Archive for the ‘Erinnerungen’ Category

„Jeder weiß“ – Philip Roth 1933 – 2018

23. Mai 2018

Mit „Jeder weiß“ ruft man das Klischee an und beginnt mit der Banalisierung der Erfahrung, und das eigentlich Unerträgliche sind die Feierlichkeit und das Gefühl der Autorität, mit der die Leute das Klischee aussprechen. Wir wissen nur, dass auf individuelle Weise niemand irgend etwas weiß.

— Der menschliche Makel

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Es gab eine Zeit, in der mir seine Bücher die Welt bedeuteten. Anfang 2005, ich stand kurz vor’m Abi, habe ich angefangen Philip Roth zu lesen. Mit Der menschliche Makel ging es los, das mich sofort umgehauen hat. In kurzer Folge habe ich in den kommenden Monaten und Jahren einen Roth nach dem anderen aufgesogen und viel über Literatur und das Erzählen gelernt. Nach Jedermann habe ich dann einen Schnitt gemacht, weil es mir seltsam erschien als junger Mann mehr und mehr in den Erfahrungsraum eines alternden Mannes gezogen zu werden, der zunehmend von Krankheit und Tod bestimmt wird. Ich hab das annähernd gefühlt, so intensiv war das Roth-Lesen für mich.

Ich hab dann pausiert. Hier und da einen „schmalen“ Roth gelesen und im Studium eine Hausarbeit über Die Brust geschrieben, die meine Dozentin nicht gefiel.

Dreizehn Jahre ist das jetzt her, als ich Der menschliche Makel gelesen habe. Und mir bleibt vor allem diese Stelle unvergesslich, diese bedrückende Situation in der Coleman Silk mit diesen einschneidenden Worten „jeder weiß…“ konfrontiert wird. Dreizehn Jahre und das Taschenbuch riecht mittlerweile schon leicht nach Antiquariat. Nicht nach dem Alter, aber dem Altern.

Gestern ist Philip Roth dem Alter erlegen, das er in einem Interview einmal als Massaker bezeichnet hat. Das ist traurig. Das ist ein Verlust. Das ist nicht zu ändern. Exit Ghost.

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#teamköhlmeier

9. Mai 2018

† 7.11.2016

7. November 2017

I’m traveling light/ it’s au revoir…

Still heartbroken.

Felix Flaucher † 23.8.2017

24. August 2017

Ich weiß noch wie ich 2001 von irgendeinem zusammengekratzten Taschengeld eine meiner ersten Gothic-CDs gekauft habe, die nicht von Subway To Sally oder irgendeinem Mittelaltergedöns stammte. Eine CD, die mich von ihr aus rückwärts bis in die 80er hörend zu den Wurzeln einer mir heute sehr tot erscheinenden Szene führte. Phoenix from the Flames von Silke Bischoff war die letzte Initialzündung, die ich gebraucht hatte um zu wissen, dass ich ein echter Gruftie war. Scheiß auf Punk und HipHop und was an meiner Schule noch so alles an Einstiegsdrogen in die Persönlichkeitsbildung im Umlauf war. Gothic war das Coolste. Nicht nur, weil alle anderen das scheiße fanden, sondern weil ich mich in dieser Jugendkultur aufgehoben und verstanden gefühlt habe. Das war auch das Verdienst von Felix Flaucher und Frank Schwer, die mich mit kalten Synths und viel Melancholie ziemlich genau dort abholten, wo ich stand. An der Dorfbushalte mit verständnislosem Blick auf den Acker.

Das Taschengeld für die CD musste ich übrigens deshalb zusammenkratzen, weil zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alles für mein erstes WGT-Ticket draufgegangen war. Meine Eltern ließen mich fahren. Ich war der glücklichste Junggruftie der Welt. Und tatsächlich war der Auftritt von Silke Bischoff meine erstes WGT-Konzert überhaupt. Mit üblen Tonproblemen in der agra, sodass sie zuerst die akustischen Zugaben gespielt haben und dann aus Zeitmangel nur das halbe Elektroset. Aber die Stimmung bei Felix, Frank und Publikum war trotzdem klasse. Das Duo ist vergleichsweise selten live aufgetreten und alle waren froh die beiden überhaupt auf der Bühne zu sehen. Das werde ich nie vergessen.

