Archive for the ‘Eindrücke’ Category

Nach Salzburg// Handke-Blues

18. Dezember 2016

Ich war in Salzburg. Als Blogger bei der 3. Babelsprech-Konferenz. Für mich insgesamt fünf intensive Tage unter lauter Dichterkollegen und -freunden. Viel Offizielles und Privates hat sich auf und unterhalb des Mönchsbergs abgespielt. Dort wo das Stefan-Zweig-Centre beheimatet ist (Zweig selbst hat auf dem gegenüber liegenden Kapuzinerberg gelebt), wo u.a. Peter Handke und Bertolt Brecht gelebt haben, wo sich das Museum der Moderne befindet, in dem ich mir die Ausstelleung Raymond Pettibon – Homo Americanus angesehen habe, die ich bei meinem vorletzten Hamburg-Aufenthalt verpasst hatte und mich komplett umgehauen hat.

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Fünf intensive Tage voller Input, an deren Ende die meisten von uns mit einem seeligen Lächeln in die Züge und Flugzeuge zurück nach Hause stiegen. Solche Tage brauchen Wochen um verarbeitet zu werden. Und irgendwie lag es nicht nur an der kreativen Atmosphäre untereinander, sondern auch an der gewissen Strahlkraft der Stadt. Salzburg, geliebt und gehasst, bewohnt und verlassen von vielen Kulturschaffenden aus Österreich und darüber hinaus. Eine schöne historische Kulisse, ein Pflaster, das auch nach dem Besuch noch an den Sohlen haftet. Vielleicht liegt es an der Kompression. Der Input von fünf Tagen in einer Stadt mit gerade mal 145.000 Einwohnern (kleiner als Erfurt!) aber enormer kultur(-historischer) Dichte.

Neben Stefan Zweig wurde in diesen Tagen vor allem mein Interesse an Peter Handke wiedererweckt. Dankbar für Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, begeistert von Wunschloses Unglück, genervt von der Angst des Tormanns beim Elfmeter habe ich Handke bisher eher im Vorbeigehen wahrgenommen. Ein paar Interviews von ihm gesehen/gelesen und die Publikumsbeschimpfung in der Inszenierung von Sebastian Hartmann am Centraltheater Leipzig gefeiert.

Nach meiner Rückkehr aus Salzburg habe ich gleich drei Bücher von ihm gekauft. Bestellt bei booklooker für je 85 Cent. Das schlechte Gewissen, vor lauter Gier den ganz billigen Stoff zu nehmen. Das gute Gefühl zu wissen, dass ich davon profitiere, wenn unter Wert verkauft wird. Handkes Denken und Schreiben als großes, fortlaufendes System. Das interessiert mich sehr. Ja, er mag sehr in sich zurückgezogen sein – streibar ohnehin, zum Glück streitbar!  – aber ich bewundere Autoren, die im Grunde an einem großen Werk schreiben, als ob sie einen fortlaufenden Schal nähen, besser eine Decke, die in mehrere Richtungen wuchert und versucht unter sich zumindest Teile der Welt abzudecken, einzuwickelt, abzuschließen.

Überhaupt nähen. Kaum zurück, war ich dann auch gleich im Kinoklub – könnte ich ein zweites Wohnzimmer haben, könnte es durchaus dieses sein – wo zufällig der aktuelle Handke-Film gezeigt wurde. Aufgenommen fast ausschließlich in seinem Haus in Chauville, wo er sitzt und geduldig, aber nicht endlos geduldig, versucht einen Faden in ein Nadelöhr einzufädeln. Er schneidet den Faden, mal gerade, mal schräg. Leckt den Faden, zielt, pult, drückt, schiebt, zieht, setzt neu an. Um ihn herum Bücher und Notizen. Niemand spricht von der Metapher. Dann rutscht der Faden doch noch ins Öhr – „endlich, du Arschloch!“

In einem anderen Interview: „Es hat in diesem Jahr noch nicht einmal geschneit in Paris. Ich finde – das ist ein Skandal!“ In Salzburg habe ich die Berge gesehen, aber keinen Schnee. Kalt war es, aber das lässt sich auch genießen. Das fehlende Licht ist schlimmer. Ich komme aus einer Gegend in der Bergbau betrieben wurde. Das Kombinat Kali/VEB Kalibetrieb Südharz-Sonderhausen war der größte Arbeitgeber der Region. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist… Es ist Winter, es fällt kein Schnee. Es geht auf Weihnachten zu, man denk daran wo man herkommt. Kali. Eine Vorwintergeschichte – ich hab den post-Salzburg-Handke-Blues.

