Archive for the ‘Fundstücke’ Category

Ich möchte jetzt nicht in Frankfurt/Main sein, nicht auf der Buchmesse in irgendeiner Halle nichts mitbekommen vom schönen Grau des Sonntagnachmittags

23. Oktober 2016

„Writing allowed me direct access to my imagination to inspiration and, ultimately, to God. I found that through the use of language I was writing God into existence. Language became the blanket that I threw over the invisible man, which gave him shape and form.“

– Nick Cave

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Verstärkung ist da!

21. Mai 2016

„Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. …

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… Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.“

aus: Rolf Dieter Brinkmann – Vorbemerkung (Westwärts 1 & 2)

Screenshot des Tages #451// Die schönen verbrannten Archive

22. März 2016

brennendes archiv

Danke Internet #3726

11. März 2016

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Quelle.

Bowie in Berlin// Blick in die Werkstatt

17. Dezember 2015

Letzte Nacht habe ich im WDR Hörspielspeicher das hier gefunden: „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt“ – David Bowie in Berlin.

Nun weiß ich natürlich, dass Bowies Berliner Jahre längst zu den Mythen um ihn, aber auch um West-Berlin zählen und ich dahingehend wohl kaum etwas Neues zu bloggen habe. Zumal ich über David Bowie nicht mehr weiß, als mir MTV, VH-1, 3sat und arte beigebracht haben.

Wie auch immer. Das gefundene Hörspiel, das viele O-Töne von Bowies Berliner Zeitgenossen, darunter selbstverständlich auch Iggy Pop, bereithält, hat mir gut gefallen, da es weniger auf Personenkult, denn auf Atmosphäre setzt. Und das meint natürlich vor allem diese spezielle Westberliner Atmo der 1970er, die selbst von denen, die dabei waren nur schwer in Worte zu fassen ist.

Die Einflüsse und Eindrücke, die zum Entstehen des Albums „Heroes“ beigetragen haben, kamen jedoch nicht nur aus der depressiven Gegenwart der geteilten Stadt, sondern offenbar auch aus dem Interesse für die Geschichte Berlins, das Ende der 1920er/Anfang der 1930er bekanntlich das heißeste Parkett Europas war, weil hier Tag und Nacht auf dem Vulkan getanzt wurde.

In diesem Zusammenhang zog es David Bowie und Iggy Pop auch merhfach ins Brücke-Museum, in dem sie ein Gemälde von Erich Heckel nachhaltig beeindruckte. Es ist das Bild mit dem für die Musiker sicher betörenden Titel Roquairol (1917), das die komplexe Schauspielerfigur aus Jean Pauls Roman Titan (1800/1803) zeigt.

Auffällig an dieser Darstellung ist natürlich die ungewöhnliche, wie charakteristsche Arm- und Handhaltung der Figur. Sowohl Iggy Pop, als auch David Bowie spielten auf den Coverfotografien ihrer „Berliner Alben“ darauf an.

Iggy Pop – The Idiot (1977)

David Bowie – „Heroes“ (1977)

Interessant fand ich diese, für mich neue Information deswegen, weil ich gewissermaßen als „Fan“ von Egon Schiele eine Vorliebe für ungewöhnliche Handhaltungen in Portraits habe. (nerdy, I know it.) Ausgelöst wurde sie durch eine Portraitzeichnung Schieles von Carl Otten (den Schiele mehrfach zeichnete). Zu sehen in Kurt Pinthus legendärer Anthologie Menschheitsdämmerung (1919/1920). (Zahlreiche weitere Beispiele von Schiele-Portraits mit außergewöhnlichen Händen finden sich u.a. hier. – Die Portraitfotografien, die Schiele selbst zeigen, sind zudem oft von expressiven Handhaltungen geprägt.)

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Meine, seit der Schulzeit anhaltende Begeisterung für den Expressionismus bzw. die gesamte sog. „Klassische Moderne“ ist zum Teil sicher auch auf diese Zeichnung zurückzuführen. Seit dem das selfie, das es natürlich lange vor der Erfindung des Smartphones gab, als kulturelles, soziologischen und ästhetisches Phänomen wahrgenommen wird, interessiere ich mich auch wieder vermehrt für die Bildsprache von (Selbst-)Portraits und versuche deren zentrale Begriffe Selbst- und Fremdwahrnehmung, sowie Selbst- und Fremdinszenierung in Gedichten auszuloten bzw. für diese nutzbar zu machen. (Dazu bald mehr, falls Interesse besteht.) Seit dem mich das Bowie-Hörspiel an die Expressivität von Händen erinnert hat, werde ich diesen Aspekt in meinem Portraiprojekt unbedingt berücksichtigen.