Es war dann in den 00er-Jahren lange, lange still um die Band, die sich in 18 Summers umbenennen musste. 2012, ich war der Szene längst entwachsen, spielen sie ein Konzert in der Moritzbastei. Das war unglaublich! Ich hatte das Plakat zunächst für einen Gag gehalten. Meine Gruftiejugendliebe Silke Bischoff lebte noch! Und wie – was für ein großartiger Abend das war.

Dann wurde es wieder still. Ab und zu ein posting bei Facebook. Alte YouTube-Videos, Fotos von hier und dort und Anfang des Jahres tatsächlich die Ankündigung eines neuen Albums! Klasse! Denn auch wenn mir die Szene mittlerweile doch arg am Arsch vorbei geht – die Musik bleibt immer. Zu viele Erinnerungen, die daran hängen. Zu viel Herzblut, immer noch.

Und gestern Morgen diese Meldung, die mich aus dem Bett schnellen ließ.

Felix Flaucher ist tot. Und ich kann es immer noch nicht wirklich glauben. Aber diese Stimme, diese Musik, die bleibt für immer tief, tief in mir. Danke für alles.

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Ulrich Zieger † 23/7/2015

23. Juli 2017

Heute vor zwei Jahren starb der Schriftsteller Ulrich Zieger. Vergesst ihn nicht! Solche Autoren gibt es nicht oft. Zum Beweis und zur Erinnerung – seine Lesung in Klagenfurt 1997. Ein großartiger Text und eine völlig überforderte Jury.

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1976 – 2017

20. Juli 2017

Irgendwann in meiner Jugend hat dieser Song mir für eine Zeitlang einiges bedeutet und ich hätte schon damals nicht genau sagen können was. Aber es hat sich sehr gut angefühlt ihn sehr laut zu hören. Mit Kopfhörern, sodass ich den Song ganz für mich allein hatte. Dass diese Stimme nicht mehr da sein soll betäubt mich irgendwie. Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass eine ganze Generation heute Nacht ein bisschen älter wird.

3 Monate ohne Leonard Cohen

7. Februar 2017

Heute vor drei Monaten starb Leonard Cohen. Und ich finde noch immer nicht die richtigen Worte für diesen Verlust.

liveforever

Wake up Lazarus, it’s late!

10. Januar 2017

(Ivo van Hove, 2015)

Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer

6. März 2014

Lars Reyer – Makrelen

 

Zu Tisch die eingeölten Schlagzeilen

vom anderen Tag, die Doppelseiten glänzten,

kaum dass auf den Agenturen-Fotos

noch Gesichter zu erkennen waren, stumm

lagen die Makrelen auf Papier, dem Schlafe nah,

so sah das aus, noch nicht entgrätet,

die Bronzebäuche schnitt der Vater

mit dem Messer auf, du trautest dich nicht ran

an die Wesen mit den Blicken voller Salz

& Schrecksekunden.

Durchsichtigkeit, nur Fetzen stiegen auf

aus Öl & Druckerschwärze, schaumdumpfe

Zeitungsworte, wie eine letzte Brandung,

versiegelt in dem toten Fisch: roter Sand

von diesseits des Dnjeprs, der lag dann morgens

auf den Motorhauben, mit dem Finger

schriebst du deinen Namen ein, zwei Kreuze noch,

ein Pentagramm, das war der Bann,

der helfen sollte gegen Stimmen (Kiemen).

Mit dem Ärmel ging der Vater übern Mund,

doch die Flüsterungen blieben, er schob

die Reste von sich weg, Kopf & Schwanz noch unversehrt

& du erkanntest an dem Schimmer in den Augen

die Willenskraft, den aussichtslosen Flucht-

versuch. Nicht gegen böse Geister

rieb er sich die Hände ab

mit Mandarinenschalen.

