Archive for the ‘Eindrücke’ Category

Im Hafen von Piräus, mit Kleingeld in der Hand

19. Oktober 2017

Manchmal verarscht mich mein Gehirn. Und zwar so richtig. Quält mich mit Ohrwürmern, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Was natürlich nicht stimmt. Ich denke, dass Ohrwürmer immer durch so eine Art Kurzschluss oder Wackelkontakt im Kopf entstehen. Da wird dann was ganz Altes mit etwas Aktuellem in Beziehung gesetzt, ob’s gerade passt oder nicht, ob man will oder nicht.

Ende August bin ich zum ersten Mal nach Griechland gereist. Erst zwei Tage Athen, dann zehn Tage auf Hydra (ja, die „Leonard-Cohen-Insel“ – aber davon vielleicht ein anderes Mal). Hydra ist heute nicht mehr so verschlafen, wie noch in den 1960ern, aber auch immer noch nicht allzu überlaufen von Touristen. Nach Hydra zu reisen hat noch immer etwas Abseitiges. Es gibt hier – zum Glück – keinen Pauschaltourismus. Nach Hydra muss man wollen. Reisen wollen. Vom Hafen in Piräus setzt man mit der Fähre über. Nicht mit einem kleinen Kutter und schon gar nicht mit der attischen Triere. Die Fähren heißen heute Flying Cat oder Flying Dolphin, sind moderne Großraumfähren und jagen mit 40 Knoten über die Hellenic Seaways zu den Saronischen Inseln. Romantisch wird es erst, wenn man in Hydra von Bord geht. Auf einer Insel ohne Autos, auf der man die unzähligen Stufen des Kleinstadt gewordenen Amphitheaters nur zu Fuß oder mit dem Esel erklimmen kann. Ich habe das dankend in Kauf genommen. Nicht nur, dass ich mal wieder für ein paar Tage aus Deutschland weg wollte, vor allem wollte ich den Hafen von Piräus hinter mir lassen.

Der Hafen von Piräus. Ja, das stellt man sich sicher auch sehr romantisch vor. Wenn man an die antike Seefahrt, an Segelschiffe im Mittelmeer denkt, den Attischen Seebund, überhaupt an Hafenromantik, dann denkt man eventuell, vielleicht, bestimmt an den Hafen von Piräus. Mein Hirn hatte mich dahingehend verarscht. Oder war es doch die Schlagersängerin Nicole?

Schon Tage bevor ich gepackt hatte, hatte ich diesen Ohrwurm im Kopf. „Allein in Griechenland, verloren zwischen Sonne, Wind und Meer“ Ich glaube, meine Eltern fanden das in den 1990ern ganz toll und waren damit nicht allein. Eine eingängige Powerschlagerballade zum Träumen, die oft aus dem Küchenradio mit CD-Player schallte.

Uff, ja genau. Diese olle Schote hatte ich tagelang im Ohr. Nicht nur vor Griechenland, nicht nur nach Griechenland, sondern dazwischen auch. Aber nur einmal ganz kurz am Hafen von Piräus, als mich ein zerlumptes, bettelndes Kind, dass sich von hinten an mich heran geschlichen hatte fast zu Tode erschreckte. Dem ich dann aus schlechtem Gewissen eine Münze in die Hand drückte unter den neidischen Blicken der Sonnenbrillen- und Selfiestickverkäufer. Ganz zu schweigen von den Obdachlosen und den Flüchtlingen, die sich am Hafen tummeln und sammeln und hoffen, aber nicht wissen wohin.

Wo genau war das wohl, wo Nicole 1985 mit einem Glas Rotwein in der Hand auf’s Meer blickte? Neben den übervollen Müllcontainern hier? Oder in dem nach Urin stinkenden Wartehäuschen in der prallen Sonne dort? Oder direkt da drüben an den dieselverqualmten Anlegern dieses riesigen Betonbeckens, das der Hafen von Piräus ist und nicht mehr?

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Im Hafen von Piräus. Wenn Sie nah genug an das Bild herangehen, riechen Sie vielleicht das Mittelmeer. (Achten Sie auf Ihre Wertgegenstände!)

