Archive for the ‘Erinnerungen’ Category

† 7.11.2016

7. November 2017

I’m traveling light/ it’s au revoir…

Still heartbroken.

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Felix Flaucher † 23.8.2017

24. August 2017

Ich weiß noch wie ich 2001 von irgendeinem zusammengekratzten Taschengeld eine meiner ersten Gothic-CDs gekauft habe, die nicht von Subway To Sally oder irgendeinem Mittelaltergedöns stammte. Eine CD, die mich von ihr aus rückwärts bis in die 80er hörend zu den Wurzeln einer mir heute sehr tot erscheinenden Szene führte. Phoenix from the Flames von Silke Bischoff war die letzte Initialzündung, die ich gebraucht hatte um zu wissen, dass ich ein echter Gruftie war. Scheiß auf Punk und HipHop und was an meiner Schule noch so alles an Einstiegsdrogen in die Persönlichkeitsbildung im Umlauf war. Gothic war das Coolste. Nicht nur, weil alle anderen das scheiße fanden, sondern weil ich mich in dieser Jugendkultur aufgehoben und verstanden gefühlt habe. Das war auch das Verdienst von Felix Flaucher und Frank Schwer, die mich mit kalten Synths und viel Melancholie ziemlich genau dort abholten, wo ich stand. An der Dorfbushalte mit verständnislosem Blick auf den Acker.

Das Taschengeld für die CD musste ich übrigens deshalb zusammenkratzen, weil zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alles für mein erstes WGT-Ticket draufgegangen war. Meine Eltern ließen mich fahren. Ich war der glücklichste Junggruftie der Welt. Und tatsächlich war der Auftritt von Silke Bischoff meine erstes WGT-Konzert überhaupt. Mit üblen Tonproblemen in der agra, sodass sie zuerst die akustischen Zugaben gespielt haben und dann aus Zeitmangel nur das halbe Elektroset. Aber die Stimmung bei Felix, Frank und Publikum war trotzdem klasse. Das Duo ist vergleichsweise selten live aufgetreten und alle waren froh die beiden überhaupt auf der Bühne zu sehen. Das werde ich nie vergessen.

Es war dann in den 00er-Jahren lange, lange still um die Band, die sich in 18 Summers umbenennen musste. 2012, ich war der Szene längst entwachsen, spielen sie ein Konzert in der Moritzbastei. Das war unglaublich! Ich hatte das Plakat zunächst für einen Gag gehalten. Meine Gruftiejugendliebe Silke Bischoff lebte noch! Und wie – was für ein großartiger Abend das war.

Dann wurde es wieder still. Ab und zu ein posting bei Facebook. Alte YouTube-Videos, Fotos von hier und dort und Anfang des Jahres tatsächlich die Ankündigung eines neuen Albums! Klasse! Denn auch wenn mir die Szene mittlerweile doch arg am Arsch vorbei geht – die Musik bleibt immer. Zu viele Erinnerungen, die daran hängen. Zu viel Herzblut, immer noch.

Und gestern Morgen diese Meldung, die mich aus dem Bett schnellen ließ.

Felix Flaucher ist tot. Und ich kann es immer noch nicht wirklich glauben. Aber diese Stimme, diese Musik, die bleibt für immer tief, tief in mir. Danke für alles.

felix+frank.jpg

Ulrich Zieger † 23/7/2015

23. Juli 2017

Heute vor zwei Jahren starb der Schriftsteller Ulrich Zieger. Vergesst ihn nicht! Solche Autoren gibt es nicht oft. Zum Beweis und zur Erinnerung – seine Lesung in Klagenfurt 1997. Ein großartiger Text und eine völlig überforderte Jury.

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1976 – 2017

20. Juli 2017

Irgendwann in meiner Jugend hat dieser Song mir für eine Zeitlang einiges bedeutet und ich hätte schon damals nicht genau sagen können was. Aber es hat sich sehr gut angefühlt ihn sehr laut zu hören. Mit Kopfhörern, sodass ich den Song ganz für mich allein hatte. Dass diese Stimme nicht mehr da sein soll betäubt mich irgendwie. Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass eine ganze Generation heute Nacht ein bisschen älter wird.

3 Monate ohne Leonard Cohen

7. Februar 2017

Heute vor drei Monaten starb Leonard Cohen. Und ich finde noch immer nicht die richtigen Worte für diesen Verlust.

liveforever

Wake up Lazarus, it’s late!