 

(aus: Lars Reyer – Magische Maschinen. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2013.)


Vaters Ritual

Ob wir uns zum Abendbrot eine Makrele teilen wollen, hab ich sie gefragt. Sie sagte ja, aber du musst das Viech zerlegen. Hat dein Vater abends nie eine Makrele gegessen, hab ich sie gefragt. Sie sagte nein, bei uns war das absolut unüblich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater manchmal am Esstisch saß und mit sorgfältiger Geste eine alte Zeitung ausbreitete. Darauf legte er ein Holzbrettchen und ein scharfes Messer, das bei uns schon immer „Chefmesser“ hieß. Dann befreite mein Vater den geräucherten Fisch aus der Folie und sobald sich sein Geruch in der Küche verbreitete, ließ sich vom Gesicht meines Vaters eine fast kindliche Vorfreude ablesen. Wenn er dann Kopf und Schwanz vom Fischkörper trennte und den „Bronzebauch“ aufschnitt, verzog meine Mutter manchmal das Gesicht und ich starrte wie gebannt auf „dieses Wesen“, von dem ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es einmal im Wasser geschwommen ist. Mein Vater sprach dabei kein Wort.

Mein Vater hat einmal im Monat eine Makrele gekauft und das Essen wie eine heilige Messe zelebriert, hab ich ihr gesagt. Sie sagte, du wirst deinem Vater immer ähnlicher.

Lars Reyers Makrelen ist ein Gedicht des Erinnerns, dessen „du“ ein starkes Identifikationspotential besitzt. Bei mir erzeugt es ein präzises Erinnern. Zumindest halte ich es für präzise, weil sich die Erinnerung mit einem privaten Ritual abgleichen lässt, das über die Zeit Bestand in meinem Leben hat. Das Ritual ist ein dankbarer Erinnerungsträger. Es hilft die verwischten Bilder in Zusammenhänge einzuordnen, weiß, was es mit der ölverschmierten Zeitung auf sich hat, lässt durch das halbdurchsichtige Papier blicken. Bei Reyer eröffnet das Ritual der Makrele einen Erinnerungsraum, der gleichzeitig auch Imaginationsraum ist, in dem noch andere Rituale zelebriert werden. In roten Sand schreibt das „du“, das den Fisch skeptisch musterte, ein Pentagramm, um den Geist des Tieres zu bannen. Hier liegen der heilige Ernst der Kinderspiele und der des Vaters beim Verspeisen der Makrele dicht beieinander.  Wenn die Fischreste in Zeitung eingewickelt und entsorgt werden, ist das Ritual des Vaters vorbei. Der Imaginationsraum des Kindes aber bleibt, genau wie das Erinnern.

Ob er heute noch manchmal Makrele esse, hab ich ihn gefragt. Er sagte, nein, eigentlich kaum noch.

Wenn ich heute eine Makrele zerlege, muss ich unweigerlich an meinen Vater denken. Ich versuche mich an die Abfolge seines Rituals zu erinnern. Ich trenne zuerst Kopf und Schwanz vom Fischkörper und lege sie beiseite, weil mich die „Blicke voller Salz & Schrecksekunden“ auch heute noch beeindrucken und das, obwohl eine geräucherte Makrele gar keine Augen mehr im eigentlichen Sinne hat. Meine Freundin brät manchmal eine Dorade. Das könnte ich nicht, weil bei küchenfertigen Doraden die Augen noch glasklar im Kopf stecken. Ich kann den Blick des Tieres, das ich zubereite nicht ertragen, mag er auch noch so ausdruckslos sein. Eine Spur von „Willenskraft“ und „aussichtslosem Kampf“ kann ich darin immer finden. Das mag auch daran liegen, dass meine Mutter früher nie eine Dorade gebraten hat.

Es gibt Familienrituale, die bleiben eben hängen, die vererben sich oder man führt sie unbewusst weiter, hab ich ihr gesagt. Sie fragte, wann wirst du eigentlich Vater sein?


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