Okay, Schlager lügt. Schon klar. Und um ehrlich zu sein: ich hatte keinerlei Vorstellungen vom Hafen in Piräus. Aber was mich dort erwartet hat war die größte, intensivste und auf verquere Weise herzlichste Einladung auf irgendeine griechische Insel überzusetzen, die ich mir vorstellen konnte.

Allein in Griechenland. War ich nicht. Ich hatte überhaupt noch nie Fluchtgedanken im Zusammenhang mit meiner Beziehung. Darum geht es ja eigentlich in Nicoles Schmonzette. Ich, starke, unabhängige Frau, hab genug von dir und fahr‘ jetzt einfach mal weg. So! Schön in Bluejeans Rotwein picheln im Hafen von Piräus, wo du olle Romantikschnarchnase nie mit mir hinwolltest. Immer nur Dosenbier und Fußball in der Joggingbuchse, du Höhlenmensch!

Als ich in der Fähre saß, aus Ermangelung an Alternativen eine Tüte Brotchips knabbernd, hatte ich den Song noch immer oder schon wieder im Kopf. Dabei raste ich doch mit 40 Knoten auf Leonard Cohens Refugium zu und war aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten. (Ja, es war sowas wie eine kleinen Pilgerreise. Aber nur am Anfang, ehrlich! Denn das wirklich Unglaubliche, das Zauberhafte an Hydra ist… Na, ein anderes Mal vielleicht.) Hydra rückte näher und ich dachte nicht an Bird on a wire, sondern summte in mich hinein: „Ich lebe einmal so, wie ich mich fühl'“. Hallelujah.

Was macht man da? Auf bewährte Hausmittel zurückreifen natürlich. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Ich hab mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und Nicole noch einmal schmettern lassen. Und als sich gegen Ende des Songs abzeichnete, dass ich den Ohrwurm nun wirklich mit dem akustischen Spaten in zwei Hälften geteilt hatte, sodass sich nur noch die Enden jammervoll wanden, dachte ich, dass die Verklärung des Hafens von Piräus ja wirklich nicht das Schlimmste an dem Song ist. Pillepalle geradezu im Vergleich zu den letzten Zeilen.

Jetzt bin ich endlich weg, du blödes Machoschwein, hab mir ein paar Gläser genehmigt und hier gibt’s auch andere tolle Leute. Aber nur, bis die Tavernen schließen, dann sind nämliche alle weg und ich gucke blöd auf’s Meer und vermisse dich wie Hölle, Hölle, Hölle. Also komm ich, kleines, sehnsuchtgeladenes Romantikmädchen lieber zu dir zurück.

Ach, patriarchale (Schlager-)Welt voller schöner, schwacher Frauen, die es ohne den straken Mann zuhause nicht schaffen. Was bist du nur für eine Bullshitindustrie. Und kann es vielleicht sein, dass Frauen wie Nicole in diesem Business jahrelang dazu beitrugen ein Frauenbild von Vorvorgestern zu zementieren? Und dass die Frauen, die so gern Nicole hör(t)en nie wirklich zugehört haben?

Ich hab danach ganz schnell Bird on a wire gehört. Leonard Cohen, großer Liebhaber der Frauen, der nicht nur seine eigene, sondern auch die Unabhängigkeit seiner Partnerinnen verteidigte und bedichtete, wie kein zweiter. Marianne Ihlen hat ihn dazu angehalten genau diesen Song unter dem Eindruck ihres gemeinsamen Lebens auf Hydra (ja, und wegen eines Vogels auf ’ner Stromleitung) zu schreiben.

Es ist vielleicht nicht sein bester Song und auch nicht mein Favorit von ihm, aber genau der richtige Begleiter für eine Reise, die sich wie ein Entkommen aus der einen, ein Ankommen in einer anderen Welt anfühlt. Und er hat alles, was der deutsche Schlager auch hat. Nur besser, versteht sich. Sehnsucht, Einsamkeit, Fernweh, Liebe, Alkohol. Doch im Gegensatz zum deutschen Schlager verschweigt er nicht die Bettler, denen man z.B. im Hafen von Piräus begegnet und einen in die Realität zurückholen, sobald man glaubt irgendwohin vor dieser großen, bösen Welt flüchten zu können.