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Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Über ein vorerst aufgegebenes Gedicht// Eine Art Werkstattbericht

6. November 2015

Vor Jahren stieß ich bei der Michael-Triegel-Ausstellung Verwandlung der Götter im Leipziger Museum der bildenden Künste auf das Bild Faltenwurf oder Am Grabe, dass mich bis heute sehr beeindruckt. [Da ich mir wegen des Copyrights unsicher bin, verlinke ich es hier.] Die kleine Bilddatei liegt schon lang in meinem digitalen Privatmuseum. Hin und wieder werfe ich einen Blick darauf, kann das Bild aber oft nicht richtig fassen. Ich finde es schade, dass das Bild den Titel „Am Grabe“ trägt, weil er den Betrachter viel zu eindeutig zu einer Lesart drängt. Seither versuche ich das Bild losgelöst vom Titel zu begreifen und frage mich: Was zeigt Triegel hier eigentlich?

Ich habe das Bild immer wieder in die Warteschleife geschoben.

Etwas später kam dann Gerhard Falkner mit seinen Pergamon Poems (kookbooks, 2012), die mich zwar sofort interessierten, aber auch erstmal in die Warteschleife rutschten, da ich dem prosaischen Ton angesichts des Themas nicht traute. In mehrfacher Hinsicht war das völliger Quatsch, wie ich heute weiß. Wollte man den Fries des Pergamonaltars heute mit antikem Versmaß besingen, käme doch nur eine Immitation zustande, die uns von der Antike eher entfernt, als sie uns zu vergegenwärtigen. (Wenn das überhaupt Falkners Absicht war.) Zudem sind die Pergamon Poems gar nicht so prosaisch.

Jedenfalls heißt es gleich in einem der ersten Gedichte des Bandes:

Aphrodite, auf deren Wink hin sich die Tiere paaren
mit Schenkeln wie aus bestem attischen Gestüt
und in Gewändern wie von Botticelli übergossen […]

Dieser dritte Vers erinnerte mich an etwas. Weniger wegen Botticelli, sondern wegen des Bildes, einer mit einem Gewand übergossenen Figur. Und ich dachte sofort an die Sichtbarkeit eines Unsichtbaren, wie etwa H.G. Wells Invisible Man, der seinen Kopf mit Mullbinden umwickelte, um, auch für sich selbst, wieder greifbar zu sein.

Vielleicht war Triegels Bildtitel also doch nicht so abwegig, dachte ich. Die Stoff gewordene Sehnsucht danach, das Verschwundene irgendwie zurückzuholen. Wenn auch nur als Illusion das Verlorene zu re-visualisieren. Schließlich den oft unbegreiflichen Verlust im Wortsinne greifbar zu machen. Sozusagen eine Materialisierung des Metaphysischen, die Präsenz des nicht zu Repräsentierenden. Ein faltengewordenens Paradox also.

Mit dem Zusammendenken von Triegel, Falkner und Wells fragte ich mich also, wer den Raum unter dem Laken oder Gewand ausfüllt bzw. im Auge des Betrachters ausfüllen könnte. Ein verschwundener Mensch, an dem man festhalten will, obwohl man sich schon gar nicht mehr richtig an sein Gesicht erinnert?

Ich schrieb daraufhin ein mäßiges Gedicht über eine verschwundene Liebe, das mit Falkners entlehntem Vers beginnt:

ich hatte dich übergossen
mit Gewändern von Botticelli

so wurde dein Verschwinden sichtbar
der Faltenwurf stärker von Tag zu Tag

beim Versuch die Stoffe zu glätten
bist du mir schließlich entwischt

mir bleibt nur noch Tücher zu werfen
die Ecken zu nebeln im leeren Raum

um die Chance eines Wiedersehens

Hier hatte ich zwar die Bilder, die ich im Kopf hatte eingebaut, aber letztlich wurde auch hier nichts greifbar. Ist das „Du“ nun schon weg oder noch da? Wie kann das „Ich“ das eigentlich schon verlorene „Du“ mit Gewändern (von Botticelli?) übergießen? Wenn ein Unsichtbarer unter einem Tuch verschwindet, werden die Falten dann nicht weniger? Kurzum: Nach dem Wiederlesen konnte ich mit all diesen Vagheiten, diesen Ungenauigkeiten nicht zufrieden sein. Selbst wenn der Gegenstand solche Defizite mit sich bringt.

Das Gedicht blieb liegen. Wochen und Monate. Ich widmete mich anderen Ideen, Bildern und Texten, schrieb, was ich am meisten schreibe: Notizen, Skizzen, Varianten, Vorstufen. Meine Texte haben meist eine (viel zu) lange Inkubationszeit.

