hätte. Der Träger des Symbols, seine Materialität – der Stoff – muss zum Vorschein gebracht, die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, seine soziale Realität zurückgewiesen werden, um den Gegensstand zu defunktionalisieren und aus dem Raum des anerkannten Sinns zu entfernen.“

Maximillian Gilleßen – Der Wortschatz der Sümpfe in: Jean-Pierre Brisset – Fürst der Denker. Eine Dokumention, zero sharp: Berlin, 2014. (Link zum Verlag)

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Je suis Charlie! Mais…

11. Januar 2015

 

Aber eines sollte bei all der berechtigten und erfreulichen Solidarität mit der Redaktion von Charlie Hebdo nicht vergessen werden: Der Terrorismus hat auch dann über die Demokratie gesiegt, wenn die Bürger demokratischer Staaten zulassen, dass ihre Regierungen unter dem Postulat erhöhter Sicherheit ihre Freiheitsrechte einschränken!

Es wird nicht lange dauern bis in der Öffentlichkeit wieder verstärkt über Vorratsdatenspeicherung, Reisedatenerfassung, erhöhte Kameraüberwachung auf öffentlichen Plätzen und ähnliches diskutiert wird. All diese Maßnahmen werden Anschläge wie in London, Madrid, Boston und jüngst in Paris nie gänzlich verhindern können. Hinzu kommt die paradoxe Tatsache, dass nach Terroranschlägen in der Regel zu hören ist, dass die mutmaßlichen Täter den Geheimdiensten bereits bekannt waren. Das konnte die Anschläge auf den Boston-Marathon oder die Redaktion von Charlie Hebdo jedoch nicht verhindern.

Auch wenn es uns heute so vor kommt, die Enthüllungen um die tatsächliche Reichweite des Abhörprogramms der NSA und des GCHQ (das in der öffentlichen Wahrnehmung eine erschreckend geringe Rolle spielt) sind noch nicht allzu lang her. Eben sowenig die globale Solidarisierungswelle mit Edward Snowden. In der Euphorie solcher Solidarisierungswellen, wie auch jüngst mit Charlie Hebdo, darf nicht vergessen werden, dass es nicht damit getan ist eine Petition zu unterschreiben, einen Aufruf zu liken oder sein Profilbild zu ändern. All das sind Gesten, aber keine politischen Handlungen. Es sind Gesten, die uns lediglich das Gefühl geben auf der richtigen Seite zu stehen oder das Richtige getan zu haben.

„Das Richtige“ gibt es aber nicht. Eben sowenig gibt es absolute Sicherheit. Alles, was man uns anbieten kann ist die Illusion von Sicherheit, die einen Preis hat, den zu zahlen ich nicht bereit bin.


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