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Nach Salzburg// Handke-Blues

18. Dezember 2016

Ich war in Salzburg. Als Blogger bei der 3. Babelsprech-Konferenz. Für mich insgesamt fünf intensive Tage unter lauter Dichterkollegen und -freunden. Viel Offizielles und Privates hat sich auf und unterhalb des Mönchsbergs abgespielt. Dort wo das Stefan-Zweig-Centre beheimatet ist (Zweig selbst hat auf dem gegenüber liegenden Kapuzinerberg gelebt), wo u.a. Peter Handke und Bertolt Brecht gelebt haben, wo sich das Museum der Moderne befindet, in dem ich mir die Ausstelleung Raymond Pettibon – Homo Americanus angesehen habe, die ich bei meinem vorletzten Hamburg-Aufenthalt verpasst hatte und mich komplett umgehauen hat.

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Fünf intensive Tage voller Input, an deren Ende die meisten von uns mit einem seeligen Lächeln in die Züge und Flugzeuge zurück nach Hause stiegen. Solche Tage brauchen Wochen um verarbeitet zu werden. Und irgendwie lag es nicht nur an der kreativen Atmosphäre untereinander, sondern auch an der gewissen Strahlkraft der Stadt. Salzburg, geliebt und gehasst, bewohnt und verlassen von vielen Kulturschaffenden aus Österreich und darüber hinaus. Eine schöne historische Kulisse, ein Pflaster, das auch nach dem Besuch noch an den Sohlen haftet. Vielleicht liegt es an der Kompression. Der Input von fünf Tagen in einer Stadt mit gerade mal 145.000 Einwohnern (kleiner als Erfurt!) aber enormer kultur(-historischer) Dichte.

Neben Stefan Zweig wurde in diesen Tagen vor allem mein Interesse an Peter Handke wiedererweckt. Dankbar für Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, begeistert von Wunschloses Unglück, genervt von der Angst des Tormanns beim Elfmeter habe ich Handke bisher eher im Vorbeigehen wahrgenommen. Ein paar Interviews von ihm gesehen/gelesen und die Publikumsbeschimpfung in der Inszenierung von Sebastian Hartmann am Centraltheater Leipzig gefeiert.

Nach meiner Rückkehr aus Salzburg habe ich gleich drei Bücher von ihm gekauft. Bestellt bei booklooker für je 85 Cent. Das schlechte Gewissen, vor lauter Gier den ganz billigen Stoff zu nehmen. Das gute Gefühl zu wissen, dass ich davon profitiere, wenn unter Wert verkauft wird. Handkes Denken und Schreiben als großes, fortlaufendes System. Das interessiert mich sehr. Ja, er mag sehr in sich zurückgezogen sein – streibar ohnehin, zum Glück streitbar!  – aber ich bewundere Autoren, die im Grunde an einem großen Werk schreiben, als ob sie einen fortlaufenden Schal nähen, besser eine Decke, die in mehrere Richtungen wuchert und versucht unter sich zumindest Teile der Welt abzudecken, einzuwickelt, abzuschließen.

Überhaupt nähen. Kaum zurück, war ich dann auch gleich im Kinoklub – könnte ich ein zweites Wohnzimmer haben, könnte es durchaus dieses sein – wo zufällig der aktuelle Handke-Film gezeigt wurde. Aufgenommen fast ausschließlich in seinem Haus in Chauville, wo er sitzt und geduldig, aber nicht endlos geduldig, versucht einen Faden in ein Nadelöhr einzufädeln. Er schneidet den Faden, mal gerade, mal schräg. Leckt den Faden, zielt, pult, drückt, schiebt, zieht, setzt neu an. Um ihn herum Bücher und Notizen. Niemand spricht von der Metapher. Dann rutscht der Faden doch noch ins Öhr – „endlich, du Arschloch!“

In einem anderen Interview: „Es hat in diesem Jahr noch nicht einmal geschneit in Paris. Ich finde – das ist ein Skandal!“ In Salzburg habe ich die Berge gesehen, aber keinen Schnee. Kalt war es, aber das lässt sich auch genießen. Das fehlende Licht ist schlimmer. Ich komme aus einer Gegend in der Bergbau betrieben wurde. Das Kombinat Kali/VEB Kalibetrieb Südharz-Sonderhausen war der größte Arbeitgeber der Region. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist… Es ist Winter, es fällt kein Schnee. Es geht auf Weihnachten zu, man denk daran wo man herkommt. Kali. Eine Vorwintergeschichte – ich hab den post-Salzburg-Handke-Blues.