10. Januar 2017

(Ivo van Hove, 2015)

Dunkles 2, Skizze

1. Dezember 2015

Ich war beim Klassentreffen. Unser ehemaliger Klassenlehrer hatte Fotoalben dabei. Alle Wandertage sorgfältig dokumentiert. Besonders die, an die ich mich gar nicht erinnern konnte. Wie der vor zehn oder elf Jahren. Im November. Wandertage waren bei uns meist zum wandern da. Sommer wie Winter. Wir gingen schon früh über reifige Wiesen, rasteten in der Kühle.

Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf offenem Feld geschossen. Rechts ist die Klasse zu sehen. Bunt, geduckt und durcheinander. Links stehe ich. Mit bodenlangem Stoffmantel, matrixschwarz. Fast wie eine Soutane. Darauf war ich stolz. Ich trug einen dicken Wollschal darüber, noch schwärzer. Einen passenden Rucksack.

Nicht im Bild: Der Protagonist, ein Windstoß. Durchwühlte mir die Haare, öffnete mir den Mantel leicht. Ein großartiges Foto. (In zehn Jahren werde ich es kopieren.)

Christoph sagt: Wie der Tod in einem Ingmar-Bergman-Film. Wir mochten uns immer und stießen an.

Ich war nie der Außenseiter.

Vaters Ritual – Zu einem Gedicht von Lars Reyer

6. März 2014

Lars Reyer – Makrelen

 

Zu Tisch die eingeölten Schlagzeilen

vom anderen Tag, die Doppelseiten glänzten,

kaum dass auf den Agenturen-Fotos

noch Gesichter zu erkennen waren, stumm

lagen die Makrelen auf Papier, dem Schlafe nah,

so sah das aus, noch nicht entgrätet,

die Bronzebäuche schnitt der Vater

mit dem Messer auf, du trautest dich nicht ran

an die Wesen mit den Blicken voller Salz

& Schrecksekunden.

Durchsichtigkeit, nur Fetzen stiegen auf

aus Öl & Druckerschwärze, schaumdumpfe

Zeitungsworte, wie eine letzte Brandung,

versiegelt in dem toten Fisch: roter Sand

von diesseits des Dnjeprs, der lag dann morgens

auf den Motorhauben, mit dem Finger

schriebst du deinen Namen ein, zwei Kreuze noch,

ein Pentagramm, das war der Bann,

der helfen sollte gegen Stimmen (Kiemen).

Mit dem Ärmel ging der Vater übern Mund,

doch die Flüsterungen blieben, er schob

die Reste von sich weg, Kopf & Schwanz noch unversehrt

& du erkanntest an dem Schimmer in den Augen

die Willenskraft, den aussichtslosen Flucht-

versuch. Nicht gegen böse Geister

rieb er sich die Hände ab

mit Mandarinenschalen.

 

(aus: Lars Reyer – Magische Maschinen. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2013.)


Vaters Ritual

Ob wir uns zum Abendbrot eine Makrele teilen wollen, hab ich sie gefragt. Sie sagte ja, aber du musst das Viech zerlegen. Hat dein Vater abends nie eine Makrele gegessen, hab ich sie gefragt. Sie sagte nein, bei uns war das absolut unüblich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Vater manchmal am Esstisch saß und mit sorgfältiger Geste eine alte Zeitung ausbreitete. Darauf legte er ein Holzbrettchen und ein scharfes Messer, das bei uns schon immer „Chefmesser“ hieß. Dann befreite mein Vater den geräucherten Fisch aus der Folie und sobald sich sein Geruch in der Küche verbreitete, ließ sich vom Gesicht meines Vaters eine fast kindliche Vorfreude ablesen. Wenn er dann Kopf und Schwanz vom Fischkörper trennte und den „Bronzebauch“ aufschnitt, verzog meine Mutter manchmal das Gesicht und ich starrte wie gebannt auf „dieses Wesen“, von dem ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass es einmal im Wasser geschwommen ist. Mein Vater sprach dabei kein Wort.

Mein Vater hat einmal im Monat eine Makrele gekauft und das Essen wie eine heilige Messe zelebriert, hab ich ihr gesagt. Sie sagte, du wirst deinem Vater immer ähnlicher.

