Archive for the ‘Erinnerungen’ Category

3 Monate ohne Leonard Cohen

7. Februar 2017

Heute vor drei Monaten starb Leonard Cohen. Und ich finde noch immer nicht die richtigen Worte für diesen Verlust.

liveforever

Wake up Lazarus, it’s late!

10. Januar 2017

(Ivo van Hove, 2015)

Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer

6. März 2014

Lars Reyer – Makrelen

 

Zu Tisch die eingeölten Schlagzeilen

vom anderen Tag, die Doppelseiten glänzten,

kaum dass auf den Agenturen-Fotos

noch Gesichter zu erkennen waren, stumm

lagen die Makrelen auf Papier, dem Schlafe nah,

so sah das aus, noch nicht entgrätet,

die Bronzebäuche schnitt der Vater

mit dem Messer auf, du trautest dich nicht ran

an die Wesen mit den Blicken voller Salz

& Schrecksekunden.

Durchsichtigkeit, nur Fetzen stiegen auf

aus Öl & Druckerschwärze, schaumdumpfe

Zeitungsworte, wie eine letzte Brandung,

versiegelt in dem toten Fisch: roter Sand

von diesseits des Dnjeprs, der lag dann morgens

auf den Motorhauben, mit dem Finger

schriebst du deinen Namen ein, zwei Kreuze noch,

ein Pentagramm, das war der Bann,

der helfen sollte gegen Stimmen (Kiemen).

Mit dem Ärmel ging der Vater übern Mund,

doch die Flüsterungen blieben, er schob

die Reste von sich weg, Kopf & Schwanz noch unversehrt

& du erkanntest an dem Schimmer in den Augen

die Willenskraft, den aussichtslosen Flucht-

versuch. Nicht gegen böse Geister

rieb er sich die Hände ab

mit Mandarinenschalen.

 

(aus: Lars Reyer – Magische Maschinen. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2013.)


Vaters Ritual

Ob wir uns zum Abendbrot eine Makrele teilen wollen, hab ich sie gefragt. Sie sagte ja, aber du musst das Viech zerlegen. Hat dein Vater abends nie eine Makrele gegessen, hab ich sie gefragt. Sie sagte nein, bei uns war das absolut unüblich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater manchmal am Esstisch saß und mit sorgfältiger Geste eine alte Zeitung ausbreitete. Darauf legte er ein Holzbrettchen und ein scharfes Messer, das bei uns schon immer „Chefmesser“ hieß. Dann befreite mein Vater den geräucherten Fisch aus der Folie und sobald sich sein Geruch in der Küche verbreitete, ließ sich vom Gesicht meines Vaters eine fast kindliche Vorfreude ablesen. Wenn er dann Kopf und Schwanz vom Fischkörper trennte und den „Bronzebauch“ aufschnitt, verzog meine Mutter manchmal das Gesicht und ich starrte wie gebannt auf „dieses Wesen“, von dem ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es einmal im Wasser geschwommen ist. Mein Vater sprach dabei kein Wort.

Mein Vater hat einmal im Monat eine Makrele gekauft und das Essen wie eine heilige Messe zelebriert, hab ich ihr gesagt. Sie sagte, du wirst deinem Vater immer ähnlicher.

Lars Reyers Makrelen ist ein Gedicht des Erinnerns, dessen „du“ ein starkes Identifikationspotential besitzt. Bei mir erzeugt es ein präzises Erinnern. Zumindest halte ich es für präzise, weil sich die Erinnerung mit einem privaten Ritual abgleichen lässt, das über die Zeit Bestand in meinem Leben hat. Das Ritual ist ein dankbarer Erinnerungsträger. Es hilft die verwischten Bilder in Zusammenhänge einzuordnen, weiß, was es mit der ölverschmierten Zeitung auf sich hat, lässt durch das halbdurchsichtige Papier blicken. Bei Reyer eröffnet das Ritual der Makrele einen Erinnerungsraum, der gleichzeitig auch Imaginationsraum ist, in dem noch andere Rituale zelebriert werden. In roten Sand schreibt das „du“, das den Fisch skeptisch musterte, ein Pentagramm, um den Geist des Tieres zu bannen. Hier liegen der heilige Ernst der Kinderspiele und der des Vaters beim Verspeisen der Makrele dicht beieinander.  Wenn die Fischreste in Zeitung eingewickelt und entsorgt werden, ist das Ritual des Vaters vorbei. Der Imaginationsraum des Kindes aber bleibt, genau wie das Erinnern.