Das ist die Krönung

14. Oktober 2016

Ich bin ja auf eine etwas schrullige Art und Weise ein Fan von lebenden Anachronismen, insofern sie sich auf Rituale und Prozedere beziehen. Das verbindet mich mit den unzähligen ungläubigen Vatikanfans. Was an sich eine makabere Note hat, denn somit bringt der Tod des Papstes (der ja auch (nur) ein Mensch ist) auch immer die Freude mit sich, das Konklave „mitzuerleben“. Ein Vorgang, der mich mehr interessiert und unterhält als 95% aller halbwegs interessanten Unterhaltungsprogramme.

Ähnlich geht es mir bei der alljährlichen Literaturnobelpreisvergabe. Die Webcam auf die immergleiche Tür der Schwedischen Akademie gerichtet, wie die Augen der Welt auf den Kamin der Sixtinischen Kapelle. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass im Vatikan schwarzer Rauch aufsteigt und keiner rauskommt oder weißer Rauch aufsteigt und einer rauskommt der verkündet. In Stockholm kommt erst eine/r raus, dann wird verkündet und dann entscheidet die (kulturelle) Welt, ob die Entscheidung nun schwarzen oder weißen Rauch verdient. Meistens grau.

Und als gestern Mittag punkt 1 und keine Minute früher (auch so ein herrliches Detail), die goldene Pforte sich öffnete und Sara Danius verkündete „Habemus Dylan!“ bin ich fast vom Stuhl gekippt. Gaudium magnum!

(Es sollte ähnlich wie bei der Papstwahl eine feste Verkündungsformel für den Nobelpreis geben.)

Damit hatte wohl keiner mehr gerechnet. (Mein Tipp war Adonis.) Umso größer war und ist meine Freude über diese Entscheidung. Und warum auch nicht? Dylan hat mehr gemacht als Lieder zu schreiben – und macht er ja immer noch (kein unwichtiges Detail; ich komm gleich drauf zurück) – nämlich eine eigene narrative Welt entworfen, inkl. Figuren, settings, plots, wiederkehrenden Symbolen und Motiven und fast unendlichen Variationen. Und! – mit lyrischen Ichs, die für Generationen als Identifikationsfiguren und Projektionsflächen funktioniert haben. So mitunter… Holden-Caulfield-mäßig. Das alles von Beginn an und ganz konsequent in einer Art Doppeltradition aus amerikanischem Songwriting und europäischer Literatur.

Auf die Überraschung der Bekanntgabe folge bei Facebook dann aber die Überraschung der Aufnahme. Zumindest meinerseits. „Eine Verhöhnung der echten Schriftsteller.“ „40 Jahre zu spät.“ „Nach Blood on  the Tracks (1975) wäre gerechtfertigt gewesen.“ „In einer Welt in der Dylan den Nobelpreis bekommt, kann auch Trump Präsident werden.“ Und – Obacht! „Dylan ist der Pegida des Pop.“ (sic!) [Kurzbegründung zum Pegida-Kommentar: Missbrauch afroamerikansicher Musikkultur.]

Uff.

Dabei dachte ich, dass gerade in der literarischen Welt (und hier vor allem unter Dichtern) ungeteilte Freude darüber herrschen müsste, dass die Jury in Stockholm endlich die Gattungsscheuklappen abgenommen hat. Ich meine, da diskutieren wir seit Jahren darüber was moderne Literatur ist oder sein kann oder nicht oder wie auch immer… und dann offenbart die Nobelpreisentscheidung, dass für manche Kollegen ein tiefer Graben zwischen „echter“ Literatur und narrativem Songwriting verläuft.

Lyrik, Prosa, Dramatik, Collage, Montage, Reportage, Essay, Soundpoetry… alles kann mit allem verbunden und gemixt werden. Sprache als Material. Keine Grenzen bei der Beschreibung/Bedichtung einer immer komplexer werdenden Welt etc. etc. – Aber Liedtexte? No way…!? Das finde ich schon arg… kleinlich.