Das ist die Krönung

14. Oktober 2016

Ich bin ja auf eine etwas schrullige Art und Weise ein Fan von lebenden Anachronismen, insofern sie sich auf Rituale und Prozedere beziehen. Das verbindet mich mit den unzähligen ungläubigen Vatikanfans. Was an sich eine makabere Note hat, denn somit bringt der Tod des Papstes (der ja auch (nur) ein Mensch ist) auch immer die Freude mit sich, das Konklave „mitzuerleben“. Ein Vorgang, der mich mehr interessiert und unterhält als 95% aller halbwegs interessanten Unterhaltungsprogramme.

Ähnlich geht es mir bei der alljährlichen Literaturnobelpreisvergabe. Die Webcam auf die immergleiche Tür der Schwedischen Akademie gerichtet, wie die Augen der Welt auf den Kamin der Sixtinischen Kapelle. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass im Vatikan schwarzer Rauch aufsteigt und keiner rauskommt oder weißer Rauch aufsteigt und einer rauskommt der verkündet. In Stockholm kommt erst eine/r raus, dann wird verkündet und dann entscheidet die (kulturelle) Welt, ob die Entscheidung nun schwarzen oder weißen Rauch verdient. Meistens grau.

Und als gestern Mittag punkt 1 und keine Minute früher (auch so ein herrliches Detail), die goldene Pforte sich öffnete und Sara Danius verkündete „Habemus Dylan!“ bin ich fast vom Stuhl gekippt. Gaudium magnum!

(Es sollte ähnlich wie bei der Papstwahl eine feste Verkündungsformel für den Nobelpreis geben.)

Damit hatte wohl keiner mehr gerechnet. (Mein Tipp war Adonis.) Umso größer war und ist meine Freude über diese Entscheidung. Und warum auch nicht? Dylan hat mehr gemacht als Lieder zu schreiben – und macht er ja immer noch (kein unwichtiges Detail; ich komm gleich drauf zurück) – nämlich eine eigene narrative Welt entworfen, inkl. Figuren, settings, plots, wiederkehrenden Symbolen und Motiven und fast unendlichen Variationen. Und! – mit lyrischen Ichs, die für Generationen als Identifikationsfiguren und Projektionsflächen funktioniert haben. So mitunter… Holden-Caulfield-mäßig. Das alles von Beginn an und ganz konsequent in einer Art Doppeltradition aus amerikanischem Songwriting und europäischer Literatur.

Auf die Überraschung der Bekanntgabe folge bei Facebook dann aber die Überraschung der Aufnahme. Zumindest meinerseits. „Eine Verhöhnung der echten Schriftsteller.“ „40 Jahre zu spät.“ „Nach Blood on  the Tracks (1975) wäre gerechtfertigt gewesen.“ „In einer Welt in der Dylan den Nobelpreis bekommt, kann auch Trump Präsident werden.“ Und – Obacht! „Dylan ist der Pegida des Pop.“ (sic!) [Kurzbegründung zum Pegida-Kommentar: Missbrauch afroamerikansicher Musikkultur.]

Uff.

Dabei dachte ich, dass gerade in der literarischen Welt (und hier vor allem unter Dichtern) ungeteilte Freude darüber herrschen müsste, dass die Jury in Stockholm endlich die Gattungsscheuklappen abgenommen hat. Ich meine, da diskutieren wir seit Jahren darüber was moderne Literatur ist oder sein kann oder nicht oder wie auch immer… und dann offenbart die Nobelpreisentscheidung, dass für manche Kollegen ein tiefer Graben zwischen „echter“ Literatur und narrativem Songwriting verläuft.