Ob er heute noch manchmal Makrele esse, hab ich ihn gefragt. Er sagte, nein, eigentlich kaum noch.

Wenn ich heute eine Makrele zerlege, muss ich unweigerlich an meinen Vater denken. Ich versuche mich an die Abfolge seines Rituals zu erinnern. Ich trenne zuerst Kopf und Schwanz vom Fischkörper und lege sie beiseite, weil mich die „Blicke voller Salz & Schrecksekunden“ auch heute noch beeindrucken und das, obwohl eine geräucherte Makrele gar keine Augen mehr im eigentlichen Sinne hat. Meine Freundin brät manchmal eine Dorade. Das könnte ich nicht, weil bei küchenfertigen Doraden die Augen noch glasklar im Kopf stecken. Ich kann den Blick des Tieres, das ich zubereite nicht ertragen, mag er auch noch so ausdruckslos sein. Eine Spur von „Willenskraft“ und „aussichtslosem Kampf“ kann ich darin immer finden. Das mag auch daran liegen, dass meine Mutter früher nie eine Dorade gebraten hat.

Es gibt Familienrituale, die bleiben eben hängen, die vererben sich oder man führt sie unbewusst weiter, hab ich ihr gesagt. Sie fragte, wann wirst du eigentlich Vater sein?

Sommer 1994

27. Juni 2013

Ich erinnere mich oft an den Sommer 1994. Wir wohnten damals noch in einem Neubaublock zur Miete. Ich war acht und der Mittelpunkt meines Lebens war der Fußball. Mit meinem Vater sah ich mir fast alle Spiele der Weltmeisterschaft an. Sie wurden wegen der Zeitverschiebung meist am Nachmittag übertragen. Mein Vater war dann schon von der Arbeit zurück. Mein Bruder, der sich nichts aus Fußball machte, spielte mit den größeren Kindern auf dem Spielplatz gegenüber Volleyball. Den ganzen Tag lang. Zum Mitspielen war ich noch zu klein, aber ich durfte manchmal die Punkte zählen. Die Regeln hatten mir die Großen knapp erklärt. Wenn der Ball auf einer Seite runterfällt ist das ein Punkt für die andere Mannschaft. Dabei war das gar nicht so richtig, aber das wussten die Großen damals auch nicht. Wenn dann wieder ein Fußballspiel übertragen wurde, ging ich wieder nach drinnen und sie mussten die Punkte selbst zählen.
Es war ein warmer Sommer damals, auch in den USA. Als 8-jähriger dachte ich in den USA ist immer schönes Wetter, immer Sommer. Mein Vater erzählte mir dann wie heiß es an anderen Orten auf der Welt sein konnte. Zum Beispiel in der Sahara, der größten Wüste der Welt. Ich hatte die Sahara schon einmal im Fernsehen gesehen. Auch aus einem der vielen Naturbücher meines Vaters war mir die Wüste bekannt. Am Tag kann es in der Sahara bis zu 60°C heiß werden. Nachts ist es jedoch bitter kalt. Sogar Minusgrade werden dann manchmal gemessen. Warum das so ist, wusste mein Vater auch nicht so genau. Aber ich bin mir sicher, er hat es mir später noch erklärt, als er mir auch von den Beduinen und den Kamelkarawanen erzählte.

An einem dieser Sommernachmittage ging mein Vater mit mir auf den Balkon, um mir etwas zu zeigen. Er wischte mit der Handfläche über die Platte des kleinen Tisches, der dort stand. Als er seine Hand umdrehte sah ich die Innenfläche von feinem, fast weißem Sand bedeckt. „Das ist echter Sand aus der Sahara“, sagte mein Vater. „Der Wind trägt die Sandkörnchen kilometerweit bis zu uns nach Deutschland.“ Ich war so erstaunt, dass ich in diesem Sommer täglich über die Tischplatte auf dem Balkon strich. Wenn ich dann meine Handflächen ansah, stellte ich mir vor wie Beduinen mit ihren Kamelkarawanen über diesen Sand zogen.