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu äußerte sich so: „Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist […]. Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten.“

Es scheint also einen Unterschied zu geben, zwischen „großen Dichtern“ und „wahren Schriftstellern“. Aha. Das ist absurd. Dass „wahre Schriftsteller“ Dylan nicht als einen von ihnen anerkennen wollen… weil er seine Texte auf CDs statt in Buchform veröffentlicht? Ich verstehe das einfach nicht. Verstehe die Trennung, den Ausschluss, die Kategorisierung nicht.

[Und da will ich nicht mal mit dem Lyrik-Lyra-Gesang-zum-Spiel-der-Leier-Ursprung anfangen. Wobei mich jetzt schon mal wieder die Frage interessiert, was in den Augen von Autoren und in den Ohren von Lesern/Hörern einen Dichter zum Dichter, Dichtung zur Dichtung macht. Und warum das Ganze von wahrer Schriftstellerei zu trennen ist…]

Vielleicht geht’s aber auch gar nicht um Dylan, sondern um den Literaturnobelpreis an sich. [Die Kritik an ihm ist ja bekanntlich mindestens so alt, wie der Preis selbst. 3 Euro ins Phrasenschwein – Ich weiß.] Die Angst, dass der jetzt aufgeweicht wird und nur noch gefällig poppige Leute die Medaille bekommen. Untergangsängste.

Dazu denke ich… Dylan ist nicht wirklich Pop. Also im Sinne von Helene Fischer oder Coldplay. War er vielleicht mal. Das kann ich schlecht einschätzen, weil ich in den 1960ern und 1970ern noch nicht gelebt habe. Ich glaube, gestern gab es nicht wenige Menschen deren erste Reaktion war: „Der lebt noch?“ (Ich komm gleich darauf, dass Dylan immer noch schreibt. Wirklich.)

Außerdem ist Dylan eine wirkliche Ausnahme in jeder Hinsicht. (Neben der Ausnahme Leonard Cohen natürlich, den ich nebenbei gesagt für den besseren Songwriter und größeren Dichter halte.) Und wird es gerade auch mit Nobelpreis immer bleiben. Er hat eben durch seine Art des experimentellen story tellings in einem Song überhaupt erst auf eine ganz andere Art des Hörens und Lesens von Songtexten aufmerksam gemacht. In einem großen, populären Rahmen – das gebe ich zu. So nehme ich das zumindest wahr.

Und eigentlich tut er das auch heute noch. In einem anderen Rahmen. Dylan lebt noch, schreibt noch (anders als Harold Pinter zum Zeitpunkt seiner Nobelpreisanerkennung – ä-häm) und hat sich auch im Alter noch ständig weiterentwickelt. Das kann man nun auch nicht unbedingt von allen wahren Schriftstellern behaupten. Nach Blood on the Tracks (1975) war ja nicht Schluss. Seine Alben in den 1980ern waren eben nicht so erfolgreich, die Songs einfach nicht so gut. Naja, auch ein wahrer Schriftsteller schreibt mal was Mittelmäßiges.

Dass Dylans Songwriting seit 2001 aber massiv unterschätzt und teilweise missachtet wird, liegt meiner Einschätzung nach einfach daran, dass viele Dylan-Hörer irgendwie in den Dylan-60ern/70ern stecken geblieben sind. Auch die später Geborenen. Klar, Highway 61 Revisited (1965) abzufeiern ist einfach. Weil es ein großartiges Album ist. Das ist z.B. „Love and Theft“ (2001) aber auch. Auf eine andere Weise natürlich, weil 35 Jahre später. Nicht ganz so zugänglich. Kein Pop. The times they are a-changin‘.

Der Preis kommt meiner Ansicht nach nicht zu spät, weil Dylan mitten in einem Spätwerk steckt, dass sich auf hohem literarischen Niveau abspielt. Das zu erklären würde diesen ohnehin etwas lang geratenen Artikel aber noch länger ziehen. Daher der Verweis auf ein Buch, das diese Behauptung unterstreicht.

Noch was? Ich bin kein Vorsitzender eines Dylan-Fanclubs. Verehre ihn eigentlich gar nicht so sehr – nicht mal annähernd so sehr wie Cohen. Aber Respekt habe ich vor diesem Werk schon ungemein. Nun ja… viele Andeutungen, Behauptungen, subjektive Einschätzungen hier. Vieles nur angerissen. Können wir drüber reden. Oder einfach ne Platte auflegen.