Lyrik, Prosa, Dramatik, Collage, Montage, Reportage, Essay, Soundpoetry… alles kann mit allem verbunden und gemixt werden. Sprache als Material. Keine Grenzen bei der Beschreibung/Bedichtung einer immer komplexer werdenden Welt etc. etc. – Aber Liedtexte? No way…!? Das finde ich schon arg… kleinlich.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu äußerte sich so: „Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist […]. Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten.“

Es scheint also einen Unterschied zu geben, zwischen „großen Dichtern“ und „wahren Schriftstellern“. Aha. Das ist absurd. Dass „wahre Schriftsteller“ Dylan nicht als einen von ihnen anerkennen wollen… weil er seine Texte auf CDs statt in Buchform veröffentlicht? Ich verstehe das einfach nicht. Verstehe die Trennung, den Ausschluss, die Kategorisierung nicht.

[Und da will ich nicht mal mit dem Lyrik-Lyra-Gesang-zum-Spiel-der-Leier-Ursprung anfangen. Wobei mich jetzt schon mal wieder die Frage interessiert, was in den Augen von Autoren und in den Ohren von Lesern/Hörern einen Dichter zum Dichter, Dichtung zur Dichtung macht. Und warum das Ganze von wahrer Schriftstellerei zu trennen ist…]

Vielleicht geht’s aber auch gar nicht um Dylan, sondern um den Literaturnobelpreis an sich. [Die Kritik an ihm ist ja bekanntlich mindestens so alt, wie der Preis selbst. 3 Euro ins Phrasenschwein – Ich weiß.] Die Angst, dass der jetzt aufgeweicht wird und nur noch gefällig poppige Leute die Medaille bekommen. Untergangsängste.

Dazu denke ich… Dylan ist nicht wirklich Pop. Also im Sinne von Helene Fischer oder Coldplay. War er vielleicht mal. Das kann ich schlecht einschätzen, weil ich in den 1960ern und 1970ern noch nicht gelebt habe. Ich glaube, gestern gab es nicht wenige Menschen deren erste Reaktion war: „Der lebt noch?“ (Ich komm gleich darauf, dass Dylan immer noch schreibt. Wirklich.)

Außerdem ist Dylan eine wirkliche Ausnahme in jeder Hinsicht. (Neben der Ausnahme Leonard Cohen natürlich, den ich nebenbei gesagt für den besseren Songwriter und größeren Dichter halte.) Und wird es gerade auch mit Nobelpreis immer bleiben. Er hat eben durch seine Art des experimentellen story tellings in einem Song überhaupt erst auf eine ganz andere Art des Hörens und Lesens von Songtexten aufmerksam gemacht. In einem großen, populären Rahmen – das gebe ich zu. So nehme ich das zumindest wahr.

Und eigentlich tut er das auch heute noch. In einem anderen Rahmen. Dylan lebt noch, schreibt noch (anders als Harold Pinter zum Zeitpunkt seiner Nobelpreisanerkennung – ä-häm) und hat sich auch im Alter noch ständig weiterentwickelt. Das kann man nun auch nicht unbedingt von allen wahren Schriftstellern behaupten. Nach Blood on the Tracks (1975) war ja nicht Schluss. Seine Alben in den 1980ern waren eben nicht so erfolgreich, die Songs einfach nicht so gut. Naja, auch ein wahrer Schriftsteller schreibt mal was Mittelmäßiges.

Dass Dylans Songwriting seit 2001 aber massiv unterschätzt und teilweise missachtet wird, liegt meiner Einschätzung nach einfach daran, dass viele Dylan-Hörer irgendwie in den Dylan-60ern/70ern stecken geblieben sind. Auch die später Geborenen. Klar, Highway 61 Revisited (1965) abzufeiern ist einfach. Weil es ein großartiges Album ist. Das ist z.B. „Love and Theft“ (2001) aber auch. Auf eine andere Weise natürlich, weil 35 Jahre später. Nicht ganz so zugänglich. Kein Pop. The times they are a-changin‘.