Juni, 2006.

No Future

3. Juni 2013

Es war am 20. April 1999 als Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton, Colorado einen bis dahin beispiellosen Amoklauf an einer Schule verübten. Obwohl mir das ganze Ausmaß dieser Tat damals noch nicht bewusst war, spührte ich schon, dass da etwas Unheimliches geschehen war. Als die Manson-Family Ende der 1960ern ihre Mordserie beging, war ich noch nicht geboren. Das Columbine-Massaker von Harris und Klebold war sozusagen das erste Verbrechen dieser Art, das ich bewusst wahrnahm. Im Jahr darauf begann ich mich intensiv für Gothic, Metal und den ganzen Kram zu interessieren. Es war eine gute Zeit um in die Schwarze Szene einzusteigen: Marilyn Manson veröffentlichte gerade das Album Holy Wood: In the Shadow of the Valley of Death, das ich auch und/oder vor allem heute noch als sein bestes Studioalbum und eine der einflussreichsten und wichtigsten LPs im Alternativesektor der 2000er Jahre bezeichnen würde.

Ich war von der Platte sofort elektrisiert. Ich wurde zum Fan, der jede Zeitschrift kaufte in der Interviews, Konzertberichte und sonstiges Material über Marilyn Manson publiziert wurde. Ich habe das alles intensiv gelesen, die Songtexte übersetzt und und und… Marilyn Manson: Popikone und fleischgewordener Albtraum des Bürgertums in einem. Monroe und Charles zu einem Schockhybriden mit Glamfaktor verschmolzen. Ich fand ihn genial. Manson war die Art von Künstler, die es meiner Meinung nach (auch heute noch) dringend brauchte, um der verlogenen westlichen Welt den Spiegel vorzuhalten.

Woher kam aber diese Aggression, die sich mit solch unglaublicher Kraft in Mansons Musik niederschlug? Kurz gesagt: Aus dem Amerika Bill Clintons, dass ihm eine Mitschuld am Amoklauf in Littleton attestierte. Harris und Klebold hörten ebenso leidenschaftlich wie ich die Songs von Marilyn Manson, die von Tod, Wut und Verzweiflung handelten. Laut den Meinungen vieler so genannter Medienexperten waren er und seine Musik ein Hauptgrund für die Verderbtheit der Jugend, die sich nun in Waffengewalt äußerte. Manson selbst äußerte sich zu den Vorwürfen, die auch die Bands Rammstein und KMFDM trafen, kaum. Legendär ist hingegen sein Auftritt in der Michael Moore-Doku „Bowling for Columbine“, die sich mit dem Columbine-Massaker und der Waffenkultur in den USA auseinandersetzt.

Nach seiner sehr intelligenten und pointierten Analyse über die öffentliche Hexenjagd auf ihn, antwortete Manson noch einmal auf seine Art. Das Album Holy Wood ist Abrechnung und Aufarbeitung in einem. Ein großartiges Konzeptalbum über Guns, God & Government mit Songs wie Disposable Teens, The Fight Song oder The Nobodies, die den Finger in die Wunde einer verletzten, verstörten und verlogenen Gesellschaft legte. Ein Album wie einer Faust in der Magengrube des wohlig eingerichteten Bürgertums. Ein Album, wie es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Und die Platte wurde gehört. Weit über die Grenzen der so genannten Alternativeszene hinaus. Marilyn Manson wurde endgültig zum kommerziell erfolgreichen Superstar, der sogar in der Dorfdisco den Bürgerkindern vorgespielt wurde. Welch Ironie.