Die Möglichkeit eines Landes

15. Februar 2015

Bisher waren zwei Gedichtbände alles, was ich von Michel Houellebecq gelesen hatte. Lange schon stehen einige seiner Romane auf meiner Lese-Warteliste. Vielleicht ist Unterwerfung nicht gerade der beste, um mit Houellebecqs Romanen anzufangen, aber die Diskussion um dieses Buch war einfach zu verlockend. Und das nicht, wegen des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo, sondern wegen des Szenarios, welches ein muslimisches Frankreich im Jahr 2022 imaginiert. Das wollte ich aus zwei Gründen unbedingt lesen: 1. erscheint mir dieses Gedankenspiel als deutscher Leser vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung hochinteressant und hochrelevant. 2. gibt es da diesen Roman von Christian Kracht, der zu den ganz wenigen Büchern gehört, die mir so außerordentlich gut gefallen, dass ich mir manchmal wünsche, ihn selbst geschrieben zu haben. Es ist Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten in dem Kracht der Weltgeschichte die Möglichkeit einer Schweizer Sowjet Republik einräumt.

Letzteres ist sicher, ganz bestimmt sogar, die falsche Herangehensweise an Unterwerfung. Aber da ich diesen Kracht nunmal im Kopf habe, weil er bei mir bis heute sehr stark nachhallt, ließ sich eine gewisse Erwartungshaltung einfach nicht vollends ausblenden. Da das hier keine Rezension werden soll und ich nur ein paar Leseeindrücke wiedergeben will, mache ich es kurz. Houellebecqs muslimisches Frankreich ist eine großartige Fiktion, eine scharfe Satire, ein streckenweise gefälliger Abgesang an das alte Europa der Nationalstaaten. Und darum scheint es ihm wohl auch vordergründig zu gehen – Houellebecq ist Kulturpessimist. Da würde ich mich mal festlegen. Anhand seines Protagonisten führt er zumindest vor, wie (un-)glücklich man im westlichen Europa sein kann, wenn man an nichts mehr Spaß hat, für nichts mehr Lust empfindet. Ob die Hinwendung zum Glauben, die Konversion zum Islam in einer christlichen geprägten Gesellschaft aber die Lösung ist? Weder Houellebecq selbst noch sein ich-erzählender Protagonist legen sich da endgültig fest. Das ist der Punkt, an dem ich die Diskussionen um das Buch, ob pro oder contra Islam, nicht ansatzweise nachvollziehen kann. Denn darum gehts einfach nicht. Es geht, so verstehe ich das Buch zumindest, um die Zukunft Europas und um die Frage, ob die Aufklärung uns wirklich den bestmöglichen, geistigen und gesellschaftlichen Zustand gebracht hat. Houellebecqs Fiktion zeigt eine mögliche Antwort auf diese Frage, die schon deswegen nicht ganz abwegig ist, weil sie der Bevölkerunsgentwicklung des Kontinents Rechnung trägt. Also tut Houellebecq eigentlich nur, was Literatur eben tut… nämlich Möglichkeiten aufzeigen.

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Aus dieser Position heraus halte ich Unterwerfung für höchst relevant und gebe eine unbedingte Leseempfehlung. Doch wo ist das Haar in der Suppe? Naja, es ist wiederum der Roman selbst, der als erzählerisches Werk nicht ganz gelungen scheint, weil er seine Struktur verliert, oder besser im Laufe der Handlung ändert. Das muss nichts per se Schlechtes sein, verursacht im Falle von Unterwerfung aber ein merkwürdiges Ungleichgewicht zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Buches. Zunächst steht der Protagonist Francois mit seinen Problemen, seinen Beziehungen im Fokus, später ist es das muslimische Frankreich, das im Prinzip auf zwei Figuren reduziert, aber recht differenziert, diskutiert wird. Das hat zur Folge, dass viele Nebenfiguren auf eine Art fallen gelassen werden, die nicht experimentell ist, sondern eher nachlässig erscheint. Hat eine Figur ausgedient, tritt sie eben nicht mehr auf, obwohl sie für den Protagonisten recht wichtig erschien. Das ist ein Punkt, der Houellebecq radikal von Kracht unterscheidet. Krachts Fiktion ist scharf geschnitten, auf das Wesentliche reduziert, distanziert, kühl und klar. Das finde ich großartig. Houellebecq hingegen gibt seinen Figuren und ihrer Psyche viel Raum, was nicht unbedingt schlecht ist, jedoch nicht konsequent durchgezogen wird. Es gibt in Unterwerfung eine sanfte, eine folgerichtige Fokusverschiebung, die dennoch einen merkwürdig unbalancierten Eindruck hinterlässt.