Der Preis kommt meiner Ansicht nach nicht zu spät, weil Dylan mitten in einem Spätwerk steckt, dass sich auf hohem literarischen Niveau abspielt. Das zu erklären würde diesen ohnehin etwas lang geratenen Artikel aber noch länger ziehen. Daher der Verweis auf ein Buch, das diese Behauptung unterstreicht.

Noch was? Ich bin kein Vorsitzender eines Dylan-Fanclubs. Verehre ihn eigentlich gar nicht so sehr – nicht mal annähernd so sehr wie Cohen. Aber Respekt habe ich vor diesem Werk schon ungemein. Nun ja… viele Andeutungen, Behauptungen, subjektive Einschätzungen hier. Vieles nur angerissen. Können wir drüber reden. Oder einfach ne Platte auflegen.

Die Möglichkeit eines Landes

15. Februar 2015

Bisher waren zwei Gedichtbände alles, was ich von Michel Houellebecq gelesen hatte. Lange schon stehen einige seiner Romane auf meiner Lese-Warteliste. Vielleicht ist Unterwerfung nicht gerade der beste, um mit Houellebecqs Romanen anzufangen, aber die Diskussion um dieses Buch war einfach zu verlockend. Und das nicht, wegen des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo, sondern wegen des Szenarios, welches ein muslimisches Frankreich im Jahr 2022 imaginiert. Das wollte ich aus zwei Gründen unbedingt lesen: 1. erscheint mir dieses Gedankenspiel als deutscher Leser vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung hochinteressant und hochrelevant. 2. gibt es da diesen Roman von Christian Kracht, der zu den ganz wenigen Büchern gehört, die mir so außerordentlich gut gefallen, dass ich mir manchmal wünsche, ihn selbst geschrieben zu haben. Es ist Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten in dem Kracht der Weltgeschichte die Möglichkeit einer Schweizer Sowjet Republik einräumt.

Letzteres ist sicher, ganz bestimmt sogar, die falsche Herangehensweise an Unterwerfung. Aber da ich diesen Kracht nunmal im Kopf habe, weil er bei mir bis heute sehr stark nachhallt, ließ sich eine gewisse Erwartungshaltung einfach nicht vollends ausblenden. Da das hier keine Rezension werden soll und ich nur ein paar Leseeindrücke wiedergeben will, mache ich es kurz. Houellebecqs muslimisches Frankreich ist eine großartige Fiktion, eine scharfe Satire, ein streckenweise gefälliger Abgesang an das alte Europa der Nationalstaaten. Und darum scheint es ihm wohl auch vordergründig zu gehen – Houellebecq ist Kulturpessimist. Da würde ich mich mal festlegen. Anhand seines Protagonisten führt er zumindest vor, wie (un-)glücklich man im westlichen Europa sein kann, wenn man an nichts mehr Spaß hat, für nichts mehr Lust empfindet. Ob die Hinwendung zum Glauben, die Konversion zum Islam in einer christlichen geprägten Gesellschaft aber die Lösung ist? Weder Houellebecq selbst noch sein ich-erzählender Protagonist legen sich da endgültig fest. Das ist der Punkt, an dem ich die Diskussionen um das Buch, ob pro oder contra Islam, nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Denn darum gehts einfach nicht. Es geht, so verstehe ich das Buch zumindest, um die Zukunft Europas und um die Frage, ob die Aufklärung uns wirklich den bestmöglichen, geistigen und gesellschaftlichen Zustand gebracht hat. Houellebecqs Fiktion zeigt eine mögliche Antwort auf diese Frage, die schon deswegen nicht ganz abwegig ist, weil sie der Bevölkerunsgentwicklung des Kontinents Rechnung trägt. Also tut Houellebecq eigentlich nur, was Literatur eben tut… nämlich Möglichkeiten aufzeigen.