Lars Reyers Makrelen ist ein Gedicht des Erinnerns, dessen „du“ ein starkes Identifikationspotential besitzt. Bei mir erzeugt es ein präzises Erinnern. Zumindest halte ich es für präzise, weil sich die Erinnerung mit einem privaten Ritual abgleichen lässt, das über die Zeit Bestand in meinem Leben hat. Das Ritual ist ein dankbarer Erinnerungsträger. Es hilft die verwischten Bilder in Zusammenhänge einzuordnen, weiß, was es mit der ölverschmierten Zeitung auf sich hat, lässt durch das halbdurchsichtige Papier blicken. Bei Reyer eröffnet das Ritual der Makrele einen Erinnerungsraum, der gleichzeitig auch Imaginationsraum ist, in dem noch andere Rituale zelebriert werden. In roten Sand schreibt das „du“, das den Fisch skeptisch musterte, ein Pentagramm, um den Geist des Tieres zu bannen. Hier liegen der heilige Ernst der Kinderspiele und der des Vaters beim Verspeisen der Makrele dicht beieinander.  Wenn die Fischreste in Zeitung eingewickelt und entsorgt werden, ist das Ritual des Vaters vorbei. Der Imaginationsraum des Kindes aber bleibt, genau wie das Erinnern.

Ob er heute noch manchmal Makrele esse, hab ich ihn gefragt. Er sagte, nein, eigentlich kaum noch.

Wenn ich heute eine Makrele zerlege, muss ich unweigerlich an meinen Vater denken. Ich versuche mich an die Abfolge seines Rituals zu erinnern. Ich trenne zuerst Kopf und Schwanz vom Fischkörper und lege sie beiseite, weil mich die „Blicke voller Salz & Schrecksekunden“ auch heute noch beeindrucken und das, obwohl eine geräucherte Makrele gar keine Augen mehr im eigentlichen Sinne hat. Meine Freundin brät manchmal eine Dorade. Das könnte ich nicht, weil bei küchenfertigen Doraden die Augen noch glasklar im Kopf stecken. Ich kann den Blick des Tieres, das ich zubereite nicht ertragen, mag er auch noch so ausdruckslos sein. Eine Spur von „Willenskraft“ und „aussichtslosem Kampf“ kann ich darin immer finden. Das mag auch daran liegen, dass meine Mutter früher nie eine Dorade gebraten hat.

Es gibt Familienrituale, die bleiben eben hängen, die vererben sich oder man führt sie unbewusst weiter, hab ich ihr gesagt. Sie fragte, wann wirst du eigentlich Vater sein?

Sommer 1994

27. Juni 2013

Ich erinnere mich oft an den Sommer 1994. Wir wohnten damals noch in einem Neubaublock zur Miete. Ich war acht und der Mittelpunkt meines Lebens war der Fußball. Mit meinem Vater sah ich mir fast alle Spiele der Weltmeisterschaft an. Sie wurden wegen der Zeitverschiebung meist am Nachmittag übertragen. Mein Vater war dann schon von der Arbeit zurück. Mein Bruder, der sich nichts aus Fußball machte, spielte mit den größeren Kindern auf dem Spielplatz gegenüber Volleyball. Den ganzen Tag lang. Zum Mitspielen war ich noch zu klein, aber ich durfte manchmal die Punkte zählen. Die Regeln hatten mir die Großen knapp erklärt. Wenn der Ball auf einer Seite runterfällt ist das ein Punkt für die andere Mannschaft. Dabei war das gar nicht so richtig, aber das wussten die Großen damals auch nicht. Wenn dann wieder ein Fußballspiel übertragen wurde, ging ich wieder nach drinnen und sie mussten die Punkte selbst zählen.
Es war ein warmer Sommer damals, auch in den USA. Als 8-jähriger dachte ich in den USA ist immer schönes Wetter, immer Sommer. Mein Vater erzählte mir dann wie heiß es an anderen Orten auf der Welt sein konnte. Zum Beispiel in der Sahara, der größten Wüste der Welt. Ich hatte die Sahara schon einmal im Fernsehen gesehen. Auch aus einem der vielen Naturbücher meines Vaters war mir die Wüste bekannt. Am Tag kann es in der Sahara bis zu 60°C heiß werden. Nachts ist es jedoch bitter kalt. Sogar Minusgrade werden dann manchmal gemessen. Warum das so ist, wusste mein Vater auch nicht so genau. Aber ich bin mir sicher, er hat es mir später noch erklärt, als er mir auch von den Beduinen und den Kamelkarawanen erzählte.

