Archive for November 2017

Wassily Kandinsky als Dichter

21. November 2017

Zum Jahresende stellen wir mit In guter Nachbarschaft noch einmal etwas richtig Großes auf die Beine! Meine wärmste Empfehlung – nicht nur als Veranstalter. Wir sehen uns in Weimar.

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Alle Infos hier.

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Der Wiedergänger

13. November 2017

Einem Farmerjungen wird die Enge der winterlichen Einöde zu bedrückend. Bei Nacht beschließt er, sein zu Hause zu verlassen, auch wenn er den Vater in Zorn, die Mutter in Kummer zurücklässt. Nach sieben Tagen des Reitens stirbt das Pferd des Jungens. Zu Fuß erreicht er eine nahe gelegene Stadt, doch Fremde sind hier nicht willkommen. Es fällt nur ein einziger Schuss, aber der ist folgenreich. Der Junge schleppt sich an ein Flussufer und beklagt sich bei seinem Schöpfer. Herr, soll das mein Schicksal sein? Zu sterben, weil ich die Welt sehen wollte, die du geschaffen hast?

Reinhard Kleists Graphic Novel Nick Cave – Mercy on me beginnt dramatisch und mit rasantem Tempo. Doch das ist nur bedingt die Schuld des Autors. Kleist, der mit seinen biografischen Büchern über Johnny Cash, H.P. Lovecraft oder Fidel Castro längst zur ersten Liga internationaler Comiczeichner gehört, orientiert sich in seinem neuesten Werk stark an den Songs seines Protagonisten. Sie sind es, die dem Comic ihre erzählerische Struktur geben, womit sich Kleist ein Stück weit Cave ausliefert, so wie der Farmerjunge in The Hammer Song seinem Schöpfer ausgeliefert ist.

Nick Cave der Musiker, Schriftsteller, Filmemacher ist nicht einfach zu begreifen. Dabei lässt sich sein Leben relativ einfach nacherzählen. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Australien, gründete er als Teenager seine erste Band The Boys Next Door, die sich später in The Birthday Party umbenannten. Er verlebte eine intensive Sturm-und-Drang-Zeit in London und West-Berlin, die nicht nur von legendären Punkkonzerten, sondern auch von Heroin und zunehmender künstlerischer Orientierungslosigkeit geprägt war.

[Die ganze Besprechung auf fixpoetry.com]

Die Überbetonung des Politischen

10. November 2017

Es ist schon fast zehn Jahre her, da eröffnete im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel Kassandra. Visionen des Unheils 1914 – 1945. Die Schau zeigte vor allem Werke deutscher Künstler, die aus der historischen Distanz betrachtet als Vorahnungen, wenn nicht sogar Warnungen vor den bevorstehenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelesen werden können. Nur schien seinerzeit niemand die Zeichen lesen zu können oder zu wollen. Ganz wie in der griechischen Mythologie, in der Kassandra zwar die Zukunft vorhersehen kann, sie jedoch dazu verdammt ist, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt.

Als die Ausstellung im November 2008 eröffnete, kam jedoch kaum jemand auf die Idee, ihre Inhalte auf die gegenwärtige Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar war die NPD damals in gleich zwei Landtagen vertreten, blamierte sich im parlamentarischen Alltag Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns jedoch bis auf die Knochen und demontierte sich folgerichtig selbst. Und die AfD war „noch nicht mal ein feuchtes Glimmen in den Augen von Bernd Lucke“, wie sich Christian Lindner, freilich in einem ganz anderen Zusammenhang, ausdrückte. Folglich war auch der feuilletonistische Ruf danach, dass Künstler und Schriftsteller viel politischer malen, schreiben, agieren sollen, längst nicht so in Mode wie heute.

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Natürlich blickt man 2017 von einem etwas anderen Standpunkt auf die Bedingungen der Kulturschaffenden der Zwischenkriegszeit zurück. Seit die von der Großen Koalition eingeschläferte Demokratie der Bundesrepublik mit nicht zu unterschätzenden Herausforderungen konfrontiert wird, gehört der panische Rückblick auf und die bisweilen schiefen Vergleiche mit dem Geistes- und Gesellschaftsleben der Weimarer Republik zum Standardrepertoire intellektueller Zeitanalysen, -diagnosen, -prognosen. Nicht, dass derlei Geschichtsbewusstsein, derlei Verweise und Erinnerungen nicht angebracht wären, doch sind es nach wie vor die mit kühlem Kopf und historischem Sachverstand geschriebenen Texte, die am ehesten dazu beitragen, die aktuelle politische Entwicklung gerade auch in ihren historischen Dimensionen richtig einzuordnen.

[Den ganzen Artikel gibt es auf fixpoetry.com]

Literaturgeschichte

9. November 2017

scheint mir oft die Geschichte falsch verstandener Briefe zu sein. Dennoch oder gerade deshalb – sehr interessant.

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† 7.11.2016

7. November 2017

I’m traveling light/ it’s au revoir…

Still heartbroken.

to betray the revolution – Cohen-Variationen

3. November 2017

Meinem Buch heimische Arten sollte ursprünglich ein Motto von Leonard Cohen vorangestellt sein. Im Laufe der finalen Bearbeitungen, des Lektorats und der Textauswahl erschien mir aber das jetzige Motto passender. Dennoch gefällt mir der ursprünglich ausgewählte Text noch immer.

Es handelt sich dabei um das 111 Gedicht aus Cohens Buch The Energy of Slaves (1972), übersetzt vom großen Harry Rowohlt.

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Rowohlts Ruf als Übersetzer bedarf sicher keiner Erklärung mehr. Auch diesem Band hat er seinen eigenen Stempel aufgedrückt ohne dem Original gegenüber respektlos zu sein. Ich selbst habe nur dann und wann mal ein Gedicht aus dem Emglischen übersetzt. Seither ist mein Respekt gegenüber denen, die das öfter tun ins Unermessliche gewachsen. Auch weil ich weiß, dass es im Grunde fast unmöglich ist. (The Energy of Slaves –> Die Energie von Sklaven// Die Energie der Sklaven?) Aber ich kann mich auch irren. Mir fällt das freiere Nachdichten jedenfalls wesentlich leichter. Das Original als elastisches Material und Ideengeber für einen semi-eigenen Text.

Wie auch immer. Hier ein paar Variationen des Cohen-Textes

Jeder Mann
hat seine Art
die Revolution zu verraten
Das ist meine

Jeder Mensch
hat seine Art
die Revolution zu verraten
Das ist meine

Jedermann
findet einen Weg
die Revolution zu verraten
Das ist meiner

Jeder
geht seinen Weg
um die Revolution zu verraten
Das ist meiner

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Leonard Cohen – The Energy of Slaves / Die Energie von Sklaven. Deutsch von Harry Rowohlt. Zweitausendeins: Franfurt/Main, 1975.


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