Nun endet diese Minibesprechung mit einem negativen Eindruck, was laut Rezensionsregeln bedeutet, dass ich einen contra-Standpunkt zum Buch einnehme. Das ist aber nicht so. Unterwerfung ist ein gutes und vor allem kluges Buch, deren teilweise radikale Positionen man zu lesen wissen und sich vor allem seine eigenen Gedanken dazu machen sollte. Wären wir hier in einem Bewertungsportal würde ich 4 von 5 Punkten geben. 😉

Cimetière de Montmartre

22. März 2013

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der Alte auf dem Cimetière de Montmartre war früher in der Modebranche. heute füttert er die Katzen die um die Gräber schleichen. er macht ihnen Komplimente für ihr Outfit und bewundert ma belle caméra. c’est Kodak? très bien! seine Familie stammt aus Köln. auf dem Foto sind seine Haare unsichtbar. die Haut gespenstisch weiß. für das Futter gebe ich ihm etwas Geld. bald darauf hat er es verloren. zum Beweis dreht er seine Manteltasche nach außen. klein wie ein Katzenmagen. darin ein münzgroßes Loch.

L’enfer dans le jardin

1. Februar 2013

„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

– Dante Alighieri – Die Göttliche Komödie (Dritter Gesang, Vers 1–9 [Inschrift auf dem Tor zur Hölle])

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der Garten des Musée Rodin ist übervölkert von Schaulustigen. vor dem Höllentor lächelt ein gequältes Brautpaar in die sengende Sonne. quel enfer d’une photo du mariage! die Rentnerin neben mir grinst und lässt alle Hoffnung fahren. le Penseur se taire sur la scène.

© Clarknova

Winterhinterhof

20. Februar 2012

Murderer!

14. Dezember 2011

Maybe the best concert I’ve ever seen. Current 93 @ Wave-Gotik-Treffen Leipzig (Germany) 2009.

Retro, eBook, reBook und Reebok

1. November 2011

Wenn ich mittlerweile Bücher bei unser aller Lieblingsversandhaus amazon suche, bekomme ich zuerst die Kindle eBook-Versionen angezeigt. Und zwar mindestens zehn verschiedene. Vor allem, wenn es sich um urheberrechtsfreie Klassiker handelt. Das nervt in doppelter Hinsicht:

1. Die nicht gewollte Angebotsflut an elektronischen Buchversionen erschwert vor allem bei Klassikern die Suche nach guten oder „der besten“ Ausgabe von sagen wir mal Goethe oder Kleist. Von ausländischen Klassikern ganz zu schweigen, weil ich da ja immer auch noch nach der „besten“ Übersetzung suchen muss. Damit manövriert sich amazon mir gegenüber ins Abseits. Ich bin dann schnell genervt, überfordert oder beides und suche mir nen anderen Internetbuchhändler (die gibt’s!) oder frage in der Buchhandlung (die gibt’s auch noch!) oder gleich im Antiquariat (die gibt’s erst recht noch!!).

2. Wer zur Hölle will denn überhaupt diese Kindle eBook-Scheiße? Ich meine, seit Jahren höre ich von den Buchmessen (v.a. der Frankfurter – ist ja die „Geschäftsmesse“), dass das eBook nun aber wirklich im Kommen ist und bald den globalen Durchbruch feiert. Das habe ich ca. 2005 das erste Mal gehört. 2006 befürchtet. 2007 überlesen. 2008 mal wieder dran erinnert. 2009 schließlich vergessen. Ich würde mal sagen: das eBook boomt so vor sich hin. Aber Kindle und Co. werden einfach nicht eingestehen, dass hier (mal wieder) ein Angebot geschaffen wurde, für das es keine echte Nachfrage gibt. Klar wurden schon ein paar eBooks verkauft. Die meisten aber illegal kopiert. *hüstel Naja, auch ne Erkenntnis, dass man aus dem Niedergang der Musikindustrie durch das Selbstbrennen von CDs nichts gelernt hat. Eigentlich zum Schrei(b)en komisch.