Auf dem Album Holy Wood befindet sich ein Song, der es mir schon bei Erscheinen imJahr 2000 angetan hatte und heute immer noch zu meinen absoluten Lieblingsliedern zählt, weil es sehr authentisch von einer desillusionierten Jugend erzählt. The Death Song hier in freier Übersetzung:
Wir sitzen auf einer Kugel

und bewegen uns direkt auf Gott zu

auch er will es beenden

Wir nehmen eine Pille, verziehen das Gesicht

lösen ein Ticket

und hoffen, dass es den Himmel wirklich gibt

Im Fernsehen habe ich einen Cop einen Priester schlagen sehen

und die wissen, dass sie auch unsere Helden getötet haben
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Kinder, lasst uns den Death Song singen
Wir zünden eine Kerze für eine Erde an

die wir zur Hölle gemacht haben

und geben vor, wie wären im Himmel

Wann immer wir das tun

bekommen wir ein Blindenticket

und wissen: nichts davon ist wahr

Im Fernsehen habe ich einen Priester einen Cop töten sehen

und ich weiß jetzt, dass das auch unsere Helden sind
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir schreiben unsere Gebete auf eine kleine Bombe

Küssen sie zum Abschied und senden sie an Gott
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir waren einst die Welt

doch wir haben keine Zukunft

und wir wollten doch nur wie ihr sein

wir wollten so wir ihr sein

Am 26. April 2002, also fast genau drei Jahre nach dem Columbine-Massaker, verübte Robert Steinhäuser den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ich war damals Schüler in Thüringen und wohnte nur etwa 60 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit Columbine beschäftigt und trug auch in der Schule nur noch schwarze Klamotten. Auf einmal wurde ich von manchem Lehrer kritisch beäugt, wurde von ihnen gefragt was ich eigentlich für Musik höre und habe ihnen CDs ausgeliehen. Marilyn Manson, Slipknot und sogar das Album Lektionen in Demut von Thomas D stießen auf wenig Verständnis. Ob ich nicht glaube, dass solche Musik depressiv machen und ein zu negatives Weltbild zeichnen würde, wurde ich gefragt? Ich verneinte und sagte, eigentlich sprechen mir Manson und Thomas D aus der Seele. Damit war das Thema beendet, was mich auch heute noch etwas wundert. Das war’s also in Sachen zuhören?

Nach den Nachrichten und Bildern aus Erfurt ging es mir nicht gerade gut. Und ironischerweise war ich wohl derjenige in meiner Klasse, dem das ganze am nächsten ging. Weil ich die Berichte aus Littleton kannte, die Polizeifunkaufnahmen gehört hatte, Interviews mit Überlebenden gesehen habe… und weil es jetzt in Erfurt passiert war. Nicht weit weg. Und ich stellte mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn der Amoklauf an meiner Schule passiert wäre und Menschen die ich kannte und mochte erschossen auf den Gängen gelegen hätten und so weiter.

Und dazu kam dann auch wieder die Wut und der Ekel, den ich schon aus den Songs von Marilyn Manson kannte. Der ganze Abscheu vor der heuchelnden Welt der Erwachsenen. Die Lehrer zeigten sich ein paar Tage betroffen, überprüften dann den Typen, der ausschließlich in schwarz an der Schule rumlief und beteten danach ihr ewig gleiches Lamento von der Wichtigkeit der Schulnoten und dem Versagen im Leben im Falle des Versagens in der Klassenarbeit.

Bedeutend einfühlsamer ging hingegen der Filmemacher Gus van Sant mit diesem Thema um. Van Sant gilt als Spezialist für problematische Jugendthemen und ist auch deshalb einer der von mir meistgeschätzten Regisseure überhaupt. Weil ich weiß, die eindringlich seine Filme sein können habe ich mich lange vor seinem Film Elephant gedrückt, aber letztens doch endlich gesehen. Auch das ist ein Grund, warum ich heute über Amokläufe und Marilyn Manson geschrieben habe. Ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Immernoch.

EDIT: Marilyn Manson malte auch ein Aquarell, dass auf den Amoklauf an der Columbine High School bezugt nimmt. Es zeigt die Portraits von Harris und Klebold auf einer Hand, die das Peace-Zeichen formt. Titel: Crop Failure.