Dann kam mir der Gedanke, mich dem Gedicht gewissermaßen zu entledigen, indem ich die Rollen darin vertauschte. Da ist nicht mehr viel übrig von Triegel/Falkner/Wells. Nur noch der Ideenunterbau sozusagen. Das „Ich“ will das „Du“ jetzt nicht mehr halten oder zurückholen. Es wird gewalttätig und beschleunigt das Verschwinden, stoppt es dann nochmal ab, wird sadistisch und überlässt das „Du“ schließlich sich selbst. Ziemlich böse, ich weiß. Aber so passt es auch besser in eine Gruppe von Gedichten, um die Hassliebe zweier Menschen (dazu zu gegebener Zeit mehr).

ich hatte dich übergossen
und erloschen bist du
unter barocken Laken
die Blasen warfen tagelang
und verkümmerten zu Falten

sie ergaben sich von allein

Ob das die finale Version ist, weiß ich nicht. Zur Zeit denke ich darüber nach das Thema zu variieren und mehrere Gedichte gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Oder das Ganze komplett zu verwerfen.

Totenmaske

5. August 2015

Was man bei seinen Recherchen so alles findet… Es gibt also tatsächlich eine Totenmaske des Klonschafs Dolly. Wer hätte das gedacht? Was mich weniger überrascht, dass das ungewöhnliche Exponat ausgerechnet im Naturhistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird. Ob die Maske dort aber auch dauerhaft ausgestellt wird, weiß ich leider nicht.

Johann Wolfgang von Goethe – Gespräch zwischen Schildwache und Freund Hein am Coburger Tor

26. Mai 2015

[Mit einem Bilde von Kraus für Musäus]

Schildwache

Wer da?

Freund Hein

Ich bin Freund Hein.

Laß Er mich herein!

Schildwache

Er sieht so hager und so bleich,

Eher einem Toten als einem Lebenden gleich;

Er kommt von keinem gesunden Ort.

Zeig Er mir erst seinen Passeport.

Freund Hein

Mein Paß ist diese Sense hier,

Tür, Tor und Schlagbaum öffnet sie mir.

Mich hält in meinem raschen Lauf

Selbst eine Armee en front nicht auf.

Will Er mich noch weiter schikanieren,

Werd ich über Ihn wegmarschieren,

Kein lautes Wörtchen mit Ihm sprechen,

Den Kieler Wanderer an Ihm rächen.

(entstanden in Weimar zwischen 1775 und 1786)

Ich bin schon vor einiger Zeit auf diesen merkwürdigen Text Goethes in der Gesamtausgabe seiner Gedichte gestoßen. Seine fragmentarische Form lässt viel Spielraum für Fragen und Spekulationen. (In der Sekundärlitartur hab ich bisher nichts gefunden. Aber auch nicht so intensiv gesucht.) Ich schätze mal, dass dem Text ein Bild von Georg Melchior Kraus zugrunde liegt, das er für Johann Karl August Musäus angefertigt und/oder ihm geschenkt hat. Leider habe ich dafür bisher keinen Beleg gefunden. Die Vermutung liegt deshalb nahe, weil Kraus in Weimar lebte, mit Goethe befreundet war und eines der berühmtesten Portraits des jungen Goethe gemalt hat. Der Schriftsteller Musäus lebte wiederum auch im „klassischen“ Weimar, war aber, da er der Onkel August von Kotzebues war, wohl eher nicht Goethes bester Freund.

Neben dem Kontext der Entstehung interessiert mich aber zum einen die ungewöhnliche Form, die als fragmentarischer Dialog aus der Sammlung der Gedichte heraussticht. Zum anderen frage ich mich: Wer ist/war der Kieler Wanderer? Ist das ein zeitgenössisches Sprichwort oder setzt Goethe hier die Kenntnis eines Ereignisses voraus, von dem Zeitgenossen durchaus hätten wissen können?

Und wo spielt die Szene eigentlich? Am Stadttor zu Coburg oder in einer anderen Stadt, die ein Stadtstor names „Coburger Tor“ hat (was schonmal nicht Weimar sein kann)?

Am interessantesten wäre es jedoch, die Antwort der Schildwache an Freund Hein zu erfahren, oder?

Variante 1: Der Tod senst die Wache einfach nieder.

Variante 2: Die Wache antwortet frech und wird dann niedergesenst.

Variante 3: Die Wache lässt den Tod passieren, woraufhin in der Stadt „der Tod umgeht“.

Variante 4: Die Wache widerlegt in einem schlagfertigen Dialog den Tod. (Was wiederum der Ausgangspunkt eines Schelmenromans sein könnte.)

Street Art Schicksal #2

21. Mai 2015

Eternal Bob Dylan. Gerade noch war ich etwas traurig darüber, dass das Dylan-Portrait am Benediktsplatz/Kreuzgasse verschwunden ist, da habe ich am nahkauf Nordhäuser Straße/Ecke Bergstraße ein neues Exemplar entdeckt. Es gibt Hoffnung für Erfurt!

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Zwei Hinweise noch. Es handelt sich hier nicht um ein „normales“ Stencil oder Graffiti, sondern um eine Kachel (oder Fließe?). Daher wurde am Benediktsplatz nichts überstrichen, sondern entfernt. Vielleicht sogar am Stück von einem Fan? // Und: Würde netto eine Eckkneipe betreiben, in der man auch Lebensmittel kaufen und Briefe verschicken kann, würde diese nahkauf heißen.


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