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Aus dieser Position heraus halte ich Unterwerfung für höchst relevant und gebe eine unbedingte Leseempfehlung. Doch wo ist das Haar in der Suppe? Naja, es ist wiederum der Roman selbst, der als erzählerisches Werk nicht ganz gelungen scheint, weil er seine Struktur verliert, oder besser im Laufe der Handlung ändert. Das muss nichts per se Schlechtes sein, verursacht im Falle von Unterwerfung aber ein merkwürdiges Ungleichgewicht zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Buches. Zunächst steht der Protagonist Francois mit seinen Problemen, seinen Beziehungen im Fokus, später ist es das muslimische Frankreich, das im Prinzip auf zwei Figuren reduziert, aber recht differenziert, diskutiert wird. Das hat zur Folge, dass viele Nebenfiguren auf eine Art fallen gelassen werden, die nicht experimentell ist, sondern eher nachlässig erscheint. Hat eine Figur ausgedient, tritt sie eben nicht mehr auf, obwohl sie für den Protagonisten recht wichtig erschien. Das ist ein Punkt, der Houellebecq radikal von Kracht unterscheidet. Krachts Fiktion ist scharf geschnitten, auf das Wesentliche reduziert, distanziert, kühl und klar. Das finde ich großartig. Houellebecq hingegen gibt seinen Figuren und ihrer Psyche viel Raum, was nicht unbedingt schlecht ist, jedoch nicht konsequent durchgezogen wird. Es gibt in Unterwerfung eine sanfte, eine folgerichtige Fokusverschiebung, die dennoch einen merkwürdig unbalancierten Eindruck hinterlässt.

Nun endet diese Minibesprechung mit einem negativen Eindruck, was laut Rezensionsregeln bedeutet, dass ich einen contra-Standpunkt zum Buch einnehme. Das ist aber nicht so. Unterwerfung ist ein gutes und vor allem kluges Buch, deren teilweise radikale Positionen man zu lesen wissen und sich vor allem seine eigenen Gedanken dazu machen sollte. Wären wir hier in einem Bewertungsportal würde ich 4 von 5 Punkten geben. 😉

Cimetière de Montmartre

22. März 2013

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der Alte auf dem Cimetière de Montmartre war früher in der Modebranche. heute füttert er die Katzen die um die Gräber schleichen. er macht ihnen Komplimente für ihr Outfit und bewundert ma belle caméra. c’est Kodak? très bien! seine Familie stammt aus Köln. auf dem Foto sind seine Haare unsichtbar. die Haut gespenstisch weiß. für das Futter gebe ich ihm etwas Geld. bald darauf hat er es verloren. zum Beweis dreht er seine Manteltasche nach außen. klein wie ein Katzenmagen. darin ein münzgroßes Loch.

L’enfer dans le jardin

1. Februar 2013

„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

– Dante Alighieri – Die Göttliche Komödie (Dritter Gesang, Vers 1–9 [Inschrift auf dem Tor zur Hölle])

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der Garten des Musée Rodin ist übervölkert von Schaulustigen. vor dem Höllentor lächelt ein gequältes Brautpaar in die sengende Sonne. quel enfer d’une photo du mariage! die Rentnerin neben mir grinst und lässt alle Hoffnung fahren. le Penseur se taire sur la scène.

© Clarknova

My two Cents on „Django Unchained“ (inkl. Spoiler!)

31. Januar 2013

Sinngemäß hieß es im Onlineangebot der ZEIT „die Marke Tarantino ist endlich zur Masche verkommen“. Ich sage: Amen.

Eigentlich hätte es mir von vornherein verdächtig erscheinen müssen, wenn auch Mainstream-Kulturmedien (u.a. Kulturzeit) den neuen Film von Quentin Tarantino dermaßen abfeiern und dem Regisseur huldigen, als hätte es Kubrick, Scorsese und die anderen nie gegeben.

„Django Unchained“ ist ein guter Film, der einen begnadeten Christoph Waltz (alle Preise sind gerechtfertigt!) auf die einzig adäquate Weise in Szene setzt und darüber hinaus eine grandiose KKK-Parodie bietet. Vielleicht sogar die beste, die ich je gesehen hab.