Quelle: marilynmanson.com

Wie ich Fan des FC Bayern wurde

2. Mai 2013

Unabhängig von den jeweiligen Farben finde ich es immer interessant zu erfahren, wie Fußballfans zu ihren Vereinen kamen. Manchmal ist es ja ziemlich banal, wenn man z. B. als Kind die Trikots einer bestimmten Mannschaft schön fand. Manchmal liegt es auf der Hand, wenn einen die Spielweise eines bestimmten Spielers oder einer Mannschaft begeisterte. Überregionales Fandasein von Bundesligaclubs ist dadurch völlig normal geworden.

Geht es allerdings um den FC Bayern München, sieht die Sache etwas anders aus. Kommt man als Bayern-Fan aus München und Umgebung, fällt ein gewisser Erklärungsdruck weg. Die Bayern-Fans aus dem restlichen Bundesgebiet und über die Grenzen Deutschlands hinweg werden hingegen misstrauisch beäugt und in 99% der Fälle als „Erfolgsfans“ vorverurteilt. (Passierte mir im Leipziger Nachtbus erst vor Kurzem wieder, als ich meinen Kopf mit einer Bayern-Mütze gegen die Kälte schützte. Macht mir aber nix aus.)

Da ich hin und wieder über (Fußball-)Blogs stolpere, auf denen Fans erzählen wie sie zu ihrem Verein kamen und ich das gern lese, habe ich mich dazu entschlossen kurz zu beschreiben, wie ich Fan des deutschen Rekordmeisters wurde.

Es begab sich aber zu der Zeit, als ich acht Jahre jung war und die Fußballweltmeisterschaft in den USA stattfand. Ich hatte mich bis dahin nicht für Fußball interessiert und mein Vater erklärte mir den Unterschied von Vereins- und Nationalmannschaften. „In der Nationalmannschaft“, so mein Vater, „spielen die besten Spieler eines Landes zusammen.“ „Bei welcher Mannschaft spielen denn die besten deutschen Spieler?“, wollte ich wissen. Die Antwort könnt ihr euch sicher denken. Dabei befanden sich im deutschen WM-Kader mit dem jungen, gerade erst vom Karlsruher SC verpflichteten Oliver Kahn als drittem Torhüter, Lothar Matthäus und Thomas Helmer nur drei Bayern-Spieler. Aus heutiger Sicht verwundert das, weil die Bayern 1994 Deutscher Meister wurden. Dennoch hatte Berti Vogts auf Olaf Thon oder Bruno Labbadia verzichtet.

Das Schwärmen meines Vaters für den FC Bayern hinterfragte ich natürlich nicht. Erst mit Beginn der Bundesliga-Saison 1994/95 wurde mir das Fandasein wirklich klar. Mein Vater erzählte mir, wie er und mein Opa in den 1970ern die Bayernspiele im Westfernsehen verfolgten. Er schwärmte von Breitner, Beckenbauer und Hoeneß, von den Duellen mit Borussia Mönchengladbach und den drei Europapokalsiegen in Folge. Von da an war mir klar, dass ich zusammen mit meinem Vater und meinem Opa zu den Bayern halte.

Die Saison 1994/95 stellte sich aber als eine denkbar schlechte Spielzeit heraus, um seinem Sohn zu beweisen, dass der FC Bayern München der beste Verein Deutschlands ist. Borussia Dortmund wurde knapp von dem SV Werder Bremen Meister. Die Bayern belegten einen mittelmäßigen sechsten Platz in der Tabelle. Ich wurde über alle Maßen enttäuscht, versprach ich mir doch die ganze Saison über eine Siegerehrung mit einem glänzenden Pokal und einem jubelnden Lothar Matthäus, der mein erster Lieblingsspieler war.

Irgendwie war es naheliegend in dieser Zeit Dortmund-Fan zu werden. Sie spielten einen absolut dominanten Fußball, verteidigten in der Saison 1995/96 den Meistertitel und gewannen 1997 die Champions League (im Münchner Olympiastadion! Dem Theater der Träume meiner Kindheit). In meiner Schule hielt so gut wie jeder zu Dortmund. Die Bayernfans waren die absolute Minderheit. Meine rote Mütze flog regelmäßig in den Dreck. In dieser Zeit muss mein Vater ganze Arbeit geleistet haben. Ich lernte früh, dass Verlieren im Fußball dazugehört. Als „Erfolgsfan“ fühlte ich mich in dieser Zeit nicht und auch später nie.