Gut, ein paar hipster in Berlin werden sich schon den ein oder anderen Sartre auf ihr iPad gestohlen haben. Gebe ich gerne zu und ich verzeihe ihnen auch. Sie können ja nicht anders…

Ich war am Wochenende übrigens auf ner Partie in der hippen Südvorstadt. Schöner Abend. Der Gastgeber hatte meine Idee aufgegriffen und eine Schreibmaschine (also ne echte, mechanische Schreibmaschine) auf seinem Schreibtisch aufgestellt. Eingespannt war eine Rolle(!) Papier. Jeder Gast, den die Inspiration packte, durfte gern mal in die Tasten hauen und so helfen einen durchfließenden Partytext zu produzieren. Hat nicht geklappt. Das lang aber weniger an mangelnder Inspiration (obwohl die meisten nur über Sex geschrieben haben, was mich nun wiederum nicht überrascht hat), als viel mehr an der technischen Unfähigkeit der vielen unhappy hipster dort. Oder sollte ich besser sagen es lag an den mangelnden skills, deren desaströses Niveau echt creepy war?

Jedenfalls konnte fast niemand mit der mechanischen Schreibmaschine umgehen. Muss man als Mittzwanziger sicher auch nicht mehr unbedingt, wenn man gelernt hat auf nem iPad/iPhone rumzuwischen. Aber es macht den hippen Retrostyle doch etwas unglaubwürdig, wenn man langsam tippend am BING angekommen ist und dann nicht mehr weiter weiß. Inspiration ade – ich geh dann mal tanzen.

Exkremento. Beobachtungen, keine Anklage

28. Oktober 2011

Es scheint zum Konzept der Band In Extremo zu gehören gewisse Ideen von anderen Bands zu „entleihen“. Einen ersten Hinweis darauf gab die Band Tanzwut (aka. Corvus Corax) bereits im Jahre 1998. In dem Song Exkremento heißt es:

Geistlos steht in meinem Schatten
Ein Extremo, lauert geil,
Exkremento abzufassen,
Zu verschlingen einen Teil…

In Interviews aus dieser Zeit konnte man zwischen den Zeilen vielleicht raushören, dass In Extremo Songs bzw. Bearbeitungen von mittelalterlichem Liedgut „entlehnt“ haben. Weiß ich aber nicht genau…

Bereits 1995 gab es auf dem Subway to Sally-Album MCMXCV eine Version von Francois Villons‘ Erdbeermund. In Deutschland ist der Text v.a. durch die Rezitation durch Klaus Kinski bekannt geworden. Lange Zeit gehörte das Lied zum festen Bestand von Subway to Sallys Liverepertoire.

2003 schafften es In Extremo dann mit einem Musikvideo zu VIVA. Der Song – Überraschung: Erdbeermund. Aus der schönen Subway-Ballade wurde ein schlecht verrocktes Irgendwas. Der Songs war übrigens auf dem Album 7 zu finden. 2005 kam dann wiederum Subway to Sally mit einer Single Sieben. Geplänkel? Wie dem auch sei…

2008 veröffentlicht die nahezu unbekannte Newcomer-Band Coldplay ein Album mit dem Titel Viva la Vida. Auf dem Cover ist das berühmte Gemälde Eugene Delacroix‘ zur französischen Revolution von 1830 zu sehen. Schöne Idee. 2011 bringt In Extremo eine neue Single. Sie heißt Viva la Vida. Das Cover ziert eine wehende Fahne, deren Farben irgendwie an die Tricolore erinnert…

Naja und wenn die anderen Bands mal nichts liefern, kann sich In Extremo immer noch selbst zitieren. Also sich was aus alten Albentiteln und Nationalhymnen zusammenbasteln, wie im Song Nur ihr allein:

Auferstanden aus Ruin‘
Werden wir verehrt und angespien

Nicht schlimm, aber arg einfallslos.


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