Darüber hinaus ist Tarantinos neuer Film nicht viel mehr als „Inglorious Basterds“ im Wilden Westen. Oder „Kill Bill“… im Wilden Westen. Nein wirklich, ab einem bestimmten Punkt weiß man einfach das Dr. King Schulz (Christoph Waltz) sterben MUSS, und dass dann ein riesen Geballer losbricht und so weiter und so fort.

Das Blöde daran ist, dass man das von Tarantino kennt und erwartet. Das noch Blödere ist, dass er diese Erwartungen brav bedient.

Noch blöder ist nur, dass nach dem Tod von Dr. King Schulz keine interessante Figur mehr auf der Leinwand steht. Okay, außer Stephen (Samuel L. Jackson) – aber der muss dann auch sterben. Klar.

„Django Unchained“ ist Tarantinos Antwort auf die immer noch mangelhaft aufgearbeitete Sklavereivergangenheit der USA. So in etwa hat er es gesagt. Allerdings frage ich mich, ob eine solche Kulturkritik, die sie letztendlich sein will (MUSS?) nicht am Ziel vorbeigeht, wenn sie die Opfer als sadistische Rächer darstellt. Was ist damit wieder gut gemacht? Dann schon eher die Täter verhöhnen. „Ich kann mit dieser Maske nicht reiten! Ich kann einfach nichts sehen.“ „Es reicht, wenn die Pferde was sehen.“

Ich muss „Django Unchained“ so schnell jedenfalls nicht wieder sehen. Und wenn Tarantino wirklich einen Film über das Unrecht an den Indianern plant, muss ich den auch nicht sofort sehen, weil ich jetzt schon weiß wie er ausgehen wird. Der Indianer (Javier Bardem?) wird am Ende alle in ein verdammt blutiges Jenseits schicken. Vielleicht sogar mit einer Pressluftkanone.

Hilary Mantel und das Diabolische

28. Januar 2013

Hilary Mantel spricht mit Denis Schek (Druckfrisch) über ihre Begegnung mit dem Teufel. Dabei komme ich nicht umhin gewisse diabolische Züge an Mantel selbst festzustellen. Ich kann nicht genau sagen was es ist, aber das Gesicht dieser Frau hat etwas faszinierend Unheimliches. Doch woran liegt das? Vielleicht an ihrem, für eine Frau ungewöhnlich hohen Haaransatz. Vielleicht an ihrer spitzen, in den Raum stechenden Nase und dem gleichzeitig nicht vorhandenen Kinn. Vielleicht an ihren markanten Zähnen und den blaufesselnden Augen.

Damit man mich richtig versteht. Ich meine das ganz und gar nicht despektierlich! Ich sehe Hilary Mantel an und höre ihr genau zu, wie sie über spirituelle Themen spricht. Ihr Gesicht lässt mich nicht los, hat etwas Hypnotisches und ich habe augenblicklich den Eindruck: Diese Frau weiß genau wovon sie redet. Fast wie ein Medium. Dann stelle ich mir vor, sie wirft ihre große, blaue Tunika ab und sofort löst sich ihr Körper in Luft auf und ihr Kopf schwebt allein im Raum. Überlegen lacht sie ein Greifvogellachen und lässt einen verdutzten Denis Scheck zurück.

Ich habe bisher kein Buch von Hilary Mantel gelesen. Seit gestern weiß ich, dass sie gut recherchierte Historienromane u.a. über Thomas Cromwell schreibt, in denen es düster und verschwörerisch zugeht. Rein phänotypisch kann ich mir kaum eine bessere Autorin dafür vorstellen.

16. Oktober 2012

Ein typisches Akademikerschicksal. Schön beschrieben.

Von der Krise reden wir bei McDonald’s, ja?

25. September 2012

Heute haben also die neuen Höfe am Brühl eröffnet und damit die winzige Leipziger Innenstadt (ca. 50 ha, das entspricht in etwa einer Fläche von 52 Fußballfeldern oder einem verschwindend geringen Anteil des Saarlandes) um ein drittes großes Einkaufszentrum nach Galeria Kaufhof und Karstadt bereichert.