Aber der Erfolg kam. 1996 gewann der FC Bayern den UEFA-Pokal (die heutige Europa League). Dass Franz Beckenbauer den Wettbewerb „Cup der Verlierer“ nannte, wusste ich nicht und ich hätte es auch nicht verstanden. Nach zwei Endspielen (damals gab es auch im Finale noch ein Hin- und Rückspiel) gegen Girondins Bordeaux (mit Zinedine Zidane und Bixente Lizarazu) stemmte Matthäus den Pokal in die Luft. Den ersten, den ich bewusst mitbekam. Für mich war der Titel das Größte. (Wahrscheinlich mag ich deshalb die Europa League bis heute und bedauere ihren Bedeutungsverlust im europäischen Fußball.)

Natürlich konnte ich in den folgenden Jahren noch oft sehen, wie die Bayern Pokale in die Höhe stemmten. Sich darüber zu freuen, macht einen jedoch nicht automatisch zum Erfolgsfan. Das Vorurteil, dass Bayernfans immer nur auf der Gewinnerseite stehen wollen, ist, für einen wirklichen Anhänger des Klubs, blanker Hohn. Kein anderer deutscher Verein hat eine derartige Fallhöhe erreicht wie der FC Bayern. Keine Niederlage schmerzt so sehr wie ein verlorenes Champions League-Finale; sei es in der Nachspielzeit oder im Elfmeterschießen. Nichts ist beschämender als in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den TSV Vestenbergsgreuth auszuscheiden. Aber genau das kann immer wieder passieren, weil jeder Gegner gerade gegen die Bayern alles gibt.

So jedenfalls wurde ich Fan des FC Bayern München. Ich hab Höhen und Tiefen miterlebt. War 1999 am Boden zerstört, 2001 im Rausch, 2012 klinisch tot. Wer mit ganzem Herzen an seinem Verein hängt, macht das alles mit. Eine rationale Erklärung gibt es dafür nicht. Aber es reicht schon aus, für sein Fandasein nicht vorschnell verurteilt zu werden.

109 Lieblingslieder – Teil 46

4. März 2013

103. The Inchtabokatables – You chained me up

2002, 11 jahre nach ihrer Gründung, verabschiedete sich eine der außergewöhnlichsten Indie-Punk-Rock-Folk-Bands, die es in diesem Land gegeben hat: The Inchtabokatables. Eine Band, bestehend aus fünf Musikern mit kleidsamen Namen wie B. Broiler, B. Deutung, Herr Jeh, Kokolorus Mitnichten (aka. Dr. Tinitus Banani) und Moeh. Darunter kein einziger Gitarrist! Ja, richtig – Punk Rock ohne Gitarren! Nur Bass, Schlagzeug, Gesang – Cello und Violinen. Eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Indie-Rock-Segment. Bis heute.

Bis heute… Naja, vor 12 Jahren kündigte die Band eine Pause an, vor 11 Jahren trat sie in Kraft. Sie sollte 11 Jahre dauern – also bis 2o13. Keiner weiß so richtig, ob die Inchties sich tatsächlich nochmal aufrappeln und die Bühnen der Republik rocken, oder ob sie die große Ausnahme im Reuniontrend bleiben werden. ich weiß aber, dass ich nicht annähernd der Einzige bin, für den ein Comeback in diesem Jahr die Erfüllung eines Jugendwunsches wäre. Kommt verdammt nochmal zurück ihr Schweine!, möchte man der Band freundlich zurufen!

Auf der immer noch aktiven Homepage der Band prangt aber weiterhin der Button: The Inchties haben fertig!

2o13 werden die 11 unendlich langen Jahre vorbei sein. Das war 2002 der schwache Trost. Ich tröste mich noch immer mit dem großartigen Livealbum von damals. Die Band hat bisher kein Statement abgegeben.

1992

25. Februar 2013

1992 wünschten sich die ersten den Sozialismus schon wieder zurück. Ich war damals sechs Jahre alt und wusste nichts vom Sozialismus. Dennoch war mein Unverständnis, darüber Erich Honecker bei einem Berlinausflug mit meinen Eltern nicht begegnet zu sein, groß.