An einem dieser Sommernachmittage ging mein Vater mit mir auf den Balkon, um mir etwas zu zeigen. Er wischte mit der Handfläche über die Platte des kleinen Tisches, der dort stand. Als er seine Hand umdrehte sah ich die Innenfläche von feinem, fast weißem Sand bedeckt. „Das ist echter Sand aus der Sahara“, sagte mein Vater. „Der Wind trägt die Sandkörnchen kilometerweit bis zu uns nach Deutschland.“ Ich war so erstaunt, dass ich in diesem Sommer täglich über die Tischplatte auf dem Balkon strich. Wenn ich dann meine Handflächen ansah, stellte ich mir vor wie Beduinen mit ihren Kamelkarawanen über diesen Sand zogen.

Juni, 2006.

No Future

3. Juni 2013

Es war am 20. April 1999 als Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton, Colorado einen bis dahin beispiellosen Amoklauf an einer Schule verübten. Obwohl mir das ganze Ausmaß dieser Tat damals noch nicht bewusst war, spührte ich schon, dass da etwas Unheimliches geschehen war. Als die Manson-Family Ende der 1960ern ihre Mordserie beging, war ich noch nicht geboren. Das Columbine-Massaker von Harris und Klebold war sozusagen das erste Verbrechen dieser Art, das ich bewusst wahrnahm. Im Jahr darauf begann ich mich intensiv für Gothic, Metal und den ganzen Kram zu interessieren. Es war eine gute Zeit um in die Schwarze Szene einzusteigen: Marilyn Manson veröffentlichte gerade das Album Holy Wood: In the Shadow of the Valley of Death, das ich auch und/oder vor allem heute noch als sein bestes Studioalbum und eine der einflussreichsten und wichtigsten LPs im Alternativesektor der 2000er Jahre bezeichnen würde.

Ich war von der Platte sofort elektrisiert. Ich wurde zum Fan, der jede Zeitschrift kaufte in der Interviews, Konzertberichte und sonstiges Material über Marilyn Manson publiziert wurde. Ich habe das alles intensiv gelesen, die Songtexte übersetzt und und und… Marilyn Manson: Popikone und fleischgewordener Albtraum des Bürgertums in einem. Monroe und Charles zu einem Schockhybriden mit Glamfaktor verschmolzen. Ich fand ihn genial. Manson war die Art von Künstler, die es meiner Meinung nach (auch heute noch) dringend brauchte, um der verlogenen westlichen Welt den Spiegel vorzuhalten.

Woher kam aber diese Aggression, die sich mit solch unglaublicher Kraft in Mansons Musik niederschlug? Kurz gesagt: Aus dem Amerika Bill Clintons, dass ihm eine Mitschuld am Amoklauf in Littleton attestierte. Harris und Klebold hörten ebenso leidenschaftlich wie ich die Songs von Marilyn Manson, die von Tod, Wut und Verzweiflung handelten. Laut den Meinungen vieler so genannter Medienexperten waren er und seine Musik ein Hauptgrund für die Verderbtheit der Jugend, die sich nun in Waffengewalt äußerte. Manson selbst äußerte sich zu den Vorwürfen, die auch die Bands Rammstein und KMFDM trafen, kaum. Legendär ist hingegen sein Auftritt in der Michael Moore-Doku „Bowling for Columbine“, die sich mit dem Columbine-Massaker und der Waffenkultur in den USA auseinandersetzt.

Nach seiner sehr intelligenten und pointierten Analyse über die öffentliche Hexenjagd auf ihn, antwortete Manson noch einmal auf seine Art. Das Album Holy Wood ist Abrechnung und Aufarbeitung in einem. Ein großartiges Konzeptalbum über Guns, God & Government mit Songs wie Disposable Teens, The Fight Song oder The Nobodies, die den Finger in die Wunde einer verletzten, verstörten und verlogenen Gesellschaft legte. Ein Album wie einer Faust in der Magengrube des wohlig eingerichteten Bürgertums. Ein Album, wie es heute an allen Ecken und Enden fehlt. Und die Platte wurde gehört. Weit über die Grenzen der so genannten Alternativeszene hinaus. Marilyn Manson wurde endgültig zum kommerziell erfolgreichen Superstar, der sogar in der Dorfdisco den Bürgerkindern vorgespielt wurde. Welch Ironie.