Das Positive vorweg: die Baulücke am Brühl ist geschlossen. Und das architektonische Konzept ist nicht mal ein schlechtes. Durch verschiedene Fassadenelemente der zwei Karrees wurde versucht dem Brühl eine ähnliche Architektur zu geben wie zur Gründerzeit, als der Norden der Innenstadt vom Pelzhandel geprägt war. Zudem schließt die Passage den historischen Leipziger Promenadenring, der die Innenstadt umschließt. Somit wäre jetzt theoretisch wieder ein durchgängiges Flanieren (der Leipziger nennt es „Drallewatsch“) rund um das Zentrum möglich.

Das große Problem der Höfe am Brühl ist jedoch, dass es sich hier in erster Linie nicht um ein Projekt zur Rekonstruktion historischer Stadtstrukturen handelt. Es geht wie immer ums Shoppen und damit ums Geld. Das wäre insofern nicht weiter diskutabel, wenn die Höfe am Brühl nicht nur eine Bau-, sondern auch eine Angebotslücke schließen würden. Das tun sie aber de facto nicht. Denn hier gibt es jetzt eine Reihe neuer Filialen von Ketten, die es vorher ohnehin schon in der bzw. in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt gab: H&M (darf nirgends fehlen, jetzt 5mal auf 50ha), Media.Markt (quasi in Sichtweite zum Saturn im Hbf., doppelt sinnlos, weil beide Märkte zum selben Konzern gehören), McDonald’s (der 3te), Lukas (der gefühlt 123te), New Yorker (der zweite auf der gleichen Straße) etc. etc.

Zudem eine ganze Riege von Boutiquen und anderen Schicki-Micki-Läden im Hochpreissegment, bei denen ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sie in der Fülle, wie sie mittlerweile in der Leipziger Innenstadt vertreten sind, nachgefragt werden. Dieser Eindruck wird dadurch bestärkt, dass erst kürzlich neu entstandene Läden mit Gourmet-Lebensmitteln in unmittelbarer Nähe zum Brühl wieder geschlossen wurden. Das führt zum Thema innerstädtischer Konkurrenz- und Verdrängungskampf, den eine Mini-City wie Leipzig einfach nicht aushalten kann.

Merkwürdig ist aber, dass der Einzelhandel der Leipziger Innenstadt über schlechtem Umsatz klagt, während die Menschen shoppen, als würde ihnen das Geld beim Gehen in den Taschen wachsen. Die Höfe am Brühl waren heute zumindest übervoll von Menschen mit Einkaufstüten von Jack Wolfskin und Co. Über welche Krise reden wir da eingentlich genau? Und über welches fehlende Geld, über das man hierzulande so gern klagt?

Ich jedenfalls habe eine schnelle Runde in den Brühlhöfen gedreht, um mir die Architektur anzusehen. Das muss jedoch wiederholt werden, denn in einen spontanen Mischmasch-Anfall aus Klastrophopie und Misanthropie habe ich den Brühl schleunigst wieder verlassen.

Kleine Randnotiz noch zum Ladenangebot: In der Rubrik Bücher und Schreibwaren gibt es einen Tabak-Presse-Lotto-Shop und (allerdings erst ab Oktober) eine Weltbild-Filiale. 😉

Stolz

15. Juni 2012

Fußball kann so schön sein, so stolz, so aufrichtig. Was es bedeuten kann mit Herz und Seele an einer Mannschaft zu hängen und für sie einzustehen auch wenn alles, aber auch alles gegen sie läuft, zeigten gestern die irischen Fans beim Stand von 0:4 gegen Spanien. DAS sind die Fans, die Fußball in Stadien bereichern. THANK YOU IRELAND!

Das Lied heißt übrigens „The Fields of Athenry„. Wer es nicht kennt sollte das schleunigst ändern.

Zwei Artikel zu dem bisher ergreifendsten Moment der Europameisterschaft in der FAZ und der 11 Freunde.


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