1992 wurde ich in Thüringen eingeschult. Ich war ein Streber, der sich auf die Schule freute. Rückblickend wundert mich das überhaupt nicht. Es hat auch damals niemanden gewundert, weil ich ein vorlautes, neunmalkluges Kind war. Immer etwas aufgedreht und unendlich neugierig.

1992 wuchs auf den Dörfern der neuen Bundesländer etwas heran. Eine Generation junger Menschen zwischen zwei Systemen. Wertkonservativ erzogen nach den vom Sozialismus geprägten Vorstellungen der Eltern und Grundschullehrer. Ausgestattet mit allen in diesem Alter erdenklichen Annehmlichkeiten des Kapitalismus.

1992 gab es Game Boys, Sat-TV und Kellog’s Frosties zum Frühstück. Es gab Comichelden, Actionfiguren und Hanuta. Es gab Lego, mit dem ich mir meine eigene Welt baute in der Piraten gegen Ritter kämpften.

1992 gab es auch Hausschlachtung. Es gab Kachelöfen statt Zentralheizung und Nachbarschaftshilfe beim Kohlenschippen. Es gab Sportfeste, die sich mit den Spartakiadeerzählungen meines Vaters deckten. Es gab Baumbuden und Molchefangen. Es gab Fußball, Fußball, Fußball.

1992 war das. Da bin ich aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Thüringen als Kind zweier Systeme. Ich habe es geliebt und heute weiß ich auch warum. Es war Sozialismus light. Alle für einen, aber mein Game Boy nur mir.

1992 war ein behütetes Paradies. Es machte mich zu einem Menschen mit ausgeprägtem Moralverständnis. Viel zu naiv für diese Welt.

Die Geschichte der Nova Station

11. Februar 2013

Die Nova Station wurde 1926, im Zuge einer Polarexpedition unter franko-kanadischer Flagge, von Steward Douglas Nova gegründet. Die Expedition hatte zum Ziel, das von Franz Kafka beschriebene Schloss aus seinem gleichnamigen Romanfragment zu finden, zu vermessen und zu erforschen. Die ursprünglich als Kurzwellenzahlensender betriebene Nova Station diente hierbei vor allem der Übermittlung von codierten Zwischenständen der Forschungsmission an die Basis in Whitehorse (Yukon), sowie der Unterhaltung der Expeditionsteilnehmer.

Novas Enkel, James Clark Nova Sr., belebte die Nova Station im Jahre 1963 zunächst als Amateurfunkdienst wieder. Später betrieb Nova Sr., gemeinsam mit seinen Freunden Lee Parker McCarrier und Andrew Lafayette die Station als Piratensender der amerikanischen Gegenkultur. Schon bald erfreute sie sich überregionaler Beliebtheit und war auch unter GIs ein Geheimtipp.

Im August 2008 war es wiederum der Enkel von James Clark Nova Sr., Arthur Clark Nova, der die Nova Station ein weiteres Mal auf Sendung gehen ließ – mit Hilfe von technischen Medien des 19. bis 21. Jahrhunderts.

Arthur Clark Nova, Jg. 1984, studierte zunächst Biologie in Heidelberg. Er war in seinem Fach überaus begabt und wurde schon früh von den Professoren der Fakultät für Biowissenschaften geschätzt. Nach einem als sadistisch eingeschätzten Experiment an Hirschkäfern, deren wissenschaftliche Zweckmäßigkeit nicht nachgewiesen werden konnte, wurde Nova der Universität verwiesen. Seit dem lebte er an einem unbekannten Ort in Mitteldeutschland, wo er sich ganz dem mechanischen Tippen verschrieb, welches er jedoch auf ausdrücklichen Wunsch nicht als künstlerische Produktion verstanden wissen wollte.

Hier verlieren sich die Spuren der Familie Nova, die sowohl franko-kanadische, französische, deutsche und tschechische Wurzeln hat. Ihr letztes bekanntes Zeugnis ist in Form einer mechanischen Clarknova-Schreibmaschine aus des späten 1950er Jahren erhalten. Diese funktioniert bis heute einwandfrei und befindet sich nicht in Berlin.


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