Auf dem Album Holy Wood befindet sich ein Song, der es mir schon bei Erscheinen imJahr 2000 angetan hatte und heute immer noch zu meinen absoluten Lieblingsliedern zählt, weil es sehr authentisch von einer desillusionierten Jugend erzählt. The Death Song hier in freier Übersetzung:
Wir sitzen auf einer Kugel

und bewegen uns direkt auf Gott zu

auch er will es beenden

Wir nehmen eine Pille, verziehen das Gesicht

lösen ein Ticket

und hoffen, dass es den Himmel wirklich gibt

Im Fernsehen habe ich einen Cop einen Priester schlagen sehen

und die wissen, dass sie auch unsere Helden getötet haben
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Kinder, lasst uns den Death Song singen
Wir zünden eine Kerze für eine Erde an

die wir zur Hölle gemacht haben

und geben vor, wie wären im Himmel

Wann immer wir das tun

bekommen wir ein Blindenticket

und wissen: nichts davon ist wahr

Im Fernsehen habe ich einen Priester einen Cop töten sehen

und ich weiß jetzt, dass das auch unsere Helden sind
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir schreiben unsere Gebete auf eine kleine Bombe

Küssen sie zum Abschied und senden sie an Gott
Wir singen den Death Song Kinder

denn wir haben keine Zukunft

Und wir wollen doch nur wie ihr sein

Und wir wollen doch nur wie ihr sein
Wir waren einst die Welt

doch wir haben keine Zukunft

und wir wollten doch nur wie ihr sein

wir wollten so wir ihr sein

Am 26. April 2002, also fast genau drei Jahre nach dem Columbine-Massaker, verübte Robert Steinhäuser den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ich war damals Schüler in Thüringen und wohnte nur etwa 60 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Ich hatte mich inzwischen intensiv mit Columbine beschäftigt und trug auch in der Schule nur noch schwarze Klamotten. Auf einmal wurde ich von manchem Lehrer kritisch beäugt, wurde von ihnen gefragt was ich eigentlich für Musik höre und habe ihnen CDs ausgeliehen. Marilyn Manson, Slipknot und sogar das Album Lektionen in Demut von Thomas D stießen auf wenig Verständnis. Ob ich nicht glaube, dass solche Musik depressiv machen und ein zu negatives Weltbild zeichnen würde, wurde ich gefragt? Ich verneinte und sagte, eigentlich sprechen mir Manson und Thomas D aus der Seele. Damit war das Thema beendet, was mich auch heute noch etwas wundert. Das war’s also in Sachen zuhören?

Nach den Nachrichten und Bildern aus Erfurt ging es mir nicht gerade gut. Und ironischerweise war ich wohl derjenige in meiner Klasse, dem das ganze am nächsten ging. Weil ich die Berichte aus Littleton kannte, die Polizeifunkaufnahmen gehört hatte, Interviews mit Überlebenden gesehen habe… und weil es jetzt in Erfurt passiert war. Nicht weit weg. Und ich stellte mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn der Amoklauf an meiner Schule passiert wäre und Menschen die ich kannte und mochte erschossen auf den Gängen gelegen hätten und so weiter.

Und dazu kam dann auch wieder die Wut und der Ekel, den ich schon aus den Songs von Marilyn Manson kannte. Der ganze Abscheu vor der heuchelnden Welt der Erwachsenen. Die Lehrer zeigten sich ein paar Tage betroffen, überprüften dann den Typen, der ausschließlich in schwarz an der Schule rumlief und beteten danach ihr ewig gleiches Lamento von der Wichtigkeit der Schulnoten und dem Versagen im Leben im Falle des Versagens in der Klassenarbeit.

Bedeutend einfühlsamer ging hingegen der Filmemacher Gus van Sant mit diesem Thema um. Van Sant gilt als Spezialist für problematische Jugendthemen und ist auch deshalb einer der von mir meistgeschätzten Regisseure überhaupt. Weil ich weiß, die eindringlich seine Filme sein können habe ich mich lange vor seinem Film Elephant gedrückt, aber letztens doch endlich gesehen. Auch das ist ein Grund, warum ich heute über Amokläufe und Marilyn Manson geschrieben habe. Ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Immernoch.

EDIT: Marilyn Manson malte auch ein Aquarell, dass auf den Amoklauf an der Columbine High School bezugt nimmt. Es zeigt die Portraits von Harris und Klebold auf einer Hand, die das Peace-Zeichen formt. Titel: Crop Failure.

Quelle: marilynmanson.com


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